29.04.2017

Die Muster des Lebens

Eine ungekannte Art zu erzählen: Rachel Cusks neuer Roman Transit. Von Klaus Brinkbäumer
WIE LEBT MAN DENN NUN? Wie wird man glücklich, wie geht man mit diesem ganzen Scheitern um, wie mit den großen Momenten, die ja auch vergehen, und was erzählt man hinterher, woran erinnert man sich? Welche Geschichte bleibt übrig? Wie also können wir unser Leben zusammenhalten, anderen und uns selbst gegenüber, ohne es, einerseits, im Nachhinein zu erlügen und ohne, andererseits, zusammenzusacken vor Scham?
Rachel Cusk hat längst alles über sich erzählt und wurde darum vom "Guardian" zur meistgehassten Schriftstellerin Großbritanniens erklärt. Das lag daran, dass sie in drei Autobiografien vor allem über das Gefängnis des Mutterseins und dann über das Scheitern ihrer seit Jahren entsexten Ehe berichtete, skalpellpräzise und bitterkomisch. Cusk sagt dazu, dass es wohl immer noch weibliche und männliche Literatur gebe: Die Frauen glaubten fröhlich ans gute Ende, die Männer retteten sich in gefahrlose Ironie. Sie schreibe halt anders.
Nach Eklat und Leidenszeit, nach einer Phase des Nicht-mehr-schreiben-Könnens hat die gebürtige Kanadierin, die in London lebt, etwas gefunden, das selten beglückend ist. Sie entdeckte etwas, sie erschuf etwas, das es in der Literatur bislang nicht gab. Eine ungekannte Art zu erzählen. Eine veränderte Perspektive.
Transit heißt das neue Buch im Original und auch in der deutschen (und von Eva Bonné melodisch und feinsinnig gefertigten) Übersetzung, Transit bedeutet Übergang. Es ist der zweite Band einer Trilogie über das Leben und die Begegnungen einer Schriftstellerin namens Faye; Outline, auf Deutsch ebenfalls Outline, was Entwurf oder Zusammenfassung bedeutet, hieß 2014 der erste Band.
Damals reiste Faye nach Athen, um einen Schreibkurs zu geben, begegnete einem Griechen, der sie ins Bett kriegen wollte. Sie fuhr mit dem Griechen Boot, und er beschleunigte derart scharf, dass sie beinahe über Bord gegangen wäre; allerdings bemerkte er das nicht, da er sich nicht umdrehte. Erst da nahm sie den fleischigen und behaarten Rücken des Griechen wahr und ekelte sich und sprang ins Wasser, ehe er sie küssen konnte.
Eigentlich passierte nicht mehr. Die Erzählerin war müde und nach dem Ende ihrer Ehe verwundet. Faye hörte ihren Studenten zu. Sie hörte einer Freundin zu. Sie hörte anderen Männern zu. Und da sie hin und wieder eine Frage stellte und klarmachte, dass sie wirklich und voller Ernsthaftigkeit zuhören wollte, berichteten ihr all die anderen das eigene Leben, und in diesen Erzählungen erfanden sie sich und entblößten sich, denn sie machten sich zur selben Zeit verständlich und lächerlich.
Jetzt, in Transit, ist Faye zurück in London. Sie kauft ein Haus und renoviert es und trifft auf Nachbarn, die sie vom ersten Moment an hassen und ihr den Tod wünschen. Ihre zwei Söhne rufen an, haben den Schlüssel zur Wohnung ihres Vaters verloren, brauchen dies und jenes, verzweifelt. Ein Schriftsteller berichtet von seinem gewalttätigen Stiefvater. Eine Studentin erkennt eine Seelenverwandtschaft mit einem ihr unbekannten Künstler. Ein polnischer Handwerker hat zwar das Haus seines Lebens im fernen Polen für seine Familie gebaut, ist aber nie dort, da er ja in England das Geld verdient. Ein Abendessen bei Freunden missrät, als die Kinder erkennen, dass sie Küken essen müssen: "Mit tränenüberströmten Gesichtern standen sie vor ihren Tellern, und aus ihren Mündern drangen unverständliche Laute, die zu einem einzigen Protestchor zusammenflossen. Ringsum flackerten die Kerzen. Das Licht legte sich in orangeroten Schlieren auf die kleinen Gesichter, ließ Haare und Augen und nass glänzende Wangen leuchten. Es sah aus, als würden sie verbrennen."
Und wieder: Um die Handlung, das karge Geschehen, geht es nicht. Faye (die in beiden Büchern nur einmal, jeweils zum Verpassen einladend beiläufig, namentlich genannt wird) tut nicht viel, erlebt nicht viel. Sie fragt nur und ist eine sanft steuernde Zuhörerin, wie eine gute Reporterin. Auch diese Gesprächspartner fassen ihr Leben zusammen und deuten es, verklären es, vernichten es. Sie wollen etwas erreichen, und darum gehen sie von der einen Ehe in die nächste oder von einem Haus ins andere, und die Wahrheit tritt ans Licht und zugleich stets die Lüge.
Faye erzählt uns in indirekter Rede, was ihr erzählt wurde, fühlt mit und spottet sanft. Erneut erfahren wir durch ihre Berichte manches über ihre Haltung und anderes nur am Rande, hier ein Detail über die Erzählerin und 40 Seiten später ein anderes, doch wir erfahren, was Verwundungen aus Menschen machen. Wie die Menschen kämpfen. Wie sie die Muster ihres Lebens erkennen und dann doch wiederholen. Wie sie sich nach Liebe, Freundschaft und danach sehnen, endlich verstanden zu werden. Freie Menschen, die sich unbedingt verändern möchten und alle Möglichkeiten dazu haben und sich trotzdem erneut in Gefangenschaft begeben. Nach einer Trennung tröstet eine Freundin die andere: "Es muss richtig gewesen sein, sonst hättest du es nicht getan." Sie wisse gar nicht, was sie eigentlich getan habe, antwortet die Getrennte. War nicht alles Zufall, alles Schicksal?
Die Form dieser zwei Bücher ist gewagt: ihre Erzähltechnik und ihre Struktur. Eine derart unscharf gezeichnete, derart passive Hauptfigur gab es in der Literatur noch nicht. Diese Hauptfigur ist nicht das Zentrum der Geschichte, wir lernen ihre Gefühle und Gedanken selten kennen, auch optisch oder physisch tritt sie kaum auf. Die einzige Figur in diesem Roman, der niemand zuhört, ist die Hauptfigur, und als sie ihrer Freundin Amanda dann doch einmal etwas Bedeutungsvolles sagt, verpasst ausgerechnet die deutsche Übersetzerin die Tiefe dieses Satzes. Das reiche Original: "I said a lot people spent their lives trying to make things last as a way of avoiding asking themselves whether those things were what they really wanted." Das plumpe Pendant: "Ich sagte, viele Menschen würden ihr Leben mit Durchhalten verbringen, nur um sich nicht fragen zu müssen, was sie eigentlich wollten."
Oft gehen literarische Versuche ja schief: Oft bedeutet das handwerkliche Experiment Abzüge beim Lesevergnügen. Cusk aber schreibt kein Wort zu wenig und vor allem keines zu viel, kalt und dennoch einfühlsam ist jeder Satz, originell das ganze Buch, und so treffen wir all die Menschen, die ähnlich auf der Suche sind wie wir, die Leser; wir treffen Menschen, die eine Ehe beendet haben, weil sie gedacht hatten, die Ehe bedeute permanente Steigerung von irgendetwas, und wenn nichts mehr hinzuzufügen ist, sei es halt vorbei – und die danach spüren, dass ebendiese leichtfertig beendete Ehe die größte Leistung, das größte Glück ihres Lebens war. Ein Verlassener fasst das ganze verdammte Elend des Liebeskummers so zusammen: "Als du mich verlassen hast, hat mich die Vorstellung traurig gemacht, dass du deine Liebe einem anderen schenken wirst, wo du doch genauso gut mich hättest lieben können. Aber dir war nicht egal, wen du liebst." Ach was.
Voller Wahrheiten sind diese vielen kurzen Geschichten: "Nur Glückskindern und Pechvögeln, sagte er, wird ein sortenreines (im Original: "unmixed" –Red.) Schicksal zuteil; alle anderen müssen sich entscheiden." Nicht anders als weinend mitleidend und zugleich fremdschämend lachend sind diese Geschichten zu lesen.
Auf das Leben der anderen will Rachel Cusk uns hinweisen. Wenn wir uns für das Leben der anderen interessieren, wenn wir ernsthaft wissen wollen, warum die anderen gestern wurden, wie sie heute sind, dann erst schaffen wir die Verbindungen, die wir brauchen, und begreifen ein wenig mehr über uns selbst.

Und so treffen wir all die Menschen, die ähnlich auf der Suche sind wie wir.

Rachel Cusk: Transit. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp; 238 Seiten; 20 Euro.
Von Klaus Brinkbäumer

LITERATUR SPIEGEL 5/2017
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