AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Magersucht Meine irre Angst vor Kalorien

Larissa Sarand wog 39 Kilo bei 1,65 Meter Körpergröße. Sie litt an einer Krankheit, an der jeder Siebte stirbt - Magersucht. Fast 500.000 Menschen in Deutschland sind betroffen. Was hilft?

Autorin Sarand: "Wahnsinnig dünn" gilt als Kompliment
Monika Keiler/ DER SPIEGEL

Autorin Sarand: "Wahnsinnig dünn" gilt als Kompliment

Ein Interview von


Ist es eine gute Idee, einer Essgestörten Schokolade mitzubringen? Sie zögert kurz, dann sagt sie Ja und nimmt die Pralinen an. Sarand ist 29, 1,65 Meter groß und wiegt heute 52 Kilogramm - ein Erfolg. Es waren schon mal 39 Kilo. Magersucht trifft viele Mädchen in der Pubertät, aber nicht nur - auch Jungen, auch Frauen, auch Männer. Auf fast eine halbe Million schätzt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Zahl der Betroffenen. Die Barmer Ersatzkasse registrierte innerhalb von vier Jahren einen Zuwachs von über 50 Prozent. Warum ist das so? Was hilft? Die Berlinerin Larissa Sarand hat erst in ihrem Blog darüber berichtet, nun in einem Buch. Ihr Tonfall: sarkastisch, manchmal zynisch, mit Blick für Komik in der Katastrophe. Es ist eine ungewöhnliche Sicht auf den Kampf mit einer Krankheit, die den Menschen zu einem "Skelett auf zwei Beinen" macht - und diejenigen, die es mitansehen müssen, zum Verzweifeln bringt.


SPIEGEL: Frau Sarand, bald ist Weihnachten. Für Magersüchtige eine harte Zeit.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Sarand: Ja. Die ganzen Nüsse, Plätzchen, Schokolade - besinnlich ist da gar nichts. Überall lauert der Feind.

SPIEGEL: Sie haben Erfahrung mit diesem Feind. Wie kommen Sie durch, ohne etwas zu essen? Bei Bürofeiern zum Beispiel?

Sarand: Man wird kreativ als Magersüchtige. Ich hatte immer meine XXL-Strickjacke dabei, die mit den großen Taschen. Darin kann das Essen verschwinden.

SPIEGEL: Das funktioniert?

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Larissa Sarand:
Friss oder stirb

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Sarand: Ja. Die Menschen sind nicht aufmerksam. Wer kein Problem mit dem Essen hat, achtet nicht darauf, ob der andere etwas isst. Ich schaffe es, an einer Tafel mit zwölf Personen keinen einzigen Bissen zu mir zu nehmen. Es fällt einem immer etwas ein. Wenn man gezwungen ist, im Restaurant essen zu gehen, dann sucht man sich eines mit großen Salatbeilagen.

SPIEGEL: Weil Salat nicht so dick macht.

Sarand: Nein! Weil Sie alles, was verboten ist - Käse, Reis - darunter verschwinden lassen können. Private Einladungen meiden Sie, wenn es geht. Wenn nicht, suchen Sie sich das Stück Kuchen mit den wenigsten Kalorien heraus. Das essen Sie halb auf. Und danach wird kompensiert.

SPIEGEL: Kompensiert?

Sarand: Ja, mit exzessivem Sport, mit verschärftem Fasten.

SPIEGEL: "Friss oder stirb" heißt Ihr Buch, Sie beschreiben darin, wie diese Sucht in der akuten Phase Ihr ganzes Leben bestimmt. Vieles liest sich komplett skurril. Extragroße Kochtöpfe zu kaufen, damit man sie auf dem Tisch zwischen sich und den Freund stellen kann und der nicht sieht, was man auf dem Teller hat: Kommt man sich da nicht völlig bescheuert vor?

Sarand: Man kommt sich die ganze Zeit bescheuert vor. Ich habe mir eingeredet, dass große Töpfe praktisch sind, wenn man mal Eintopf kochen will, für viele Leute, für viele Tage. Gleichzeitig war mir bewusst, dass das alles verrückt ist. Diese Sucht hat ja auch Züge einer Angsterkrankung: diese irre Angst vor Kalorien.

SPIEGEL: Der Gedanke: Wenn ich dieses Brötchen esse, dann werde ich sofort zum Fettmonster?

Sarand: Wovor diese Angst konkret bestand, kann ich gar nicht sagen. Ein Arachnophobiker kann seine Angst vor Spinnen auch nicht begründen. Die Angst vor Kalorien ist ja auch nur Stellvertreter für etwas ganz anderes: für die Angst vor Kontrollverlust. Sie haben das Gefühl, alles läuft über Sie hinweg, das Leben, alles. Aber da haben Sie etwas im Griff: die Kalorien. Den Körper.

SPIEGEL: Gibt es dabei ein Glücksgefühl?

Sarand: Der Hunger ist nie angenehm. Aber es gibt so etwas wie ein Hunger-High, da schweben Sie irgendwann über der Straße, Sie schweben über den Dingen. Wie beim Runner's High im Sport, wenn der Körper eigentlich nicht mehr kann und Reserven mobilisiert. Aber wichtig ist mir, das zu sagen: Ich habe mir diese Krankheit ebenso wenig ausgesucht wie andere Leute eine Grippe. Die Krankheit hat mich erwischt, nach dem Tod meiner Eltern.

SPIEGEL: Der Tod: etwas völlig Unkontrollierbares.

Sarand: So ist es. Mein Vater war an Krebs gestorben. Meine Mutter, die depressiv war, hat sich sechs Wochen später umgebracht. Aber ich - ich machte einfach weiter. Ich war 26 und berserkerte durchs Leben.

SPIEGEL: Was heißt das: Sie berserkerten durchs Leben?

Sarand: Ich hatte mehrere Nebenjobs, schrieb meine Masterarbeit, meldete mich zum Referendariat an, funktionierte. Einmal musste ich an der Uni ein Referat halten und sagte zum Dozenten: Ich muss leider mein Handy auf dem Tisch liegen lassen, meine Mutter hat sich umgebracht, die Kripo wird sich noch melden. Seinen Blick sehe ich immer noch vor mir. Ich räumte die Wohnung meiner Eltern aus, zerkloppte die Schränke, ich bin nicht zur Ruhe gekommen, über Monate. Dann flogen mein Freund und ich ein paar Tage nach Rom. Und dort...

SPIEGEL: ... stellten Sie fest: Mit mir stimmt etwas nicht? Oder: Ich bin magersüchtig?

Sarand: Magersüchtig? Nein. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Aber etwas war nicht in Ordnung. Ich wollte die Pizza oder die Nudeln nicht essen und behauptete, das schmecke mir nicht. Ich wollte dauernd zu Fuß gehen und behauptete, es gehe mir um das Geld für das Ticket. Dabei ging es um die Kalorien. So fing es an.

SPIEGEL: Geführt hat es zu jenem Moment, da Sie vor einer Bäckerei stehen und etwas essen wollen. Sie wollen es wirklich. Aber Sie können es nicht.

Sarand: Ja. Das war der Zeitpunkt, an dem mir bewusst wurde, dass ich die Kontrolle über meine geliebte Kontrolle verloren hatte. Ich merkte: Ich schaffe es nicht. Ich kriege es nicht fertig, in dieses Geschäft zu gehen, mir ein Stück Kuchen zu kaufen und dieses Stück Kuchen zu essen. Da dachte ich: So ist das jetzt also. Ich kann mir nicht mehr helfen. Ich muss mir beim Verhungern zuschauen.

"Als Magersüchtige könnten Sie dem ins Gesicht schlagen, der sagt: 'Iss doch mal was.'"

SPIEGEL: Da haben Sie begriffen: Ich bin krank?

Sarand: Nein, das war später, am Tag meiner Verlobung. Als mein damaliger Freund mir den Ring übergab und mich fragte, ob ich ihn heiraten möchte und ob wir zur Feier des Tages essen gehen wollen. Und ich dachte: Der Mann kennt mich seit sieben Jahren, und jetzt will er mit mir essen gehen? Hat der wirklich noch nicht gecheckt, dass ich ein Problem habe? Dann: Wie, du hast ein Problem? Ja, du hast ein Problem. Und es hat einen Namen.

SPIEGEL: Anorexia nervosa.

Sarand: Ja.

SPIEGEL: Und dann stehen Sie irgendwann auf der Waage und sehen: Ich habe die 40-Kilo-Marke geknackt, ich wiege 39.

Sarand: Wissen Sie, was ich dachte? Scheiße. Und: endlich. Im selben Moment.

Akut Magersüchtige Sarand 2016: Hungern und Sport, bis zur Erschöpfung
privat

Akut Magersüchtige Sarand 2016: Hungern und Sport, bis zur Erschöpfung

SPIEGEL: Was ich nicht verstehe: Sie passen in Bikinis für zwölfjährige Mädchen, Sie suchen sich eine Putzstelle, damit Sie bei dieser Arbeit noch mal extra Kalorien verbrennen können, Sie essen Wok-Gemüse und sortieren noch die Erbsen aus...

Sarand: ... weil die zu viele Kohlenhydrate haben.

SPIEGEL: Sie sind permanent am Rechnen und Vermeiden. Und Ihre Freunde merken nichts?

Sarand: Meine Freunde habe ich scharf abgefertigt, wenn sie etwas sagten. Die haben sich dann damit beruhigt: Die kriegt ja alles hin, das Studium und drei Jobs und den Tod der Eltern, und jetzt soll sie mit dem Essen überfordert sein?

SPIEGEL: Was soll man tun, als Freund, als Angehöriger in dieser Situation? Da sitzt jemand vor einem, der dünner und dünner wird. Was soll man sagen? "Geht's dir nicht gut?" "Du bist ja wahnsinnig dünn?"

Sarand: Achtung. "Wahnsinnig dünn" kann als Kompliment verstanden werden.

SPIEGEL: Aber ich kann ja nicht so tun, als wäre das normal, dass dieser Mensch nur noch aus Haut und Knochen besteht!

Sarand: Natürlich nicht. Aber jemanden zum Essen zu zwingen bringt gar nichts. Die Krankheitseinsicht, so heißt das, muss kommen. Natürlich verstehe ich es, wenn Eltern die magersüchtige Tochter in die Klinik bringen. Aber auch sie muss aus der Krankheit herausfinden wollen. Wenn sie es nicht will, kommt sie mit fünf Kilo mehr auf den Rippen nach Hause und hat die ruck, zuck wieder weg.

SPIEGEL: Und man sagt ihr: "Iss doch mal was."

Sarand: Als Magersüchtige könnten Sie demjenigen ins Gesicht schlagen, der das sagt. Sie können nicht einfach was essen. Ich habe das in der U-Bahn erlebt - eine wildfremde Frau starrt mich an und sagt: "Es-sen. Es-sen." Ich fand das unheimlich. Und übergriffig.

SPIEGEL: In Ihrem Bericht kommen erstaunlich viele essgestörte Freundinnen oder Bekannte vor. Ich habe mich bei der Lektüre gefragt: Haben die alle zu viel "Germany's next Topmodel" geguckt?

Sarand: Bei mir und bei denen, die ich kenne, war es nicht so. Aber natürlich ist mir klar, dass solche sozialen Botschaften eine Rolle spielen. Natürlich ist es nicht egal, wenn Heidi Klum in ihrer Show eine Kandidatin wegen Fülligkeit rausschmeißt, die 52 Kilo wiegt.

SPIEGEL: 52 Kilo.

Sarand: Genau. Wir alle haben Freundinnen, die vor dem Spiegel stehen und sich selbst kneifen und kritisieren: "Hier ist zu viel", "da ist zu viel", und das Ganze bei Größe 38. Diese latente Unzufriedenheit mit dem weiblichen Körper - vielleicht sind wir Frauen dadurch anfälliger für solche Krankheiten. Aber Männer sind es auch, nur bringt man einen dünnen Mann nicht so schnell mit Anorexie in Verbindung.

SPIEGEL: Sucht man nach Gründen für Essstörungen, dann ist in medizinischen Aufsätzen vieles im Angebot: extreme Schlankheit als Schönheitsideal, Leistungsdruck, überfürsorgliche Erziehung, Familienstreit, Perfektionismus, mangelndes Selbstwertgefühl, Verunsicherung durch die Pubertät.

Sarand: Ja. Ich glaube, dabei geht es immer um Autonomie. Und hier bietet sich die Möglichkeit, das größtmögliche Maß an Disziplin zu beweisen - denn das brauchen Sie für Magersucht ...

SPIEGEL: Magersucht ist Hochleistung?

Sarand: Magersucht ist Höchstleistung.

SPIEGEL: Seltsamer Gedanke.

Sarand: Ja, da ist ein fader Beigeschmack, wenn ich es sage, aber so ist es. Sie müssen echt die Arschbacken zusammenkneifen, um das durchzuziehen, und dann auch noch in Verbindung mit Sport, wenn Sie die Anorexia-athletica-Variante haben wie ich, also: Hungern und Sport, bis zum Exzess. Bis Sie vor Erschöpfung vom Laufband kippen.

SPIEGEL: Was hat Sie gerettet?

Sarand: Ohne meinen Therapeuten würde ich, glaube ich, nicht mehr hier sitzen. 10 bis 15 Prozent der Magersüchtigen sterben daran, das ist eine beeindruckende Quote. Manche sterben an körperlichen Folgen, andere nehmen sich das Leben.

SPIEGEL: Hatten Sie Selbstmordgedanken?

Sarand: Oh ja. Ich saß auf dem Sofa und habe Suizidmethoden gegoogelt. Ein Unfall. An den Baum fahren. Das wäre meine Methode gewesen. Aber ich habe es dann doch nicht fertiggebracht.

SPIEGEL: Dem Therapeuten sei Dank?

Sarand: Auch. Es war ein Feld-Wald-und-Wiesen-Verhaltenstherapeut, kein Spezialist. Aber er war richtig gut. Er verstand nichts von Kalorien - der hat mal geschätzt, dass eine Tafel Schokolade 80 Kilokalorien hat, stellen Sie sich das vor! Aber es ging ja gar nicht ums Essen. Der hat sofort geschaut: Woher kommt das? Ich habe mein Leben verändert und meine Einstellung zum Leben, habe Dinge beendet, die sich falsch anfühlten. Der Weg in die Krankheit führte über den Verlust meiner Eltern, und auch der Weg in die Genesung war mit Verlusten verbunden, die aber wichtig für mich waren, um mein Leben neu zu sortieren. Meine Beziehung zerbrach, ich schmiss meine Jobs und auch das Referendariat.

SPIEGEL: Und: Sie ließen die Trauer um die Eltern zu.

Sarand: Ja. Das brach, als es mir besonders schlecht ging, über mich herein. Ich habe mein Telefonbuch durchgeblättert und aus irgendeinem Grund die Nummer meiner Eltern gewählt. Habe die Ansage gehört: "Kein Anschluss unter dieser Nummer." Dann hab ich's kapiert. Sie sind tot.

SPIEGEL: Das war der Tiefpunkt.

Sarand: Ja. Der Tiefpunkt in der tiefsten Phase. Eine Phase, die aus Heulen bestand und - Fressen.

SPIEGEL: Fressen?

Sarand: Fressen. Fressen. Fressen. Es ist wirklich erschreckend, wenn Sie das heimsucht, dann, wenn Sie nach dem Hungern endlich wieder anfangen zu essen. Das geht sehr vielen Magersüchtigen so. Vorher haben Sie nur ein paar Hundert Kalorien am Tag zu sich genommen. Und jetzt öffnen Sie die vierte Tafel Schokolade, um sie in sich hineinzustopfen. Sie zittern, der Kopf tut Ihnen weh, Sie sind vollkommen überzuckert, und Sie müssen weiteressen. Sie stehen vom Sofa auf, machen eine Packung Brot leer, setzen sich hin, denken, jetzt ist es vorbei, nach einer halben Stunde geht das Spiel wieder los. Sie schauen sich beim Einkaufen zu, wie Sie das süße fettige Zeug in den Wagen schaufeln, wie ferngesteuert.

SPIEGEL: Was sagt Ihnen da der Körper?

Sarand: Er will Fett, Zucker, Kohlenhydrate. Er will das, was Sie ihm vorenthalten haben. Ich habe mir morgens um drei eine Familienpizza gemacht, danach eine Packung Kekse gegessen, ein Glas Erdnussbutter mit aufs Sofa genommen und komplett geleert. Das ist eklig. Sie fühlen sich eklig. Und das geht über Monate. Und Sie denken: Ich werde eine 200-Kilo-Frau sein. Man wird mich mit dem Kran aus dem Fenster holen.

SPIEGEL: Und dann kotzen Sie?

"Ob ich geheilt bin? Fragen Sie mich in zehn Jahren. Vielleicht bin ich magersüchtig, aber satt."

Sarand: Bloß nicht. Wenn Sie das tun, dann geht es immer weiter. Fressen, kotzen, fressen, kotzen. Bulimie. Eine Freundin hatte mich davor gewarnt, sie hatte es selbst erlebt. Sie musste sich dazu überwinden, es mir zu erzählen. Bleib bloß weg von der Kloschüssel, sagte sie.

SPIEGEL: Und jetzt? Sind Sie geheilt?

Sarand: Fragen Sie mich in zehn Jahren wieder. Vielleicht ist das wie beim Alkoholiker: Man kann Alkoholiker sein, aber trocken. Vielleicht bin ich dann magersüchtig, aber satt.

SPIEGEL: Was essen Sie heute?

Sarand: Ich esse relativ ... normal, wollte ich sagen, aber wer isst denn heute schon normal? Ich habe einen neuen Freund, bei dem komme ich mit meinen Spielchen nicht durch. Da muss ich häufig Döner essen, Hamburger, solche Sachen.

SPIEGEL: Schmeckt's?

Sarand: Es ist geil. Ich bin jetzt auch, sozusagen als autotherapeutische Maßnahme, keine Vegetarierin mehr, weil ich denke: Restriktion ist der Feind. Seitdem ist Fleisch mein Gemüse. Ich habe da sieben Jahre nachzuholen, sage ich mir. Eine Sache ist immer noch schwierig: Kippen Sie Öl in eine Pfanne, und ich fange an zu schwitzen. Öl! 800 Kilokalorien auf 100 Milliliter! Das müssen Sie sich mal vorstellen! Wer das nicht beängstigend findet ...okay, ich kann jetzt darüber lachen.

SPIEGEL: Wie hat Ihr Körper verkraftet, was ihm geschehen ist?

Sarand: Die Knochen sind brüchig, ich hatte schon mehrere Ermüdungsbrüche, nach dem Sport. Das Herz ist so weit in Ordnung, hoffe ich, die Niere muss man noch untersuchen, die Hormone sind natürlich durch den Wind.

SPIEGEL: Wenn Sie gewusst hätten, was Sie Ihrem Körper antun - hätten Sie sich anders verhalten?

Sarand: Nein. Die Krankheit siegt über die Vernunft. Es ist schon seltsam, neben den körperlichen Folgen habe ich auch sonst vieles erlebt, mit dem ich nicht gerechnet hätte, schräge Sachen. Auch mit Männern. Es gibt ja Männer, die auf übergewichtige Damen stehen, davon kann man dem Kollegen in der Kantine ruhig erzählen. Sie können dem Kollegen aber nicht erzählen: Ich mag's, wenn die fast krepieren, so dünn sind die. In meiner schlimmsten Zeit ist es mir mehrmals passiert, dass ich angesprochen wurde: Mensch, du siehst ja toll aus, wollen wir nicht mal? Normalerweise ist Ruhe, wenn ich sage: Ich habe einen Freund. Aber das Nachhaken, mit dieser Hartnäckigkeit - aus normalen Anmachen bei Normalgewicht war mir das fremd. Na ja, diese Typen, die auf extradünne Frauen stehen, haben ja nicht besonders viel Auswahl.

SPIEGEL: Gruselig. Frau Sarand, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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