29.04.2017

All you can eat

Das ganz große Buffet der Kulturwissenschaften: Identität geht durch den Magen – Mythen der Esskultur von Christine Ott. Von Ullrich Fichtner
ÜBER ESSEN UND TRINKEN zu reden wird von dem Augenblick an zur hochkomplexen Angelegenheit, in dem man die Begriffswelt deutscher Fernsehköche hinter sich lässt. Wer sich aufmacht, wirklich verstehen zu wollen, wie verschlungen die Wege unserer Ernährung sind, die Botschaften unserer Speisen, das prachtvolle Theater unserer Genüsse, der kommt mit "echt lecker" und dergleichen nicht weit.
Das Niveau deutschen Redens über Essen und Trinken ist im Lauf der Jahre nicht wesentlich besser geworden, obwohl doch große Fortschritte in Sachen Esskultur und Genussbegabung allerorten behauptet werden. Die Lücke, die durch den Tod Wolfram Siebecks entstanden ist, der vor allem als "Zeit"-Kolumnist Großes für unsere Zivilisation geleistet hat, ist nicht geschlossen. Gute Texte über den Tisch in der Mitte unseres Lebens sind weiterhin rar, und häufig gehorchen sie den Mustern eines soziokulturellen Klassenkampfs: Man ist entweder dafür (für teuren Rotwein, Rohmilchkäse, Rindfleisch, Trüffel) oder strikt dagegen (weil für Milch, Reis, Gemüse, Dinkel und Quinoa).
Zwischen diesen ideologischen Polen futtert die Gesellschaft bewusstlos weiter vor sich hin wie in guten, alten Zeiten: Es gibt Fleisch, Wurst, Kartoffeln, ein bisschen mehr Huhn und Pute, ein bisschen weniger Rind, viel Schwein. Und alles weiterhin reichlich, Fleisch gern täglich und ordentlich salzig. Vergebens suggeriert das mediale Dauerfeuer in Sachen Lifestyle, dass halb Deutschland mittlerweile auf dem Veggie-Trip ist und vorwiegend von Ingweraufgüssen und Sprossensalaten lebt. Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Essgewohnheiten ändern sich eben sehr langsam.
Wenn nun eine Sache so viele Aspekte hat, dass niemand sie auf Anhieb alle erkennt und auseinandersortiert bekommt, dann schlägt die Stunde der Kultur- und Geisteswissenschaften, es ist beim Essen und der Esskultur nicht anders. Der französische Anthropologe Marcel Mauss hat den Begriff vom "sozialen Totalphänomen" geprägt, und dieser ist auf unsere Art und Weise der Nahrungsaufnahme und die zugehörigen Spiele inzwischen häufig angewendet worden.
Totalphänomen, das meint eben jenes Geflecht aus Vorstellungen und Ideen, aus Lust und Ekel, aus Hunger und Völle, aus Einverleibung und Ausscheidung, die alle irgendwie mit unserem Essen zu tun haben, auch wenn wir daran keine Sekunde lang bewusst denken mögen. Das Geflecht ist trotzdem da, wie ein ewiger Senf zu unserem Leben, dessen Rezeptur allerdings ein Rätsel bleibt.
Die Lektüre von Christine Otts gewaltiger Fleißarbeit mit dem Titel Identität geht durch den Magen – Mythen der Esskultur ändert daran nichts, und das ist angesichts des Themas nicht verwunderlich, das eben stets ins Ungefähre und Wägende zielt. Wollte man mit Küchenmetaphern hantieren, um über dieses Buch zu reden, fiele einem die Cross-over-Küche ein, in der Mischungen erlaubt sind, die Puristen missfallen. Oder man versucht es so: Christine Ott richtet ein All-you-can-eat-Buffet der Kulturwissenschaften an, dass die Teller nur so überquellen. Es fehlt, zunächst, an nichts.
Berühmte und unbekannte Philosophen, aktuelle und uralte Forscher, neue und gestrige Schriftsteller stehen im Abspann. Es geht um Filme, um Plakate, um Romane, es werden Bögen hingemalt vom Mittelalter bis in unsere Tage, und durch die Seiten geistert einer der größten universitären Stammtische, den man je gesehen hat: Zu Wort kommen Pierre Bourdieu und Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Foucault, Michail Bachtin und Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Federico Fellini, Flaubert, Zola, Rousseau, Sartre, Kafka, Rabelais, Grimmelshausen, Proust, James Joyce, Italo Svevo, Giovanni Boccaccio, Norbert Elias; es fallen sogar die Namen des Topmodels Naomi Campbell und des Fußballers David Beckham, und am Ende wundert man sich nur, warum sich nicht auch ein einschlägiges Lukas-Podolski-Zitat hat finden lassen, um diesen ganzen Thesenwirbel irgendwie noch cooler aussehen zu lassen.
Folgendes ist passiert: Dieses Buch fühlt sich an wie eine Sammlung sehr diverser Aufsätze zu sehr diversen Themen, die mit großer Gewalt in eine Form gepresst wurden – nur wurde leider kein Kuchen daraus. Das ist für die Autorin so schädlich wie für den Leser, denn es gibt durchaus gute Kapitel, sehr gute sogar, die jeden Beifall eines Fachpublikums verdient haben. Die literaturwissenschaftlichen Passagen sind durchgehend von hoher Qualität, andere Textstrecken, etwa über die erstaunliche Karriere von Pizza und Pasta (nach Otts Darstellung wesentlich eine US-amerikanische Erfolgsgeschichte), sind äußerst lesenswert. Ott gelingt eine kompakte Geschichte der französischen Gastronomie und auch ein fundierter Abriss über die Nationalphilosophie der japanischen Küche. Die Frage bleibt nur: Wie mag das alles zusammenhängen?
Nichts hängt hier wirklich zusammen. Eben geht es noch um Essgewohnheiten in englischen Arbeitermilieus, dann schon um indische Speisetabus. Auf Slow Food folgt Anorexie, auf Schneewittchen und sonstige Mutter-Tochter-Beziehungen folgen Hänsel und Gretel und eine Abhandlung über "die unterschwellige Assoziation von Frauen- und Tierfleisch".
Es geht um die "Verschließung des Körpers in der Spätmoderne", aber auch um "postmoderne Inszenierungen des offenen Körpers bei Ferrante und Grass". Es geht, da spätestens muss man als Laie dann ein bisschen googeln, um "Humoralpathologen, die der Meinung waren, das übermäßige Milchtrinken habe das Volk der Skythen nicht nur gesundheitlich, sondern auch sittlich ruiniert". Wie meinen?
Otts Buch ist akademischer Heavy Metal, und leider ein Beispiel dafür, warum der Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft tief ist. Es geht in diesem Buch, teils sehr geschraubt, um eine Geschichte von fast allem, um den Erzählkünstler Bill Bryson zu zitieren – aber am Ende, mangels Konzentration, um nicht besonders viel. Wir erfahren auf mehr als 450 Seiten im Grunde nicht sehr viel mehr, als dass das Essen "an die tiefsten Schichten der individuellen Psyche rührt". Wie es das macht, das Essen, warum es uns rührt, darüber hätte man gern ein paar neue, spannende Ideen gehört.
Christine Ott: Identität geht durch den Magen – Mythen der Esskultur. S. Fischer; 496 Seiten; 26 Euro.
Von Ullrich Fichtner

LITERATUR SPIEGEL 5/2017
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