27.05.2013

Der Abenteurer Rüdiger Nehberg, 78, über Kobras, Seekrankheit und Weltverbesserung

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Rüdiger Nehberg: Mit 17 bin ich mit dem Fahrrad nach Marokko gefahren, weil ich unbedingt Schlangenbeschwörung lernen wollte. Meine Eltern wähnten mich in Paris. Ein Freund hat ihnen von dort jede Woche eine vorgefertigte Postkarte geschickt.
Wollten Sie da schon hauptberuflich Abenteurer werden?
Damals war ich Bäckerlehrling und wusste nur, dass ich selbständig werden wollte, damit ich Zeit für meine Reisen hatte. Die haben nie viel gekostet, ich brauchte nur Brot, Wasser, Tomaten, Zelt und Fahrrad. Das wollte ich weiter machen, da hatte ich meine Droge gefunden. Später habe ich 25 Jahre meine Konditorei geführt und jedes Jahr meine Reisen durchgezogen.
Und was ist aus der Schlangenbeschwörerei geworden?
Mein Traum war es, mit fünf oder sechs Kobras im Hamburger Hansa Theater aufzutreten. Die Kobras hatte ich schon, aber keine Versicherung wollte das abdecken. Obwohl ich dem Hansa Theater vorschlug, dass ich dabei im Glaskäfig sitzen würde. Sie hätten es erlaubt, wenn ich den Schlangen den Mund verschlossen oder ihnen die Zähne gezogen hätte. Aber das kam gar nicht in Frage. Das ist ja völlig reizlos. Außerdem liebe ich Schlangen.
Hatten Sie selbst keine Angst, gebissen zu werden?
Nein. Die Kobras richten ein Drittel ihres Körpers auf. Reines Imponiergehabe. Um dieses Drittel können sie vorschnellen, also sitzt man etwas entfernter. Die Flöte ist vor allem Notabwehrwaffe, die Musik ist für die Zuschauer, denn Schlangen sind ja taub. Und ich kann eh nicht Flöte spielen. Vorne ist ein Kürbis eingearbeitet, den fixiert das Tier. Dann wiegt man sich hin und her, vor und zurück. Die Schlange folgt der Bewegung.
Sie haben Wüsten, Urwälder und Ozeane allein durchquert. Haben Sie stets die Gefahr gesucht?
Ich habe immer versucht, die Risiken mit guter Vorbereitung auszutricksen. Aber ein Restrisiko habe ich mir stets bewahrt, sonst ist ein Vorhaben für mich kein Abenteuer mehr. Bevor ich 1987 mit dem Tretboot den Atlantik überquert habe, haben mir die Kampfschwimmer in Eckernförde meine Angst vor Wasser abtrainiert. Meine Seekrankheit haben sie leider nicht wegbekommen. Aber weil ich mich so oft übergeben musste, hatte ich immer Fische und damit Nahrung am Boot. Alles hat seine Vorteile.
Die Fahrt war eine Aktion für die Yanomami-Indianer in Brasilien. Wurde Ihnen Aktivismus wichtiger als Abenteuer?
Ich bin froh, dass ich meine Freude am Abenteuer mit etwas Sinnvollem kombinieren konnte. Als ich mitbekam, dass die Yanomami von illegalen Goldsuchern ausgerottet wurden, wollte ich Hilfe organisieren. Das beste Mittel schienen mir spektakuläre Aktionen. Das habe ich 18 Jahre lang gemacht, bis die Yanomami im Jahr 2000 endlich Frieden hatten.
Heute engagieren Sie sich mit Ihrer Menschenrechtsorganisation Target gegen weibliche Beschneidung. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
Ich suchte etwas Neues und erinnerte mich einer Kamelkarawane mit zwei Freunden durch die Danakilwüste in Äthiopien vor vielen Jahren. Dort ist uns eine Frau begegnet, die verstümmelt war und uns davon erzählt hat. Damals war ich zu jung, um mir vorstellen zu können, dass ich mich als Fremder in eine solch uralte Tradition einmischen könnte. Heute weiß ich, dass es vor allem auf eine gute Strategie und starke Motivation ankommt. Mit Ausdauer und Phantasie ist vieles machbar.
Sie haben 2006 in Kairo eine Konferenz von islamischen Gelehrten organisiert, die weibliche Genitalverstümmelung zur Sünde erklärt haben. Was muss jetzt noch passieren?
Ich träume davon, dass es der saudische König in Mekka verkündet. Leider bin ich noch nicht an ihn herangekommen. Aber glauben Sie mir, ich versuche es weiter.
Mehr zu Rüdiger Nehbergs Menschenrechtsorganisation findet sich unter www.target-nehberg.de. Sein neuestes Buch "Survival-Lexikon für die Hosentasche" erschien im Piper Verlag.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 24. Juni 2013.
INTERVIEW: DANIEL SANDER
Von Sander, Daniel

KulturSPIEGEL 6/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.