AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Missbrauch und Kinderpornografie Die Abgründe des Linus Förster

Der Mann ist beliebt als Politiker, in seinem Freundeskreis. Jetzt kommt er vor Gericht: angeklagt wegen Missbrauchs von Frauen und dem Besitz von Kinderpornografie. Die Geschichte eines Abstiegs.

Landtagsabgeordneter Förster 2016: "Durchs Leben getobt wie eine ungezähmte Wildsau"
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Landtagsabgeordneter Förster 2016: "Durchs Leben getobt wie eine ungezähmte Wildsau"

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Als absehbar ist, dass er sein Leben ruiniert hat, macht der Mann - nichts. Er löscht keine seiner Festplatten, lässt den Computer nicht verschwinden. Deshalb können die Ermittler dann alles finden: die Bilder geschändeter Kinder und die heimlich gedrehten Filme, die ihn beim Sex mit Frauen und in einem Fall beim Missbrauch einer Frau zeigen.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Am 18. September beginnt vor dem Augsburger Landgericht die Hauptverhandlung gegen Linus Förster, 52, einen ehemaligen Landtagsabgeordneten der bayerischen SPD. Er ist angeklagt wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen, des Besitzes von kinderpornografischen Schriften, der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen, der vorsätzlichen Körperverletzung und der versuchten Nötigung. Försters Anwalt sagt, sein Mandant werde ein Geständnis ablegen.

Förster ist von allen Ämtern zurückgetreten, er hat die SPD verlassen, er sitzt seit Dezember in Untersuchungshaft. Er ist erledigt. Beruflich, privat. Egal wie die Strafkammer urteilen wird: Gesellschaftlich dürfte er wohl nie wieder Fuß fassen.

Wie kann ein Mann wie Linus Förster, der in seiner Partei so angesehen, in seinem Freundeskreis so beliebt war, derart abstürzen? Wie kann ein Mann, der als Mitglied zweier Bands von manchen Frauen angehimmelt wurde, jahrelang seine dunkle Seite perfekt verbergen?

Der Abstieg des Linus Förster ist die Geschichte eines Mannes, der wusste, was er tat, und doch seinen Trieb nicht beherrschen konnte. Es ist die Geschichte eines selbstverliebten Menschen, der offenbar irgendwann süchtig wurde nach einer perversen Art der Selbstbestätigung und keine Skrupel mehr zeigte.

Die Staatsanwaltschaft wirft Linus Förster vor, wehrlose, widerstandsunfähige Frauen sexuell missbraucht und dabei zum Teil mit einer versteckt installierten Kamera gefilmt zu haben. Manche von ihnen hatten auch freiwillig Geschlechtsverkehr mit ihm, manche konnten sich nicht widersetzen, weil sie zu betrunken waren. Auf Videos ist zu sehen, dass eine Frau apathisch war, weil sie Schlafmittel genommen hatte und sich nicht wehren konnte. Laut Anklage soll Förster zum Teil Zusammenschnitte seiner Videos erstellt haben, er nannte solche Dateien dann "Movie".

Linus Förster fliegt auf, als er im September vergangenen Jahres heimlich den Akt mit einer Prostituierten in deren Etablissement filmen will. Aber die Frau entdeckt die Kamera, weil ein Kontrolllicht des Geräts blinkt. Sie stutzt, wird wütend, zieht die Speicherkarte aus der Kamera. Es kommt zum Streit, auch zu einem Gerangel, eine Kollegin der Prostituierten eilt zu Hilfe, sie drohen mit der Polizei.

Da flieht Förster. Ohne die Speicherkarte.

Ihm muss in dem Moment klar sein: Wenn er nicht sofort handelt, daheim all die Dateien auf seinen Festplatten löscht, dann kann es gefährlich werden für ihn. Doch sein Selbstschutzmechanismus funktioniert nicht. Er unternimmt nichts.

Die Prostituierte bringt derweil den Chip zur Polizei und erstattet Anzeige wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen Persönlichkeitsrechte. Bei der Auswertung der Speicherkarte stoßen die Ermittler nicht nur auf das Video mit der Prostituierten, sondern auch noch auf zwei weitere Sequenzen. Sie zeigen sexuelle Handlungen an Frauen, die offensichtlich ohne deren Einverständnis gefilmt wurden.

Und sie zeigen das Gesicht des Täters.

Die Beamten stellen ein Porträtfoto des Mannes ins Internetforum des Polizeipräsidiums Schwaben. Wenige Wochen später meldet sich eine Polizeioberkommissarin: Sie kennt den Täter. Denn Linus Förster war mal ihr Freund. Fast acht Jahre lang waren die beiden ein Paar.

Als die Ermittler auf ihn zukommen, verhält Förster sich kooperativ. Die Beamten durchsuchen seine Privatwohnung in Augsburg und finden in jedem Zimmer eine versteckte Kamera. Sie durchsuchen auch sein Büro in der Augsburger SPD-Zentrale und das im Bayerischen Landtag: alles penibel aufgeräumt, Förster scheint ein sehr ordentlicher Mensch zu sein. Die Ermittler wundern sich, dass er genauso penibel auch all die üblen Dateien und Ordner sortiert hatte, die ihn in den Abgrund stürzen sollten.

Die Ermittlungen werden in Försters Umfeld bekannt, man tuschelt über missbrauchte Frauen, Videos, versteckte Kameras. Seine Freunde fragen ihn: Ist da noch mehr? Hast du noch mehr Geheimnisse?

Förster verneint.

Wenig später kommt doch etwas. Die Freunde sagen, dass es schlimmer sei, als sie sich hätten vorstellen können. Wochenlang werteten die Fahnder aus, was sie bei Förster beschlagnahmt hatten, darunter eine selbst gebrannte CD mit der Aufschrift "Erotic Met Art 15 Peter Safty!", sieben externe Festplatten, zwei Serverfestplatten. Auf ihnen sind auch 814 kinderpornografische Fotos sowie 524 kinderpornografische Videodateien gespeichert.

Förster hat diese Bilder offenbar nicht weiterverbreitet, sie nicht mit anderen ausgetauscht; aber allein durch die Anzahl könne man ihn "rechtlich zukleistern", sagt ein Strafrechtler. Förster müsse mit einer längeren Haftstrafe rechnen.

Linus Förster will vor Gericht ein Geständnis ablegen. Er will versuchen, Erklärungen zu geben. "Er sucht keine Ausflüchte", sagt sein Verteidiger Walter Rubach. Der Fall sei "atypisch". Mehr will der Rechtsanwalt vor Prozessbeginn nicht sagen.

Försters Umfeld ist schockiert, viele Bekannte und Parteikollegen haben sich abgewandt. Seine Familie, seine engsten Freunde würden ihn gern verstehen, tun es aber nicht. Manche besuchen ihn in der Haft. Er schreibt einmal im Monat einen Rundbrief an alle und einmal im Monat jedem Einzelnen.

Der Vorwurf, er habe sich an Bildern von Kindern ergötzt, wiegt am schwersten - für ihn, für seine Lebensgefährtin, für all jene, die ihn seit Jahrzehnten kennen.

Linus Förster wuchs als jüngstes von drei Geschwistern auf. Der Vater, ein Polizeibeamter, engagierte sich im Personalrat, in der Gewerkschaft und als Jugendbeamter. Linus Förster bewunderte ihn, eiferte ihm nach. Gerade volljährig wurde er selbst Mitglied der SPD, mit 23 hatte er es, wie einst sein Vater, zum Vorsitzenden des Stadtjugendrings Augsburg gebracht. Linus Förster war auf dieses Ehrenamt besonders stolz.

Förster studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaft, promovierte, arbeitete als Unternehmensberater und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Augsburg. 2003 zog er als Abgeordneter in den Bayerischen Landtag ein. Ab 2005 gehörte er zum Landesvorstand und Präsidium der Bayern-SPD, 2014 wurde er Bezirksvorsitzender in Schwaben.

Seine Parteikollegen schätzten Förster, den Berufsjugendlichen, wie manche ihn nannten. Er pflegte ein betont lässiges Auftreten, eine unkomplizierte Art. Einmal riet ihm ein Parteifreund, doch endlich erwachsen zu werden, ein bisschen seriöser aufzutreten. Aber Förster hielt das für spießig, er wollte unkonventionell bleiben, anders als all die anderen.

Vielleicht ließ er sich deshalb auch "Linus" nennen, obwohl er in Wahrheit "Heinrich" heißt.

Jene, die ihn nicht leiden konnten, lästerten über den "Möchtegern-Sonnyboy". Aber viele mochten ihn, seine Art zu begeistern, zu motivieren. Er kam über Parteigrenzen hinweg mit vielen klar, vermittelte, glich aus.

Förster saß gern mit anderen am Lagerfeuer, sang und spielte Gitarre, oder kochte gemeinsam mit Freunden in großer Runde. Er war für viele Partys ein Gewinn, ein amüsanter Entertainer. Er stand oft im Mittelpunkt und genoss es. Viele Frauen fanden ihn hinreißend, manche erlagen seinem Charme komplett. Wenn er mit seinen Bands "Hopfenstrudel" oder "Real Deal" auf der Bühne stand, die Gitarre um den Hals, jubelten sie ihm zu. Und warteten dann auf ihn im Backstagebereich.

"Der ist durchs Leben getobt wie eine ungezähmte Wildsau", sagt einer, der Förster gut kennt. Das gelte vor allem für Försters Privatleben, er soll oft mit zwei, drei Frauen gleichzeitig Liebschaften unterhalten haben. Er liebte lockere Beziehungen und scheute offenbar Verpflichtungen. Nur selten hatte er eine feste Partnerschaft wie mit der Polizistin.

Einige Freunde zogen ihn mit seinen Frauengeschichten auf - und warnten ihn: "Irgendwann fliegt's dir noch um die Ohren!"

Doch mit heimlich gedrehten Filmen haben sie nicht gerechnet. Förster hat auch die Videos weder weiterverbreitet noch herumgezeigt, was juristisch schwerer wiegen würde. Er hat sie gesammelt, wie andere Briefmarken oder Schmetterlinge sammeln.

War er stolz darauf? Brauchte er das, um sein Ego zu stabilisieren?

Die Polizei verhaftete Linus Förster in einer psychosomatischen Klinik in Bad Griesbach bei Passau. Es war nicht das erste Mal, dass er in einer Therapieeinrichtung Hilfe suchte. Förster kannte sein Problem. Er wusste, dass er Grenzen überschritt.

Bekannte hatten ihm seit Jahren gesagt, er müsse sich seinen Ängsten stellen: der Angst vorm Altwerden, der Angst vor einer festen Bindung. Dass nur er älter wurde, seine Freundinnen aber stets jung waren, ließ man ihm durchgehen. "Doch es waren trotzdem immer erwachsene Frauen!", sagt ein Freund fast verzweifelt.

Warum aber die Kinderpornografie?

Dass Förster am Ende nicht versucht hat, die Beweise zu löschen, tröstet den Freund. "Jeder rational Handelnde hätte all das kompromittierende Zeug zunichtegemacht", sagt er.

Als wäre alles nur halb so schlimm, wenn sein Freund verrückt wäre.



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