AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2017

Discounter-Manager Gehrig "Die Jobs bei uns erfordern auch Härte"

Firmenintern heißt er "Killerwal": Klaus Gehrig ist Chef von Lidl und Kaufland. Nach 46 Jahren in der Branche hat er ein Problem: Er sucht einen Nachfolger, der so gut ist wie er. Und er findet: Die Deutschen sind fleißiger als andere.

Erstes Lidl-Geschäft in Heilbronn um 1905
Fotosammlung Stadtarchiv Heilbronn

Erstes Lidl-Geschäft in Heilbronn um 1905

Ein Interview von und


Klaus Gehrig 2015
Markus Hintzen

Klaus Gehrig 2015


Klaus Gehrig, 69, ist gelernter Kaufmann. Seine Laufbahn begann er bei Aldi-Süd. Seit 1976 arbeitet er für Dieter Schwarz. 2004 übernahm Gehrig die Leitung der Schwarz-Gruppe, zu der die Handelsketten Lidl und Kaufland gehören. Konzernsitz ist Neckarsulm.


SPIEGEL: Herr Gehrig, Sie tragen einen flauschigen dunkelblauen Pullover und eine legere Stoffhose. Ist das jetzt die neue Kleiderordnung bei Lidl?

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Heft 16/2017
Demnächst für alle! Wie der Mensch den Tod besiegen will

Gehrig: Ja. Wir haben auch untersagt, dass unsere Manager, wenn sie die Filialen besuchen, im dunklen Anzug auftreten und somit auf Distanz zu den Mitarbeitern gehen.

SPIEGEL: In Ihrem Intranet heißt es zu dieser neuen Kleiderregel: "Mit diesem Schritt sollen Hierarchiegrenzen durchlässiger und die Zusammenarbeit einfacher gemacht werden." Kann man einfacher mit Ihnen zusammenarbeiten, seit Sie keine Krawatte mehr tragen?

Gehrig: Mit mir konnte man schon immer einfach zusammenarbeiten! Wir reden da ja nicht von mir.

SPIEGEL: Letztes Jahr haben Sie auch eingeführt, dass sich alle in der Schwarz-Gruppe duzen: Wirkt das?

Gehrig: Ja, das wirkt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Gehrig: Man ist vertraulicher miteinander unterwegs. Die jungen Leute in unserem Unternehmen haben sich viel geduzt, wir wollten da einheitliche, moderne Regeln schaffen.

SPIEGEL: Wird jetzt auch Lidl-Gründer Dieter Schwarz geduzt?

Gehrig: Ja.

SPIEGEL: Von allen?

Gehrig: Nein. Nur von uns.

SPIEGEL: Also vom Vorstand?

Gehrig: Nein, von mir und meiner Frau. Er hat uns vor etwa einem halben Jahr das Du angeboten, kurz nach meinem 40. Dienstjubiläum.

SPIEGEL: Ein großer Moment für Sie?

Gehrig: Eine Wertschätzung.

SPIEGEL: Wenn ein Unternehmen seinen Mitarbeitern Lockerheit verordnen muss - ist das nicht eher ein Zeichen für große Unlockerheit?

Gehrig: Nein, die Menschen verändern sich einfach. Viele ältere Führungskräfte haben großen Wert auf Distanz gelegt, aber das brauchen eigentlich nur die, die nicht richtig führen können.

SPIEGEL: Wir haben gehört, dass ausgerechnet Lidl in fünf Jahren der beliebteste Arbeitgeber der Welt sein will - noch vor Apple oder Google. Im Ernst jetzt?

Gehrig: Nein, das streben wir nicht an. Wir wollen uns mit denen gar nicht vergleichen.

SPIEGEL: Aber das wird angeblich bei Ihnen im Haus diskutiert.

Gehrig: Ja, aber das sind Ideen von Mitarbeitern, die man wieder einfangen muss. Wir sind ein Handelsunternehmen, und da brauche ich am Ende Menschen, die gerne H-Milch, Zucker, Mehl, Butter und Obst verkaufen wollen.

SPIEGEL: Ist es heute schwer für Sie, guten Nachwuchs zu finden?

Gehrig: Nein, aber der Anteil der Menschen, die von ihrer Persönlichkeitsstruktur her zu uns passen, ist kleiner geworden. Die Jobs bei uns erfordern mitunter auch eine gewisse Konsequenz und Härte.

SPIEGEL: Wo sind Sie selbst Ihren Mitarbeitern ein Vorbild?

Gehrig: In meinem Stil, wie ich mit Menschen umgehe. Ich komme eigentlich mit jedem zurecht. Und ich bin mit mir und mit dem, was ich tue, zufrieden, das ist ganz wichtig.

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie sich selbst als "Auslaufmodell" bezeichnet. Wieso das?

Gehrig: Ein Typ wie ich ist doch gar nicht mehr gefragt. Wir brauchen heute eine andere Internationalität. Meine Stärke war und ist das operative Geschäft, ich bin immer noch viel draußen an der Front.

SPIEGEL: An der Front? Führen Sie Krieg?

Gehrig: Nein, damit meine ich die Basis - unsere Filialen. Ich nehme mir auch die Zeit, um mit Filialleitern oder Kassiererinnen zu reden. So bekommt man am Ende vieles mit. Und wenn ich von jemandem überzeugt bin, dann kriegt er oder sie eine bestimmte Aufgabe. Lösen sie diese Aufgabe zuverlässig, kriegen sie eine neue. Dann schicke ich sie ein Jahr durchs Unternehmen - und dann weiß ich: Der oder die ist wirklich geeignet.

SPIEGEL: Sie waren irgendwann auch einmal sehr von dem letzten Lidl-Chef Sven Seidel überzeugt, der im Februar seinen Stuhl räumen musste.

Gehrig: Ich spreche grundsätzlich nicht über Personalentscheidungen, auch nicht in diesem Fall. Alle derartigen Entscheidungen werden im Interesse des Unternehmens getroffen.

SPIEGEL: Sie haben in 18 Jahren acht Lidl-Chefs verschlissen. Hatten die alle denselben Fehler: Sie waren nicht so gut wie Klaus Gehrig?

Gehrig: Ja, das scheint so zu sein!

SPIEGEL: So machen Sie immer wieder deutlich: Sie sind unersetzbar in diesem Laden.

Gehrig: Ganz im Gegenteil: Jeder ist ersetzbar.

SPIEGEL: Was muss ein Lidl-Chef mitbringen?

Gehrig: Neben der fachlichen Qualifikation vor allem Bodenhaftung und Empathie. Große Feste, aufwendige Reisen, ein Champagnerfrühstück auf dem Eiffelturm, das passt nicht zu uns.

SPIEGEL: Letzteres soll ja Herrn Seidels Idee gewesen sein ...

Gehrig: Wir sind ein mittelständisch geprägtes Unternehmen, und dazu gehört eine gewisse Bescheidenheit. Manche haben das in der Vergangenheit mitunter vergessen. Fehler passieren. Aber ich erwarte, dass die Mitarbeiter zu ihren Fehlern stehen und mich informieren.

SPIEGEL: Wo hätten Sie sich mehr Bescheidenheit gewünscht?

Gehrig: Schauen Sie sich die Lidl-Filialen an, die wir im letzten Jahr gebaut haben, zum Beispiel in Osteuropa. Das sind teilweise riesige Glaspaläste. Aber diese überzogene Bauweise befremdet die Menschen dort. Außerdem passt sie nicht zu uns, und die Umsätze stehen in keiner Relation zum Aufwand. Hier brauchen wir wieder mehr Kostenbewusstsein.

SPIEGEL: Worauf achten Sie denn in einer Filiale?

Gehrig: Ich bin jetzt seit 46 Jahren in der Branche, ich spüre sofort: Stimmt es, oder stimmt es nicht. Wenn ich zum Beispiel diese großen Eingangshallen in manchen unserer neuen Märkte sehe, das ist doch Platzverschwendung. Bei uns zählt jeder Quadratzentimeter Regalfläche. Natürlich muss man die Filialen aufhübschen. Aber man muss nicht einen Fußboden rausreißen, der gerade einmal sieben Jahre alt ist, und dann einen neuen verlegen lassen, der nur ein paar Nuancen heller ist. Jetzt muss viel öfter sauber gemacht werden, weil der helle Boden schneller Schmutz annimmt. Darüber hätte man vorher nachdenken müssen.

SPIEGEL: Sie gelten ja als harter Hund ...

Gehrig: Nein, ich trage meine Vorstellungen nur engagiert vor. Und ich bin konsequent. Das ist ein Unterschied.

SPIEGEL: Sie werden firmenintern "der Killerwal" genannt.

Gehrig: Das habe ich noch nie gehört. Aber ich bin jemand, der die Dinge positiv sieht. Und der Killerwal ist ja ein hoch soziales Wesen, das im Team arbeitet ...

SPIEGEL: ... um kleine Robben zu töten.

Gehrig: Am Ende ernährt sich jeder irgendwie.

SPIEGEL: Können Sie einmal Ihre weiche Seite beschreiben?

Gehrig: Ich habe viel Mitgefühl. Besonders wenn ich mich von Mitarbeitern trennen muss. Aber es gibt Grenzen. Man kann so einen Job nicht machen, wenn man alle Probleme dieser Welt lösen will. Wir agieren in einem harten Wettbewerbsumfeld, da kann ich nur sagen: Entweder wir behaupten uns, oder wir sind weg vom Markt. Und glauben Sie mir, ich will ja auch, dass die Näherinnen in Bangladesch mehr verdienen.

SPIEGEL: Aber Sie profitieren doch von den niedrigen Löhnen dort.

Gehrig: Wenn ich morgen einen Euro mehr für ein T-Shirt verlange oder sogar nur 30 oder 50 Cent, dann kauft der Kunde das nicht mehr bei uns, sondern bei der Konkurrenz. Sie können Bangladesch nicht mit Deutschland vergleichen. Das Gehaltsgefüge stimmt nicht. Es kann nicht sein, dass eine Näherin dort so viel verdient wie ein mittlerer Beamter. Oder Rumänien: Dort bekommt ein Lidl-Filialleiter so viel wie ein Bürgermeister.

SPIEGEL: Macht Ihnen das alles kein schlechtes Gewissen?

Gehrig: Nein. Wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte, könnte ich diesen Job nicht machen. Wir können nur bedingt zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt beitragen.

SPIEGEL: Aber wir in Deutschland leben dadurch auf Kosten anderer.

Gehrig: Das stimmt! Allerdings sind wir Deutschen vielleicht ein bisschen fleißiger unterwegs als andere. Sie können nicht aus jedem Menschen einen Schwaben machen.

SPIEGEL: Sie werden nächstes Jahr 70 Jahre alt. Macht Ihnen der Gedanke an den Ruhestand Angst?

Gehrig: Nein, ich gehe ja nicht in Ruhestand. Aber ich stelle mir oft die Frage: Arbeite ich, weil ich nicht ohne Arbeit sein kann? Ehrlicherweise: ja.

SPIEGEL: Wann wollen Sie denn gehen?

Gehrig: Wenn der Inhaber sagt: Jetzt ist es an der Zeit! Ich entscheide das ja nicht. Wenn er morgen sagt: Lieber Klaus, das ist es jetzt gewesen. Dann sage ich: Vielen Dank, wir haben gerne, vertrauensvoll und erfolgreich zusammengearbeitet. Und dann bin ich morgen eben nicht mehr da.

SPIEGEL: Wäre ein freiwilliger Rückzug nicht ehrenhafter?

Gehrig: Was heißt ehrenhaft? Ich habe dem Unternehmen noch viel zu geben. Und ich habe von meinem Inhaber die Aufgabe bekommen, dass ich die nächsten zwei, drei Jahre meinen Nachfolger einarbeiten soll.

SPIEGEL: Wer ist denn ihr Kronprinz?

Gehrig: Es ist keiner benannt. Aber wir haben immer noch ein Ass im Ärmel. Wir haben hervorragende Leute. Ich beobachte verschiedene Menschen auf verschiedenen Positionen und biete ihnen die Chance, sich zu bewähren. Mal sehen, wohin das führt.

SPIEGEL: Herr Schwarz ist jetzt auch schon 77. Kommt er noch täglich ins Büro?

Gehrig: Ja, klar.

SPIEGEL: Was macht er den ganzen Tag?

Gehrig: Der ist gut beschäftigt, von morgens bis abends, glauben Sie mir.

SPIEGEL: Wir oft sprechen Sie miteinander?

Gehrig: Wir haben etwa alle drei Wochen einen festen Termin. Und wir telefonieren, wenn es notwendig ist.

SPIEGEL: Hat er noch immer bei allem das letzte Wort?

Gehrig: Selbstverständlich. Er ist der Inhaber.



insgesamt 6 Beiträge
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tailspin 19.04.2017
1. Flauschig weicher Kuschelpullover
Toll, ein richtiger Manager zum anfassen, der Herr Gehrig. Da werde ich richtig neidisch auf die Lidl Mitarbeiter.
geradsteller 20.04.2017
2. Bewerbung Profil
Wenn ein flauschiger Pullover und Empathie in der Kommunikation verlangt sind, dann bewerbe ich mich noch mal.
ein_verbraucher 20.04.2017
3. Geil....
Deutsche sind fleißiger....was ein quatsch. Wie wäre es mit "Der Michel nimmt alles ohne zu knurren und murren hin" ??
kevinschmied704 20.04.2017
4. nicht fleissiger
devoter! als andere, deutsche sind ihrem Chef gegenüber devot. egal ob es sinn macht oder nicht, was der Chef sagt und tut ist Gesetz. es gehört zur deutschen Tugend devot aufzutreten. das hat sich weltweit rumgesprochen.
niobe_craq 20.04.2017
5. Untertan
Heinrich Mann hat in seinem Untertan alles über den idealen Mitarbeiter gesagt.
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