28.11.2015

Naturgewalt

Eine Feier des Lebens: Der Gedichtband Kunst, Gedichte 1984 – 2014 von Thomas Kunst. Edition Azur; 144 Seiten; 20 Euro. Von Feridun Zaimoglu
Zaimoglu, 50, ist Schriftsteller und lebt in Kiel. Sein Istanbul-Roman "Siebentürmeviertel" (Kiepenheuer & Witsch) stand in diesem Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Thomas Kunst, Deutschlands bester und verkanntester Dichter, wohnt in einem ehemaligen Gesindehaus am Bahndamm. In seinem wilden Garten tropfen die Hosen und Hemden auf der Wäscheleine. Im Nachbargarten schreien die Pfauen, der Poet stapelt in der Erdmulde Holzklötze und Zweigstücke zum Haufen. Ist dies die Stunde, da ihm die Anfangszeile eines Poems einfällt?
Thomas Kunst ist gewaltiger. Er ist das Gegenteil, die Gegenwelt, die Gegengröße. Die fabelhaften Mädchen und Jungen unserer Tage schreiben mit gut Glück, mit Spucke und geliehenen Bildern recht nette Strophen hin. Sie wollen auf kurzer Strecke siegen. Kunst dichtet. Er dichtet nicht das Leben nach, er kopiert nicht, ein bisschen von allem gibt es bei ihm nicht. Er ist in seinen Langpoemen eine Naturgewalt.
Der herablassende Ton der Lyrikkritiker verblüfft: Wenn sie denn mal alle zehn Jahre über seine Gedichte befinden, höhnen und spotten sie. Weshalb? Sind die Welten, die Thomas Kunst leichthändig zeichnet, beängstigend, weil sie sich der klein geraspelten Akademikerlyrik verweigern? Was nützt dem Dichter der posthume Ruhm? Ginge es gerecht zu im Kulturbetrieb, müsste man unseren Besten bekränzen. Man schweigt ihn tot.
Kunst lebt in Markkleeberg bei Leipzig – sieht man in ihm deshalb einen randständigen Zonenbewohner? In diesem Jahr ist ein Band erschienen, der Gedichte aus 30 Jahren versammelt. Jedes Gedicht ein Juwel. Jedes Gedicht eine Feier des Lebens. In jedem entdeckt man Losungsworte der Errettung, der Abwendung vom Öden, Stumpfen, Glanzlosen. Kunst ist der Pestdoktor unserer Zeit: Er heilt. Er stiftet eine derart gute Laune, dass man hinausstürmen möchte, raus ans Meer, in den Wald, ans Feld, in die Stadt und brüllen vor Lebenslust. Seine Worte und Zeilen sind Weltenbrand, und doch setzen sie auf den eingefangenen Augenblick: Verzückung, Entrückung, Rausch, Überwindung der mittelmäßigen Heutigkeit, große Liebe in Kleinigkeiten.
Thomas Kunst ist weise. Er weiß, dass sich ein Mann nur dann über sein Mannsein freuen kann, wenn ihn eine Frau erwählt. Wer von Herzverrücktheit nichts hält, lese appetitliche Häppchenlyrik im Schein von Sparlampen. Wer einem Weltdichter folgen will, schlage das Buch auf und lese: "Wenn in der ersten Phase des Verliebens einer stirbt, steht Gott nicht mehr allein da ..."


Von Feridun Zaimoglu

LITERATUR SPIEGEL 12/2015
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