29.09.2018

Die Barbaren sind wir

UM MAL GLEICH mit dem Verrücktesten anzufangen: Vom blutigsten, opferreichs-ten Bürgerkrieg der Weltgeschichte wissen die meisten von uns gar nichts. Taiping-Rebellion? Nie gehört. Was war da los? Worum ging es? Muss ich mich darum jetzt auch noch kümmern?
Stephan Thome, 46, geboren in Biedenkopf, wohnhaft in Taiwan, sagt: Ja – und hat einen 700-seitigen Roman darüber geschrieben. Der steht nun auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und hat gute Chancen, ihn auch zu gewinnen.
Die Taiping-Rebellion fand Mitte des 19. Jahrhunderts in China statt und forderte zwischen 20 und 30 Millionen Menschenleben. Sie begann als Bauernaufstand im Süden des chinesischen Reiches und weitete sich zu einem Volksaufstand aus, der schon bald auch religiöse Züge trug. Der Anführer Hong Xiuquan war früh von messianischen Träumen erfasst worden. Nachdem er von der christlichen Lehre erfuhr, erkannte er sich selbst als späten Bruder Jesu und führte sein Volk im christlichen Sinne – so wie er die Sache verstand, also: tödlich, kompromisslos und entschlossen.
Sein Ziel: Sturz der alten, müden, dekadenten Kaiserdynastie. In diesen Bürgerkrieg mischte sich schon bald der Westen ein, vor allem mit britischen Truppen, die das chinesische Reich als Markt erschließen wollten. Christen, Scheinchristen und eine uralte Dynastie im Krieg, jede Partei von der eigenen moralischen und militärischen Überlegenheit überzeugt. Und also auch überzeugt, gegen Barbaren zu kämpfen.
Stephan Thome hat ein völlig unübersichtliches, historisch und geografisch unendlich fernliegendes Geschehen erzählerisch geordnet, verlebendigt und uns nahegebracht.
Am Anfang mag sein Stil ein wenig bieder, sachlich, vielleicht auch etwas zu heutig erscheinen. Er hat keinen so souveränen, ironischen Zugriff auf sein historisches Personal wie Daniel Kehlmann in Tyll und in der Vermessung der Welt, und er fühlt sich auch nicht so chinesisch-blumig in eine fernöstliche Sprachfantasie hinein, wie es Christoph Ransmayr zuletzt in seinem China-Roman Cox versucht hat. Aber eigentlich ist das ein Glück. Je länger Thome erzählt, umso dankbarer ist man für seine Sachlichkeit und Klarheit. Die Geschichte ist echt schon irre genug.
Thome erzählt aus drei Perspektiven: aus der des chinesischen Generals Zeng Guofan, des hochmütigen, selbstgewissen Verteidigers; aus der des britischen Sonderbotschafters in China, Lord Elgin; und aus der des deutschen Missionars Philipp Johann Neukamp.
Zeng Guofan und Lord Elgin hat es tatsächlich gegeben, sodass Thome auf historisches Material, Tagebücher, Briefe zurückgreifen konnte. Den deutschen Missionar hingegen hat Thome erfunden. Das war vielleicht die schlechteste Idee, die er hatte: ein komplett ausgedachtes, wenn auch plausibles Element in das historische Romangeschehen einzubauen. Die Wirklichkeit ist doch schon dramatisch genug.
Doch das ist nur ein kleiner Einwand gegen ein gewaltiges Buch, das von historischen Ungeheuerlichkeiten in einer Weise berichtet, dass wir, die wir von diesem frühen Grauen nichts wussten und eigentlich auch nichts wissen wollten, mitgerissen werden – und die Parallelen zu unserer Welt von heute, in der immer die anderen die Barbaren sind, ganz von selbst ziehen.

Thome schreibt sachlich und klar. Die Geschichte ist echt schon irre genug.

Stephan Thome: Gott der Barbaren. Suhrkamp; 720 Seiten; 25 Euro.
Von Volker Weidermann

LITERATUR SPIEGEL 10/2018
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