AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Posse um Lufthansa-Wrack Die Entführung der "Landshut", zweiter Teil

Außenminister Gabriel möchte die berüchtigte Lufthansa-Maschine "Landshut" am Bodensee ausstellen lassen. Doch ein vermögender Flugnarr hat Pläne für ein Museum in Flensburg. Wer bekommt das Wrack?

"Landshut"-Wrack im brasilianischen Fortaleza
DPA

"Landshut"-Wrack im brasilianischen Fortaleza

Von Thomas Schmoll und


Was für ein Zufall! Es ist ein Donnerstag Ende Juli, als Thomas Liebelt beobachtet, wie ein kleiner Herr mit Sonnenbrille auf sein Sylter Ferienhaus zustapft. Es ist der Vizekanzler, der mit Familie und Personenschützern vom Strand kommt.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Ausgerechnet Sigmar Gabriel. Am Morgen, beim Brötchenholen, hat Liebelt die Schlagzeile entdeckt. Sie haut ihn fast um. Gabriel, der in der "Bild"-Zeitung seinen neuesten Knaller bekannt gibt. Wie er, der Außenminister, das Wrack der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Deutschland holen werde. Die legendäre Maschine also, die 1977 von palästinensischen Terroristen entführt wurde und nun schon seit Jahren in Brasilien vor sich hin rottet.

Der Flieger solle zerlegt, restauriert und dann in Friedrichshafen am Bodensee im Dornier-Museum ausgestellt werden, meldet das Blatt. Friedrichshafen? Liebelt kann es nicht glauben. Er kommt aus Flensburg, er ist wohlhabend, er sammelt Flugzeuge, er hat dem Auswärtigen Amt schon vor Monaten Pläne für ein Museum in seiner Stadt geschickt und sich bereit erklärt, die Baukosten von mehr als zwei Millionen Euro zu übernehmen. Warum also Friedrichshafen?

"Herr Gabriel", sagt er, "haben Sie mal eine Minute Zeit?" Der Minister weicht mit dem Kinderwagen zurück, die Personenschützer werden unruhig. "Ich bin der Spinner, der die ,Landshut' nach Flensburg holen wollte", sagt Liebelt, "können Sie mir mal erklären, wie die Entscheidung zugunsten von Friedrichshafen zustande gekommen ist?"

Gabriel brummelt, es sei ja noch nichts endgültig entschieden. Doch Liebelt lässt nicht locker: "Aber das stand doch heute in der Zeitung!" Was soll Gabriel jetzt antworten? Dass er es eilig hat, weil er die Maschine rechtzeitig zum 40. Jahrestag der Geiselbefreiung am 18. Oktober präsentieren will?

Wie soll er Liebelt gegenüber seine Entscheidung für Friedrichshafen begründen, obwohl weder ein Ausstellungskonzept vorliegt noch klar ist, wer das Ganze am Ende bezahlen soll? Der Minister und sein Gefolge verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Später berichtet Gabriel Vertrauten, wem er da begegnet ist.

Eigentlich könnte sich der Außenminister über das große Interesse an der "Landshut" freuen. Schließlich war er es, der die "Landshut" zum Thema gemacht hat. Als er sie im Februar, zwei Wochen nach seinem Amtsantritt als Außenminister, in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" eine "lebendige Zeugin eines wichtigen Moments der Geschichte der jungen Bundesrepublik" nannte.

Jahrelang hatte sich kein Politiker für das Schicksal der Boeing 737 interessiert. Die Lufthansa verkaufte sie 1985 an eine kleine amerikanische Fluggesellschaft, in den Folgejahren wechselte sie insgesamt achtmal den Eigentümer, wurde zum Frachtflieger umgebaut und schließlich, nach 38 Betriebsjahren, in der nordbrasilianischen Stadt Fortaleza stillgelegt.

Neun Jahre lang passierte - nichts. Bis Gabriel sich der Sache annahm. Und offenbar einen Nerv traf. Denn die Geschichte des Flugzeugs bewegt nicht nur die Generation, die damals um das Schicksal der Geiseln bangte.

Der 16. Oktober 1977, als die Terroristen in Aden im Südjemen den Piloten Jürgen Schumann mit einem Kopfschuss hinrichteten. Die spektakuläre Geiselbefreiung in Mogadischu durch die Männer der GSG-9, die anschließende Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, die Weigerung von Kanzler Helmut Schmidt, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen.

All das hat sich tief in das Gedächtnis der Deutschen eingegraben. Die "Landshut" ist zum Symbol dieser dramatischen Tage im Deutschen Herbst 1977 geworden. Gabriel hat das erkannt, und er gehört nicht zu denen, die eine Chance zur Selbstvermarktung ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen.

Mitte August lässt sich der Außenminister zum Dornier-Museum fliegen. Friedrichshafen ist an diesem sonnigen Morgen Gabriels erste von vier Wahlkampfstationen in der Region. Einige Touristen dackeln hinter einem Museumsführer her. "Das ist sozusagen der Mann hinter Frau Merkel", sagt er, als Gabriel sich zu der Gruppe gesellt.

Der Außenminister hebt gegenüber den Besuchern zu einer kleinen Ansprache an. Die Rückkehr der "Landshut" sei "in Zeiten eines ganz anderen Terrorismus" ein Signal: "Wir lassen uns nicht unterkriegen." Dann verschwindet er mit David Dornier, dem Enkel des berühmten Flugzeugingenieurs, im Inneren des Museums.

Die "Landshut" ist noch nicht zu sehen, der Museumsführer versucht, die Touristen für die Geschichte des Deutschen Herbstes zu interessieren, aber sie sind wegen eines anderen Flugzeugs nach Friedrichshafen gekommen. Sie wollen die "Do 31 E1" sehen, den legendären Senkrechtstarter von Dornier aus den Sechzigerjahren. Genau das befürchten viele Skeptiker. Dass die "Landshut" in Friedrichshafen nur ein restauriertes Flugzeug unter vielen sein wird.

Die Lokalpolitiker treibt noch eine andere Sorge um. Sie fürchten, dass die Kommune am Ende auf den Kosten sitzen bleibt. Und bis ans Ende aller Tage Dorniers defizitäre Privatausstellung mit öffentlichen Geldern subventionieren muss. "Die nun angelaufene Spendenkampagne mag zwar die einmaligen Investitionen decken", warnt der Friedrichshafener SPD-Fraktionschef Dieter Stauber, "nicht jedoch den dauerhaften Betrieb."

In der Dornier-Familie wurde überlegt, die gemeinnützige Friedrichshafener Zeppelin-Stiftung anzuzapfen. "Da stehen große rechtliche Hürden davor", warnt Mathilde Gombert von den Grünen. "Die Stiftung ist für Bedürftige da und nicht für ein Flugzeug."

Aber noch eine Frage ist unbeantwortet: Was hat der RAF-Terror mit Friedrichshafen zu tun? 1985 wurde der MTU-Vorstandsvorsitzende Ernst Zimmermann in seinem Haus bei München erschossen. Die "Motoren- und Turbinen-Union" hat ein wichtiges Werk in Friedrichshafen. Ziemlich weit hergeholt, diese Verbindung zwischen der RAF-Geschichte und der Stadt am Bodensee, finden viele Kommunalpolitiker. "Die 'Landshut' gehört in ein Museum der deutschen Geschichte und nicht in ein Firmenmuseum", sagt FDP-Gemeinderätin Gaby Lamparsky.

Gabriel weiß, dass es vor Ort Bedenken gibt. Es sei "völlig klar, dass wir ein solches Projekt nicht gegen, sondern mit der Stadt realisieren wollen und die Finanzierung so sein muss, dass die Stadt da jetzt nicht irgendwie in eine Zwangslage gerät", beteuert er bei seinem Besuch am Bodensee.

Während sie in Friedrichshafen zögern, steht 794 Kilometer Luftlinie weiter nördlich Thomas Liebelt bereit. Er ist Hobbyflieger, in Flensburg in einem Flugzeughangar stehen neben seiner zweimotorigen Piper noch ein Doppeldecker und eine alte Piper von 1962.

Unternehmer Liebelt
Axel Martens / DER SPIEGEL

Unternehmer Liebelt

Liebelt war Teilhaber einer Coca-Cola-Fabrik. Inzwischen ist er 68 und hat seine Anteile verkauft. Als er im Februar liest, dass der Außenminister die "Landshut" nach Deutschland zurückholen will, ruft er im Auswärtigen Amt in Berlin an und lässt sich mit Gabriels Sprecher Martin Schäfer verbinden.

Wenn die Bundesregierung die Kosten für Transport und Renovierung des Flugzeugs übernehme, werde er den Bau des Museums bezahlen, schreibt er danach in einer Mail an den Sprecher. Der antwortet, er werde Liebelts Idee an das "Landshut"-Team des Hauses weiterleiten und hoffe, "dass es mit vereinten Kräften etwas wird".

Liebelt bittet ein Flensburger Architekturbüro, ein Museum zu entwerfen. Am 26. April schickt er die Pläne an das zuständige Referat im Auswärtigen Amt.

Auch die Stadt spielt mit. Ende Februar ruft Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange Gabriels Sprecher an. "Herr Schäfer hat in dem Telefonat klipp und klar ein Vergabeverfahren avisiert", erinnert sich die Sozialdemokratin. "Er sagte: ,Dann können Sie sich bewerben.'" Das Auswärtige Amt widerspricht dieser Darstellung. Es sei in dem Gespräch weder ein "förmliches Vergabeverfahren" zugesichert worden noch ein "Erkundungsteam".

Dem stehen diverse Telefonate und E-Mails entgegen, die zwischen Liebelt und dem zuständigen Referat im Auswärtigen Amt ausgetauscht wurden. Es werde ein transparentes Verfahren geben, so das Versprechen. Dazu gehöre auch, dass vor Auswahl des Standorts ein Team des Auswärtigen Amtes vor Ort recherchieren werde.

In den folgenden Monaten erkundigt sich Liebelt immer wieder im Außenamt nach dem Stand der Dinge. Ihm wird versichert, dass Flensburg zu den ernsthaften Bewerbern gehöre. Schließlich sei die Oberbürgermeisterin für das Projekt, und außerdem sei der Museumsentwurf positiv aufgenommen worden.

Mitte Juli fliegt Liebelt mit seiner Piper nach Sylt in den Urlaub. Morgens beim Bäcker liest er dann in der "Bild"-Zeitung, dass Friedrichshafen gewonnen hat. "Das Auswärtige Amt, Lufthansa, die Dornier-Stiftung und 'Bild' haben monatelang an der Rückführung der Landshut gearbeitet", schreibt das Blatt. Monatelang?

"Wenn das tatsächlich so war", sagt Liebelt, "dann würde das bedeuten, dass man auf höchster politischer Ebene mit engagierten Bürgern und der Stadt Flensburg von vornherein mit falschen Karten gespielt hätte." Auch Oberbürgermeisterin Lange ist irritiert: "Der Stadt Flensburg mitzuteilen, es wird einen Wettbewerb geben und ich, die Oberbürgermeisterin, werde den Startschuss dazu mitbekommen, ohne dass es dann dazu kommt, ist kaum nachvollziehbar."

Man könne die Enttäuschung anderer Interessenten verstehen, aber das Dornier-Museum biete nun mal "die richtigen Voraussetzungen", teilt Gabriels Ministerium mit. "Es ist modern, groß, auf Flugzeuge und Technik spezialisiert und will sich inhaltlich Richtung Zeitgeschichte neu ausrichten."

In Wahrheit ging es wohl hauptsächlich darum, die "Landshut" bis zum Jahrestag der Geiselbefreiung am 18. Oktober nach Deutschland zurückzuholen. Zur geplanten Ankunft Mitte September will Gabriel wieder nach Friedrichshafen reisen, zu einem "öffentlichkeitswirksamen Auftritt", wie es intern heißt. Und egal wie die Bundestagswahl am 24. September ausgehen wird - zum Gedenktag Mitte Oktober wird er noch als Außenminister amtieren.

Mit Flensburg wäre dieser Zeitplan nicht zu halten. Liebelt und seine Mitstreiter wollten mit der Bundesregierung zuerst ein überzeugendes Ausstellungskonzept und eine solide Finanzierung beraten. Das Dornier-Museum in Friedrichshafen dagegen stellt sich da nicht an.

Im Juni schaltet Gabriel Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein. Mit ihr vereinbart er, dass sein Amt das Wrack aufkauft und den Transport nach Deutschland organisiert. Nach der Landung am Bodensee soll die Grütters-Behörde übernehmen. Damit hatte Gabriel es geschafft, alle offenen Fragen auf die CDU-Frau abzuwälzen.

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Die "Landshut" in Brasilien: Rostige Reminiszenz

Während im brasilianischen Fortaleza Techniker der Lufthansa das Wrack der Maschine in ihre Einzelteile zerlegen, gibt es weder ein Ausstellungskonzept noch ist die dauerhafte Finanzierung gesichert. Das geht aus dem Protokoll einer Besprechung zwischen Vertretern des Auswärtigen Amtes, der Kulturstaatsministerin, der Dornier-Stiftung und dem Bonner Haus der Geschichte hervor, die am 8. August in Friedrichshafen stattfindet.

Der Vertreter des Gabriel-Ministeriums überrascht die Teilnehmer der Sitzung mit der Nachricht, dass die Lufthansa-Techniker die "Landshut" sofort nach ihrer Ankunft wieder zusammenbauen würden. Widerspruch aus der Grütters-Behörde und dem Haus der Geschichte. Damit würden Fakten geschaffen. Zuerst müsse ein Ausstellungskonzept erarbeitet werden.

Museumsdirektor Dornier sagt, er wolle vor allem die Opfer zu Wort kommen lassen. Auf den Flugzeugsitzen sollten Hörstationen mit den Berichten der früheren Geiseln installiert werden. Als die anderen von ihm wissen wollen, wie er sich die Finanzierung vorstellt, wird er kleinlaut.

"Herr Dornier wies darauf hin, dass ohne eine gesicherte Finanzierung der investiven sowie laufenden Kosten die Realisierung bzw. auch die Vorfinanzierung des Projektes nicht erfolgen kann", heißt es in dem Protokoll.

Grütters' Abgesandte schließen das aus. Es sei "keine laufende finanzielle Unterstützung für den Betrieb des Museums möglich", sagen sie. Es läge bislang "keine belastbare Unterlage" zum Projekt vor, so ein Beamter. Der Kostenplan der Lufthansa in Höhe von 3,4 Millionen Euro sei "nicht umfassend", weil "Kostenblöcke wie der Bau des Hangars fehlen".

Auch den RAF-Bezug stellen die Vertreter der Staatsministerin und des Hauses der Geschichte infrage. Die Experten warnen davor, "keine weiteren Argumente zu konstruieren".

In Flensburg beobachten sie das Gewürge in Süddeutschland mit wachsender Befriedigung. Oberbürgermeisterin Lange hat es sich auf einem Sessel in Liebelts Büro in der Flensburger Altstadt bequem gemacht. Sie schaut zur Wand, an der eine Computersimulation von Liebelts geplantem Museum hängt. Plötzlich lächelt sie. "Falls das mit Friedrichshafen nicht klappen sollte, stehen wir nach wie vor bereit."



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fluxus08 06.09.2017
1. Das Leben
schreibt doch noch immer die besten Geschichten - wie wunderbar, Gabriel live und in Farbe auf dem Weg zum Brötchenholen gleich mal aus der Fassung bringen zu können.
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