AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Literaturphänomen Was macht den Wald zum Sehnsuchtsort?

In deutschen Buchhandlungen ist ein erstaunliches Phänomen zu beobachten: Seit einiger Zeit quellen sie über von Waldbüchern. Was sagt das über unsere Burn-out-Gesellschaft?

Sehnsuchtsziel Wald: "Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind"
Kilian Schönberger

Sehnsuchtsziel Wald: "Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind"

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So geht es nicht weiter. Es fehlt das Grün, das Licht, die Ruhe und die Harmonie. Raus aus diesen kalten, dunklen Straßenschluchten, rein in den Wald. Die Tische in den Buchläden biegen sich unter grünen Titeln. Was ist da los? Was ist das Wald-Geheimnis?

Eine wahre Waldbuchflut strömt seit einer ganzen Weile in die deutschen Buchhandlungen und von dort in die lesende Welt. Neue Bücher, alte auch.

Das Urbuch der großen Waldsehnsucht ist schon vor mehr als 150 Jahren in Amerika erschienen. Es kommt noch heute in immer neuen Ausgaben und Auflagen heraus: "Walden oder Leben in den Wäldern", der Bericht des amerikanischen Philosophen H. D. Thoreau über sein Leben in einer Waldhütte. In die Einsamkeit der Wälder von Massachusetts trieb ihn Mitte des 19. Jahrhunderts der Überdruss an der gestressten, vollen Welt: "Wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander. Gewiss würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen."

Ja, das würde wohl genügen, denken viele, die sich morgens in die U-Bahn stopfen, gehetzt irgendwo ihre Kinder abgeben, weiterhetzen, immer an irgendwelche Fremden stoßen, den Blick nach innen, auf Displays, nur nicht die Welt sehen, wie sie ist.

Reisen wir durch die Fluchtbücher unserer Zeit. In die Buchwelt des deutschen Welterfolgsautors Peter Wohlleben, in den echten Wald eines bärtigen Philosophen und in sein kleines Haus am Rand unserer Welt, in die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre lang in den Wäldern von Maine verschwand, von niemandem gesehen, von niemandem berührt. Und zunächst aber zur Geschichte einer recht normalen dänischen Familie.

Frau, Mann, vier Kinder. Die frühen Träume haben sich irgendwie nicht ganz erfüllt. Jetzt hetzen sie durch ihr Leben, "Alltag war Bildschirme, war nie genug Geld haben, nie, nie, nie genug Zeit haben." Es ist nicht so, dass sie rausgefallen wären aus dem System. Sie sind durchschnittlich, das heißt halb erfolgreiche Akademiker, mit Kompromissen zufrieden, weil es keine Wahl gibt. Unerfüllter Wunsch legt sich auf unerfüllten Wunsch, und irgendwann liegen sie unter dem Berg der eigenen Unzufriedenheit begraben und japsen nach Luft.

"Wir waren die Hilflosen. Wir waren die Verlorenen. Wir haben nie den richtigen Durchbruch als Künstler geschafft, waren nie wirklich unser eigener Chef. Wir waren Versager. Wir konnten eigentlich gar nichts und hatten das Gefühl, man müsse alles können."

Irgendwann haben sie gedacht, dass es vielleicht nicht an ihnen liegt. Dass sie vielleicht gar keine Versager sind. Dass dieses permanente Gefühl des Ungenügens in dem Leben, das sie führen, nie enden wird. "Wir müssen Unmengen an Geld ranschaffen, um einen gewissen Standard zu halten, um den Job zu behalten und machen zu können, was alle machen. Das ist verdammt frustrierend."

Schließlich ist die Verzweiflung groß genug, und sie ziehen in den Wald. Sie nehmen Kontakt auf zu einem Typen, der sich "Kapitän" nennt und selbst allein und abgeschieden in einer Hütte in den Wäldern Schwedens lebt. Der Besitzer dieses Waldes, Millionär und Menschenfreund, erlaubt ihnen, sich in der Nähe des "Kapitäns" niederzulassen. Sie werfen Rentenbescheide, Kontoauszüge, Versicherungspolicen, alles, alles weg, melden die Kinder von der Schule ab und lösen alle Fesseln. Hinein ins Grün! Wald, wir kommen!

Es wird natürlich vor allem grauenvoll. Andrea Hejlskov, Mutter, Ehefrau, von Beruf Kinderpsychologin, hat das alles aufgeschrieben. Zunächst in einem Blog, dann als Buch: Sie und ihre Familie, sie sind überhaupt auf gar nichts vorbereitet. Ja, gelesen und vorbedacht und gut geplant haben sie eigentlich alles. Aber die grüne Wirklichkeit ist von enormer Andersartigkeit als die Fantasie und die Träume.

Sie wollen eigentlich das ganze Jahr über im Zelt leben. Später wollen sie eine eigene Blockhütte bauen. Bäume fällen, vom Wald und selbst angebautem Gemüse leben. Doch es ist alles unendlich mühsam, matschig, kalt und schwer. Wie die Wäsche waschen? Was kochen? Wohin mit dem Müll?

Waldkenner Wohlleben: "Das alte Uhrwerk der Natur"
Marmara/Le Figaro/laif

Waldkenner Wohlleben: "Das alte Uhrwerk der Natur"

Hippieträume - vom grünen Meer sofort zurückgewiesen. "So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir hätten bei Sonnenschein ankommen sollen, mit geöffnetem Sonnendach und Blumen im Haar."

Alle hatten sie gewarnt. Das wird nichts. Ihr seid verrückt. "Ihr müsst realistisch sein", hatte der Direktor gemahnt, als sie die Kinder von seiner Schule abmeldeten. Sie wollten aber nicht mehr realistisch sein, so wie alle um sie herum, realistisch und frustriert. Der neue Frust ist wenigstens selbst gewählt. Na ja, nicht von allen. Die Kinder sind schon nachhaltig geschockt, vor allem über den Verlust ihrer leuchtenden elektronischen Endgeräte. Aber die Kinder sind auch am anpassungsfreudigsten. Sie finden ihre Aufgaben und ihren Platz im Wald. Manchmal, sekundenlang, ist echtes Glück da. Harmonie aller mit allem. Das, wofür sie in diese ganze verdammte Undurchdringlichkeit gezogen sind. Zwei Jungs am Fluss, Sonne, sie suchen schöne Steine, dann sitzen sie Schulter an Schulter am Wasser, eine sehr blaue Libelle im Licht. Die Mutter schaut und denkt: "Für diese Momente lebte ich im Wald. Für diese kurzen Einblicke in die Ewigkeit - wie in der Hängematte. Den Rest der Zeit hatte ich Angst."

Angst und Kopfschmerzen und Unzufriedenheit. Man nimmt sich eben selbst mit in den Wald. Andrea Hejlskov ist frustriert vor allem darüber, dass sie die ganze Hausarbeit machen muss, die ohne jedes Hilfsmittel natürlich wahnsinnig kräfteraubend und zeitaufwendig ist. Ihre Leistungen bleiben unsichtbar, ungewürdigt. Der Mann fällt Bäume, handwerkert, redet mit dem "Kapitän" über die kommende Revolution und ist ganz und gar bei sich.

Alles wie draußen in der Waldesferne? Nur der Mann ist glücklich? Es ist ziemlich toll, wie erschütternd realistisch Andrea Hejlskov ihre Waldtraumverwirklichung beschreibt. Es wird halt immer kälter, dunkler, feuchter, anstrengender. Irgendwann kommen auch noch Jünger, Waldsehnsüchtlinge aus der Stadt dazu, die Hejlskovs Blog gelesen haben und auch frei sein wollen und die dänische Waldfamilie als Gurus betrachten und eigene Zelte in der Nähe aufschlagen. Die Kinder fordern Privatsphäre, Elektrizität, Internet, Bad. Der "Kapitän" ist auch etwas verrückter als gedacht, und so geht die ganze schöne Waldutopie dahin.

Aber sie waren eben wirklich verzweifelt, vorher in der Stadt, und sie sind zäh. Sechs Jahre bleiben sie in der Wildnis. Heute leben sie immer noch im Wald, aber jetzt weiter südlich, in milderem Klima. Sie haben ihren "Traum quasi immer mehr verfeinert", sagt Andrea Hejlskov. Sie haben Solarzellen auf dem Dach und einen Brunnen vor der Tür. Eine Kompromisswildnis.

Aber auch schon Thoreau ließ sich in sein Einsamkeits-Hüttchen jede Woche Leckereien von der nicht allzu fern lebenden Familie auf den Tisch bringen. Man muss den Wald nicht übertreiben.

Waldbewohnerin Hejylkov in Osby 2016: Das Leben wurde anstrengender als gedacht
www.mairisch.de

Waldbewohnerin Hejylkov in Osby 2016: Das Leben wurde anstrengender als gedacht

So wie der Waldradikale Christopher Knight. Der Mann, der im Wald verschwunden war, 27 Jahre lang. Niemand hat ihn in der Zeit gesehen. Er hat nicht geredet, niemanden berührt, er hat die ganze Zeit über in einem Zelt gelebt, gar nicht weit entfernt von einer Blockhaussiedlung an einem See. Am Rand der Zivilisation und doch unsichtbar für die Welt.

Man ahnte, dass es ihn gab. Er klaute sich all die Jahre seine Lebensnotwendigkeiten zusammen. Brach immer wieder in Ferienhütten ein, stahl Lebensmittel, Bücher, Gasflaschen, alles, was er brauchte. Mehr als 1000 Einbrüche hat er in der Zeit verübt. Ohne erwischt oder auch nur gesehen zu werden. Bis man ihn schließlich eben doch erwischte. Das Phantom.

Christopher Knight. Er redet nicht, als sie ihn schnappen. Seit wann er im Wald lebe, wollen sie wissen. Die letzte Radionachricht, an die er sich erinnert, vor seiner Waldzeit, war das Reaktorunglück von Tschernobyl. Das war 1986.

Aber nicht deswegen ist er in den Wald geflohen. Nicht aus Angst vor Radioaktivität, nicht aus Protest. Sondern: einfach so. Er wollte nicht dazugehören. Er funktionierte nicht so richtig in der Gesellschaft. Er wollte allein sein.

Sie haben um Botschaften gebeten, nachdem sie ihn endlich gefangen hatten. Um Weisheiten, die er aus dem Wald doch mitgebracht haben musste. Wofür lebt denn einer so lange in der Abgeschiedenheit? Da muss doch etwas bei rauskommen, für uns alle. Doch es kam nichts heraus. Oder genauer: Stille.

Und "Der Ruf der Stille" hat der amerikanische Journalist Michael Finkel sein Buch genannt, in dem er den Weltflüchtling Christopher Knight beschreibt.

"Mr Ordinary" haben sie Knight genannt, nachdem sich die Menschen enttäuscht von ihm abgewendet hatten, als klar war, dass er endgültig keine Botschaften zu verkünden hat. Schon auf dem Foto im Highschool-Jahrbuch sah er so aus: einer wie wir. Durchschnittlich. Unauffällig. Normal.

Das ist das Atemberaubende an Finkels Buch: diese leise Gewöhnlichkeit des Christopher Knight. Langsam, sacht und behutsam nähert sich der Autor dem stillen Waldmenschen an. Besucht ihn im Gefängnis, später, als er einen Job hat, in der Autowerkstatt seines Bruders. Bis zum Schluss reden sie nicht wirklich viel. Aber einmal ist er ihm ganz nah. Knight hat ihm ein leises, trauriges Geständnis gemacht, und Finkel schreibt: "Knight kann also doch mit einer anderen Person interagieren, und zwar in der denkbar offensten und verletzbarsten Weise. Und dies ist der Moment, in dem ich zumindest annähernd nachvollziehen kann, warum Knight damals in den Wald verschwand. Er tat es, weil die Welt keinen Platz hat für Menschen wie ihn. Er war nicht glücklich in seiner Jugend - nicht auf der Highschool, nicht auf der Arbeit, nicht, wenn er unter Menschen war. Es machte ihn fortwährend nervös. Es gab keinen Ort für ihn, und statt weiter zu leiden, ergriff er die Flucht. Es war weniger ein Protest, mehr eine Suche. Er war ein Flüchtling vor der Gattung Mensch. Der Wald gewährte ihm Unterschlupf.

"Ich habe es getan, weil die Alternative war, zutiefst unzufrieden zu sein", sagt Knight. "Ich fand einen Ort, an dem ich zufrieden leben konnte."

Bis es damit vorbei war. Klar, er hat gestohlen, immer wieder gestohlen, in Hütten geklaut, Dinge genommen, die ihm nicht gehörten, für die andere gearbeitet, Kompromisse gemacht hatten, die er nicht machen wollte. Trotzdem ist es erschütternd zu lesen, wie sich die Gesellschaft an so einem rächt. An einem, der einfach nur nicht dazugehören will, auf einem Planeten, der keinen Ausweg kennt. Weggesperrt, Gefängnis, Besuch empfangen hinter einer Glaswand, reden über Telefon. Du willst Isolation? Du kannst sie haben!

Trotzdem wird er sich im Gefängnis immer noch freier fühlen als in der Zeit danach, in der sogenannten Freiheit da draußen. In Freiheit merke er, wie unfrei er sich fühle, sagt er zu Finkel. Es gibt auch keinen Weg zurück in den Wald. Das ist vorbei für ihn. Finkel schreibt: "Er ist sich des bodenlosen Unsinns bewusst, der die Welt erfüllt, und hat beschlossen, so wie die meisten von uns, ihn einfach zu ertragen, es zu versuchen. Er scheint aufgegeben zu haben. Es ist vernünftig, aber es ist herzzerreißend."

Mr Ordinary wird mit aller Gewalt wieder in die Gesellschaft eingefügt, der er entkommen wollte. Die normale Dänenfamilie erkämpft sich einen Kompromiss am Rand.

Wald ist Widerstand. Das hat auch schon der zärtliche Waldphilosoph Thoreau gewusst. Noch vor seinem Einsamkeitsbuch hatte er seinen berühmten Aufruf "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" veröffentlicht. Sein flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit des Einzelnen von einem unlauteren, die Sklaverei ermöglichenden Staat. Wald war für ihn Fundamentalopposition und Glück. Ein schwieriges Glück, Kampfglück. Kein geschenktes. "Wie niedrig auch dein Leben sein mag, tritt ihm entgegen und lebe es! Weich ihm nicht aus und gib ihm keine Schimpfnamen! Es ist nicht so schlecht wie du", schrieb Thoreau. Und appellierte an alle Waldsehnsüchtlinge der Welt: "Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind."

Das konnte auch schon damals als ein Ermahnungsruf über den Atlantik gelesen werden an die deutschen Romantiker, die in entschlossener Weltabkehr dem Wald entgegenseufzten. In traumschönen Versen, wie der Dichter Joseph von Eichendorff: "Waldeinsamkeit / Du grünes Revier / Wie liegt so weit / Die Welt von hier!/ Schlaf nur, wie bald / Kommt der Abend schön,/ Durch den stillen Wald / Die Quellen gehn." Oder Adalbert Stifter in einem der schönsten Waldtexte der Weltliteratur, der Erzählung "Der Hochwald" aus dem Jahr 1842. Dunkler, geheimnisvoller, einsamer, sehnsuchtsvoller ist kaum je der Wald beschrieben worden als hier, in dieser Geschichte aus dem unberührten Böhmerwald zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. "Wie ein schöner Gedanke Gottes senkte sich gemach die Weite des Waldes in ihre Seele", schreibt Stifter. Der Wald ist der Schutz vor der Welt, dem Krieg, jeder bösen Macht da draußen. Man muss nur tief genug hineingehen, zuhören, leise sein. Der Waldzauber klingt so: "Alles spricht, alles erzählt, und nur der Mensch erschaudert, wenn ihm einmal ein Wort vernehmlich wird." Aber am Ende geht trotz schützenden Waldes die Burg in Flammen auf.

Ist der Wald nur eine Schimäre, eine grüne Projektion überforderter Stadtmenschen immer schon? Klar. Aber nebenbei gibt es ihn wirklich. Zum Beispiel auf den alten apokalyptischen SPIEGEL-Covern aus den Achtzigerjahren, den Saure-Regen-Jahren: "Der Wald stirbt", "Der Schwarzwald stirbt" waren die panischen Titelzeilen damals.

"Hier muss ich die Hefte doch irgendwo haben", murmelt suchend der Schriftsteller, Philosoph und Waldbewohner Ulrich Holbein aus einer Papierecke oben unterm Dach seines Waldhäuschens im Knüllwald.

Irgendjemand hatte ihm vor ein paar Jahren sämtliche SPIEGEL-Ausgaben, rot gebunden, hier in den Wald gebracht. Und Holbein findet sich erstaunlich schnell in diesen roten Türmen zurecht. Ob er die ganzen alten Zeitungsstapel nicht mal einfach wegwerfen wolle? "Aber nein! Sehen Sie, gleich hier!" Ein vergilbtes "Zeit"-Feuilleton liegt obenauf: "Den Schelling-Artikel muss ich unbedingt noch lesen."

Philosoph Holbein: "Lass alle Sterne unter dir!"
Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Philosoph Holbein: "Lass alle Sterne unter dir!"

Willkommen im Knüllwald. Am Rand von nirgendwo, südlich von Kassel. Ein kleines Haus, da, wo der Wald anfängt, überwuchert von Efeu, ein Wildbach führt direkt am Haus vorbei, ein grün vermooster Briefkasten am Anfang des schlammigen Pfades, der zum Haus führt, steht offen. Ulrich Holbein, Walddandy, Philosoph, Schriftsteller in hellgrünem Sakko, wartet schon. Holbein ist Waldpraktiker und Waldbewohner. Keiner, der mal kurz den Wald erfühlt und dann grüne Sehnsuchtsbücher schreibt. Seit 30 Jahren lebt er hier.

Als Sechzehnjähriger hatte er Thoreaus "Walden" gelesen, sich außerdem in den Schlager "Oh My Darling Caroline" verliebt - "In Montana, in den Bergen / steht ein Haus am Waldesrain / und dort war'n wir froh und glücklich / ich und meine Caroline", sang Ronny. Dann noch "Doktor Schiwago" im Kino gesehen, "da blühte und glühte ein einsames Tusculum mit sensibler Traumfrau, märchenhaft eingebettet in russischen Winter und Revolutionshorror, Urbild für jedes Knüll-Idyll".

Dann kam er irgendwann hierher, hat eine Weile in einer Art Kommune etwas weiter oben in einem Bauernhaus gelebt, die verflüchtigte sich in alle Richtungen, und er fand hier dieses Hexenhäuschen für sich. Ein Imker hatte es gebaut, hatte keinen gefragt, einfach gebaut, schließlich erweitert, um ein weiteres Stockwerk, ein Bienenhaus gleich daneben. Irgendwann kam ein Ortsvorsteher und meinte, das sei ja illegal, und das koste 50 Mark. Hatte der Imker nicht, durfte es aber in Honiggläsern abbezahlen, dann war es legal. Jetzt gehört es Ulrich Holbein.

Der hat, wo früher die Bienen lebten, auch Papier angehäuft. Papier auf Papier. Drin im etwas verfallenen Bienenhaus leuchtet eine blaue Altpapiertonne. Er finde es eine Unart, dass man heutzutage in den Häusern der Leute erst mal von Mülltonnen begrüßt werde. Deshalb habe er seine hier versteckt. Aber Papier werfe er ohnehin nicht weg. All die alten Zeitungen. Man wisse nie, was man noch mal lesen wolle.

Ulrich Holbein ist ein sanfter Mann. Er redet leise, weiche Stimme. Er hat sehr viele Bücher geschrieben, früher bei Suhrkamp, über die Stille, Philosophen, Romantik. Vor vielen Jahren hat er im SPIEGEL einen sehr lustigen, bösen, spöttischen Text über Sloterdijk gebracht. Das kam nicht überall gut an. Bei Suhrkamp zum Beispiel.

Eines seiner besten Bücher hat er über Narren geschrieben, Philosophen, Wracks, Diktatoren, Baumfrauen, Musen, Snobs und Zickzackdenker, es erschien unter dem Titel "Narratorium" im Ammann-Verlag, den es auch schon nicht mehr gibt. Eines seiner letzten Bücher, "Mehr Grün!", erschien bei einem Verlag namens think-oya.

Man kann schon auch verloren gehen, hier so abseits von der Welt. Einmal die Woche kommt ein fahrender Supermarkt vorbei. Menschen eigentlich nicht. Aber Nachbarn hat er. Die Familie Laabs. Der Kampf zwischen unserem Waldautor und den Eingeborenen nebenan ist der Kampf unserer Zeit. Ulrich Holbein hat ihn in einem Text namens "Knüll-Idylle" so beschrieben: "Hier tobt der ewige Kampf zwischen Gemüsegarten und Blumenwelt, zwischen Frau Saubermann und Dr. Chaos. Kampf zwischen französischem Garten, der zur Nutzfläche pervertierte, und englischem Garten, den ich zum sinnvollen Urwald weiterdachte. Hochgerüstete Landfrau motorisierter Neuzeit versus natursüchtigen Städter und dessen naturmystischer Zuspätromantik! Maschinenpark versus archaischen Anti-Ackerbau. Kampf zwischen Lebenlassen und Trockenrasur. Frau Laabs und ich gehören zusammen wie Materie und Geist, Versorgungstrakt und Überbau, Technik und Natur. Kampf zwischen botanischem Laisser-faire und autoritärer Erziehung: Da kimmt doch der Donner druffe!!! Noch so'n Wort unds Fernsehn is widder gestrichen für heude!!! Wenn de nich uffheerst - ich hau dir'n Kopp ab, Freund!"

So Holbein schriftlich. Jetzt steht er hier im lichtgrünen Sakko, fragender Blick, rührt die Hände, streicht den Bart. Man hört sie gar nicht, die Familie Laabs. Ja, manchmal ein Bellen. Aber so sei das eben, meint der Waldmann. Hier in der absoluten Stille entwickle sich eben eine ganz andere Empfindlichkeit als zum Beispiel in Berlin. Da pegle man das weg. Hier dagegen, in seiner Knüll-Stille: jedes Flüstern ein Krach! Er hat schon lange Briefwechsel mit dem Ohropax-Erfinder geführt über die Frage, wie absolute Stille herzustellen sei. Vergebens.

"Hier", er deutet auf die Wiese vor seinem Efeuhaus, zwei verrostete Tore stehen herum. "Wie viele Jahre Schreiben mich dieser Fußballplatz schon gekostet hat", klagt er. Im Ernst? Wie oft spielt denn hier jemand? Weiß er gar nicht genau. "Selten." Das ist doch wohl verrückt, hier schon seltensten Fußballspaß zu verdammen. Er will doch nicht zum Weltfeind werden, aus lauter Lärmempfindlichkeit? Und wir erinnern ihn an das Oscar-Wilde-Märchen vom "selbstsüchtigen Riesen", in dem der Riese die spielenden Kinder aus seinem Garten vertreibt, um seine Ruhe zu haben. "Stimmt", sagt Holbein, und er erzählt, dass er das Märchen als kleiner Junge gelesen und sofort als Comic gezeichnet habe. Er suche das gleich mal raus.

Später, im Haus, wird er ihn nicht finden, den frühen Comic. Wir stehen erst ein wenig in der Küche herum. Die Decke ist so niedrig, dass man fast mit dem Kopf anstößt. Holbein sagt, er würde ja zum Sitzen einladen, er glaube aber, der herumstehende Stuhl werde zusammenbrechen. Ein Stockwerk höher: Bücher, Bücher und Bücher, mal steht ein Schreibtisch herum, dann wieder Bücher. Meist nach Farben sortiert. Es gibt ein grünes Regal, mit den Waldbüchern, Baumbüchern, grünen Philosophen. In einen Raum muss man durch ein Fenster klettern. Und auf der anderen Seite durch ein Fenster wieder hinaus. Eine Tür hatte der Imker hier nicht bedacht oder nicht gewollt. Holbein erzählt von seiner Weltchronik, an der er arbeitet. Eine umfassende Weltgeschichte, in der der Mensch natürlich leider nur ein kleines Kapitel einnimmt: "Jahrmilliarden vergangener Phasen und Welten rauschen vorbei, als Festumzug im Eildurchlauf, zwischen Urknall und Kosmos-Kollaps. Beschleunigte Teilchen gehen auf Weltformelsuche", schreibt er in seinem Exposé.

Wir stehen, gehen, klettern durch sein Haus. Wir lesen in alten Tagebüchern, "Die grüne Erleuchtung" heißt eins. In den meisten Zimmern ist es kalt, in einem brennt ein Holzfeuer im Ofen.

Er erzählt, dass er einen Winter lang gar kein Feuer gemacht habe. Für ihn ist die Natur, der Wald, beseelt. Er schreibt von Waldelfen, Waldgeistern, er wollte da auf Nummer sicher gehen und kein Holz verbrennen. Aber da hat er Rheuma bekommen, und dann hat ihm zum Glück jemand gesagt, dass durch das Verbrennen von Holz die Geister nicht etwa verbrannt, sondern freigesetzt, also befreit, würden. Jetzt heizt er mit gutem Gewissen.

Ulrich Holbein ist ein friedlicher Mann. Spinner, ja vielleicht, wie alle weisen Leute. In dem klugen Buch "Weltverschönerung" hat er "elf grüne Gebote" aufgeschrieben. Im zehnten heißt es: "Geh in die Unendlichkeit ein und frag nicht dauernd nach der Uhrzeit! O Mensch, werde wesentlich! Sei da, sei du! Blüh auf, entseelter Atheist! Drum Tauwind und Daowind ins Winterland! Erst übertreiben, dann langsam steigern! Lass alle Sterne unter dir! Vergiss die Meinungen, vergiss die Zeit und erhebe dich ins Grenzenlose..."

Das ist der Waldspirit des Ulrich Holbein. "Lass alle Sterne unter dir!" Der Waldspirit der Weltüberdrüssigen. Der Überforderten und Beleidigten.

Der Ruhesucher in unserer Epoche der großen Gereiztheit, der totalen Beobachtung und Überwachung. Fluchtpunkt unserer Zeit. Der amerikanische Autor Dave Eggers hat in seinem politischen Fanalroman "Der Circle", in dem er die vollendete Überwachung von uns allen durch einen großen Technologiekonzern schildert, seinen letzten Helden, Mercer Medeiros, in den Wald fliehen lassen. Der letzte Widerständler sucht Schutz in einer einsamen Waldhütte, letzter ungesehener Flecken in einer total überwachten Welt. Doch sie jagen ihn, die, die alles beobachten wollen, die jedes Geheimnis für ein Verbrechen halten und totale Transparenz für die Vollendung kapitalistischen Glücks. Sie finden ihn im Wald, sie jagen ihn in den Tod. Sie haben nur helfen wollen: "Er hat sich da oben verkrochen, allein, unerreichbar für die Tausenden, sogar Millionen, die ihm auf jede erdenkliche Art geholfen hätten, wenn sie es gewusst hätten." Und er, Mercer im Wald, wollte einfach nur nicht mitmachen. Das verzeiht ihm die Gesellschaft der Allesbeobachter nicht.

Kühler, gewalttätiger, deutscher, ins Soldatische gewendet, hat das schon Ernst Jünger in seiner 1951 erschienenen Schrift "Der Waldgang" geschrieben. Er setzt der Welt ein großes Nein entgegen. Oder: "Man könnte noch weiter abkürzen und statt des Nein einen einzigen Buchstaben setzen - nehmen wir an, das W. Das könnte dann etwa heißen: Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.

Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist." Waffen, Wölfe, Widerstand. Dem Krieger gerät alles zum Schützengraben. Waldgewitter, Donnerschlag.

Der ehemalige Wehrmachtssoldat Jünger schreibt im demokratischen Deutschland über den Mann, den er sich als Widerstandshelden imaginiert: "Waldgänger aber nennen wir jenen, der, durch den großen Prozess vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht."

Der Wald ist ein Zauberspiegel. Er zeigt den Menschen, was sie sehen wollen. Die 34 Gesetze, die Jünger am Ende seines Waldgangs formuliert, sind in allem das Gegenteil zum Beispiel der grünen Gebote Holbeins. Jedes Gesetz ein Schuss: "8. Der Waldgang stellt eine neue Antwort der Freiheit dar. 9. Die Freien sind mächtig auch in winziger Minderheit. 10. Die Zeit ist arm an großen Männern, aber sie bringt Gestalten hervor. 11. Durch die Bedrohung formen sich kleine Eliten aus."

Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

In Punkt 20 immerhin scheint er das Bild vom Wald als Zauberspiegel auch für denkbar zu halten: "In ihm begegnet der Mensch sich selbst in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz."

Also: Ernst Jünger begegnete sich selbst. Ulrich Holbein sieht die Sterne von oben und lässt alle Meinungen hinter sich, und Deutschland?

Deutschland liest den Wald, so wie der Förster Peter Wohlleben ihn sieht. Der Erfolg dieser Waldbücher seit Jahren ist atemberaubend. Mehr als eine Million Wohllebens wurden im deutschsprachigen Raum bislang verkauft, Lizenzen bislang in 35 Länder, in zehn Ländern stand oder steht ein Wohlleben-Waldbuch in der Bestsellerliste, auch in der Liste der "New York Times". Er ist der König des Wäldertrends unserer Zeit. Aber: Was ist das, was die Menschen in den Büchern des Försters Peter Wohlleben finden? Was sehen wir im Spiegel seiner Waldbücher?

Wir finden dort: Beruhigung und Ruhe und Schönheit und Langsamkeit. Ein Teil seines Buchgeheimnisses liegt im Namen des Autors: Wohlleben. Dieses wohlige Gefühl stellt sich augenblicklich beim Lesen seiner Bücher ein. Und die Gewissheit: Es wird am Ende alles irgendwie gut werden.

Peter Wohlleben ist ein guter Erzähler, Erzähler aus Leidenschaft. Und er kennt sich aus.

In einer Welt, in der jeder überall, in der Politik, im Journalismus, im Sport, "geheime Netzwerke" vermutet, die zu unser aller Unheil geknüpft worden sind, enthüllt er die geheimen Netzwerke des Guten. Das "Internet des Waldes", das er in seinem neuesten Buch erwähnt, ist das Gespräch aller mit allen zum Nutzen aller. Klar gibt es zurzeit Schwierigkeiten: weniger Wald, weniger Artenvielfalt, weniger gute Luft. Aber es wird gut werden. Oder wenigstens: nicht so schlecht, wie es die Paniknachrichten jeden Tag vermelden.

Markus Tedeskino / Der Spiegel

Nein, zum Urzustand der Urwälder gibt es kein Zurück, schreibt Wohlleben, will ja auch keiner. Aber wie es ist, ist es noch völlig okay: "Ganz würde das alte Uhrwerk der Natur aber nicht mehr in Takt kommen, denn den beschriebenen Flickenteppich unserer Landschaft aus Äckern, Feldern und kleineren Waldgebieten kann und will niemand beseitigen - auch ich nicht. Schließlich habe auch ich morgens Hunger, möchte in ein Frühstücksbrötchen beißen und brauche dazu jemanden, der ein Weizenfeld bestellt."

Taucht eine grundsätzliche Gefährdung am Horizont auf, als Gerücht oder Möglichkeit, weist Wohlleben sie zurück. Kann gar nicht sein, "sonst hätte die Evolution schon gegengesteuert". Peter Wohlleben ist der Waldpfarrer unserer Zeit. Wir alle sind aufgehoben in einem größeren Wissen, einem größeren Heil, das der Wald uns bietet. Und gegen den Terror der Nachrichtenticker und der ständigen Beschleunigung setzt er die unendliche Langsamkeit des Wachstums und der Evolution. Im Wald wird in Jahrtausenden gerechnet. Wenn's schnell gehen soll, in Jahrhunderten. Lehnt euch zurück, Leser, wartet ab. Das Gute kommt ganz von selbst: "Wir dürfen Waldökosystemen viel mehr zutrauen als bisher, das Wort unwiederbringlich sollte in diesem Zusammenhang gestrichen werden", schreibt Wohlleben.

Ist das nicht schön? Und seine Forderung, seine Botschaft an die Burn-out-Gesellschaft, die es gewohnt ist, mit täglichen Apokalypsenachrichten zu leben und unter Überforderung zu leiden, ist klar, groß, umfassend, einfach und gut: "Die positive Botschaft lautet nun, dass wir nicht nur ursprüngliche Wälder zurückgewinnen, sondern auch das Klima in die richtige Richtung bringen können. Und dazu bräuchten wir noch nicht einmal irgendetwas zu tun, sondern im Gegenteil: sein lassen. Auf möglichst großer Fläche."

Das ist die grüne Utopie der Waldbücher und des Waldes, die Sehnsucht der Waldflüchtlinge unserer Zeit. Wald ist sanfter Widerstand gegen diese verdammte Wirklichkeit da draußen. Die Gegenwelt. Die Schönheit. Grünes Meer und Ewigkeit. Innere Emigration. Weltflucht. Die Zukunft bitte ohne mich. Ich bin im Wald.

Manchmal, sekundenlang, Glück. Das, wofür sie in die verdammte Undurchdringlichkeit gezogen sind.

"Eigentlich müssten wir die Wälder nur sein lassen. Auf möglichst großer Fläche."

Über den Autor

Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, war jahrelang Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Seit Mai 2015 ist er Autor beim SPIEGEL. Er ist Gastgeber des "Literarischen Quartetts" im ZDF. Er lebt in Berlin, wo es ihm an Wald sehr fehlt. Lieblingswald: Odenwald. Lieblingsbaum: Birke. Lieblingsbaumautor: Adalbert Stifter.



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