AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2017

Liebesbriefe "In mir zittert und siedet alles"

Es geht um Macht, Eifersucht, Sex: Österreichische Historikerinnen haben Liebesbriefe aus mehr als hundert Jahren analysiert. Sie offenbaren auch, wie sich die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern verschieben.

Frimberger-Liebesbrief von 1874
Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Frimberger-Liebesbrief von 1874

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Wie sag ich's bloß, dieses "Ich liebe dich"? So wie Johann Georg Frimberger? Der schrieb seiner Maria Anna Seitz, es war das Jahr 1874: "Herzliebchen mein! Schau' ich Dein Götterantlitz lichtumwoben, aufflammend in der Schönheit Wunderpracht: Da däucht mir's wie ein Friedenshauch von oben, wie Himmelstroß, der glücklich-selig macht!"

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Heft 7/2017
Kippt sie?

Oder lieber derber, direkter? Wie Michael Löffler 1980 (Namen der Briefschreiber geändert): "Irene - deine Muschel, möchte aus ihr trinken - Wärme, meinen Schwanz hineinstecken, Zerbrechen, Ruhe, an deiner Brust saugen, albern, Pläne schmieden, Kopf anrennen - lachen. Beißen, Kratzen, Kneten. Kaum berühren. Nur ansehen - und wissen: Liebe. Du. Ich. Wir."

Etwa hundert Jahre liegen zwischen beiden Briefen. Die Sprache könnte unterschiedlicher kaum sein, das Thema jedoch ist universell: Es geht um Liebe - und um noch viel mehr. "Liebesbriefe haben großes Erkenntnispotenzial", sagt Christa Hämmerle von der Universität Wien. Den Beweis tritt die Wissenschaftlerin jetzt in einem Buch an, das sie mit Ingrid Bauer von der Universität Salzburg veröffentlicht hat.

Zusammen mit Kolleginnen analysierten die Historikerinnen Liebesbriefe aus der Zeit von 1870 bis in die Achtzigerjahre und leiten daraus eine Geschichte der Gefühle, der Geschlechterverhältnisse und des privaten Schreibens ab.

Der Liebesbrief gelte als der "intimste aller Textkörper", berichten die Forscherinnen. Liebe, Lust und Fürsorge, Eifersucht und Hass würden thematisiert, die "Sprache des Sexuellen" immer wieder neu erfunden.

"Spannend ist, wie in den Briefen der Wunsch nach authentischen Gefühlen mit den jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Normen ausbalanciert wird", sagt Bauer. Vom Bürgertum des 19. Jahrhunderts bis über die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinaus hätten politische Realitäten das Private stark beeinflusst.

"Uns ging es darum, die Geschichte der Liebe zu erweitern", sagt Hämmerle. Meist würden Liebesbriefe in der Hochkultur verortet; man denke an blumige Depeschen von Goethe, Schnitzler, Rilke. Doch auch Nichtliteraten verschriftlichten die Liebe.

Und was für ein Vergnügen! Hämmerle genoss es sehr, von ihrem Sofa aus tagelang in fremden Liebeswelten zu stöbern.

"Wenn man so eine Korrespondenz liest, dann ist das ein Eintauchen wie in einen Roman", sagt sie. Bauer wiederum schwärmt von der "haptischen Qualität" der Briefe, die sich im Liebesdialog ja nicht nur lesen ließen, sondern auch "küssen, riechen und unters Kopfkissen legen".

"Durch den Brief bekommt die Liebeserklärung noch mal eine andere Wertigkeit", sagt Bauer. Jedes Schriftstück sei ein Blick "ins Herz einer intimen Beziehung".

Wis­sen­schaft­le­rin­nen Häm­mer­le (links), Bau­er
Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Wis­sen­schaft­le­rin­nen Häm­mer­le (links), Bau­er

Die meisten Briefe stammen aus der "Sammlung Frauennachlässe" der Universität Wien. In braunen Pappboxen lagern die Preziosen dort in den Räumen des Instituts für Geschichte. Dicke Packen von Feldpostbriefen aus den Weltkriegen sind darunter, handkolorierte Bildpostkarten und unauffällige Kuverts, deren Liebesbotschaft unter der Briefmarke verborgen war. Schreiben unglücklich Verliebter sichteten die Forscherinnen genauso wie Zeugnisse heimlicher Affären. In Schönschrift verfasste Kunstwerke wie das von Frimberger fallen ins Auge, sorgfältig gebündelt und mit Zierbändern geschmückt.

"Verlobungskorrespondenzen" nennen die Historikerinnen solche Schriftstücke aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ging um die "bürgerliche Eheanbahnung". Und die war kompliziert. Profane Schwärmerei galt noch als "krankhafte Richtung des Gemüts", bei der sich "eine vernünftige Besinnung nicht Platz greifen kann" ("Meyers KonversationsLexikon"). Gefordert waren ernste Absichten - ein Balanceakt, vor allem für die Männer. Denn einerseits wurde von ihnen ein gekonnter Umgang mit Gefühlen erwartet. Nur jener Mann galt als "ganz", der auch "seine Gefühle zu kultivieren wusste".

Andererseits ging es darum, die Machtverhältnisse festzuklopfen. "Sei mein, wie ich mir's denke", so fasste Sigmund Freud den Grundtenor jener Zeit in einem Brief an seine spätere Ehefrau Martha Bernays zusammen. Was soll die Rolle der Frau sein in der Ehe? Wie kann das gemeinsame Leben gestaltet werden? "Dabei zeigten sich Ehemänner oft erzieherisch, bis dahin, dass sie vorschlugen, was die Frau lesen solle und wie sie den Haushalt zu führen habe", berichtet Hämmerle.

Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Schon die Sozialistin Clara Zetkin forderte in einer Rede vor Studierenden 1899 einen "weiblichen Vollmenschen", eine "ideale neue Frau", die ihre Erwerbstätigkeit mit der Kindererziehung verbinde.

Eine "Krise der Männlichkeit" begann, die sich auch schriftlich niederschlug. So musste Gustav Mahler feststellen, dass die junge Alma Schindler, in die er sich 1901 verliebte, tatsächlich selbst komponieren wollte - ein Affront.

"Wie stellst Du Dir so ein componierendes Ehepaar vor?", fragte er, "wie ist es, wenn Du gerade in ,Stimmung' bist, und aber für mich das Haus, oder was ich gerade brauche, besorgen sollst?" Er erinnerte Alma, sie habe einst geschrieben: "Ich will werden, wie Du es wünschtest, brauchst!" Diese Worte hätten ihn "tief beglückt".

Oder Henri Mandel, ein Berliner Nervenarzt, dessen Korrespondenz mit Mathilde ("Tilly") Hirschfeld Teil der Wiener Briefesammlung ist. "Dass Sie sogar den Gedanken hatten, Medizin zu studieren, finde ich schön, dass Sie es nicht getan haben, finde ich schöner", notierte Mandel, "der weibliche Arzt wird keine große Zukunft haben." Tilly, eine gut ausgebildete Fabrikantentochter, fügte sich in ihre klassische Rolle.

Doch der Kulturkampf um die "neue Frau" hatte begonnen. Zigaretten rauchend, mit Hose und Bubikopf, verwirrte die Frau den Mann bald nachhaltig. Ein emanzipatorischer Eiertanz begann, der im Umschwung der Sechzigerjahre vorerst gipfelte.

Bis dahin mussten die Liebenden noch zwei große Kriege bewältigen. Ihre Korrespondenz wurde wichtiger denn je, und zwar in einer zweifelhaften Rolle: Es galt durchzuhalten.

"Im Krieg wird die romantische Dimension der Liebe überhöht und noch mehr verklärt", sagt Hämmerle. Der Feldpostbrief habe zu Kriegszeiten den Stellenwert einer Waffe erhalten: "Er wurde instrumentalisiert und sollte den Kampfwillen der Soldaten stärken."

Tatsächlich verschränkten die Nazis Liebe und Volksgemeinschaft und feierten die treue, deutsche Soldatenfrau. Auch schon im Ersten Weltkrieg wurde den Frauen nahegelegt, "Liebesgaben" wie Socken oder Süßigkeiten an die Front zu senden. Die beigelegten Schreiben sollten "ermutigen", "Zuversicht" und "Lebensglauben" stärken sowie "schöne Blicke auf die Zukunft" bieten, heißt es in einer Unteroffizierszeitung aus dem Jahr 1916.

So manche Beziehung entstand überhaupt erst aus diesem "Liebesgabewesen". Feldpostadressen wurden herumgereicht, junge Mädchen angehalten, Soldaten aus der Heimatgemeinde zu schreiben. Ängste, Sorgen, Wut oder gar Kritik an den bestehenden Verhältnissen wurden dabei meist ausgespart, wohl auch wegen der Briefzensur, berichtet Hämmerle.

Briefbündel aus der "Sammlung Frauennachlässe" der Uni­ver­si­tät Wien
Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Briefbündel aus der "Sammlung Frauennachlässe" der Uni­ver­si­tät Wien

"Einmal schreibt ein Sanitäter im Zweiten Weltkrieg, es sei etwas Schreckliches geschehen, er schäme sich für die Menschheit", sagt die Historikerin. Sonst fand sie eher Durchhalteparolen und Kriegsbejahung in den Depeschen, allenfalls Andeutungen wie diese: "Heute nacht träumte ich von fremden Männern, die sich mir zu nähern suchten", schreibt Mathilde Hanzel im Oktober 1917 an ihren Mann an der Front, "es ist immer das bloß ein Ausdruck meiner Sehnsucht nach dir, die im Traume für mich quälend ist, wenn das Gehirn mir das Bild eines andren Mannes leiht."

Die eheliche Treue wurde schon im Ersten Weltkrieg zu einer Frage der Vaterlandsehre und erschien vor allem dann gefährdet, wenn Frauen Verhältnisse mit Kriegsgefangenen anfingen. Die "zunehmende sexuelle Mobilität der Soldaten" dagegen interpretierte die Staatsmacht als "Folge eines naturgegebenen und im Krieg potenzierten männlichen Triebverhaltens".

Die Habsburger Monarchie richtete sogar eigens Feldbordelle ein, euphemistisch als "sanitäre Erholungsstätten mit weiblichen Hilfskräften bei der Armee im Felde" betitelt. Bekennen wollte sich dazu indes kaum jemand. "Dass hier ein ganzes Babylon sei, weiß ich gar nicht", schrieb etwa der Anwalt Alfred Ertl 1917 an seine Anna, "es sind zwar sehr viele weibliche Hilfskräfte, und mag schon allerhand vorkommen, mir aber ist wenig hievon bekannt."

So wurde gerade zu Kriegszeiten per Brief am "Paarkosmos" gebastelt, um Beziehungen anzubahnen, zu entwerfen und Konzepte von Liebe und Ehe zu verhandeln. "Liebe sollte stärker und dauerhafter sein als der anhaltende Krieg und wirkte so wohl immer wieder als eine Art von Gegenmittel", sagt Hämmerle. Die Fünfzigerjahre wurden da fast zwangsläufig zum "goldenen Zeitalter der Familie".

Lange hielt das nicht. Eine neue Zeit brach an, ein Modernisierungsschub brachte die "Geschlechterverhältnisse stärker in Bewegung denn je", berichten die Forscherinnen. Hierarchien und Rollenkonformität wurden massiv infrage gestellt. Eine Zeit der Verunsicherung und Neuorientierung begann, die in den Liebesbriefen direkt formuliert wird.

"Ich habe mir Dich ausgesucht aus dem reichen Angebot", schrieb etwa die 15-jährige Karola Schmidt Ende der Sechzigerjahre selbstbewusst an den drei Jahre älteren Gernot Mehring. Der wiederum bereute es keineswegs, dass sich "die Emanzipation im Partnerangeln voll und ganz durchgesetzt" habe, "ganz im Gegenteil, wie Du weißt. Ich könnte jetzt wieder davon anfangen, wie schüchtern ich doch bin".

Eine "unbeschreibliche Verliebtheit" (Gernot), eine "Seligkeit, die ich bis dahin nicht kannte" (Karola) beschrieben die beiden und verhandelten nebenbei Elementares. Wer bin ich, und wer möchte ich sein? Welchen Raum gibt es für Gefühle und Erotik? Was ist mit Treue, Flirts, Eifersucht? Und sind wir nun "fest befreundet" oder "verliebt (oder sogar verlobt?!?)". Was ist also möglich außerhalb des "Masterszenarios Ehe", wie es Bauer nennt?

"Ab den Sechzigerjahren wird der Liebesbrief immer mehr zur Bühne für das eigene Ich", sagt die Historikerin, eine Bühne der Selbstreflexion, Selbstverwirklichung und "Arbeit an sich selbst".

Vom "Wir" zum "Ich" habe sich der Schwerpunkt der Briefe verschoben. Sich "schreibend zu entwerfen" sei ein "emanzipatorischer Akt" geworden, übrigens auch für die Männer. "Sie formulierten es als Befreiung", berichtet Bauer, "endlich die gesamte Bandbreite an Gefühlen leben zu können."

Und den Sex. Über Jahrzehnte hinweg hatte man die "schönen Stunden" verklausulieren müssen, berichten die Historikerinnen. Selten wurde es so eindeutig, wie 1942 bei Josef Wiesauer, als er einen Traum an seine "Franzi" formulierte: "Ich war bei Dir und alles, alles durfte ich tun was ich nur wollte ... und Lausi war so beschäftigt mit seinem Franzi, also wie beinahe Wirklichkeit. Aber der Enderfolg war das ich im Bette bald davongeschwommen wäre."

Für Erotik seien über lange Zeit hinweg fast ausschließlich Metaphern verwendet worden, berichtet Bauer. "Ich habe einen Heißhunger nach dir", heiße es da; "in mir zittert und siedet alles", oder "so werden wir morgen ineinander verschmelzen".

Ab den späten Sechzigerjahren jedoch ändere sich der Ton. "Begehren wird direkt sagbar", berichtet Bauer. Obszön allerdings wird es selten. "Es bleibt ein vorsichtiges Herantasten, wenn Verliebte über Sex schreiben", sagt die Historikerin.

Den größten Wandel der vergangenen 150 Jahre aber durchläuft der Liebesbrief wohl in den letzten Jahren, zumindest in seiner Form. Die schriftliche Liebe der Internetära haben Hämmerle und Bauer bislang kaum analysiert.

Was wird aus dem Liebesbrief, wenn er auf 140 Zeichen verkürzt oder nur noch elektronisch daherkommt?

Einen SMS-Austausch haben die Historikerinnen in ihr Buch aufgenommen. "Ich spüre, was für ein Geschenk Du in Deinem SoSein für mich bist - und ich spüre mein klopfendes Herz, mein vorsichtiges, stilles Staunen", schreibt Katja, geboren 1954, an ihren Christian. Und der: "Oh das macht mich glücklich, ich spüre, wie gut Du zu umarmen bist und drücke Dich liebevoll an mich :)".

Bauer und Hämmerle stimmt das Süßholzraspeln optimistisch. "Es stimmt, es hat einen radikalen Medienwandel gegeben", sagt Bauer, "aber das Bedürfnis, über Liebe zu schreiben, bleibt."

Die Forscherinnen erwarten sogar ein "neues Aufleben der Briefkultur, wenn auch in anderem Rhythmus". Bei Onlinepartnerbörsen zum Beispiel erlebe der klassische Liebesbrief, wenn auch elektronisch verfasst, geradezu eine "Renaissance".

"Sobald etwas Bedeutung gewinnt, braucht es auch die Materialität", sagt Bauer: "E-Mails lassen sich ja zum Glück auch ausdrucken."

Buchempfehlung: Christa Hämmerle und Ingrid Bauer (Hg.): "Liebe schreiben. Paarkorrespondenzen im Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts". Vandenhoeck & Ruprecht; 359 Seiten; 29 Euro.



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