26.08.2017

Jetzt einen Tusch, bitte!

Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton plaudert pointensatt über Kultur. Von Tobias Becker
WAS IST KULTUR? Ein Ressort im SPIEGEL, wäre eine Antwort, und all das, worum sich solch ein Ressort kümmert: Sofia Coppola und Bully Herbig, Arnold Schönberg und "Deutschland sucht den Superstar", Gerhard Richter und die Ausmalbücher von Johanna Basford. Aber Kultur bezeichnet weit mehr als ernste und unterhaltende Kunst, der Begriff steht für eine Lebensart: für kultiviertes Verhalten und für das, was manche dafür halten, er steht für Werte, Sitten und symbolische Praktiken, für das soziale Unbewusste einer Gruppe von Menschen, der Deutschen zum Beispiel.
Deutsche Kultur, das ist die Angewohnheit, bei Konzerten im Gleichtakt zu klatschen, das ist Frühschoppen, Oktoberfest, Kehrwoche, das ist 180 km/h auf der Autobahn und "Draußen nur Kännchen", kurzum: Unter dem Begriff Kultur lässt sich so ziemlich alles subsumieren, weshalb der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton in sein neues Buch, das den alles- und nichtssagenden Titel Kultur trägt, auch so ziemlich alles reinschreibt, was ihm durch die Rübe rauscht: meist kluge Gedanken, inspiriert von Edmund Burke, Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller, T.S. Eliot, Raymond Williams, Oscar Wilde, Oswald Spengler.
"Kultur ist ein Begriff mit vielen Facetten, deshalb ist es kaum möglich, ihn in einem geschlossenen konzeptuellen Rahmen abzuhandeln", schreibt Eagleton im sogenannten Vorwort, das in Wahrheit eine Vorwärtsverteidigung ist, eine Entschuldigung dafür, dass er auf rund 200 Seiten "auf jede strenge Einheit der Argumentation" verzichtet. Eagletons Konzept ist es, kein Konzept zu haben.
Nun gut, ein bisschen Systematik findet sich dann doch. Eagleton unterscheidet Kultur im Sinne von Kunst. Sie ist innovativ und oft auch progressiv, die ästhetische Umsetzung einer ungewohnten Idee – das neue Theaterstück von Elfriede Jelinek –, sie ist oft ein Fall für Minderheiten, dazu oft kosmopolitisch. Und Kultur im Sinne einer Lebensweise. Sie ist das, was die Mehrheit immer schon so getan hat – die Rechnung getrennt, bitte –, sie ist "die unsichtbare Grundfärbung unserer Alltagsexistenz", eine Frage der Gewohnheit und also per Definition konservativ, dazu in ihrer je spezifischen Ausprägung recht lokal, ja provinziell.
Kultur im Sinne von Kunst und Kultur im Sinne einer Lebensweise wollen nicht so recht zusammenpassen. Die eine sucht, wenn sie gut ist, gezielt nach den Sollbruchstellen sozialer Gefüge, sie irritiert; die andere schafft Identität, sie ist ein Klebstoff sozialer Gruppen.
Diese andere Kultur hatte Thomas de Maizière im Sinn, als er im Frühjahr die Idee der Leitkultur aus dem Archiv holte. Es gebe etwas, schrieb der Bundesinnenminister, "was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet", der Handschlag zur Begrüßung zum Beispiel, das protestantische Leistungsethos auch. Eine Gratisweisheit eigentlich, gerade im Jahr des Luther-Jubiläums, und doch ein Gedanke, der manche wie ein Faustschlag erwischte. Kultur, Herkunft, Heimat: Das sind die Themen unserer identitätsverwirrten Zeit, nach ihnen sehnen sich viele Menschen – und zwar so sehr, dass sich andere vor ihnen fürchten.
Eagleton lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er steht, er tadelt den Kulturrelativismus, der sich gegen die Idee universeller Wahrheiten und Werte wendet; er kritisiert "politisch korrekte Studenten", die das Loblieb auf die Marginalität sängen, "ohne sich klarzumachen, dass einige, die heute marginalisiert sind, es unbedingt auch bleiben sollten"; er verspottet die "postmodernen Pluralitätsapostel", die Vielfalt unabhängig von ihrem Inhalt immer und überall preisen: "Nur sentimentale Schwärmer meinen, man müsse Fremde immer in die Arme schließen. Einige dieser Fremden kennt man unter der Bezeichnung Kolonialisten."
Kultur ist der Gegenbegriff zu Natur, er geht zurück auf das lateinische Wort cultura: Pflege, Anbau, Ackerbau. Kultur gestaltet das natürliche Wachstum, sie formt und veredelt es, was insofern interessant ist, da auch Staaten selbstverständlich keine Naturerscheinungen sind, sondern Konstrukte, man könnte sagen: Inszenierungen. Selbstverständlich sind staatliche Gemeinschaften also Ausdruck einer kulturellen Idee, selbstverständlich haben sie eine Leitkultur. Wenn nicht, fallen sie auseinander. "Die Kultur muss die Kraft und Frische des Natürlichen bewahren", schreibt Eagleton, "während sie gleichzeitig seine eruptiven Kräfte bändigt." Die Leitkultur eines Staates sollte lebendig sein, nicht statisch, sie sollte nicht zur Monokultur werden, aber sie bedarf doch der Pflege.
Eagleton pflegt die britische Kultur der Ironie, er schreibt flapsig, respektlos, voller Bonmots, wobei manches seiner Bonmots nicht mehr ist als eine Albernheit: "Die Musik von Justin Bieber erreicht viele gewöhnliche Menschen, aber das gelingt auch den Windpocken." Eagleton setzt gern solch einen Tusch ans Ende seiner Sätze – als wende er sich an Leser, die zu Hause auf dem Sofa applaudieren. Er smalltalked sich durch die Geistesgeschichte.
Was der Marxist Eagleton zur sogenannten Kulturindustrie zu sagen hat, ist holzschnittartiger als jeder Hollywood-Plot. In Höchstform ist er hingegen, wenn er Oscar Wilde porträtiert, den schriftstellernden Dandy, der in England ein Doppelleben führte, "Angehöriger der Oberklasse und Underdog, angesehener Bürger und Freier von Strichjungen", dem irischen Immigranten, der die Kultur seiner Gastgeber perfekt imitierte, ihre Formen und Konventionen, und der sich gleichzeitig über sie lustig machte. Wilde habe "an die konstitutive Bedeutung der Fiktion für die soziale Existenz" geglaubt, schreibt Eagleton. "Seine eigene gebrochene Identität spiegelte die eines Volkes wider, das nie genau zu sagen wusste, wer es eigentlich ist." Wilde, so könnte man es auch sagen, hat Kultur im Sinne von Kunst zu seiner Lebensweise gemacht. Eine Wahrheit in der Kunst, schrieb er einmal, sei eine Wahrheit, deren Gegenteil ebenfalls wahr sei. Dasselbe gilt für ihn selbst. Wilde ist der Widerpart zu der Idee, Kultur schaffe Identität, er spielt damit, mit sich selbst unidentisch zu sein. Die Ambivalenz in Person.
Eagletons Kultur ist der seltene Fall eines schlechten Buchs mit vielen guten Gedanken. Ein chaotisches Buch, Stückwerk. "Eine literarische Bildung", so hat Eagleton es an anderer Stelle einmal formuliert, "hat viele Vorzüge, aber systematisches Denken gehört nicht dazu." Dieses Buch bringt den Beweis.
Terry Eagleton: Kultur. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Ullstein; 208 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 8. September.
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 9/2017
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