26.09.2015

Jonathan Franzen Erzählen ist Leben

Wir sind mehr als die Computer, die wir benutzen.
FRANZEN, 56, gilt als einer der derzeit wichtigsten amerikanischen Schriftsteller. Der LITERATUR SPIEGEL druckt eine Festrede ab, die er 2012 vor Studenten der University of California in Santa Cruz gehalten hat. Sie erscheint erstmals auf Deutsch und wurde von Bettina Abarbanell übersetzt.

Ich möchte mit einer Geschichte über meinen Vater beginnen, der ein großer Heimwerker war. Eines Tages, er war so um die siebzig, machte er sich auf dem Dach unseres Hauses zu schaffen, reinigte die Regenrinnen, besserte den Schornstein aus oder dergleichen, und fiel herunter. Landete fünf Meter weiter unten flach auf dem Rücken. Irgendwie brach er sich nichts dabei, aber er schlug so hart mit dem Kopf auf, dass er sich hinterher nicht an den Sturz erinnern konnte. Er saß bloß plötzlich in der Notaufnahme, und ihm fehlte ein kleines Stück seines Lebens. Sein späterer Kommentar dazu lautete: "Man könnte sterben und es überhaupt nicht merken."
Ich dachte damals, ich verstünde, was mein Vater meinte: In einem Moment arbeitet man noch auf dem Dach, und im nächsten – tja, total merkwürdig, einen nächsten Moment gibt es nicht. Leben heißt, sich in der Zeit vorwärtszubewegen; unser Identitätsgefühl besteht aus den von uns selbst handelnden Geschichten, an die wir uns erinnern, und tot sein heißt, sich an keine einzige Geschichte mehr erinnern zu können.
Aber was er wirklich sagen wollte, begriff ich erst vor ein paar Jahren, als ich mich einem medizinischen Routineeingriff unterzog und mit Propofol narkotisiert wurde – jenem Arzneimittel, das Michael Jackson so gern nahm. Mit der korrekten Menge Propofol bleibt man wach, kann sich aber nicht erinnern, eine Sekunde zuvor wach gewesen zu sein. Vielleicht empfindet man Schmerz, aber da man sich an den Schmerz von einem Moment auf den anderen nicht erinnert, ist es, als hätte man ihn nie empfunden. Der Anästhesist ließ mich von fünf an rückwärts zählen, und als ich bei drei angekommen war, packte mich die jähe Angst, ich sei bewusstlos. Und schon wurde mir im Aufwachraum ein Doughnut angeboten. Mein erster Gedanke war: "Mann, was für eine fantastische Droge!" Ich hatte die Zeitlosigkeit des Todes kennengelernt und konnte sie dann im Nachhinein genießen, weil ich noch lebte.

Propofol – vorausgesetzt, es wird einem nicht im eigenen Wohnzimmer von einem zwielichtigen Arzt verabreicht – scheint mir ein Beispiel erstklassiger neuer Technologie zu sein. Ich freue mich regelrecht auf meine nächste Darmspiegelung. Aber ich möchte Ihnen heute meine Ansicht nahebringen, dass viele andere unserer neuen Technologien ähnlich narkotisierend und nicht so gutartig sind wie Propofol. Worüber ich Sie alle, da Sie heute offiziell in Ihr Erwachsenenleben aufbrechen, nachzudenken bitte, ist die Frage, welches der Sinn dieses Lebens sein könnte.
Die ikonischen Helden der Gegenwart sind Tech-Unternehmer: Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos. Das hat etwas Deprimierendes, oder? Eine Handvoll nachweislich nicht sehr netter weißer Männer darf sagenhaft reich und berühmt werden, während wir anderen 99,99 Prozent weiter nach den Regeln spielen, fair miteinander umzugehen versuchen und unterdessen nicht aufhören können, diese skrupellosen weißen Männer noch reicher zu machen, indem wir ihre Produkte benutzen. Steve Jobs hatte den Ehrgeiz, eine Technologie zu erschaffen, die so attraktiv wäre, dass kein Mensch im Wachzustand je wieder ohne sie würde sein wollen. An Ihrem iMac arbeiten Sie, auf Ihrem iPad lesen Sie Blogs und sehen fern, mit Ihrem iPhone machen Sie Fotos und schicken Sie Ihren Freunden, mit Ihrem iPod gehen Sie joggen, und dann verbinden Sie ihn mit der Armbanduhr, die Ihnen beim Einschlafen hilft. Und für Steve Jobs ist es großartig gelaufen. Sein Leben ist zu einer richtigen Geschichte geworden – nachzulesen in dem Buch mit seinem Gesicht auf dem Cover.
Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, eine eigene Geschichte zu haben, wenn man die Apple-Technologie nutzt. Vielleicht leisten Sie auf Ihrem iMac gute Arbeit zur nachhaltigen Landwirtschaft; vielleicht tauschen Sie auf Ihrem iPhone Nachrichten mit dem Menschen aus, den Sie eines Tages heiraten werden. Aber unsere neuen Geräte haben so eine Art, sich schleichend in den Vordergrund zu spielen und zum Selbstzweck zu werden, so weitgehend, dass die Geschichte unserer gesamten Kultur mittlerweile von Verbrauchertechnologie zu handeln scheint. Korrupte Autokratien, sich verändernde geopolitische Ausrichtungen, ganz egal: Der Arabische Frühling hatte kaum begonnen, da machte Twitter ihn bereits zu einer einzigen großen Reklame für Twitter. Die Technologie beherrscht inzwischen die Wirtschaftsnachrichten, sie beherrscht zunehmend die Nachrichten aus Politik und Kunst, und sie beherrscht zweifellos unser Alltagsleben.

U nd doch eine eigene Technologie zu haben ist nicht das Gleiche wie eine eigene Geschichte zu haben. Es ist vielmehr das Gegenteil davon: Es bedeutet, die gleiche Geschichte zu haben wie alle anderen auch und damit überhaupt keine – zumindest keine persönliche Geschichte, deren Sinn nur auf einen selbst zutrifft. Wenn jemand einen Satz mit den Worten beginnt "Ich habe einen neuen ..." und ihn mit "Freund" beendet, kann ich es kaum erwarten, mehr zu erfahren. "Ich habe ein neues Baby", "Ich habe einen neuen Job", "Ich habe eine neue Theorie zur amerikanischen Politik": Das interessiert mich. Aber wenn jemand sagt: "Ich habe ein neues Smartphone", verschließe ich die Ohren, denn diese Geschichte ist immer gleich, und sie gehört bereits den Tech-Unternehmern.
Meine persönlichen Helden sind zwei Schriftsteller, Don DeLillo und Alice Munro. Beide haben ihr Leben dem Erzählen gewidmet, dem Versuch, sich einen Reim auf die Welt und auf ihr Dasein zu machen. Für mich sind sie die echten Individuen und folglich die echtesten Menschen, denn auch wenn der Homo sapiens einzigartig gut darin ist, Werkzeuge herzustellen, unterscheiden wir uns von anderen Lebewesen doch am tiefgreifendsten durch die Fähigkeit, unsere Erinnerungen zu sammeln, einzuordnen und mitzuteilen. Wir sind, in jeder Hinsicht, Geschichten erzählende Lebewesen.
Die Welt, so die zentrale Erkenntnis, die Don DeLillos Werk durchdringt, ist mittlerweile so übervoll, dass die individuelle Identität sich in der Massenidentität verliert. Das Romanschreiben ist für DeLillo ein Weg, sich aus dieser Massenidentität zu befreien. Ihn zu lesen bedeutet, aus der eigenen Zugehörigkeit zu einer Menge herauszutreten und sich in Erinnerung zu rufen, dass man selbst ebenfalls ein Individuum ist.
Alice Munro ist die größte lebende Kurzgeschichtenautorin unserer Zeit, und der springende Punkt bei einer Kurzgeschichte ist ja der, dass sie nur funktioniert, wenn sie von einem ganz bestimmten Moment im Leben einer Figur handelt. Eine Entscheidung wird getroffen, eine Gelegenheit beim Schopf ergriffen oder verpasst, ein Verrat geschieht, eine Verpflichtung wird eingegangen; und dieser Moment ist dann die Figur: nicht eine beliebige Anzahl potenzieller Menschen, sondern dieser ganz besondere Charakter. Wenn ich eine Kurzgeschichte von Alice Munro lese, bringt mich das immer zum Nachdenken über mein eigenes Leben – über die Dinge, die ich getan habe und nicht getan habe, meine guten Seiten, meine schlechten Seiten, die Aussicht des Todes. Sie bringt mich, mit anderen Worten, zum Nachdenken über Sinn und Bedeutung. Und deshalb erinnere ich mich an ihre Geschichten, als hätte ich sie selbst erlebt. Was, nicht zufällig, den Unterschied zwischen Kunst und Technologie ausmacht. Technologie ist bestenfalls ein nützliches Werkzeug; schlimmstenfalls eine Lebensweise, die einen zwingt, sich ihr anzupassen. Kunst dagegen öffnet einen nach innen.
Ich will damit nicht sagen, dass Sie Munro oder DeLillo lesen müssen, wenn Sie keine Lust dazu haben; es gibt andere Möglichkeiten, wie Sie persönlich Sinn und Bedeutung erfahren können. Aber eines Tages wird Ihr Leben vorbei sein, und mein Wunsch für jeden Einzelnen von Ihnen lautet, dass Sie jemand Besonderes werden, solange Sie noch in der Lage sind, sich daran zu erinnern. Ich verstehe – glauben Sie mir –, wie beängstigend und außer Kontrolle geraten die Welt einem heutzutage erscheinen kann und wie verlockend es ist, sich auszuklinken, sich um Klimawandel, Arbeitslosenzahlen, Kosten des Gesundheitswesens, ungerechte Einkommensverteilung, Atomwaffenlager, Super-PACs-Wahlkampfsummen, Überwachungsdrohnen und den kalifornischen Staatshaushalt einfach nicht zu kümmern.
Ich verstehe, welche Beruhigung darin liegt, zu einer Menge von Menschen zu gehören, zu tun, was alle anderen tun, sich der Logik der Technologie oder der Logik des Marktes zu unterwerfen, sich mitziehen zu lassen. Es ist, wie Propofol, eine Möglichkeit, wach zu sein, ohne sich daran zu erinnern, dass man wach ist. Sie werden sich nicht an die Stunden erinnern, die Sie damit zugebracht haben, iPhone-Apps zu vergleichen, Twitter-Beiträge zu lesen oder Ihre Facebook-Seite zu personalisieren; diese Stunden werden Ihrem Leben fehlen, so wie die Fahrt meines Vaters zur Notaufnahme dem seinen fehlte.
Die Stunden, an die Sie sich erinnern werden, sind die des Leids, der Freude, der schweren Entscheidungen, der Hingabe oder Entfremdung, des Nicht-so-Seins wie alle anderen; und Ihre Aufgabe als menschliches Wesen wird darin bestehen, diese Erinnerungen in eine einzigartige Erzählung einzuordnen, die Ihnen helfen kann zu entscheiden, wie Sie Ihr Leben, während Sie vorangehen, führen wollen. Eine Propofol-Ewigkeit wartet sowieso auf Sie. Die Chance, sich zu erinnern und ein menschliches Wesen zu sein, haben Sie jetzt.
Vielen Dank.

Wach sein, ohne sich daran zu erinnern, dass man wach ist - das ist die Logik des Digitalen.

LITERATUR SPIEGEL 10/2015
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