AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

SPIEGEL-Leitartikel Das Ende des Deutschland-Kartells

Dieselmotor, Autobahn, Michael Schumacher: Die Autoindustrie hat sich zu lange auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht. Das sagt viel über die Gesellschaft aus, die wir sind.

Alina Emrich, Kien Hoang Le/ Lemrich/ DER SPIEGEL

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Es gibt, in den USA, Vorbilder für beide Wege, den richtigen und den fürchterlichen. In der amerikanischen Wirtschaftslehre werden die Geschichten von Johnson&Johnson und Ford erzählt.

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Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Beim Pharmakonzern Johnson&Johnson hatte der oberste Chef James Burke 1979 rund 20 Manager in seinem Büro versammelt und sie daran erinnert, dass es ein Firmenmanifest namens "Our Credo" gebe, das ethisches Handeln festschreibe. "Wenn wir nicht danach leben, lasst es uns von der Wand reißen", hatte Burke gesagt. 1982 wurde Gift im Johnson-&-Johnson-Schmerzmittel Tylenol entdeckt. Innerhalb weniger Stunden wurden sämtliche mutmaßlich heiklen Produkte zurückgerufen und die Kunden öffentlich gewarnt, hundert Millionen Dollar waren verloren. Der Chef wurde nicht gebraucht, er saß im Flugzeug, und als er landete, waren alle Entscheidungen getroffen.

Bei Ford fanden in den Siebzigerjahren Ingenieure heraus, dass ihr Pinto in Flammen aufging, wenn er von hinten angefahren wurde. Die Techniker empfahlen den Rückruf, zweimal entschieden sich die Chefs dagegen. Es kamen die Unfälle, mindestens 27 Tote, die Prozesse. Denn wie so viele Firmen (oder Parteien) hatte Ford ein Drehbuch für Krisenfälle gehabt: Wenn ein konkretes Bauteil defekt sei, müsse es ausgetauscht werden. Die Wirklichkeit hatte nicht zum Leitfaden gepasst: Es gab kein defektes Bauteil, nur einen schlecht geschützten Tank, darum Explosionen. Und die Hilflosigkeit. Richtig oder fürchterlich: Auch die deutsche Autoindustrie hatte (und hat) zwei Optionen.

Warum wählte eine ganze Branche, jedenfalls in der Vergangenheit, den falschen Weg, den kurzfristig vielleicht cleveren, langfristig aber gefährlichen und womöglich selbstzerstörerischen? Und was sagt uns das über die Lage der Nation?

"Normalisierung der Abweichung", so nennen Psychologen es, wenn Dinge, die falsch oder kriminell sind, innerhalb eines geschlossenen Systems allmählich als legal und notwendig erachtet werden. Sprache verändert sich, Codes entwickeln sich, weshalb wiederum Warnsignale ignoriert oder umgedeutet werden. So kommt es, dass sich deutsche Konzerne über zwei Jahrzehnte lang in rund 60 Arbeitskreisen rund tausendmal treffen - und gewiss denken, das sei in Ordnung. Und so schwindet das Unrechtsbewusstsein, so verschieben sich Standards, so kommt es dann, dass die Konzerne sich absprechen: dass sie kleinere AdBlue-Tanks bauen, weshalb eine Betrugssoftware als zwingend erscheint, welche deutsche Dieselfahrzeuge ja durch die Tests mogeln muss, weil auf dem Prüfstand eben mehr AdBlue eingespritzt werden muss, als auf den Straßen zur Verfügung steht. Alles logisch. Alles logisch? Das Kartell von Audi, BMW, Mercedes, Porsche und Volkswagen sagt viel über die Gesellschaft aus, die wir sind.

Die Geschichten dieser fünf Marken sind große Geschichten, Geschichten des Muts, des Wohlstands und der Ingenieurskunst. Der Auto-Verbrennungsmotor wurde in Deutschland erfunden, die Autobahn ist deutsch, Michael Schumacher ist deutsch. Man kann das in Krisenzeiten leicht vergessen, es bleibt aber wahr. Deutscher Fußball und deutsche Autos sind jene zwei Begriffe, die im Ausland zuerst fallen, wenn über Deutschland gesprochen wird.

Es sind zugleich, leider auch dies, Geschichten aus der Vergangenheit, vor allem aus der Bonner Republik, in welcher mehr geklüngelt wurde als in den heutigen transparenten Zeiten. Damals entstand das System Käseglocke: Alle hingen voneinander ab, Landespolitiker förderten ihren Autokonzern, Lobbyisten agierten in der Bundesregierung, alle hielten zusammen, und auch die Gewerkschaften waren Teil des Systems.

Jenes System war damals stark und ist heute starr. Jetzt gibt es den Klimawandel und die Globalisierung. Es gibt Innovation vor allem anderswo, außerhalb des Systems: Hybridmotoren, Elektromotoren, es gibt Tempolimits und Konkurrenz. Ein Strukturwandel bedeutet neue Aufgaben, neue Gegner, also neue Geschwindigkeiten, neue Gefahren.

Ein Kartell, das einen falschen Weg gewählt hat und diesen verteidigt, verhindert Neues und kann nicht gewinnen. Es schadet seinen Kunden, seinen Aktionären, sich selbst. Natürlich ist es schwierig, schnell so wie Johnson&Johnson zu werden, wenn man jahrelang wie Ford war, aber anders kann es nicht gut gehen. Berliner Politiker dürfen sich nicht länger als Teil der großen Bonner Autokoalition verstehen (niedersächsische, bayerische und baden-württembergische auch nicht), denn sie haben für Kontrolle und Gesetze zu sorgen. Kurzfristig mag der Diesel noch gebraucht werden, falls er denn sauber wird; langfristig kann die Berliner Republik nur kraftvoll bleiben, wenn die Autoindustrie die neue Zeit versteht.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
einervondenen 28.07.2017
1. Kaffeesatz
Man kann auch viel aus dem Umgang von Müttern, Tieren und Toten über eine Gesellschaft lernen. Mag sein, dass SPON ganz viel über den Autoskandal weiß – die ich kenne, sind mit einer Bewertung noch etwas vorsichtiger. Lassen Sie die Gegenseite doch mal zu Wort kommen, würde mich zur Zeit eher interessieren.
53er 28.07.2017
2. Die Politik hat es in der Hand,
Beweislastumkehr und Zulassung von Sammelklagen, nicht zu vergessen endlich Entschädigungsleistungen die ihren Namen von der Summe her verdienen und wir haben ethisch eher saubere Konzerne. Leider könnte das dann auch einige Konzerne die Existenz kosten.
fitzke 28.07.2017
3. Zwiespalt
Ich sehe den Betrug nicht so, wie es die Presse gerne moralisch sehen will. Es ist eher ein Versagen der Kontrollinstanzen, sprich der Politik, die ja die Vorgaben über Gesetzte gibt. Technisch sind die deutschen Autofirmen auf der Höhe der Zeit. Dass die Technik, die im Bereich der Schadstoffreduzierung nützlich sein sollte, nun Mängel hat und weiterentwickelt werden kann/muss, ist doch nur ein Schritt von vielen in die Zukunft. Der Verbrennungsmotor ist nicht tot. Es wird nur in Zukunft weitere Antriebskonzepte geben müssen, damit der Individualverkehr möglich ist. Und auch hier werden gesetzliche Vorgaben helfen. Und auch hier wird es Fehlentwicklungen geben. Das ist Fortschritt und der ist manchmal auch mit Rückschritten verbunden. Mir gibt eher zu denken, dass gerade die USA bei der Aufklärung und bei den Klagen eine so präsente Rolle spielen. Da scheint es eher darum zu gehen, einen ungeliebten Konkurente zu schädigen.
Buddha_Brot 28.07.2017
4. Die Japaner
haben schon vor langem erkannt das städtische Räume und PKW in den Dimensionen eines Leopard-Panzers nicht so wirklich kompatibel sind. Folglich wurde politisch in Richtung der Kei-Cars umgesteuert - und diese gefördert. Herr Dobrindt möge mir bitte mal erklären wo denn der Sinn darin liegt das sich ein Einzelhumanoide (ca. 90 kg) mit einem 2 Tonnen-Fahrzeug mit (minimum) 240 PS (Porsche Cayenne) fortbewegt... Das ist nicht nur absurd - das ist völlig krank. Schon lange wäre es Aufgabe der Politik gewesen Gewicht und Leistung zu deckeln.
zila 28.07.2017
5. Stehengeblieben
Ich wohne seit 10 Jahren nicht mehr in Deutschland, aber von aussen betrachtet wird das Land wie stehengeblieben in seinen Werten. Die "Ehe fuer alle" und die Energiewende sind da vielleicht die Ausnahme. Am ehesten wird das bei der Technophie deutlich, Google Maps Fassadenverpixelung, freies Wifi, Technik- und Medienkompetenz bei Jugendlichen, elektronische Bezahlsysteme wie Kreditkarten und dass man beim tanken nicht schnell an der Zapfsaeule bezahlen kann. Das fast voellige Fehlen international relevanter IT-Unternehmen (Boom-to-bust Rocket?? 70'er Jahre SAP??)... In der Gesellschaft faellt mir der extreme Raucheranteil auf, da hat sich gefuehlt seit Jahrzehnten wenig geaendert waehrend andere Laender in nur 10-15 Jahren fast rauchfrei geworden sind mit einfachen Massnahmen. Da sieht man in Deutsvhland Muetter, die vor ihren Kindern in der Eisdiele rauchen. Hundehaltung ist auch so etwas, in anderen Laender raeumen die Halter hinter ihrem Koeter auf und halten sich meist an Leinenzwang. Mangelnde Vielfalt im Supermarkt, am ehesten findet man Vielfalt noch in der Spirituosen-Abteilung. Die nach wie vor restriktive Apothekenpolitik, Kopfschmerztabletten kann ich in anderen Laendern im Cornerstore kaufen. Die zoegerliche Politik etwa bei der (selbst medizinischen) Cannabis-Freigabe. Ein Justizsystem das den Anforderung der Zeit nicht annaehernd gewachsen ist. Ein Schulsystem, das relevante Skills wie Prasentationen und Recherche vernachlaessigt und Untericht noch auf Schiefertafeln abhaelt und Schuelern Latein beibringt statt Spanisch. Meine alte Grundschule hatte selbst vor 5 Jahren noch nichtmals einen Anrufbeantworter. Was da gerade in der Autoindustrie aufgedeckt wird und an Problemen zutage tritt ist symptomatisch fuer grosse Teile einer Gesellschaft, die einerseits nach aussen sehr unzufrieden ist, aber am liebsten doch keine Veraenderung haben will.
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