30.07.2016

Eine unbekannte Heldin

Françoise Frenkel berichtet in ihrem Erinnerungsbuch Nichts, um sein Haupt zu betten von ihrem Leben auf der Flucht vor den Nazis. Von Martin Doerry
AN EINEM SONNIGEN MORGEN im Juni 1943 eilte eine in Schwarz gekleidete Dame in der Nähe von Annecy über eine Straße an der Grenze zur Schweiz. Immer wieder hielt sie Ausschau nach einer Öffnung im Grenzzaun, aber sie musste vorsichtig sein: Im Abstand von 200 bis 300 Metern waren Soldaten postiert. Ein Bauer, der am Straßenrand das Gras mähte, wies ihr schließlich den Weg: Da vorn sei eine Gittertür, dort könne sie in die Schweiz gelangen.
Françoise Frenkel war damals 53 Jahre alt, eine in Polen geborene Jüdin, die schon seit geraumer Zeit in Frankreich lebte. Zweimal bereits hatte sie in den vergangenen Monaten aus dem von den Deutschen besiegten Land zu fliehen versucht, ohne Erfolg. In wenigen Tagen lief ihr Schweizer Visum ab. Diesmal musste es gelingen, sie musste die Grenze überwinden.
Sie trug nur ein kleines Bündel mit den wichtigsten Sachen bei sich und lief nun direkt auf das Gittertor zu, aber es klemmte und ließ sich nicht öffnen. Einer der Grenzsoldaten entdeckte sie und rannte auf sie zu. Mit letzter Kraft kletterte sie über den Zaun, ihre Kleider verfingen sich im Stacheldraht, der Soldat schoss, sie stürzte.
Sie lag noch auf dem Boden, als sie in das Gesicht eines anderen Mannes in Uniform blickte. Für einen Moment schien alles verloren. Doch der Beamte sagte nur: "Stehen Sie auf, Madame, Sie sind nicht verletzt." Der Kollege auf der anderen Seite habe in die Luft geschossen.
Françoise Frenkel rappelte sich auf: Sie war gerettet, sie war frei. Der Schweizer Zöllner nahm ihr Bündel an sich; mit blutigen Beinen und zerrissenen Kleidern, aber unendlich erleichtert stapfte sie über das Feld hinter ihm her.
Mit dieser Episode endet Frenkels Erinnerungsbuch Nichts, um sein Haupt zu betten, das nun erstmals auf Deutsch erscheint. Die Autorin erzählt darin die spannende, ja streckenweise unglaubliche Geschichte ihres Überlebens in der NS-Zeit. Geschrieben hatte sie das Buch unmittelbar nach ihrer Ankunft im Schweizer Exil in französischer Sprache, veröffentlicht wurde es noch 1945 in einem Genfer Verlag.
Eigentlich gilt es als unverzeihlich, die Pointe oder gar das Happy End eines solchen Abenteuers zu verraten. Aber dieser Fall liegt anders: Das Buch wäre nie entstanden, wenn die Geschichte der Françoise Frenkel nicht glücklich ausgegangen wäre. Hätte man sie erneut geschnappt, so wäre sie in den nächsten Zug in ein Konzentrationslager im Osten gesetzt worden. Und was dort geschah, wusste sie genau.
Also wollte sie "Zeugnis ablegen", wie sie in einer Vorbemerkung zu ihrem Buch notierte, Zeugnis von einem unmenschlichen System, dem sie beinahe zum Opfer gefallen wäre.
Viel Beachtung fand ihr Buch damals jedoch nicht. Eine einzige Rezension ist überliefert: Das "Mitteilungsblatt der Gesellschaft der Schweizer Feministinnen" erklärte die Autorin zur "unbekannten Heldin", die nie anklage, sondern nur "Tatsachen" mit "Anstand und Maß" berichte.
Eine "unbekannte Heldin"? Françoise Frenkel war keine öffentliche Figur, weder in der Schweiz noch in Frankreich. Als die Rezension 1946 erschien, lebte sie bereits wieder in Nizza. Ihre Adresse konnte unlängst ausfindig gemacht werden, auch ihr Todesjahr, 1975 in Nizza. Aber viel mehr ist nicht bekannt. Wie, zum Beispiel, sah Françoise Frenkel eigentlich aus? Es gibt offenbar nicht ein einziges Foto von ihr.
Immerhin wurde ihr Buch wiederentdeckt. Ein historisch interessierter Leser fand vor wenigen Jahren ein Exemplar auf einem Flohmarkt in Nizza. Für die 2015 in Paris erschienene Neuauflage schrieb Patrick Modiano das Vorwort. Der Nobelpreisträger hält es geradezu für einen Vorzug des Buches, dass man über die Autorin so wenig wisse. Der Eindruck, den ihre Überlebensgeschichte auf ihn als Leser mache, sei umso stärker.
Modiano weist allerdings auch auf eine Merkwürdigkeit hin, die ihm und jedem Leser unerklärlich bleiben wird: Françoise Frenkel schrieb nicht ein einziges Wort über ihren Mann Simon Raichenstein, einen in Russland geborenen Juden, der 1942 von Paris nach Auschwitz verschleppt und dort umgebracht worden war.
Raichenstein und Frenkel hatten 1921 eine französische Buchhandlung in Berlin gegründet, obwohl Freunde sie vor diesem Schritt dringend gewarnt hatten: Zwei Jahre nach dem aufgezwungenen Frieden von Versailles sei die französische Kultur in Deutschland unerwünscht.
DOCH DIE JUNGE BUCHHÄNDLERIN und ihr Mann gingen das Risiko ein. Nachdem anfangs nur Ausländer ihr Ladengeschäft in Berlin besucht hatten, kamen bald auch frankophile Deutsche in wachsender Zahl. Vorträge und Empfänge französischer Literaten machten "La Maison du Livre" in der Passauer Straße stadtbekannt. "So erlebte ich Jahre voller Sympathie, Frieden und Wohlstand", schreibt Frenkel über ihre Zeit in Berlin bis 1933.
Wer ein wenig nostalgisch auf das vordigitale Zeitalter des beschriebenen Papiers, der Bücher und Zeitungen schaut, der wird Frenkels Schilderung dieser noch unbeschädigten Epoche lieben. In ihrer Buchhandlung stapelten sich neben den aktuellen Pariser Magazinen Berge von Büchern, Plakate und Druckwerke jeder Art. Hier trafen sich französische Diplomaten und deutsche Gymnasiallehrer, um neue Autoren zu entdecken. Russische Emigrantinnen durchblätterten die ausliegenden Modeillustrierten, Schriftsteller lasen aus ihren jüngsten Werken vor – eine faszinierende Welt des gedruckten Wortes, eine polyglotte Idylle, die natürlich mit der nationalsozialistischen Machtergreifung zerbrach.
Frenkel schildert die immer neuen Schikanen, denen sich ihre Person und ihre Buchhandlung von nun an ausgesetzt sahen. Aus anderen Quellen erfährt man zudem, dass ihr Mann schon 1933 Berlin verließ und zurück nach Paris ging. Sie selbst blieb noch bis zum 27. August 1939 in der Reichshauptstadt, dann musste auch sie Berlin verlassen. In einem schweren Koffer verstaute sie ihre Habseligkeiten, ein Freund expedierte ihn Richtung Frankreich, wo er später dann von den Nazis beschlagnahmt wurde.
Mit Schrecken verfolgte sie den Vormarsch der Wehrmacht in Polen, mit all seinen "Verwüstungen und Massakern an der Bevölkerung". Verzweifelt wartete sie in Paris auf ein Lebenszeichen ihrer in Polen lebenden Mutter. "Das Grauen", so schrieb sie, "nistete sich ein im Alltagsleben."
Und dieser Alltag nahm chaotische Formen an. Der Blitzkrieg der Deutschen löste in Frankreich eine Fluchtwelle aus. Hunderttausende machten sich im Mai 1940 auf den Weg in den nichtbesetzten Süden des Landes. Auf den Nationalstraßen blockierten sich bald jene, die gerade erst losgefahren waren, und jene, die bereits zurückkehrten, weil sie kein Quartier gefunden hatten. Auch Françoise Frenkel verließ Paris und fuhr nach Vichy. Dort war jedoch alles überfüllt, also verließ sie die Stadt in Richtung Clermont-Ferrand. Dieser Weg war wiederum durch eine französische Militäreinheit versperrt; dann griffen auch noch deutsche Tiefflieger an, die Flüchtenden stürzten aus ihren Autos in den Schutz der Straßengräben.
Frenkels packende Erzählung erinnert an Irène Némirovskys Suite Française, diesen großen Roman über das Scheitern Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Auch Némirovsky beschreibt das Chaos auf den Straßen und das Versagen der Zivilgesellschaft. Vor allem aber schildert die später in Auschwitz ermordete Autorin die Fraternisierung vieler Franzosen mit deutschen Besatzern.
Nach der militärischen Niederlage wurde Frankreich geteilt: in einen nördlichen Bereich, der unter deutscher Herrschaft stand, und in einen südlichen, selbstverwalteten Teil, der von Vichy aus regiert wurde und in den nun viele jüdische Flüchtlinge strömten, darunter auch Françoise Frenkel.
Zunächst genossen französische Juden unter dem Vichy-Regime einen gewissen Schutz, dann aber mussten alle Juden, ausländische wie französische, mit einer Deportation rechnen. In den ersten Wochen fand Frenkel eine Unterkunft in Avignon, danach in Nizza. Fast täglich musste sie sich um Passierscheine und Registrierungen bemühen, um Aufenthaltsgenehmigungen oder eine neue Wohnung.
Wenn etwas kafkaesk genannt werden darf, dann sind es die Kämpfe mit französischen Bürokraten, die Françoise Frenkel auszutragen hatte. Unvollständige Informationen, Vorschriften, die sich ständig änderten, Gerüchte und Halbwahrheiten sorgten bei Frenkel und ihren Leidensgenossen für ein tagtägliches Wechselbad aus Ängsten, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Schließlich schlug ein Freund eine Scheinheirat mit einem Franzosen vor, um ihr ein dauerhaftes Bleiberecht zu verschaffen. Doch der avisierte Bräutigam wollte nicht nur das ihm angebotene Geld, sondern die Frau noch dazu. Das Projekt endete als traurig-komische Posse.
Dass Frenkel nicht deportiert wurde, verdankte sie einem glücklichen Zufall. Am 26. August 1942 führten Polizisten des Vichy-Regimes eine Razzia in jenem Hotel in Nizza durch, in dem sie damals lebte. Als die Gendarmen das Hotel morgens stürmten, war sie jedoch bereits in der Stadt unterwegs, um einzukaufen. Und bei ihrer Rückkehr wurde sie gerade noch rechtzeitig gewarnt. Aus der Ferne beobachtete sie den Abtransport der jüdischen Hotelgäste. Zunächst wollte sie sich solidarisch zeigen und sich freiwillig stellen, dann aber meldete sich ihr "Selbsterhaltungstrieb", wie sie schrieb: "Die Bitterkeit dieser Wahrheit lastet heute schwer auf mir und wird immer auf mir lasten, bis ans Ende meiner Tage."
Von nun an war Françoise Frenkel auf die Hilfsbereitschaft jener Mitbürger angewiesen, die sich von der antisemitischen Propaganda des Vichy-Regimes nicht hatten infizieren lassen. Sie wurde von Versteck zu Versteck weitergereicht, nicht wenige ließen sich ihre Hilfe teuer bezahlen. Sie lernte gute Franzosen und schlechte Franzosen kennen, und von beiden Sorten ziemlich viele.
Die einen setzten ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel, um Juden vor dem Zugriff der Gendarmen zu schützen. Die anderen entpuppten sich als Opportunisten oder gar als fanatische Juden-Jäger. "Ein sadistischer Kern muss wohl in jedem Menschen stecken", schrieb Frenkel. Nach der Niederlage hätten sich viele junge Franzosen an den "noch Schwächeren abreagieren" wollen.
Die letzten Monate vor ihrer Flucht in die Schweiz verbrachte sie in der im Südosten Frankreichs eingerichteten italienischen Zone, in der sie sogar einen legalen Status erhielt. Freunde organisierten das Schweizer Visum, doch als Jüdin durfte sie die französische Grenze nicht überschreiten. Ein erster Versuch endete zunächst im Gefängnis und dann mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung; ein zweiter wurde von einem italienischen Grenzsoldaten vereitelt, der sie aber wieder laufen ließ; und erst der dritte hatte Erfolg.
Einmal übrigens war Françoise Frenkel nach dem Krieg noch in Berlin. 1959 fuhr sie in die geteilte Stadt, um eine Entschädigung für jenen Reisekoffer zu beantragen, den die Nazis in Paris konfisziert hatten. Vor einem Westberliner Notar musste sie jedes einzelne Kleidungsstück, das in dem Rohrplattenkoffer aufbewahrt worden war, zu Protokoll geben. 24 Positionen umfasst diese Liste, von Nachthemden zu 25 Reichsmark pro Stück bis zu maßgeschneiderten Kleidern, Mänteln sowie zwei Schreibmaschinen.
1960 erhielt sie von der Bundesrepublik Deutschland eine "Wiedergutmachung" von 3500 Mark. Für die Deutschen war der Fall damit erledigt. Doch Françoise Frenkel hatte mehr als nur einen Koffer verloren.

Sie lernte gute und schlechte Franzosen kennen, und von beiden Sorten ziemlich viele.

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten. Mit einem Vorwort von Patrick Modiano. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser;
288 Seiten; 22 Euro.
Von Martin Doerry

LITERATUR SPIEGEL 8/2016
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