Leserblog 1168

"SPIEGEL-Artikel speicherbar machen"


Neben dem SPIEGEL habe ich auch eine Lokalzeitung, d.h. den "General-Anzeiger" (Bonn, Papierversion) und die digitale Version von "FAZ" und "FAS" abonniert. Promovierter Jurist, ehemaliger Richter, pensionierter Diplomat und Referatsleiter eines Bundesministeriums.

Über zehn Jahre habe ich in einen Teil meines Jahresurlaubes dazu genutzt, um Seminare für junge ausländische Journalisten zum Thema Pressefreiheit durchzuführen. Eigene Publikationen zu verschiedenen Themen, zumeist in englischer Sprache. Weiterhin berufstätig als selbstständiger Consultant im internationalen Bereich.

Lob: Was ich heute in meinem Wissen und damit auch in meinem Denken bin, verdanke ich zu einem erheblichen Teil dem SPIEGEL. Ich möchte dabei wirklich das Wissenselement unterstreichen, übrigens keineswegs allein was die Politik betrifft, sondern auch in allen anderen Sektoren, die im SPIEGEL behandelt werden. Von den in manchen Artikeln verkörperten politischen Tendenzen habe ich mich weniger beeinflussen lassen. Die eigenen Meinungen ergaben sich viel stärker aus einer Verarbeitung von Informationen und Erfahrungen unterschiedlichster Herkunft. Aber, um das noch einmal zu unterstreichen, der Beitrag des SPIEGEL dazu, eine möglichst breite Faktenbasis zu bekommen, kann gar nicht überschätzt werden. Ich habe in jeder Ausgabe bestimmt mindestens 80 Prozent der Artikel gelesen, nicht selten sogar 100 Prozent.

Kritik: Natürlich habe ich mich auch oft über einzelne Artikel geärgert, insbesondere im politischen Bereich, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Auswahl oder Hervorhebung von Fakten zu sehr von einem erkenntnisleitenden Interesse der jeweiligen Autoren beeinflusst war - aber das gibt es nicht nur beim SPIEGEL, sondern in allen Medien. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Artikel heute mehr als früher in die Breite statt in die Tiefe gehen. Das könnte daran liegen, dass man beim SPIEGEL versucht, Veränderungen in der Leserschaft Rechnung zu tragen. Der SPIEGEL hebt sich aber weiterhin, was den Gehalt betrifft, positiv vom "Focus" ab und in den meisten Fällen (keineswegs immer) kommt man schneller zur Sache als bei der "Zeit", bei der mir die Artikel oft etwas zu langatmig und betulich sind. Aber wenn ich tiefer gehen will, ist mir doch die "FAZ" in den meisten Fällen noch am liebsten.

Und, hierbei für mich besonders wichtig: die digitale Version der "FAZ" ermöglicht mir, jeden Artikel, den ich interessant finde, sofort herunterzuladen und als MS-Word Datei in meinem elektronischen Archiv zu speichern, das ich mir nach meinen eigenen Bedürfnissen und Interessen eingerichtet habe. Ich kann dabei auch gleich Textstellen, die mir besonders wichtig sind, hervorheben oder Kommentare hinzusetzen, die mir später wieder nützlich sein könnten und einen schnelleren erneuten Zugriff ermöglichen. Wenn ich dann und wann einmal eingeladen werde, kurzfristig bei einer Tagung, zum Beispiel in Asien, einen Vortrag zu einem vorgegebenen Thema zu halten, kann ich auf diese Weise ganz schnell mein Gedächtnis durch einen Blick in diese Sammlung auffrischen.

Sehr gerne würde ich auch SPIEGEL-Artikel dieser Sammlung hinzufügen. Ich hatte mich deshalb vor einiger Zeit telefonisch nach den Möglichkeiten erkundigt. Mir wurde aber gesagt, dass eine solche Speicherung neuer Artikel der Online-Ausgabe nicht möglich ist. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden Artikel erst nach vier Wochen so freigegeben, dass man sie speichern könnte. Das ist für mich aber ohne Interesse. Ich muss ökonomisch vorgehen und einen Artikel, der mir beim Lesen auffällt, sofort speichern können; nach vier Wochen noch einmal zurückzugehen, wäre mir viel zu aufwendig. Ich habe daher von einem Online-Abonnement des SPIEGEL abgesehen. Auch das Einscannen einzelner Artikel ist lästig und würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Das wäre also ein aus meinen eigenen privaten Interessen abzuleitender Vorschlag: Machen Sie die Online-Version des SPIEGEL dadurch attraktiver, dass man sich die Artikel ähnlich bequem speichern kann, wie das bei der "FAZ" möglich ist. Dort scheint man mit dem meines Erachtens doch sehr begrenzten Risiko leben zu können, dass dann manche Leute vielleicht Artikel weiterverbreiten, was Empfänger davon abhalten könnte, sich die Zeitung zu kaufen oder ein eigenes Abonnement einzurichten.

Das war jetzt alles sehr individuell auf mich zugeschnitten, und ich bin mir klar darüber, dass ich nicht der typische Leser bin. Umwälzungen im Lese- und Informationsverhalten durch die Entwicklung der elektronischen Medien und die entsprechende Sozialisation der jüngeren Generation haben eine derartige Macht, dass meines Erachtens jede Verbesserung bei den Printmedien nur Symptome dieser Entwicklung abmildern könnte, aber nicht in der Lage wäre, die Tendenz als solche zu ändern. Das kann man bedauern, wird es aber wie so viele andere unliebsame Änderungen hinnehmen müssen.

Ich habe es bei meinen eigenen Kindern - und jetzt mag es interessanter für Sie werden - gemerkt, die mich als eifrigen Leser ja immer vor Augen hatten, denen ich von klein auf an vorgelesen, denen ich die Vorteile des Lesens immer wieder geschildert habe und die teilweise in der Schule Kurse hatten, mit in denen ihnen das Zeitungslesen nahegebracht werden sollte - alles vergeblich, ich war insoweit nicht ihr Vorbild. Alle drei erwachsenen Kinder haben ein Universitätsstudium abgeschlossen bzw. ein Kind ist noch dabei. Wobei allerdings noch die Besonderheit vorliegt, dass alle den größten Teil ihrer Schulausbildung im Ausland absolviert haben. Die beiden Ältesten haben schon als Kinder und Jugendliche kaum Bücher gelesen und politische Magazine überhaupt nicht. Ich schicke ihnen aber bis heute regelmäßig einzelne Artikel aus verschiedenen Wissensbereichen zu, die ich für besonders interessant halte.

Thema der Woche: Was ich im SPIEGEL vermisse
Meine in den USA lebende Tochter, 30, hat mich jetzt wissen lassen, dass sie sich voll auf ihre Karriere im Business konzentrieren muss und nicht mehr dazu kommt, einen Blick auf diese deutschen Artikel zu werfen. Mein Sohn, 28, ist Consultant im Finanzbereich. Ich habe ihn gerade einmal zum Thema befragt. Er hat an allen von mir angesprochenen Printmedien etwas auszusetzen. "Focus": zu oberflächlich und auf Sensationen ausgerichtet, "FAZ": die Artikel setzen zu häufig ein Allgemeinwissen voraus, das er sich in seiner Schulzeit nicht erworben hat, SPIEGEL: zu umständlich, Themen werden breitgetreten, er müsste knapper und schneller zum Punkt informieren (im Grunde ist das die Kritik, die ich oben an der "Zeit" geäußert habe).

Mein Sohn nimmt sich immerhin manchmal meinen SPIEGEL mit auf Dienstreisen, liest auch speziell für ihn ausgesuchte "FAZ"-Artikel, die ich ihm zuschicke und revanchiert sich gelegentlich mit einem Artikel aus dem "Guardian", den er im Internet gefunden hat. Überhaupt zieht er "Guardian" und "Economist" den deutschen Medien vor, der Stil gefalle ihm besser (er ist in der englischen Sprache allerdings auch sicherer als in der deutschen). Er hat erst jetzt als Erwachsener angefangen, häufiger Artikel zu lesen, aber es ist noch überhaupt kein Vergleich mit der Intensität des Lesens, die ich selber praktiziere. Der Zeitaufwand und manchmal wohl auch die Mühe, einen nicht ganz einfachen Text gedanklich zu durchdringen, schrecken ihn ab. Das dürfte ein Symptom sein, welches unter jüngeren Leuten ziemlich verbreitet ist.

Meine chinesische Stieftochter, 20, hat zwar - schon bevor sie meine Familie gekommen ist - intensiv Weltliteratur gelesen und jetzt mit einem kulturwissenschaftlichen Studium an der Humboldt-Universität begonnen, aber für politische Magazine habe ich sie nie begeistern können. Überhaupt sind sich alle meine drei erwachsenen Kinder darüber einig, dass sie der politische Teil in Magazinen und Tageszeitungen am wenigsten interessiert. Ich habe dann noch einen erst fünfjährigen Nachkömmling - ein waches Bürschchen und auch bei ihm werde ich mein Glück versuchen, ihn frühzeitig an das Lesen einschließlich der Texte politischen Inhalts zu gewöhnen, aber meine bisherigen Erfahrungen machen nicht gerade Mut.

Eine kleine Anekdote zum Schluss. Als ich kürzlich aus dem Haus ging, sah ich unseren Briefträger etwas abseits stehen und in meinem SPIEGEL-Exemplar lesen. Ich habe nicht mit ihm geschimpft, sondern nur gescherzt. Jedenfalls gibt es offenbar durchaus noch Personen, die ein starkes Interesse an Ihrer Zeitschrift haben, ohne zahlende Kunden zu sein. Wie man Letzteres ändern könnte, weiß ich allerdings auch nicht zu sagen.

Robert Haas



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klockenga 09.07.2015

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