25.02.2017

In die Irre fühlen

Der Germanist Fritz Breithaupt enttarnt Die dunklen Seiten der Empathie. Von Tobias Becker
EMPATHIE IST die Lieblingstugend unserer Zeit, eine Kompetenz, die alle immerzu von allen fordern: Lehrer von ihren Schülern und Schüler von ihren Lehrern, Journalisten von Politikern und Politiker von Bürgern, Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten, Partner voneinander. Ein Konfliktlöser für alle Lebenslagen, so glauben wir, ein Allheilmittel, wirksam gegen Sexismus und Rassismus, gegen Hunger und gegen Krieg, gegen all die Ungerechtigkeiten der Welt.
Man könnte sagen, die Liste der Empathie-Freunde ist so lang wie die Liste der TrumpFeinde.
Und tatsächlich ist einer der wiederkehrenden Vorwürfe gegen den US-Präsidenten Donald Trump, dass es ihm an Empathie mangele mit Muslimen, Mexikanern, Schwarzen, mit Schwulen, mit Frauen, so wie es auch der Front-National-Chefin Marine Le Pen an Empathie mangele und der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und all den anderen Rechtspopulisten mitsamt ihren Wählern. Was in gewisser Hinsicht sicher nicht falsch ist, was aber allzu leicht darüber hinwegtäuscht, dass diejenigen, die auf der anderen politischen Seite am lautesten Empathie anmahnen, oft ein ebenso großes Empathiedefizit haben: Bis heute rätseln linksliberale Journalisten, wieso die Menschen Trump wählen, Le Pen oder Petry, bis heute scheitern sie daran, sich in die Wähler der Rechtspopulisten hineinzuversetzen, sich in sie einzufühlen, die Welt mit ihren Augen zu sehen.
Diese Buchrezension handelt von einem Sachbuch, dessen größte Stärke die vorurteilsfreie Empathie seines Verfassers ist: des in den USA lehrenden Germanisten und Kognitionswissenschaftlers Fritz Breithaupt.
Sicher, es gibt gute Gründe dafür, dass Empathie zurzeit so hoch im Kurs steht: Unser Einfühlungsvermögen ist gefordert wie selten zuvor. Die globalisierte, technisierte Welt macht Fremde, die sich ein Rätsel sind, zu Nachbarn – ganz real in den Metropolen, aber auch virtuell im Internet. Vor allem dort begegnen Menschen einander zunehmend aggressiv, beschämen sich gegenseitig, was daran liegen mag, dass sie sich noch anonymer als in der Realität begegnen, gesichtlos in der Regel, also ohne die Möglichkeit, auf dem Gesicht des anderen Emotionen abzulesen.
Mindestens so gut aber sind die Gründe, die an Empathie geknüpften Hoffnungen wieder etwas herunterzufahren. Der US-Psychologe Paul Bloom hat mit seinem viel diskutierten Buch Against Empathy, das im Dezember auf Englisch erschienen ist, einen ersten Schritt getan: Anders als oft behauptet, sei Empathie in der Regel eine schlechte Richtschnur für moralische Entscheidungen, argumentiert Bloom. Wir bevorzugten Menschen, die uns ähneln: in Einstellung, Sprache und Erscheinung, weshalb Empathie uns parteiisch mache, gar fanatisch. Zudem funktioniere sie wie ein Scheinwerfer, der einige wenige Menschen ins Rampenlicht rückt, uns blendet und daran hindert, die Situation vieler anderer wahrzunehmen. "Der Tod eines Einzelnen ist eine Tragödie, der Tod einer Million nur Statistik", soll Stalin gesagt haben.
Breithaupt geht nun den nächsten Schritt. Empathie sei in moralischer Hinsicht weder gut noch schlecht, schreibt er in Die dunklen Seiten der Empathie. "Man kann immer mit dem Falschen mitfühlen." Eine banal anmutende Erkenntnis, die unserem Alltagsverständnis von Empathie jedoch komplett widerspricht. Ausgelöst wird Empathie häufig, wenn wir Zeugen eines Konflikts werden, eines Streits oder Wettbewerbs, irgendeiner sozialen Spannung. Wir ergreifen spontan Partei und betrachten den Konflikt fortan aus dieser Position, entwickeln dann noch mehr Empathie, sodass sich unsere ursprünglich spontane Parteinahme verfestigt. "Empathie tendiert zu einem Schwarz-Weiß- beziehungsweise Freund-Feind-Denken", schreibt Breithaupt. Die Konfliktparteien beschönigen die einmal gewählte Seite. Wohlgemerkt: Empathisch sind sie alle, aber alle nur mit den Angehörigen der eigenen Position. Denkt man das zu Ende, erscheint Empathie nicht mehr als Kerntugend unserer Zeit, sondern als Kernproblem: als Auslöser und Katalysator der aktuell so polarisierten politischen Diskussionen, des radikalisierten öffentlichen Diskurses. Ein Gefühl, das Konflikte nicht entschärft, sondern verschärft.
Nun kann man sich fragen, inwiefern ein Germanist wie Breithaupt kompetent ist für ein derartiges Thema. Er führt einige psychologische und neurologische Studien an, vor allem aber argumentiert er literaturhistorisch und phänomenologisch. Was ihn weiter führt, als man zunächst meinen könnte, weil der Begriff Empathie aus der Ästhetik stammt: Das deutsche Wort "Einfühlung" wurde 1909 von dem Experimentalpsychologen Edward Titchener als "empathy" ins Englische übertragen, später von dort als "Empathie" ins Deutsche rückübersetzt. Erstaunlich nur, dass der Name Bert Brecht in den Überlegungen des Germanisten Breithaupt keine Rolle spielt: Brecht warnte mit durchaus ähnlichen Argumenten vor der Einfühlung im Theater wie Bloom und Breithaupt heute vor der Empathie in der Welt da draußen. Sein Schauspielstil, der berühmte Verfremdungseffekt, sollte den distanzierten Blick provozieren. Er peilte den mitdenkenden statt mitfühlenden Zuschauer an.
Der Psychoanalytiker Martin Altmeyer hat Trump im SPIEGEL vor einigen Wochen als "außerordentlich empathisch" beschrieben: als sozial wachsamen, seelisch beweglichen Exzentriker, der ein Gespür für die Modernisierungs- und Globalisierungsskepsis vieler Menschen habe – und dazu ein Gespür dafür, wie sich Resonanz bei ihnen erzeugen lasse. Auch Breithaupt sieht in Trump nun einen "Meister der Empathie", nicht obwohl, sondern eben weil er wie ein Rüpel auftritt, "einen Meister, der die Empathie anderer auf sich zu ziehen weiß". Dass er seine Affekte nicht kontrolliert, sondern ihnen freien Lauf lässt, dass er den guten Geschmack und moralische Tabus verletzt, polarisiert sein Publikum. Die einen sind gegen, die anderen für ihn. "Wer einmal für ihn ist, muss am Ende alles verteidigen und kann seine Empathie dabei nur verstärken."
Dass Trump im sonst so durchprofessionalisierten politischen Betrieb wie ein Trampel auftritt, unerfahren, unbeholfen, nützt ihm demnach: "Er ist zum großen Baby der Politik geworden", schreibt Breithaupt. Kritik schade ihm nicht, sondern helfe ihm, selbst wenn sie berechtigt ist: "Dass er als ,einer gegen alle' dasteht, macht ihn empathisch nur noch anziehender." Gerade seine Fehlerhaftigkeit, also seine Angreifbarkeit, habe ihn zum Vorbild für viele Menschen gemacht. "Anders als diese wusste er sich für seine Fehlerhaftigkeit nicht nur zu entschuldigen, sondern machte sie stellvertretend für alle zur Stärke."
Anknüpfend an die Herkunft des Begriffs Empathie aus der Ästhetik, könnte man sagen: Trump ist kein Schauspieler, der sich in die ihm zugedachte Rolle einfühlt und sie perfekt verkörpert, so wie es Hillary Clinton oder andere Politiker alten Stils versuchen. Trump ist ein postmoderner Performer seiner selbst. Eben das sorgt dafür, dass sich Menschen in ihn einfühlen.
Die Empathie ist nicht die Kerntugend unserer Zeit, sondern das Kernproblem.
Fritz Breithaupt:Die dunklen Seiten der Empathie. Suhrkamp; 228 Seiten; 16 Euro.
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 3/2017
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