29.10.2016

Der Aufstieg der Nerds

Was ist Autismus ? Und was dachten Experten früher, was es sei ? Steve Silberman reist durch die Wissenschaftsgeschichte und kommt zurück mit einem Plädoyer für die Vielfalt des Lebens: Geniale Störung.
FRÜHER WAREN SIE die Lachnummer auf jedem Schulhof: technikbegeisterte Streber, die sich eher einem Physikproblem näherten als einem Mädchen; Stubenhocker, die sich ihren klugen Kopf nachmittags über den Zeitmaschinen aus ihren Science-Fiction-Comics zerbrachen, während die anderen draußen Fußball spielten. Heute regieren sie die Welt, zumindest deren digitale Version. Sie sind die Könige des Internets.
Viel war in den vergangenen Jahren zu lesen über den popkulturellen Aufstieg jener Sozialfigur, die wie keine andere unsere Zeit prägt und die prototypisch in der US-Sitcom "The Big Bang Theory" vorgeführt wird: der sogenannte Nerd, der hochbegabte Theoretiker ohne soziale Intelligenz. In den vergangenen 40 Jahren, schreibt der US-Wissenschaftsjournalist Steve Silberman, "wanderten einige Angehörige dieses Stammes von den Rändern der Gesellschaft zum Mainstream und arbeiten derzeit für Unternehmen wie Facebook, Apple und Google". Inzwischen gelte es daher sogar als cool, "auf Dinosaurier, Periodentabellen und Science-Fiction-Serien abzufahren – in jedem Alter". Es ist, als hätten die Nerds die Welt in ihrem Sinne umprogrammiert.
Der Aufstieg der Nerds, das ist Ausgangspunkt und zentrale These in Silbermans preisgekröntem Sachbuch, lässt sich lesen als Aufstieg des Autismus. Jener – ja, was eigentlich? Lebenslangen Behinderung? Vorübergehenden Entwicklungsstörung? Normalen kognitiven Eigenheit? Jahrzehntelang haben die Experten darüber gestritten, und teilweise streiten sie noch immer.
Recht populär ist heute die These vom Autismus als "Störung der Ingenieure", eine Vorstellung, die sich unter anderem auf eine Studie stützt, laut der autistische Kinder doppelt so häufig einen Ingenieur zum Vater oder Großvater haben als normale Kinder. Hinzu kommt, dass es an Orten wie dem Silicon Valley auffallend viele Autismus-Diagnosen gibt. Ein Phänomen, das sich schon 1983 in einem Selbsthilfebuch niederschlug, der Titel: "The Silicon Syndrome". Darin gab eine Therapeutin geplagten Frauen Ratschläge für sogenannte Hightech-Beziehungen: Partnerschaften mit streng logisch denkenden Männern, die eher widerwillig auf emotionale Signale reagierten. Schon komisch, wenn Realität und Klischee zur Deckung kommen.
Nun sind viele Erklärungen denkbar für solche Phänomene. Eine: Gegenden wie das Silicon Valley geben mehr oder weniger autistischen Menschen berufliche und private Möglichkeiten, die sie anderswo nicht hätten. Eine andere: Gut ausgebildete und gut verdienende Ingenieurseltern schicken ihre verhaltensauffälligen Kinder eher zum Psychologen als Eltern aus der Unterschicht. Die These von der "Störung der Ingenieure" würde das relativieren. Autor Silberman lässt sich davon nicht irritieren. Seine Sympathie hat die These auch, weil sie ihm ins Konzept passt: das Konzept der Neurodiversität.
Demzufolge sind Autismus, aber auch Bipolare Störung oder ADHS natürlich auftretende kognitive Variationen, mit denen Schwächen einhergehen – und gleichzeitig spezifische Stärken. Die Andersdenkenden, so führt Silberman aus, leisten wertvolle Beiträge für die Gesellschaft, die von sogenannten Normalos nicht geleistet werden könnten. Die ungewöhnliche Verschaltung ihres Gehirns erscheint als wertvoller Bestandteil des genetischen Erbes der Menschheit, der auf keinen Fall durch Präimplantationsdiagnostik oder selektive Abtreibung beseitigt werden sollte.
"Wenn auf einem Computer kein Windows läuft, heißt das ja nicht, dass er nicht funktioniert", schreibt Silberman. "Nicht alle Züge atypischer menschlicher Betriebssysteme sind Programmfehler."
Es ist eine frohgemute Botschaft, die er an die Gemeinde seiner Leser richtet, eine Botschaft, die noch vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal zu den Wohlmeinendsten unter ihnen durchgedrungen wäre. Zu düster, schaurig, trostlos waren die gängigen Antworten auf die Frage, was das ist: Autismus. Stellenweise waren sie verrückter als die verrückteste Störung.
Wie subjektiv Wissenschaft doch sein kann! Wie abhängig von Zufällen, von Eitelkeiten auch!
Silberman tourt als Zeitreisender durch die Wissenschaftsgeschichte, ein Detektiv, manchmal zu detailverliebt, der in New York und London, in Wien und Baltimore längst verstorbenen Forschern nachsteigt und noch die letzte Nebenfigur mit einer biografischen Skizze würdigt. Seine historische Reportage, ein Großwerk, mehr als 500 Seiten lang, kennt manche Helden, darunter den Kinderarzt und Heilpädagogen Hans Asperger, aber viel mehr Buhmänner, allen voran den Kinderpsychiater Leo Kanner.
Der praktizierte Ende der Dreißiger-, Anfang der Vierzigerjahre an einem US-amerikanischen Hospital und erforschte ein Phänomen, das er frühkindlichen Autismus nannte – inspiriert von dem griechischen Wort autos für selbst, weil seine jungen Patienten in Abgeschiedenheit am zufriedensten zu sein schienen und höchst sensibel auf kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt reagierten. Bald wurde das Phänomen auch unter dem Namen Kanner-Syndrom bekannt. Der Namensgeber behauptete, Autismus sei verschwindend selten und auf die Kindheit beschränkt: eine besonders traurige Form der Kinderpsychose, ausgelöst durch perfektionistische, egoistische, unterkühlte Eltern. So richtig populär machte die Idee toxischer Elternschaft später der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim. Das Syndrom wurde zum Stigma, das hässliche Wort von der "Kühlschrankmutter" machte die Runde.
Kanner war der wohl berühmteste Kinderpsychiater seiner Zeit, ausgezeichnet vernetzt, und so gelang es ihm, seine Sichtweise weltweit bei Medizinern, Psychologen und Eltern durchzusetzen. Es war lange Zeit mehr oder weniger die einzige, die gültige Sicht auf Autismus, vor allem in den USA.
Etwa zeitgleich mit Kanner hatte Asperger sich im Wien der Dreißiger- und Vierzigerjahre ebenfalls jungen Patienten gewidmet, die sozial extrem unbeholfen waren, bei denen ihm ansonsten aber erstaunlich frühreife Fähigkeiten auffielen, etwa die Lust an exzessivem Auswendiglernen, dazu ein Faible für Regeln, Gesetze und Zeitpläne. Er nannte die Kinder liebevoll seine "kleinen Professoren" und ihr Syndrom, das später einmal den Namen Asperger-Syndrom erhielt, "autistische Psychopathie". Schon damals verfocht Asperger die These, autistische Menschen könnten die Gesellschaft nach vorn bringen: "Es scheint so, als sei für Erfolge in Wissenschaft und Kunst ein Quantum Autismus erforderlich. Für den Erfolg mag es unabdingbar sein, sich von der Alltagswelt, vom einfach Praktischen abwenden zu können und einen Gegenstand mit Originalität neu überdenken zu können."
Asperger überlebte den Krieg, seine Sicht auf den Autismus aber ging in den Ruinen unter, seine Schriften wurden jahrzehntelang nicht ins Englische übersetzt. Weil er zur falschen Zeit in der falschen Stadt geforscht hatte, weil manch Nachgeborenem sein Verhältnis zu den rassehygienischen Vorstellungen der Nazis im Wien jener Jahre ungeklärt schien, aber wohl auch, so legt Silberman es nahe, weil auf der anderen Seite des Ozeans ein einflussreicher Kollege saß, der den Ruhm als Autismus-Entdecker ganz für sich reklamierte: Kanner. Er schwieg sich in Aufsätzen und Reden über den Wiener Kollegen und dessen abweichende Sicht auf das Syndrom aus, weshalb Medizinhistoriker lange davon ausgingen, dass er von Aspergers Forschung keine Kenntnis gehabt habe. Ein Irrtum, vermutlich: Während des Zweiten Weltkriegs nahm Kanner einen Mann namens Georg Frankl in sein Team auf, einen Juden, der zuvor als Aspergers Chefdiagnostiker in Wien gearbeitet hatte.
Erst in den Achtzigerjahren gelang es der britischen Psychiaterin Lorna Wing, selbst Mutter eines autistischen Sohnes, die Erkenntnisse Aspergers zu reaktivieren und die Vorstellung eines Autismus-Spektrums zu etablieren, eines Kontinuums, das verschiedene Schweregrade umfasst und fließend übergeht in nichtpathologisches Verhalten: "Alle Merkmale, die das Asperger-Syndrom charakterisieren, finden sich in unterschiedlichem Ausmaß auch in den normalen Bevölkerung", schrieb Wing. Ihre Vorstellung fand in den folgenden Jahren nach und nach Eingang in die Neuauflagen des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), des Klassifikationssystems der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft. Während in den Siebzigern in den USA noch 1 von vielleicht 5 000 Kindern als autistisch gegolten hatte, so war es nun mindestens 1 von 100. Rasch machte die Rede von einer "Autismus-Epidemie" die Runde, ebenso rasch waren Experten und Eltern mit Erklärungen zur Stelle: Umweltgifte seien schuld, Antibiotika, industriell verarbeitete Lebensmittel und – das größte Übel von allen – Impfstoffe. Die naheliegendste Erklärung geriet aus dem Blick: Je weiter das Autismus-Spektrum gefasst wird, desto mehr Menschen fallen darunter. Es ist eine Frage der Diagnosekriterien. Und wohl auch, das ließe sich zu Silbermans Ausführungen ergänzen, eine Frage des Image. Autismus ist modern geworden, eine Modediagnose, die bei Weitem nicht mehr den Schrecken verbreitet wie früher: Die Theorie toxischer Elternschaft gilt als überwunden, genetische Ursachen werden als wahrscheinlich angesehen.
Gleichzeitig hat sich die Vorstellung, dass Autismus heilbar sein könnte, für viele erledigt. Wobei Silberman mit dieser Vorstellung ohnehin keine Hoffnung zu verbinden scheint, sondern viel eher den Horror hilfloser Heilungsversuche, darunter strenge Diäten und noch viel strengere Lerntechniken: Methoden der Verhaltensmodifikation, die heute in jeder Hundeschule verpönt wären. So setzten Psychologen durchaus schon mal darauf, autistischen Patienten die für sie typischen Verhaltensweisen, etwa das Vermeiden von Blicken, mithilfe von Strafen abzutrainieren, darunter Elektroschocks und Nahrungsentzug.
Silberman zeichnet die Geschichte des Autismus als eine Geschichte immer besserer Bedingungen für Autisten, als Geschichte der Selbstermächtigung auch, angefangen bei der Amateurfunkszene Anfang des 20. Jahrhunderts, einer reinen "Kompetenzgemeinschaft", wie Silberman das nennt, in der sich niemand um Schrulligkeiten des Aussehens oder Auftretens kümmerte – und in der der Keim für die heute so wirkmächtige Nerd-Kultur gelegt wurde. Die Szene bot autistischen Menschen eine Plattform, miteinander zu kommunizieren, ohne persönlich zu interagieren, ähnlich wie heute das Internet.
Geniale Störung ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Vielfalt, für Optimismus auch und für Lebensfreude. Mit dem Schönheitsfehler vielleicht, dass Silberman den Fokus sehr stark auf Menschen mit Asperger-Syndrom oder sogenanntem hochfunktionalem Autismus richtet, also auf diejenigen innerhalb des Autismus-Spektrums, die in ihrem Alltagsleben vergleichsweise leicht beeinträchtigt sind. Silbermans Optimismus hat einen klitzekleinen blinden Fleck.

Die Amateurfunkszene bot Autisten eine Plattform, ähnlich wie heute das Internet.

Steve Silberman: Geniale Störung. Aus dem amerikanischen Englisch v. Harald Stadler u. Barbara Schaden. DuMont; 560 Seiten; 28 Euro.
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 11/2016
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