27.05.2013

Wie mit dem Skalpell

Von Saltzwedel, Johannes

Radikal war das Hagen Quartett immer schon. Aber was die vier jetzt aus Beethoven herausholen, ist buchstäblich unerhört.

D em Dienstalter nach sind die vier Veteranen: Seit 1987 spielen Lukas, Veronika und Clemens Hagen mit Rainer Schmidt im Quartett zusammen. Unter Kammermusik-Fans gelten sie als eines der erstaunlichsten Ensembles an der Weltspitze; in dieser Disziplin, in der pausenlos junge, hochbegabte Draufgänger nachrücken, will das einiges heißen. Vielleicht war es ja der geschwisterliche Pakt, der die Hagens stets besonders eigensinnig bleiben ließ. Schon ihre stark beachtete Mozart-Gesamtaufnahme trieb am Klassiker entschlossen das Filigrane, Nervöse und Rebellische hervor. Nun setzen sie ihre schon vor Jahren begonnenen Beethoven-Erkundungen fort, nicht mehr wie bislang unter dem Dach der Universal, sondern beim edlen Mainzer Klein-Label Myrios Classics. Was dabei aus den frühen D-Dur- und A-Dur-Stücken op. 18 Nr. 3 und 5 wird, ist herrlich homogen und virtuos, aber auch cool, ja kahl. Schnörkellos, vibratoarm, wie mit dem Skalpell legen die Musiker Klangstrukturen und Genre-Spiele frei, weisen mit feinen Rubati (Verzögerungen) auf das Vertrackte in den Harmonien hin; manchmal klingt das fast wie "Ätsch - keine Gefühlsduselei!". Im enormen F-Dur-Spätwerk op. 135 ballen sich dann plötzlich jede Menge Konsequenzen: grüblerisches Stocken, jagende Unruhe, Trotz und Triumph, Stimmungswechsel auf Schritt und Tritt. Lange hat Beethoven nicht mehr so unerhört neu geklungen - eine kapitale Leistung.

Hagen Quartett: Beethoven, Streichquartette op. 18/3, 18/5 und 135 (Myrios Classics)


KulturSPIEGEL 6/2013
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