AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Tödlicher Streit unter Nachbarn Bevor was Schlimmes passiert

In Lüneburg streiten sich zwei Nachbarn: wegen nicht angeleinter Hunde, wegen der Zeitung. Am Ende wird einer erstochen. Wie konnte es so weit kommen?

Angeklagter Kristian G. bei Prozessbeginn
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Angeklagter Kristian G. bei Prozessbeginn

Von Bruno Schrep


Die "Lünepost" wird in Lüneburg und Umgebung immer mittwochs und samstags gratis verteilt. Die Leser des Anzeigenblatts erfahren dann, wie die Fußballer vom Männerturnverein Treubund gespielt haben und wer Heidekönigin geworden ist.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Beim scheinbar lächerlichen Streit um die Zustellung dieses Blattes und um den korrekten Umgang mit drei Hunden starb ein 51-jähriger Familienvater. Er wurde von einem Zeitungsausträger erstochen.

"Unser Leben ist zerstört", sagt jetzt Nicole K., die Witwe des Opfers. Sie sitzt im Büro ihres Lüneburger Anwalts Moritz Klay und berichtet stockend von dem Ereignis, das ihr Leben veränderte. Die Mutter zweier Söhne plante schon die Silberhochzeit. Nun muss sie den Familienbetrieb allein weiterführen. "Ich hab nicht einmal Zeit zum Trauern", sagt sie.

"Er fehlt mir jeden Tag", klagt Margitta G., die Mutter des Täters Kristian G., der in Untersuchungshaft sitzt. Die schwer kranke Frau fürchtet, ihren Sohn nie mehr in Freiheit zu erleben. "Wenn er rauskommt, bin ich wahrscheinlich tot." Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Mordes erhoben, am Donnerstag begann vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess; der Angeklagte schwieg.

Der bizarre Kriminalfall, der Unglück über zwei Familien gebracht hat, erinnert an zahlreiche Nachbarschaftsstreitigkeiten: Ansonsten vernünftige Bürger geraten aneinander wegen zu lauter Musik, wegen Falschparkens, wegen Kindergeschrei - Beispiele für die Unfähigkeit vieler Menschen, sich über kleinste Meinungsverschiedenheiten zu einigen, auch mal nachzugeben oder etwas zu ignorieren. Der Fall zeigt zudem, dass ein Gewaltexzess wie dieser selten aus heiterem Himmel kommt. Und dass Wut meistens Zeit braucht, um sich aufzustauen.

Der Lüneburger Ortsteil Oedeme liegt drei Kilometer von der historischen Altstadt entfernt. Wer hier wohnt, hat etwas erreicht. Die schmucken Einfamilienhäuser sind von penibel gepflegten Gärten umrahmt, viele Eingangstüren liebevoll gestaltet. In den Einfahrten parken Familienkutschen. Fast jeder kennt hier jeden. Doch nicht alle Nachbarn sind einander grün.

Die Familien K. und G. wohnen nur rund 500 Meter voneinander entfernt. Zusammen mit seiner Ehefrau führt der schottischstämmige Frank K. seit Jahren einen Reinigungsbetrieb, "rund um Haus und Garten", wie es in Annoncen heißt. Die beiden Söhne und ein paar Angestellte entrümpeln bei Wohnungsauflösungen, schneiden Hecken, putzen Treppenhäuser. Wenn die Firma kurzfristig Mitarbeiter sucht, inseriert die Unternehmerfamilie in der "Lünepost". Und prüft stets, ob ihr Inserat ordentlich platziert ist.

Das Anzeigenblatt wird in ihrer Straße meist von Kristian G. ausgetragen, einem von Hunderten Zustellern der Zeitung. Eigentlich ist das der Job von G.s Mutter. Doch die 73-Jährige kann die schweren Bündel nicht mehr schleppen, lässt sich oft vom Sohn vertreten. In ihrem Wohnzimmer springt sie jetzt immer wieder aus ihrem Sessel auf und beteuert, was für ein friedfertiger Mensch der Sohn im Grunde sei. Ihr Mann, ein pensionierter Verwaltungsbeamter, versucht vergebens, sie zu beruhigen.

Der Sohn lebte trotz seiner 42 Jahre wieder im Obergeschoss des elterlichen Hauses. Er gilt als Einzelgänger. Zwar wohnte er zeitweise mit Freundinnen zusammen, aber die Beziehungen scheiterten wie manches andere in seinem Leben.

Sein großer Traum war es, Karriere als Radrennfahrer zu machen, er war niedersächsischer Meister im Bahnradfahren. Aber im Alter von zwanzig Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, ein schwerer Schlag. Danach lernte er Drucker. Bis zu seiner Verhaftung organisierte er die Logistik in einem Metallbetrieb, chauffierte den Firmen-Lkw, rangierte mit dem Gabelstapler. Und in seiner Freizeit trug er die Zeitungen aus.

Anfang 2017 gerät er mit K. aneinander, wochenlang geht es um dieselbe Sache. "Wenn G. die Zeitung ausgetragen hat, gingen wir oft leer aus", erinnert sich Nicole K. Es kommt zu Wortwechseln, gegenseitigen Beschimpfungen, mehrmals beschwert sich der Unternehmer beim Verlag der "Lünepost".

Tatsächlich fährt Zeitungsbote G. am Anwesen der Familie K. meist schnell mit seinem Rad vorbei. Nur selten, wenn er niemanden auf dem Grundstück sieht, wirft er eine Zeitung in den Postkasten. Der Unternehmer und G. können einander nicht ausstehen, denn sie haben Streit wegen ihrer Hunde.

Firmenchef K. führt seinen großen Mischlingsrüden stets an der Leine, selbst dort im Kurpark, wo kein Leinenzwang besteht. Kristian G. dagegen, Besitzer zweier kleiner Spaniels, lässt seine Hunde meist frei laufen. Begegnen sich die beiden Tierhalter, kommt es regelmäßig zum Streit. Frank K. fordert seinen Nachbarn auf, die Spaniels anzuleinen. Ansonsten, warnt er, werde er seinen Rüden loslassen. Eine solche Drohung haben auch andere Hundebesitzer der Siedlung in ähnlichen Situationen zu hören bekommen.

Wenn Frank K. beim Gassigehen mit seinem Hund am Grundstück der Familie G. vorbeikommt und die Spaniels hinter dem Zaun bellen, reagiert er immer wieder mit heftigen Vorhaltungen. "Es gab jedes Mal eine Schreierei", sagt Bernd G., der Vater von Kristian G.

Am 1. April, einem Samstag, packt Kristian G. nachmittags mehrere Zeitungsbündel in die Fahrradtaschen und beginnt seine Tour. Als er am Haus von K. mal wieder vorbeifahren will, spricht der ihn an: "Warum kriege ich keine Zeitung?" "Die sind alle", erwidert der Zusteller. Ob das stimmt oder nur eine Ausrede ist, bleibt unklar.

Beim anschließenden Wortgefecht fallen offenbar viele böse Worte. Als Zeitungsbote G. nach Hause kommt, um neue Bündel der "Lünepost" zu holen, wirkt er aufgewühlt.

"Da gehe ich nie mehr hin", sagt er. Doch weil Frank K. beim Verlag auf Auslieferung bestanden hat, lässt sich G. von der Vertriebsabteilung der Zeitung umstimmen. Auch sein Vater bedrängt ihn, das verdammte Blatt doch einfach hinzubringen, fertig. "Hätte ich das bloß gelassen", bedauert der Vater heute.

Mutter Margitta G., die ihren Sohn am besten kennt und seine Wut spürt, hat eine Vorahnung. "Los, fahr ihm hinterher", bedrängt sie ihren Mann, "bevor noch was Schlimmes passiert." Doch als Bernd G. am Haus der Familie K. ankommt, ist es bereits zu spät.

Was gegen 17 Uhr auf dem Grundstück geschieht, wird wohl nie in allen Details aufgeklärt werden. Fest steht jedoch: Die beiden Hundehalter streiten heftig, Zeitungen werden zerfetzt, Beleidigungen ausgestoßen, aus dem Gerangel wird eine Schlägerei. Fäuste fliegen. Plötzlich schreit Frank K. zu seiner Frau im Haus: "Er hat ein Messer, er hat ein Messer. Ruf die Polizei." Und er versucht offenbar noch, wegzulaufen.

Zusteller Kristian G. sticht mehrfach zu. Er trifft das Opfer in die rechte Seite und in den Rücken. Obwohl sofort ein Arzt aus der Nachbarschaft zu Hilfe eilt, ist K. nicht mehr zu retten. Ein Stich hat den Unterleib verletzt, ein weiterer das Herz und die Lunge. Der 51-jährige Frank K. stirbt kurz nach seiner Einlieferung im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Kristian G. aus "niedrigen Beweggründen und heimtückisch" handelte, also einen Mord beging. Das Opfer sei "arg- und wehrlos" gewesen, habe nicht mit einem Angriff rechnen können.

Kristian G. beruft sich dagegen auf Notwehr. "Ich hatte große Angst", soll er Tage nach seiner Attacke erklärt haben. Er habe sich nicht anders zu helfen gewusst, als sich mit dem Messer aus der Umklammerung des kräftigeren Unternehmers zu befreien.

Die Opferfamilie erlebte das völlig anders. "Er lief hinter meinem flüchtenden Mann her und stach immer wieder zu", berichtet Ehefrau Nicole K., die das Drama aus nächster Nähe mitansehen musste. "Ich versuchte noch, die Wunden meines Mannes zuzuhalten, damit er nicht so viel Blut verliert", sagt sie weinend, "aber da hat er kaum noch geatmet."

Sohn Kevin K. überwältigte den Täter schließlich und hielt ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest. Er belastet Kristian G. ebenfalls schwer. Selbst als der Vater schon bewusstlos auf dem Rücken lag, habe der Angreifer nicht von ihm abgelassen. "Er hörte erst auf, als ich ihm das Messer abgenommen hatte."

Woher kam dieses Messer? "Als Zeitungsbote hat man so etwas immer dabei", sagt Bernd G., der Vater des Angeklagten. Man benötige es, um die sehr reißfesten Kunststoffschnüre der Zeitungspakete durchzuschneiden.

Die Staatsanwaltschaft glaubt hingegen, dass der Zusteller aus Wut über den ersten Streit nach Hause fuhr und die Waffe holte, um sich für die Beschimpfungen zu rächen - was ein wichtiges Indiz für eine vorsätzliche Tat wäre.

Auch nach der Messerattacke beruhigte sich Kristian G. offenbar nicht. Noch am Tatort soll er die Familie des Opfers bedroht haben: "Ich komme wieder und töte euch auch noch." Gegenüber einer Kommissarin, die ihn vernehmen will, ist er noch so in Rage, dass er sagt, sein Opfer, "dieser Sack", habe es nicht besser verdient. Schließlich habe dieser Familie G. und andere Leute wiederholt bedroht und auch seinen Hund nicht im Griff. Da weiß er allerdings noch nicht, dass Frank K. gestorben ist.

Vater Bernd G. kann sich den Gewaltausbruch des Sohnes nicht erklären. "Er war nicht jähzornig", versichert der 73-Jährige, "er konnte sich immer beherrschen." Tatsächlich lebte der Beschuldigte bis zum Tattag unauffällig und ohne Vorstrafen.

Wie es in seinem Innern aussieht, will der 42-Jährige jedoch nicht zeigen. Deshalb redete er auch nicht mit einem psychiatrischen Gutachter, der seine Schuldfähigkeit überprüfen sollte. Der Mediziner musste sich auf Akten stützen.

Mutter Margitta G. hat eine Liste mit Bekannten erstellt, die Kristian G. womöglich entlasten könnten. Sie besucht ihn so oft wie möglich im Gefängnis und beklagt, dass sie ihm aus Sicherheitsgründen nicht sein Lieblingsessen mitbringen darf.

"Für diese Leute geht das Leben weiter", sagt Witwe Nicole K. verbittert, "aber mein Mann bleibt für immer tot. Der kommt nicht irgendwann zurück." Sie hat beim Bestatter einen Fingerabdruck ihres Mannes abnehmen lassen und diesen Abdruck auf ihren linken Arm tätowieren lassen. Darüber hat der Tätowierer ein Wort in ihre Haut gestochen: "Love".

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