27.08.2016

Schämt euch!

Der Brite Jon Ronson klagt in seinem Sachbuch In Shitgewittern die Gesinnungspolizisten des Internets an. Von Tobias Becker
ES GEHÖRT ZU DEN Paradoxien unseres narzisstischen Zeitalters, dass sich fast alle für etwas Besonderes halten, individuell, originell, unangepasst – aber allergisch reagieren, sobald wirklich mal jemand aus der Reihe tanzt. Ein unbedachter Kommentar auf Facebook, ein übermütiges Selfie auf Instagram, ein sexistischer Tweet – und schon hetzt die Meute den Urheber, verspottet, beschimpft, demütigt ihn. "Durch eine neue Form von Bürgerjustiz erlebt das öffentliche An-den-Pranger-Stellen derzeit eine große Renaissance", schreibt Jon Ronson.
Für das Buch In Shitgewittern hat der walisische Journalist etliche Opfer von Shitstorms besucht, darunter die PR-Frau Justine Sacco, die am 20. Dezember 2013 am Flughafen London-Heathrow diesen Tweet absetzte: "Ab nach Afrika. Hoffe, ich hole mir kein Aids. Nur ein Scherz. Bin ja weiß."
Wenn Sacco diesen sarkastischen Witz bei einer privaten Party gemacht hätte, bei einer geschäftlichen Konferenz oder einem öffentlichen Empfang, dann hätte sicher jemand irritiert geschaut, vielleicht hätte sogar jemand sie höflich zurechtgewiesen, und dann hätte sich eine Diskussion darüber entsponnen, wie der Witz eigentlich gemeint sei. Aber hätte jemand sie beschimpft? Ihren Rausschmiss verlangt? Sie gar bedroht?
Eine halbe Stunde lang reagierte niemand auf Saccos Tweet, dann stieg sie in den Flieger, machte das Handy aus, landete elf Stunden später in Kapstadt, machte das Handy wieder an – und merkte, dass die Welt für sie nicht mehr dieselbe war. "Jemand mit HIV+ sollte die Schlampe vergewaltigen" hatte einer getwittert, ein anderer "Los Leute, meldet die Mistkuh". Sittenwächter ohne Anstand, zwei von Tausenden.
Man muss sich schon sehr im Recht fühlen, um sich so ungerecht zu äußern, vielleicht muss man Sacco sogar missverstehen wollen, vor allem aber muss man wohl einem fremden, unsichtbaren Adressaten gegenüberstehen, um seinen Aggressionen so freien Lauf zu lassen. Die Anonymität des Internets zerstört die Empathie. "Wenn Demütigungen wie aus der Ferne ausgeführte Drohnenangriffe daherkommen, ist wohl niemand gezwungen, darüber nachzudenken, wie verheerend sich unsere gebündelten Kräfte auswirken können", schreibt Ronson. "Eine Schneeflocke muss sich ja auch nie für die ganze Lawine verantwortlich fühlen." Saccos Arbeitgeber feuerte sie.
Ronson erzählt chronologisch entlang seiner Recherche, ein dramaturgischer Kniff, der den Leser an seinem Erkenntnisfortschritt teilhaben lässt, ganz unmittelbar. Er trifft Experten für Scham und öffentliche Beschämung, einen Psychiater und eine Pornodarstellerin, den ehemaligen Formel-1-Chef Max Mosley, der 2008 bei einer Sadomaso-Orgie erwischt wurde, und den texanischen Richter Ted Poe, der einmal einen Mann dazu verurteilt hat, sich zehn Jahre lang einmal im Monat mit einem Schild vor eine Highschool oder Bar zu stellen, die Aufschrift: "Ich bin betrunken Auto gefahren und habe zwei Menschen umgebracht." Dieser Richter Gnadenlos, das ist die Pointe, findet Shitstorms grausam: "Wenn man im Internet angeklagt wird", sagt er, "hat man keinerlei Rechte, und die Konsequenzen sind weitaus gravierender. Alles ist gleich weltweit und für immer."
Dass die Meute so mächtig werden konnte, hat mit der Kehrseite der Shitstorms zu tun: dem digitalen Narzissmus, der Selbstdarstellung auf Twitter, Facebook, Instagram. Der moderne Mensch ist anfällig für Rufschädigungen, weil er permanent an seinem Ruf feilt. Ein fast vergessenes Gefühl kehrt dadurch zurück: die Scham. Sie habe sich "in andere Bereiche verlagert und auf dem Weg dorthin enorme Kräfte gesammelt", schreibt Ronson. Nicht mehr Sexskandale zerstören bürgerliche Existenzen, sondern Verstöße gegen die Political Correctness. Öffentliches Beschämen ist die wirksamste Strafe in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Ronson glaubt, dass wir auf dem Weg in ein "Zeitalter des Konformismus und Konservatismus" sind: "Wir definieren die Grenzen dessen, was normal ist, indem wir jene Menschen zerstören, die sich außerhalb befinden." Eine neue Form des Überwachungsstaats, in dem die Gefahr nicht vom Staat ausgeht, sondern von den Staatsbürgern. "Vielleicht lassen sich die Menschen in zwei Kategorien einordnen. Da gibt es die, denen das menschliche Individuum wichtiger ist als jede Ideologie, und dann jene, die Ideologie dem Individuum vorziehen. Mir ist das Individuum wichtiger, zurzeit aber machen die Ideologen Boden gut und bespielen eine Bühne künstlicher, hysterischer Dramen."
Natürlich ist diese Position nicht unheikel: Wo ist die Grenze zum "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" der Rechtspopulisten?
Der Journalist, der den Shitstorm gegen Sacco vermutlich ins Rollen brachte, hält ihn auch im Nachhinein für gerechtfertigt, wie er Ronson erklärt, weil Sacco nun mal Rassistin sei und weil sie anzugreifen bedeute, die bestehenden Machtstrukturen zu attackieren. Er sieht sich in der Tradition der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
In Ronsons Buch geht es fast ausschließlich um solche Fälle, um vermeintlich linksliberale, emanzipatorische Shitstorms, die Verstöße gegen die Political Correctness ahnden und dabei übers Ziel hinausschießen.
Worum es hingegen so gut wie gar nicht geht, das ist der rechtspopulistische Mob, der im Internet oft noch viel übler über Schwule und vor allem Lesben herzieht, über Feministinnen, Schwarze, auch dicke Menschen. Man kann das Ronson vorwerfen, und das ist nach Veröffentlichung der Originalausgabe auch geschehen. Manche Leser hätten ihn als "Rassisten" beschimpft, berichtet Ronson, sie hätten "einen Angriff auf die soziale Gerechtigkeit" gewittert, "eine Verteidigungsschrift weißer Privilegien". Warum, so eine der kritischen Fragen, habe er ausgerechnet der Opfergeschichte Saccos so viel Raum gegeben? Weil sie eine weiße, gebildete, wohlhabende Frau um die dreißig sei, eine attraktive Sympathieträgerin, mit der er sich leicht identifizieren könne?
Das Gegenteil sei richtig, schreibt Ronson. Er habe Saccos Geschichte so viel Raum gegeben, "weil ich mich mit den Menschen identifizierte, die sie zerstörten". Mit den ach so aufgeklärten, zivilisierten, menschenfreundlichen Großstadtakademikern. "Es waren Leute wie ich, die ihre Macht missbrauchten."
Jon Ronson: In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass. Tropen bei Klett-Cotta; 330 Seiten; 14,95 Euro .
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 9/2016
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