AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Tödliches Messerattentat in Lünen Fühlen Sie sich an Ihrer Schule noch sicher, Herr Direktor?

Ein 15-Jähriger hat in einer Gesamtschule in Lünen einen anderen Jungen erstochen. Schulleiter Reinhold Bauhus erzählt, wie es dazu kam - und wie Schüler und Lehrer die Tat verarbeiten.

 Schulleiter Bauhus: "Das ist in unseren Köpfen und geht auch nicht mehr raus"
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Schulleiter Bauhus: "Das ist in unseren Köpfen und geht auch nicht mehr raus"

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In den vergangenen Wochen gab es tödliche Messerstechereien unter Jugendlichen. In Dortmund, in Berlin, zuletzt in Flensburg. Für zu viele Teenager, vor allem Jungs, scheint es heute normal zu sein, ein Messer dabeizuhaben und andere zu attackieren. Mitunter geben Nichtigkeiten den Ausschlag, ein Fleck auf den Klamotten zum Beispiel. Oder ein Blick, wie in Lünen in Westfalen.

Es passierte am 23. Januar um kurz nach acht Uhr: Ein 15-jähriger Schüler der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule war an diesem Morgen mit seiner Mutter zur Schule gekommen, sie hatten einen Termin bei der Schulsozialarbeiterin. Sie warteten im Foyer, als ein anderer Schüler, 14, an ihnen vorbeiging. Die beiden Jungen kannten einander, sie hatten schon öfter Streit gehabt. Der Jüngere soll die Mutter des Älteren "provozierend angeschaut" haben, meldete später die Polizei. Der 15-Jährige zückte ein Messer und stach dem 14-Jährigen in den Hals. Das Opfer starb noch in der Schule. Gegen den Täter wurde Haftbefehl wegen Mord erlassen.

Schulleiter Reinhold Bauhus, 61, hat Interviews lange abgelehnt, nun sagte er doch zu. Er wolle einiges richtigstellen, sagt Bauhus, und um den Ruf seiner Schule kämpfen.

SPIEGEL: Herr Bauhus, fühlen die Schüler, die Lehrer, Sie selbst sich an Ihrer Schule sicher?

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Heft 13/2018
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Bauhus: Ja. Wir waren vor dieser Tat eine friedfertige Schule, und das sind wir auch jetzt noch. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass einzelne Lehrerinnen und Lehrer noch immer Hilfe von Psychologen bekommen. Zwei Schüler haben unsere Schule nach der Tragödie verlassen. Einer von ihnen ist ein enger Freund des getöteten Jungen gewesen.

SPIEGEL: Wie oft denken Sie noch an das, was an jenem Dienstagmorgen passiert ist?

Bauhus: Jeden Tag. Das geht allen hier so. Das ist in unseren Köpfen und geht auch nicht mehr raus. Unsere Schule wird nie wieder dieselbe sein wie vorher.

SPIEGEL: Woran merken Sie das?

Bauhus: Wir haben ein Stück unserer Unbefangenheit verloren. An einer Schule, an die jeden Tag mehr als tausend Menschen kommen, gibt es Konflikte. Das ist ganz normal. Doch wir hören jetzt genauer hin. Ein Schüler sagte kürzlich zu einem anderen: Pass bloß auf, wenn du nach Hause kommst, dann warte ich da auf dich. Ein Lehrer stellte ihn sofort zur Rede. Natürlich sind wir bei so etwas jetzt sensibler.

SPIEGEL: Wie haben Sie an jenem Tag von der Tat erfahren?

Bauhus: Ich war auf dem Weg zur Schule, da rief mich mein Stellvertreter an und erzählte, was vorgefallen ist. Als ich ankam, landete gerade der Rettungshubschrauber.

SPIEGEL: Was ging Ihnen durch den Kopf?

Bauhus: Der erste Gedanke war: Das ist der Super-GAU. Dann entschied ich, dass wir die Schüler, die in den Klassen sitzen, auf keinen Fall zum Tatort im Foyer lassen dürfen. Ich habe eine Durchsage gemacht, dass alle in den Räumen bleiben sollen, auch die Lehrer. Es hat sich trotzdem rasend schnell verbreitet, dass ein Schüler umgebracht worden ist. In meinem Sekretariat klingelte nur noch das Telefon, bestürzte Eltern riefen an: Gibt es einen Amoklauf? Ist mein Kind tot?

SPIEGEL: Wie gingen Sie dann vor?

Bauhus: Jede Schule hat für so etwas einen Notfallordner, den habe ich aus meinem Schrank geholt. Es stehen wichtige Telefonnummern darin, die ich angerufen habe: Schulaufsicht, Schulpsychologen, Notfallseelsorger. In meinem Büro haben wir mit der Kripo ein Krisenteam gebildet. Wir beschlossen, die Schüler nicht allein heimzuschicken, sie sollten von ihren Eltern abgeholt werden. Wir wollten verhindern, dass Panik entsteht.

SPIEGEL: Wie haben die Schüler und Lehrer auf die Tat reagiert?

Bauhus: Unterschiedlich. Manche hatten Heulkrämpfe, andere waren bleich und brachten kein Wort heraus. Und dazwischen habe ich immer wieder dieselbe Frage gehört: warum, warum, warum?

SPIEGEL: Was war Ihre Antwort?

Bauhus: Dass ich keine Erklärung für diese Tat habe. Ich weiß bis heute nicht, wie das passieren konnte.

SPIEGEL: Haben Sie mit den Eltern des getöteten Jungen gesprochen?

SPIEGEL: Sie kamen am nächsten Tag in die Schule, sie wollten den Ort sehen, an dem es passiert ist. Ich habe ihnen gesagt, wie erschüttert ich bin. Man muss sich das vorstellen: Man gibt sein Kind in den geschützten Raum der Schule, und dann wird es dort umgebracht. Entsetzlich.

SPIEGEL: Gab es Vorwürfe der Eltern?

Bauhus: Ja, aber darauf möchte ich nicht näher eingehen.

SPIEGEL: Als Schulleiter tragen Sie Verantwortung für das, was an Ihrer Schule passiert. Haben Sie die Eltern um Entschuldigung gebeten?

Bauhus: Nein. Auch jetzt, mit dem Abstand von mehreren Wochen, können wir nicht erkennen, dass wir bei diesem Schüler einen Fehler gemacht haben.

SPIEGEL: Es heißt, er sei aggressiv gewesen, habe immer wieder Schwierigkeiten im Unterricht gemacht. Er soll deswegen zeitweise von der Schule geflogen sein.

Bauhus: Das sind Halbwahrheiten. Richtig ist: Der Junge war immer Schüler hier, er wurde nie rausgeworfen. Er hatte schlechte Noten, sein Abschluss war in Gefahr. Wir haben für solche Schüler ein Programm, das wir zusammen mit einer Hauptschule anbieten: Die Schüler gehen dort drei Tage in der Woche zum Unterricht, zwei Tage machen sie ein Praktikum in einem Betrieb, um dort später vielleicht eine Ausbildung zu beginnen. An diesem Programm nahm der Junge teil, er arbeitete bei einer Dachdeckerfirma. Allerdings funktionierte es nicht, deswegen sollte er an unsere Schule zurückkehren.

SPIEGEL: Er war nie besonders auffällig?

Bauhus: Doch, er war respektlos, hielt sich nicht an Regeln. Er kam zum Unterricht, wann er Lust und Laune hatte. Einmal trat er gegen einen Spind, mehr findet sich in seiner Akte aber nicht. Er hatte an unserer Schule zuvor nie eine körperliche Auseinandersetzung mit anderen.

SPIEGEL: Selbst die Dortmunder Polizei sprach davon, dass der Junge aggressiv gewesen sei. Man berief sich auf Aussagen Ihrer Schulsozialarbeiterin.

Bauhus: Das hat unsere Sozialarbeiterin aber nie so gesagt. Sie hat sich bei der Polizei beschwert, dass sie so zitiert worden ist. Es geriet in der Hektik vieles durcheinander. Es entstand der Eindruck, wir hätten die Katastrophe kommen sehen müssen. In vielen Medien las ich, dass wir hier ein Gewaltproblem hätten. Das passte ins Bild, stimmt aber nicht. Ich kann Ihnen das mit Zahlen belegen.

SPIEGEL: Bitte.

Bauhus: In den vergangenen 13 Monaten gab es bei uns sieben Körperverletzungen. Wir haben 970 Schülerinnen und Schüler, das betrifft also weniger als ein Prozent. Aber natürlich weiß ich auch: Das sind sieben Fälle zu viel.

SPIEGEL: Schon am Tag nach der Messerattacke öffneten Sie Ihre Schule wieder, die Schüler sollten die Tat in Gesprächsgruppen verarbeiten. Nahmen die Jugendlichen das an?

Bauhus: Ja, sie hatten Redebedarf, sie brauchten Menschen, die ihnen zuhörten. Wir haben in unserer Aula einen Trauerraum eingerichtet. Es entstand eine Wand aus Bildern, Kommentaren, Gedichten.

SPIEGEL: Es gab eine Schweigeminute auf dem Schulhof. Das Tor zur Straße wurde vorher mit einer Plane abgehängt. Es war ein Sichtschutz, hinter dem Tor warteten Dutzende Fernsehteams und Reporter, auch vom SPIEGEL.

Bauhus: Wir wurden von den Medien geradezu überrannt. Alle wollten Informationen. Ich verstehe das, es ist ein berechtigtes Anliegen, aber manche trieben es zu weit.

Gedenkort vor der Gesamtschule in Lünen: "Mit einem Schlag weltbekannt"
DPA

Gedenkort vor der Gesamtschule in Lünen: "Mit einem Schlag weltbekannt"

SPIEGEL: Was meinen Sie?

Bauhus: Einige Schüler gingen zu den Polizeibeamten, die auch vor der Schule standen, und sagten: Ich will kein Interview geben, aber die Journalisten laufen trotzdem hinter mir her. Die Beamten haben dann einzelnen Reportern Platzverbot erteilt. Unsere Schule besteht aus zwei Gebäuden, zwischen denen eine öffentliche Straße verläuft. Zusammen mit der Stadt Lünen haben wir diese Fläche kurzzeitig zum Schulgelände erklärt, um das Hausrecht ausüben zu können.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich von den Journalisten daran gehindert, gut mit der Situation umzugehen?

Bauhus: Wir wollten ursprünglich eine Trauerfeier in einem Theater in Lünen machen. Doch auch da wären wohl Reporter gekommen, um O-Töne von schluchzenden Kindern einzuholen. Wir haben die Idee also verworfen. Unsere Schule war mit einem Schlag weltbekannt. Dutzende andere Schulen haben sich gemeldet, um Hilfe anzubieten, das war schön. Aber ich bekam auch viele ekelhafte Mails.

SPIEGEL: Was stand da drin?

Bauhus: Einige Leute haben mich für die Tat verantwortlich gemacht und übel beschimpft. Ich wurde als Hohlkopf bezeichnet, als Mörder, jemand schrieb: Verstecken Sie lieber schnell Ihre Kinder. Manche Absender hatten einen rechtsradikalen Hintergrund.

SPIEGEL: Woran erkannten Sie das?

Bauhus: Eine Mailadresse lautete: adolfhitler@nsdap.de. Solche Leute störte es wohl, dass wir immer betont haben, eine Schule ohne Rassismus zu sein. Und als bekannt wurde, dass der Täter kasachische Wurzeln hat, nutzten das diese Leute, um ihren Hass über uns auszukippen.

SPIEGEL: Wie gingen Sie damit um?

Bauhus: Ich habe 30 Anzeigen bei der Polizei gestellt, wegen Beleidigung, Volksverhetzung, Nötigung und Bedrohung. Es ist leider schwierig, die Absender zu ermitteln, eine IP-Adresse wurde einem Server in Moskau zugeordnet. Ich wollte aber unbedingt etwas tun, aus Selbstschutz und weil ich unsere Schule schützen wollte. Ihr Ruf litt, er tut es immer noch.

SPIEGEL: Sehen Sie die Zukunft Ihrer Schule in Gefahr?

Bauhus: Ich hatte schon Bedenken. Ende Januar, wenige Tage nach der Tat, fand die Anmeldung für die fünften Klassen statt. Es gab Eltern, die wollten ihr Kind nach dem Vorfall nicht mehr zu uns schicken, sie meldeten es an einer anderen Schule an. Ich kann das nachvollziehen. Zum Glück waren das aber Einzelfälle. Unsere Elternschaft veröffentlichte einen Brief, in dem sie sich solidarisch erklärte. Die Eltern schrieben, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben seien. Das half.

SPIEGEL: Die Debatte um Übergriffe an Schulen geht weit über Lünen hinaus, es gibt etliche Fälle: An einer Grundschule in Sachsen-Anhalt beklagten sich kürzlich Lehrer über permanente Schlägereien, an einer Schule in Berlin patrouilliert neuerdings ein Sicherheitsdienst. Hat die Gewalt unter Jugendlichen zugenommen?

Bauhus: Was wir vor allem feststellen: Die Qualität der Gewalt ist eine andere geworden, die Härte ist mitunter erschreckend.

SPIEGEL: War das früher anders?

Bauhus: Da gab es auch schon Prügeleien auf dem Pausenhof, aber wenn damals einer am Boden lag, war Schluss. Heute fehlt die Beißhemmung, es müssen auch mal drei, vier Lehrer dazwischengehen und zwei Schüler auseinanderreißen, damit es nicht böse endet. Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wo die Grenze ist und was passiert, wenn sie überschritten wird.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Bauhus: Das wird in den Familien nicht mehr gelernt. Viele Eltern sind alleinerziehend, es fehlen Bezugspersonen für die Kinder. Man bekommt zu Hause nicht mehr beigebracht, Konflikte in Gesprächen zu lösen. Im Freundeskreis wird immer mehr über soziale Medien und WhatsApp kommuniziert. Wie sich Schüler dort beleidigen, ist schlimm. Aggressionen und Gewalt entstehen nicht unbedingt in der Schule, sie werden aber importiert. Lehrer werden zum Teil derb beschimpft, sie hören Beleidigungen wie: du Wichser!

SPIEGEL: Es wurde diskutiert, die Sicherheitsmaßnahmen an Schulen zu verschärfen. Von Waffendetektoren war die Rede.

Bauhus: Davon halte ich nichts, dann passiert so eine Attacke eben außerhalb der Schule oder auf dem Schulweg. Ist das besser? Ich will keine Schule, die sich einigelt, die Körperscanner aufstellt und Zäune hochzieht.

SPIEGEL: Was können Sie dann tun?

Bauhus: Es geht um die Schüler, die schon genug Sorgen und Probleme haben, die in den Klassen schlechte Noten kassieren. Das lässt sie noch enttäuschter werden. Sie brauchen Erfolgserlebnisse außerhalb des Unterrichts. Wer lernt, Verantwortung zu übernehmen, hat mehr Selbstwertgefühl. Wir haben einen Laden mit Fair-Trade-Produkten, der von Schülern betrieben wird. Wir haben eine Werkstatt, in der Schüler Fahrräder für Leute aus unserem Viertel reparieren. Wir bilden mit dem Deutschen Fußball-Bund Juniortrainer aus. Wir lassen niemanden fallen.

SPIEGEL: Den Jungen mit dem Messer haben Sie damit nicht erreicht.

Bauhus: Ja, aber wir haben es versucht, wir wollten ihm helfen. Wir wollten, dass er einen Abschluss schafft, wir haben ihm ein Praktikum vermittelt. Aber es stimmt, offensichtlich hat das nicht gereicht, das ist frustrierend.



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