AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Mutmaßlicher Drahtzieher vor Gericht Warum so viele Senioren auf den Enkeltrick reinfallen

Mit der immer gleichen Masche zockt ein Roma-Clan seit Jahren gutgläubige Senioren ab. Ein mutmaßlicher Drahtzieher steht nun vor Gericht - und packt aus.

Mutmaßlicher Hintermann "Lolli" K. um 2014

Mutmaßlicher Hintermann "Lolli" K. um 2014

Von und


Waltraud und Heinz Rosche (Name geändert) hatten länger nichts mehr von ihrem alten Bekannten Erik Höfer (Name geändert) aus Castrop-Rauxel gehört. Früher hatten sie in Höfers Fotostudio gearbeitet, aber als Rentner trafen sie ihn nur noch gelegentlich auf Geburtstagen.

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Heft 52/2017
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Trotzdem zögerte Waltraud Rosche nicht, als Höfer eines Tages anrief und von seinen Geldsorgen erzählte. Er brauche dringend 30.000 Euro. Für den Kauf einer Immobilie, es müsse schnell gehen, am nächsten Montag überweise er ihr das geliehene Geld zurück. Es war Freitag, der 29. November 2013, gegen 11 Uhr.

Heinz Rosche machte sich sofort auf den Weg, um dem alten Bekannten zu helfen. Um 12.45 Uhr kehrte er mit allem Bargeld zurück, das er auf der Stadtsparkasse lockermachen konnte, immerhin 20.000 Euro.

Er selbst könne leider nicht vorbeikommen, hatte Höfer am Telefon gesagt. Aber sein Architekt, Herr Schmidt, könne das Geld abholen. Und so geschah es. Wenig später stand ein Mann in brauner Kunstlederjacke mit grauem Kragen vor ihrer Tür. Herr Schmidt habe "mit leichtem Akzent" gesprochen und "wie ein Osteuropäer" ausgesehen, erinnerte sich Waltraud Rosche im Nachhinein.

Herr Schmidt fragte noch, ob sie denn auch Schmuck oder Wertgegenstände zu Hause hätten. Zu ihrem Glück verneinten die Rentner das. Dann übergaben sie dem ihnen wildfremden Mann 20.000 Euro ihres Vermögens. Wenig später schöpften sie Verdacht und riefen ihren Bekannten aus dem Fotostudio an. Der war überrascht und versicherte, sie nie um Geld gebeten zu haben. Die Tochter des Paares verständigte daraufhin die Polizei.

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Die Masche ist immer dieselbe: Im Telefonbuch suchen die Täter nach altmodisch klingenden Vornamen. Dann rufen sie ihre meist betagten Opfer an, verwickeln sie in ein Gespräch und täuschen vor, ein naher Verwandter oder Bekannter zu sein. Der Rest ist dann oft Routine, wie bei den Rosches.

Enkeltrick heißt die Betrugsnummer unter Ermittlern. Meistens ist sie den Lokalzeitungen nur einen kleinen Bericht wert. Über Hintermänner, Strukturen und das Ausmaß des Schadens wird normalerweise wenig bekannt.

Ein Verfahren vor dem Landgericht Hamburg erlaubt nun überraschende Einblicke in die Szene. Es zeigt, dass der Enkeltrick nicht nur das Geschäft kleiner Gauner ist - sondern ein lukratives Feld der organisierten Kriminalität.

Angeklagt ist Marcin K., genannt "Lolli", 30, ein redegewandter, adretter Mann, lichtes dunkles Haar, Bart, polnischer Staatsbürger. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbs- und bandenmäßigen Betrug in 43 Fällen vor. Anfang Januar soll das Urteil fallen.

Lolli soll der Hintermann einer Bande sein, die zwischen November 2011 und Mai 2014 von Polen aus in Deutschland und Luxemburg ältere Herrschaften betrogen hat - darunter auch Waltraud und Heinz Rosche. "Alles spricht dafür, dass ich der Anrufer war, aber ich kann mich nicht hundertprozentig erinnern", sagt Marcin K., der akzentfrei Deutsch spricht und nicht vorbestraft ist.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat die Bande in 16 Fällen ihre Gesprächspartner am Telefon zu einer Geldübergabe überredet und insgesamt 290.000 Euro erbeutet. In den restlichen 27 Fällen blitzten sie ab: Die Angerufenen waren rechtzeitig misstrauisch geworden und informierten zum Teil die Polizei.

Der Enkeltrick ist seit fast 20 Jahren eine der erfolgreichsten Betrugsmaschen, ein skrupelloses Geschäft mit der Gutgläubigkeit und Unsicherheit älterer, argloser Menschen. Mit erfunden hat ihn Ende der Neunzigerjahre der Teppichhändler Arkadiusz L., genannt "Hoss". Er gilt als der Pate der Enkeltrick-Mafia, Anführer eines Clans aus mehreren Roma-Familien - und er ist Lollis Vater.

Hoss kam 1976 nach Deutschland, 1996 zog er nach Hamburg und baute ein weitverzweigtes, europaweit agierendes Netzwerk von Trickbetrügern auf, die Rentner auszunehmen versuchten. Die Täter, sogenannte Keiler, sitzen meist in Polen und rufen von dort aus potenzielle Opfer in Deutschland an. Fallen die Angerufenen darauf herein, taucht ein unbekannter Geldabholer bei ihnen auf. Die telefonische Koordination der Abholerteams übernehmen sogenannte Logistiker. An manchen Tagen ergaunerten Hoss und seine Leute 80.000 Euro.

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Das streng hierarchische System erschwert die Fahndung: Die Beute wird kurz nach der Übergabe über Mittelsleute schnellstmöglich nach Polen transportiert. Dadurch wird es kompliziert, die Taten bis zu den Keilern zurückzuverfolgen und nach einer Festnahme die erbeuteten Wertgegenstände sicherzustellen.

Für L. alias Hoss wurde es zwischenzeitlich trotzdem eng. 2001 floh er nach Polen, wurde mehrfach festgenommen. Eine Auslieferung auf der Grundlage eines internationalen Haftbefehls scheiterte. Mithilfe von Attesten oder auf Kaution kam er immer wieder frei und tauchte unter, bis er im März 2017 von polnischen Spezialkräften in Warschau festgenommen wurde.

Da lief bereits der Prozess gegen seinen Sohn. Lolli soll Straftaten in ganz Europa begangen haben. Er jonglierte mit zwei weiteren Identitäten: Er nannte sich Jeff Orlowski, geboren in Hamburg, oder Marek Novak, geboren in Chicago.

In der Szene feierte man ihn als Star. Eine Rolle, die er auskostete und zur Schau trug: Lolli im Smoking, mit Sonnenbrille, die dunklen Haare zurückgekämmt, eine Kippe im Mundwinkel. Andere Ganoven himmelten ihn an. "Jeder wollte so sein wie er", sagt einer von ihnen. "Sein Stil war legendär."

In kürzester Zeit avancierte Lolli zu einem der meistgesuchten Trickbetrüger Europas, Ermittler fahndeten mit drei Europäischen Haftbefehlen nach ihm. Mehr als zwei Jahre lang war der junge Pole auf der Flucht, entkam mehrmals der Polizei. Während sein Vater im Mai 2014 in Warschau festgenommen wurde, entwischte Lolli nach Angaben der Ermittler zeitgleich in Posen im letzten Moment einem Spezialkommando: Er kletterte über den Balkon seines Apartments im 7. Stock auf den darüberliegenden Balkon im 8. Stock und verschwand über die Hochhausdächer.

Am 18. Juli 2016 nahmen ihn ungarische Zielfahnder in Budapest fest. Im Januar 2017 begann die Hauptverhandlung gegen Lolli, 69 Termine waren anberaumt, 6 weitere wurden inzwischen nachterminiert. Neun Monate lang unterhielt er sich in Saal 337 im Gericht angeregt mit seinen Anwälten Svenja Gruhnwald und Christian Lange, zeigte sich den anderen Prozessbeteiligten gegenüber höflich, fast zugewandt. Zu den Vorwürfen aber schwieg er eisern.

Kein Wort von ihm, wie flink er von seinem Vater und der restlichen Truppe gelernt, wie er sein kriminelles Handwerk perfektioniert hat. Keiler wie er müssen nicht nur fließend und akzentfrei Deutsch sprechen; sie benötigen psychologische Fähigkeiten, Überzeugungskunst und Charme.

Und die Opfer? Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft verschweigen viele Geschädigte die Tat vor ihren Angehörigen, aus Angst, für nicht mehr zurechnungsfähig gehalten zu werden, und aus Scham. Eine 74-Jährige aus Berlin fiel auf den angeblichen Nachbarssohn herein, den sie von klein auf kannte. Obwohl ihr auffiel, dass er sie auf einmal duzte, berappte sie 9000 Euro.

Eine 86-Jährige gab den Betrügern 100.000 Euro in der Annahme, das Geld sei für ihren Neffen. Eine 75-Jährige schöpfte ihren Dispokredit aus, um ihrem angeblichen Großcousin 10.000 Euro zu leihen. In manchen Fällen seien die Opfer in existenzielle Geldnot geraten, sagen die Ermittler. Die Täter würden dies "bewusst in Kauf" nehmen.

Landgericht Hamburg, Saal 337. Gisela Harsefeld (Name geändert) erinnert sich an einen Anruf im August 2012, vermutlich von Lolli. Seine Stimme habe "sehr sympathisch, sehr angenehm" geklungen, sagt die 74-Jährige. "Einschmeichelnd, mit dunklem Timbre."

"Wir kennen uns doch! Rate mal!", habe der Unbekannte gesagt.

"Ich rate nicht. Dazu habe ich keine Lust", habe sie geantwortet.

"Jetzt rate doch mal, dein Mann kennt mich!"

"Ich wollte aber nicht raten", sagt Gisela Harsefeld, sie habe ihrem Mann unwirsch den Apparat gegeben, da habe der Anrufer aufgelegt.

Auch bei einem anderen Ehepaar scheiterte Lolli am Telefon. Der Mann ließ sich zunächst auf das Ratespiel ein, vermutete seinen Freund Volker aus Frankreich in der Leitung. Dieser behauptete, er sei bei einem Notar in Hamburg und benötige 40.000 Euro für den Kauf eines Grundstücks. Doch die Frau hatte Zweifel. "Ich rief Volker an, aber der saß friedlich in Frankreich", sagt sie vor Gericht.

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Christian Lange, Lollis Verteidiger, stellt jedem Zeugen am Ende der Befragung vor Gericht die gleichen Fragen: Haben Sie jemals derart große Summe verliehen? Würden Sie sich als großzügig beschreiben? Als leichtgläubig? Alle beantworten die Fragen mit Nein.

Seine Co-Verteidigerin Svenja Gruhnwald zielt ebenfalls auf die Gutgläubigkeit der Senioren ab. Diese hätten es den Betrügern oft leicht gemacht. Gruhnwald erinnert an "teilweise deutlich aufkommende Verdachtsmomente wie Warnungen durch Bankmitarbeiter" und das "offensichtlich osteuropäische Erscheinungsbild des Abholers bei angeblich 'urdeutschem' Familiennamen".

Über die Lautsprecher ertönt im Verhandlungssaal der Mitschnitt einer Telefonüberwachung. Lollis Stimme ist zu hören, er spricht Polnisch mit einer Frau, die bei einem Berliner Ehepaar fast 20.000 Euro abholen sollte. Doch das Ehepaar war misstrauisch geworden und drohte, die Polizei zu rufen. Der Beutezug war gescheitert. "Ärgere dich nicht", sagte Lolli in der Aufzeichnung zu seiner Komplizin, "waren ja nur 20.000 Euro. Wir finden vielleicht etwas anderes." Der Vorsitzende Richter beugt sich zum Angeklagten. "Hatte Ihre Großmutter Zofia in diesem Fall etwas damit zu tun?" Zofia K., 65, wurde in Hamburg bereits wegen Betrug zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt.

Angeklagter K. (M.), Verteidiger Gruhnwald, Lange: Den Betrügern leicht gemacht?
DPA

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Lolli ziert sich. Er weiß, dass Verrat an der Sippe gefährlich sein kann. Aber nach 16 Monaten in Untersuchungshaft ist er zermürbt. Am 9. November sprudelt es plötzlich aus ihm heraus. Er gibt alle Vorwürfe zu, identifiziert sämtliche Mittäter. Ohne Absprache mit seinen Anwälten.

Die Kammer fragt nun noch einmal jeden einzelnen Betrugsfall ab. Lolli übersetzt aus der Telefonüberwachung, gibt Namen preis, sagt: "Ja, das war ich." Im Zuschauerraum in Saal 337 sitzt seine Frau, er wirft ihr Luftküsse zu.

Wie seine Familie insgesamt auf seine Beichte reagiert hat, wollen seine Verteidiger nicht kommentieren. SPIEGEL TV kam in den vergangenen Jahren des Öfteren in Berührung mit Lollis Angehörigen. Die wenigsten von ihnen waren friedlich. Die Reporter wurden bepöbelt, bespuckt, angegriffen.

Der Clan nutzt den Enkeltrick als Haupteinnahmequelle für ein Luxusleben, er soll damit ein Millionenvermögen ergaunert haben. Lolli kennt nichts anderes. Er wuchs in Deutschland auf, war in Essen und Hamburg gemeldet. Seit 2005 haben ihn die Fahnder wegen der Betrugsserie im Visier. Er finanzierte sich damit seinen teuren Lebensstil. Lolli fuhr Porsche und Ferrari, residierte im Hilton oder im Sheraton.

Ermittler sprechen von einem "Totalversagen der Justiz und Politik". Die Enkeltrick-Betrüger seien das beste Beispiel für "die Machtlosigkeit der Staaten in Europa gegen das organisierte Verbrechen". Lolli muss fest geglaubt haben, glimpflich davonzukommen. Bis der Vorsitzende Bernd Steinmetz ankündigte, dass er mit nahezu 15 Jahren Haft rechnen müsse, sollte er kein umfassendes Geständnis ablegen und sich um eine Schadenswiedergutmachung bemühen. Selbst in diesem Fall würde er nicht weniger als 12 Jahre Haft bekommen.

Dies sei "ein deutlich zu hohes Strafmaß", sagt sein Verteidiger Lange. "Es gibt kein Sonderstrafrecht für Enkeltrick-Betrüger. Selbst bei einem Vielfachen dieses Schadens muss ein Anlagebetrüger mit nicht mehr als der Hälfte rechnen."

Gegen Lolli laufen auch Verfahren in Österreich, Luxemburg und der Schweiz. Eine sogenannte Gesamtlösung aller Straftaten europaweit sei nicht möglich, sagte der Richter zu Beginn des Prozesses. Wenn Lolli seine Strafe in Deutschland verbüßt hat, wird er in eines der anderen Länder ausgeliefert und dort vor Gericht gestellt.

Vielleicht war die Angst vor einer langen Haft der Auslöser für Lollis Kurzschlussreaktion. Vielleicht war es aber auch die Einzelhaft, die einem Lebemann wie ihm zu schaffen macht. Außer einer Stunde Hofgang sitzt er 23 Stunden lang in seiner Zelle. Für einen geselligen Menschen wie Lolli, sagt ein Freund, sei das schwer zu ertragen.



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