29.10.2016

Beim Kaiser von China

Christoph Ransmayrs Historienroman Cox oder der Lauf der Zeit spielt in einem Reich, in dem das Ende der Geschichte nah scheint. Von Sebastian Hammelehle
DIE STÜRME DER ZEIT haben sich gelegt, vorübergehend zumindest. Die Geschichte scheint an ihr Ende gekommen. In Peking regiert der Kaiser Qianlong, seine Ehrentitel: "Himmelssohn", "Herr über die Zeit", "Herr der zehntausend Jahre". Dieser Kaiser ist eine historische Figur, ein Zeitgenosse Friedrichs des Großen, seine Dynastie sollte Bestand haben bis ins frühe 20. Jahrhundert, bis hin zu Pu Yi, dem letzten Kaiser von China, den Bernardo Bertolucci ins Kino brachte, nur ein paar Jahre bevor im Osten das Reich des Kommunismus versank und man auch im Westen glaubte, nun wäre sie tatsächlich an ihr Ende gekommen, die Geschichte. Weil wir keinen Begriff dafür haben, was die westlichen Demokratien ablösen könnte.
Auch Qianlong war der Herrscher eines solchen Reichs auf dem Gipfel seiner Macht, eines Reichs, von dem der Philosoph Voltaire damals schrieb, es sei das beste, das die Welt je gesehen habe. In Christoph Ransmayrs Roman Cox oder der Lauf der Zeit reist Mitte des 18. Jahrhunderts ein Mann namens Alister Cox zu ihm, Herr einer englischen Uhrenmanufaktur mit 900 Beschäftigten, mit Werkstätten in Liverpool, Manchester und London. Diesen Cox hat Ransmayr sich ausgedacht, wie auch den Rest der Geschehnisse in seinem Roman. Cox, der sich mit drei seiner Meistermechaniker nach Peking einschifft, steht für das höchste handwerkliche Geschick in dieser Zeit der beginnenden industriellen Revolution, einer Zeit, als Großbritannien weltweit der Maßstab war und ein Treffen wie das von Cox und Qianlong ein Gipfeltreffen war: von technischer Meisterschaft und absoluter Macht.
Die allermeisten seiner Untertanen haben Qianlong nie zu Gesicht bekommen. Die Hundertschaften von Eunuchen an seinem Hof hatten den Blick abzuwenden, wenn er sich ihnen näherte; wer die seltene Gnade hatte, ihm zu begegnen, warf sich auf die Knie, bewegte sich auf allen vieren. Cox aber blieb stehen, als der Kaiser eines Tages unvermittelt die Werkstatt betrat, die für die englischen Uhrmacher in der Verbotenen Stadt eingerichtet worden ist.
Ransmayr erzählt nicht viel mehr über Cox, als dass daheim in der Londoner Shoe Lane dessen Tochter gestorben war, dessen junge Frau, in Depression erstarrt, sich ihm sexuell verweigerte, und dass Cox verzaubert war von An, der allerschönsten der vielen schönen Konkubinen des Kaisers. Cox ist kein Roman über Cox. Wie eine Feder ein mechanisches Uhrwerk zum Laufen bringt, ist seine Ankunft auf einem Dreimaster namens "Sirius" der Moment, in dem die Zahnräder von Ransmayrs Geschichte sich zu drehen beginnen. Ein Techniker wie Cox kann nur eine Spielfigur sein in einer Geschichte, deren Hauptperson der Herrscher der Zeit ist, eigentlich aber die Zeit selbst. Qianlong hat Cox aus England kommen lassen, um ihn an einer Mechanik arbeiten lassen, die alle bisherigen in den Schatten stellen soll: "Ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren Nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren". Es wäre ein Perpetuum mobile, "eine Uhr für die Ewigkeit. Die Uhr aller Uhren". Oder, wie es im missgünstigen Hofstaat des Kaisers heißt: "Das Monster".
Auch wenn wir ahnen, dass es bis heute unmöglich ist, eine derartige Maschine zu konstruieren – wie einst am Hofe des Kaisers von China stehen auch in der Bundesrepublik Strafen darauf, das Ende einer Geschichte zu verraten. Im Fall von Cox allerdings ist es ziemlich unerheblich, ob sein technisches Abenteuer gelingt. Größer als jede Mechanik, die Zeit zu beherrschen, sind allemal die Launen dessen, der die Zeit tatsächlich beherrscht, die des Allmächtigen. Und das war in China der Kaiser. Christoph Ransmayr macht sich das Bild vom Herrn über die Zeit zu eigen, wenn er den Kaiser zur absoluten Figur seiner Geschichte macht. Er erzählt aus den Tagen des Qianlong in aller Pracht, in einer Souveränität, wie es sie kaum mehr gibt in der deutschsprachigen Literatur. Die Eleganz dieses Romans wäre jedem Herrscher angemessen.
"Die Gestalten dieses Romans sind keine Gestalten unserer Tage", hat Ransmayr über das Buch gesagt. Warum betont er das so? Vielleicht ja, weil der Verdacht, sie seien es doch, sich aufdrängt. Aber er erzählt seinen Roman von technischem Genie und imperialer Herrschaft, die sich in der Allmachtsfantasie vom Perpetuum mobile verbünden, als einen Roman, dessen Ende schließlich von den Gegebenheiten an einem absoluten Hof des 18. Jahrhunderts bestimmt wird.
Damit erhebt er ihn auch über unsere Zeit, in der wir ein Buch, das vom Ende der Geschichte handelt, allzu gern als Parabel über unsere jüngere Vergangenheit gelesen hätten, über das Ende der Geschichte in unserer Zeit. Der eigentliche Herr der Zeit ist eben der Erzähler selbst. Es ist Christoph Ransmayr.

Wer die seltene Gnade hatte, dem Kaiser zu begegnen, warf sich auf die Knie. Cox aber blieb stehen.

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit. S. Fischer; 298 Seiten; 22 Euro.
Von Sebastian Hammelehle

LITERATUR SPIEGEL 11/2016
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