AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2017

Formel-1-Newcomer Stroll 80 Millionen Dollar geben Gas

Der 18-jährige Kanadier Lance Stroll ist der einzige Formel-1-Neuling. Sein Vater, ein Modemilliardär, lässt sich den Einstieg rund 80 Millionen Dollar kosten. Noch nie hat jemand so viel Geld in eine Sportlerkarriere gesteckt.

Lance Stroll in seinem Williams auf der Piste
Getty Images

Lance Stroll in seinem Williams auf der Piste

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Einen Monat vor Saisonstart rücken die Sattelschlepper der Formel-1-Teams in Kolonnenstärke in Barcelona an. In den Aufliegern sind die neu entwickelten Rennwagen verstaut. Meist hat die Zeit gerade so gereicht, ein Exemplar zusammenzumontieren, Ersatzteile sind rar. In den kommenden Tagen geht es auch darum, Unfälle zu vermeiden. Sonst gerät der enge Zeitplan, den die Ingenieure abgesteckt haben, durcheinander.

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Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Alles nicht so leicht für Lance Stroll, den einzigen Neuling im Fahrerfeld. Er ist mit 18 Jahren der Jüngste unter ihnen. Erst seit Oktober ist der Kanadier volljährig.

An seinem ersten Arbeitstag rutscht Stroll nach nur zwölf Runden von der Piste und beschädigt dabei den Frontflügel - Feierabend. Tags darauf rauscht er wieder von der Piste ab, gleich zweimal. Der erste Crash ist harmlos, aber nachmittags steckt sein Wagen mit verbogener Vorderradaufhängung im Reifenstapel. Auf die Schnelle ist das nicht zu reparieren, ein ganzer Testtag geht verloren. Zur Sicherheit wird Strolls Teamkollege Felipe Massa, mit 35 Jahren fast doppelt so alt und ausgestattet mit der Erfahrung aus 250 Grand Prix, mit der Aufgabe betraut, die Probefahrten fortzusetzen. Massa schrubbt zuverlässig Kilometer. Und lässt das Auto heile.

Talent für den Job am Lenkrad hat Stroll unbestritten. Er hat in allen Nachwuchsklassen gewonnen, in denen er mitfuhr. Voriges Jahr dominierte er die Formel-3-Europameisterschaft, da lag der Schritt in die Formel 1 nahe. Dennoch bleibt Lance Stroll vorerst ein Rätsel.

Stroll schiebt den Vorhang des Hospitalityzelts im Fahrerlager beiseite, tritt herein und setzt sich auf einen Stuhl. Er hat Pickel am Kinn. Während Massa draußen im Williams seine Runden dreht, hat Stroll Zeit. Statt eines Overalls trägt er Jeans und Fleecejacke.

Kartfahrer Stroll 2010: "Ich habe mir meinen Weg nicht erkauft"
Raffi Kirdi/ Polaris/ Laif

Kartfahrer Stroll 2010: "Ich habe mir meinen Weg nicht erkauft"

Das Gespräch mit ihm wechselt, je nach Thema, zwischen zwei Stimmungslagen. "Es ist aufregend, hier zu sein", sagt er. "Schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt, wenn ich Formel 1 im Fernsehen geschaut habe. Es wird eine lange Saison, ich muss von Rennen zu Rennen dazulernen, um das Maximum aus mir herauszuholen." Stroll lächelt breit.

Das ist der unbeschwerte Teil.

Schwieriger gestaltet sich die Unterhaltung, wenn es um seinen Vater geht. Um Lawrence Stroll und dessen Einfluss. Den Aufstieg des Sohnes in die Formel 1 hat sich Lawrence Stroll etwa 80 Millionen Dollar kosten lassen, allein 35 Millionen sollen bar dafür geflossen sein, dass Lance Stroll dieses Jahr für Williams startet. Der Vater hat geschickt in der Modebranche investiert, sein Vermögen wird auf rund zweieinhalb Milliarden Dollar taxiert.

"Ich habe mir meinen Weg nicht erkauft", sagt Lance Stroll missmutig, "ich habe mir meinen Platz verdient. Die Leute erzählen immer irgendwas, ich lese das nicht, das ist verschwendete Zeit."

Niemand landet in der Formel 1, bloß weil er schnell Auto fahren kann. Der harte Weg durch die Nachwuchsklassen kostet Millionen. Weltmeister wie Sebastian Vettel und Lewis Hamilton hatten das Glück, dass Teams wie Red Bull und McLaren sie früh entdeckt und ihnen diesen Weg finanziert haben. Oft helfen Ehrgeiz und Einsatz der Väter. Keke Rosberg und Jos Verstappen etwa trieben Sponsorengelder auf und schoben die Karriere ihrer Söhne Nico und Max als deren Manager an. Allerdings sind sie selbst Formel-1-Rennfahrer gewesen. Das Talent liegt offensichtlich in den Genen. Nico Rosberg ist Weltmeister. Max Verstappen, erst 19, gilt als kommender Champion.

Stroll senior fährt nur zum Zeitvertreib Rennen, und mit der Suche nach Sponsoren hat er sich gar nicht erst aufgehalten, sondern in die eigene Tasche gegriffen. Noch nie hat jemand privat so viel Geld so konsequent in das Fortkommen des Sohnes gesteckt. "Ob durch Sponsoren oder ein Mitglied der Familie: Irgendwoher muss das Geld ja kommen", sagt Lance Stroll. "Mein Vater und ich, wir teilen die Leidenschaft für den Rennsport. Aber klar: Ohne seinen Reichtum könnte ich diese Karriere nicht machen."

Mit Produktionslizenzen für Kinderkleidung hatte Lawrence Stroll im Geschäftsleben begonnen, in den Neunzigerjahren investierte er in Tommy Hilfigers Modefirma, stieg später bei Michael Kors ein und nahm beim Börsengang der Marke über eine Milliarde Dollar ein. "Lawrence Stroll ist einer der cleversten Geschäftsmänner, die ich je getroffen habe", sagt Hilfiger, "er lehrte uns, groß zu denken."

Lawrence Stroll sammelt klassische Ferrari, als Prunkstück ersteigerte er einen Sportwagen aus den Sechzigern für 27,5 Millionen Dollar. Ihm gehört die Rennstrecke von Mont-Tremblant bei Montreal. Um seine Kollektion von mehr als 20 Fahrzeugen auf dem nahe gelegenen Anwesen unterzubringen, ließ er Platz für eine Tiefgarage ins Berggestein sprengen. Das sorgte für Verdruss bei den Nachbarn, ebenso die Starts und Landungen seines bevorzugten Verkehrsmittels, des Helikopters. Er verstehe das Bedürfnis von Leuten nach Beschaulichkeit, entgegnete Lawrence Stroll den Nörglern, "aber in solchen Fällen sollten sie besser nicht neben Rennstrecken, Flughäfen oder Skigebiete ziehen". Stroll ist ein Mensch von bäriger Statur und felsenfestem Selbstbewusstsein.

Zu den Fixpunkten in seinem Terminkalender gehören die Liveübertragungen vom Formel-1-Grand-Prix, gern schaut er auch persönlich im Fahrerlager vorbei. Lance Stroll saß von klein auf mit vor dem Fernseher und kam mit an die Strecken. Mit fünf Jahren schenkte ihm der Vater einen Kart, mit acht fuhr er die ersten Rennen. Als er zehn war, bot ein Ferrari-Scout an, ihn ins Förderprogramm des Rennstalls aufzunehmen.

Berühmte Sportler und Musiker wurden früh von den Vätern angetrieben. Geht Drill über Talent?

Lawrence Stroll kennt wichtige Leute bei Ferrari, der Scout klopfte wohl nicht zufällig an. Und der Vater wusste: Wer in die Formel 1 strebt, muss nach Europa gehen und sich dort im hart umkämpften Rennsport durchsetzen. Andererseits achten die Strolls erkennbar darauf, die Karriere des Sohnes nicht als Ergebnis väterlichen Drängens darzustellen.

Die Familie zog von Quebec nach Genf, für den Jungen begann die schwierigste Zeit. "Statt wie bisher in die Schule zu gehen, bekam ich einen Hauslehrer", erzählt er. "Es gab für mich nur die Rennen, ich hatte kein Sozialleben. Dann kam ich auf eine internationale Schule, um mein Leben wieder auszubalancieren." Nach einem Jahr ging er wieder ab, zurück zum Heimunterricht. Anders ließen sich Sport und Schule nicht kombinieren.

Nie sei ihm der Gedanke gekommen, dass ihn der Ehrgeiz des Vaters antreibe, sagt Lance: "Er ließ mich tun, was ich wollte. Sonst hätte das nicht funktioniert."

2014, vier Jahre nach dem Umzug in die Schweiz, gewann Lance Stroll die italienische Formel-4-Meisterschaft, es folgte der Triumph in der Formel 3. Er fuhr im Prema-Team, das als beste Adresse für junge Fahrer gilt. Lawrence Stroll hatte Anteile an dem Rennstall gekauft. Er ging wie im Modebusiness vor. Er wollte nicht nur zahlen, sondern Einfluss bekommen.

Als sich abzeichnete, dass Lance Stroll reif ist, den Schritt in die Formel 1 zu gehen, begann ein intensives Vorbereitungsprogramm. Weil Testfahrten kaum erlaubt sind, mussten die Strolls sich etwas einfallen lassen. Sie nutzten eine Ausnahme: Zugelassen sind Tests mit Rennwagen, die mindestens zwei Jahre alt sind.

Wieder dachte Lawrence Stroll groß. Wieder spielte Geld keine Rolle.

Das Williams-Team machte ein Auto aus dem Jahr 2014 flott, Mercedes baute zwei Antriebe desselben Jahrgangs nach und stellte fünf Leute ab. Acht Rennstrecken sollen im Geheimen angemietet worden sein, Lance Stroll reiste mit 20 Betreuern offenbar nach Silverstone, Budapest, Spielberg, Monza, Barcelona, Abu Dhabi, Sotschi und Austin. Das Team übte mit ihm die Abläufe: Starts, Boxenstopps, Fahrzeugabstimmung, Studium der Daten, Umgang mit den Reifen, Besprechungen mit den Ingenieuren, die vielen Knöpfe und Regler auf der Lenkradkonsole richtig zu bedienen, einfach alles.

Stroll saß 8000 Kilometer im Cockpit, um sich damit vertraut zu machen, einen Rennwagen zu steuern, der bis zu 900 PS entfesselt, dreimal so viel, wie er gewohnt war. Außerdem bekam die Williams-Fabrik in England einen Fahrsimulator spendiert, neuester Stand der digitalen Technik, reserviert für Lance Stroll. Kosten? Egal.

Sein Vater zahlte alles. Nie zuvor hat ein Formel-1-Aspirant einen solch ungehemmten Aufwand betrieben.

Familie Stroll(*): Für die Karriere des Sohnes von Quebec nach Genf umgezogen *Mutter Claire-Anne, Sohn Lance, Vater Lawrence, Tochter Chloe am 16. Oktober 2016 in Hockenheim.
Thill Arthur/ ATP

Familie Stroll(*): Für die Karriere des Sohnes von Quebec nach Genf umgezogen *Mutter Claire-Anne, Sohn Lance, Vater Lawrence, Tochter Chloe am 16. Oktober 2016 in Hockenheim.

Die besten Rennfahrer galten lange als Naturtalente, die Mut besaßen und denen das Gefühl dafür angeboren war, wie schnell man mit einem Auto durch die Kurve rasen kann. James Hunt, Weltmeister von 1976, bescheinigte sich, über "big balls" zu verfügen. Aber schon der Engländer musste sich eines blassen, schmächtigen Österreichers erwehren, der so ziemlich als Erster begriff, dass man sich Vorteile verschafft, indem man sich ausgiebig mit der Technik beschäftigt: Niki Lauda.

In den Achtzigern und Neunzigern siegten Typen wie Ayrton Senna und Michael Schumacher, die Laudas Methodik adaptierten und dazu bereits ab dem Vorschulalter im Kart ihr Fahrgefühl geschult hatten. Heute erreicht niemand mehr die Weltelite, der nicht all diese Fähigkeiten miteinander kombiniert. Lance Stroll treibt diese Entwicklung lediglich auf die Spitze, weil es ihm an nichts mangelt.

Und falls er ein Champion wird: Hieße das, Erfolg ist erlernbar? Kann im Prinzip jeder alles erreichen, wenn er nur früh und konsequent genug seinen Weg einschlägt? Oder, noch weiter gedacht: Geht Drill über Talent?

Tiger Woods wäre vermutlich nie der beste Golfer der Welt geworden, wenn ihm sein Daddy nicht schon als Kleinkind einen Schläger in die Händchen gedrückt und ihn hätte üben, üben, üben lassen. Fabian Hambüchens Vater ist Turntrainer, der Sohn gewann Olympiagold und sagt, er sei "das Lebenswerk" seines Vaters. Profifußballer werden nicht mehr auf der Straße entdeckt, sondern in Leistungszentren herangezogen und optimiert.

Der kanadische Buchautor Malcolm Gladwell erregte Aufsehen mit der Formel, dass in 10.000 Stunden praktisch alles perfekt erlernbar sei; auch der Psychologe Anders Ericsson von der Universität Florida hält die reine Begabung für maßlos überbewertet. Vertreter der These vom Triumph des Fleißes verweisen oft auf berühmte Musiker. Komponist Wolfgang Amadeus Mozart, Geiger David Garrett, Pianist Lang Lang und der King of Pop, Michael Jackson, sie alle begannen zu singen, zu tanzen oder auf einem Instrument zu musizieren, kaum dass sie greifen, gehen und sprechen konnten. Vorangetrieben vom Vater.

Wie ausgeprägt der Ehrgeiz von Lawrence Stroll wirklich ist, lässt sich schwer beurteilen. Er hält sich im Hintergrund, lehnt Interviews ab und überlässt es anderen, sich zu äußern. Etwa seinem Sohn.

Oder auch Claire Williams.

Anruf bei der Chefin des Williams-Teams. Ihr Vater Frank hatte das Team 1977 gegründet, kurz nachdem sie geboren worden war. Claire Williams ist eine unscheinbare, charmante Frau und steht im Ruf, hartnäckig zu verhandeln.

Ihr Job, so hat sie kürzlich kalkuliert, bestehe zu 80 Prozent aus Business und nur noch zu 20 aus Sport. Jetzt sagt sie durch die Freisprechanlage ihres Autos: "Jedes Jahr müssen wir zwischen 110 und 120 Millionen Pfund Sterling erwirtschaften, um das Team zu betreiben. Ich kann mich nicht erinnern, dass es einmal so schwierig gewesen wäre wie jetzt, Sponsorengelder aufzutreiben. Es herrscht ein harter Kampf um die Marketingdollar."

Setzt sie deshalb auf Lance Stroll? "Es ist total unfair, ihn auf das Geld seines Vaters zu reduzieren. Er hat in den Nachwuchsklassen einen fantastischen Job gemacht. Aber wie jeder, der in die Formel 1 kommt, hat er noch eine steile Lernkurve vor sich. Viele unterschätzen das. Er scheint das nicht zu tun. Und er scheint schnell zu sein. Ich bin sehr gespannt."

Bewährt sich Stroll, hat Claire Williams mit seiner Verpflichtung alles richtig gemacht. Bei den Testfahrten ließ ihn das Team erst einige Tage nach den Unfällen wieder ins Cockpit. Danach legte er noch 1800 Kilometer zurück. Diesmal fehlerfrei.



insgesamt 2 Beiträge
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totalmayhem 22.03.2017
1.
Cleverer Schachzug von Williams. Dem Pimpf fuer 80 Mio ein Spielzeug vermacht, Bottas gegen Lowe gegen Lowe (ohne Gartenjahr) getauscht, der nun mit diesem Geld und dem erfahrenen Felipe Massa ein Jahr Zeit hat ein Topauto fuer die naechste Saison auf die Raeder zu stellen. Dann kann man den Kleinen wieder in die Wueste schicken und hat sicherlich genug Kojle uebrig, um einen weiteren Topfahrer zu engagieren.
Chefcook 22.03.2017
2. Finde ich auch.
Wenn Lance Stroll dann gute Ergebnisse einfährt, hat Williams doppelt gewonnen. Quasi Risiko minimiert, Chancen aufgemacht. Sicher eine gute Entscheidung von Williams.
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