Ocampo und Jolie "Gestern war wundervoll"

Verbrecherjäger Luis Moreno Ocampo vom Internationalen Strafgerichtshof suchte obsessiv die Nähe von Hollywoodstars und superreichen Philanthropen. Die ließen sich das gern gefallen.

Chefankläger Ocampo, Filmstar Jolie 2012
John Macdougall/AFP

Chefankläger Ocampo, Filmstar Jolie 2012

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Luis Moreno Ocampo hatte über Jahre geprüft, ob er gegen Israel wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazastreifen ermitteln sollte. Am nächsten Tag wollte der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs seine Entscheidung verkünden. Doch vorher hatte er noch das Bedürfnis, sich an eine Vertraute zu wenden: Angelina Jolie.

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"Meine liebe Angie", schrieb Ocampo am 2. April 2012, "ich brauche deinen Rat." Die Angriffe auf den Gazastreifen ab 2008 werde er aus formalen Gründen nicht untersuchen. Die palästinensischen Führer würden die Entscheidung "respektieren", auch die Israelis seien "okay damit". Aber: "Das Problem ist, wie ich es den normalen Leuten erklären soll."

Im Anhang schickte Ocampo seinen Beschluss mit, der zu diesem Zeitpunkt noch geheim war. Doch für Jolie machte Ocampo eine Ausnahme. Am Abend des gleichen Tags antwortete sie: Der Fall sei doch eine "großartige Gelegenheit, die Arbeitsweise des Gerichts zu erklären". Ocampo könne der Welt zeigen, wie komplex solche Entscheidungen seien, sie schloss mit: "Love Angie".

Die Schauspielerin und der Chefankläger fühlten sich offenbar vereint im Kampf gegen die Straflosigkeit in der Welt. Jolie war nicht die einzige Prominente, mit der sich Ocampo in seiner Amtszeit über seine Jagd auf Kriegsverbrecher austauschte. Er suchte auch die Nähe anderer Schauspieler wie George Clooney und Sean Penn oder von bekannten Milliardären wie dem Ebay-Gründer Pierre Omidyar und dessen Frau Pam.

Nach den Enthüllungen über Ocampos Briefkastenfirmen und seinen Geschäften mit einem libyschen Ölmilliardär gerät der Ex-Chefankläger nun wegen seiner engen Verbindungen zu humanitären Aktivisten ins Zwielicht. Interne E-Mails, die der Enthüllungsplattform Mediapart zugespielt wurden und die der SPIEGEL zusammen mit dem Recherchenetzwerk EIC ausgewertet hat, zeigen, wie er mit den Prominenten über seine Ermittlungen sprach, sich bei der Fahndung auf ihre Hilfe stützen wollte und ihre Strahlkraft nutzte, um das Gericht bekannter zu machen.

Beide Seiten schienen von dieser Nähe zu profitieren: Ocampo bekam Aufmerksamkeit für sein neu gegründetes Gericht, die Schauspieler und Philanthropen konnten den Eindruck gewinnen, wirklich etwas zu bewegen. Es wirkt wie ein Tauschhandel: Glamour gegen Relevanz.

Die geleakten Dokumente zeigen das eigentümliche Selbstverständnis der US-amerikanischen Weltverbesserer. Schauspieler und Superreiche lassen sich für ihre Wohltätigkeitsarbeit feiern. Sie wenden einen Teil ihrer Zeit und ihres Vermögens dafür auf, Opfer in Kriegsgebieten zu unterstützen. Dagegen wäre erstmal wenig einzuwenden. Doch die Unterlagen machen deutlich, dass sich einige von ihnen massiv in die Politik einmischten, Haftbefehle forderten oder in Kriege eingreifen wollten, über die sie nur wenig wussten. Andere, wie Angelina Jolie, nutzten ihr humanitäres Engagement geschickt für die eigene Filmkarriere.

Luis Moreno Ocampo war von 2003 bis 2012 Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof. Angelina Jolie besuchte ihn in dieser Zeit mehrfach, in den ersten Jahren noch gemeinsam mit Brad Pitt. 2010 hatte Ocampo die Idee, Jolie in sein Beraterteam aufzunehmen. "Ich sehe ihre Rolle darin, uns zu unterstützen und Brücken zu bauen", schrieb er an die Assistentin der Schauspielerin. An seine Freundin Lisa Shields von dem US-Thinktank Council on Foreign Relations mailte er: "Angie kann für Aufruhr sorgen. Wir müssen strategisch denken."

Eine formale Aufgabe wollte Jolie nicht übernehmen. Doch der Kontakt blieb erhalten. Jolie setzte ihre humanitäre Arbeit nun auch als Regisseurin fort. Mitte 2011 stellte sie ihren Film "Liebe in Zeiten des Krieges" fertig, in dem es um die Gräuel des Bürgerkriegs in Bosnien-Herzegowina geht.

Ocampo überschüttete das Werk mit Lob. "Der Film ist so stark, dass ich mich immer noch erholen muss", schrieb er in einer E-Mail. "Du bist mutig, klug und sensibel, der Film bist du." Jolie antwortete, sie könne gar nicht in Worte fassen, "wie viel deine Unterstützung für mich bedeutet."

Auf ihrer Werbetour für den Film wollte Jolie Anfang 2012 auch in Berlin vorbeikommen. Ocampo hoffte, sie würde dort an der Gala der Stiftung "Cinema for Peace" teilnehmen, zu deren Machern er selbst guten Kontakt pflegte.

Die Geschäfte von Cinema for Peace führt bis heute Jaka Bizilj, ein Filmproduzent und Unternehmer, der zeitweise als Geschäftsführer einer Klinik für Haartransplantationen fungierte. Nach eigenen Angaben will Cinema for Peace "Hoffnungen und eine Vision für eine bessere Zukunft" bieten: "Wir sind davon überzeugt, dass Filme eine bedeutende Rolle dabei spielen können, Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit anzuprangern."

Jaka Bizilj während der "Cinema For Peace Gala" Pressekonferenz 2010 in Berlin
Getty Images

Jaka Bizilj während der "Cinema For Peace Gala" Pressekonferenz 2010 in Berlin

Bei den Events der Stiftung kommen Stars, Politiker und Unternehmer zusammen, um für den guten Zweck zu trommeln, Spenden zu sammeln und vor den Kameras zu posieren. Doch im Vorfeld der Veranstaltung vom Februar 2012 gab es ein Problem: Jolie zierte sich. Organisator Bizilj erfuhr von ihrer Assistentin, die berühmte Regiedebütantin habe nicht vor, in Berlin an der Gala von Cinema for Peace teilzunehmen. "Wir würden jedoch gerne diskutieren, was wir mit dem Film machen können", schrieb die Assistentin.

Was konnte das bedeuten? Wollte Jolie sicherstellen, dass ihr Film die maximale Aufmerksamkeit erhielt? Biziljs Reaktion legt diese Deutung nahe. Der Organisator warb umgehend mit dem zu erwartenden Medienecho. Außerdem wolle die Stiftung "Bosnien und den Film zum Hauptthema" machen. Beiläufig erwähnte Bizilij seine guten Kontakte in das Umfeld der Preisrichter von Golden Globes und Oscars. Er ließ Jolie wissen, dass "Liebe in Zeiten des Krieges" ein "echter Kandidat für die großen Preise" werden könne. Wollte er damit sagen, er könne bei den Juroren ein gutes Wort für Jolie einlegen? Das lässt Bizilj jetzt durch einen Anwalt bestreiten und fügt hinzu: "In der Stiftung ist kein solcher Sachverhalt bekannt."

Immerhin änderte Jolie ihre Meinung, wie Bizilj an Ocampo schrieb: "Lieber Luis, es scheint so, als wolle Angelina es möglich machen." Und tatsächlich: Jolie nahm an der Gala in Berlin teil und erhielt den Preis von Cinema for Peace für den wertvollsten Film des Jahres. Am nächsten Morgen schrieb Ocampo an Jolie: "Gestern war wundervoll. Es ist so beeindruckend, was du machst."

In der gleichen Mail bat Ocampo die Schauspielerin um ihre Hilfe bei einem anderen Thema. Im Norden Ugandas terrorisierte die Rebellengruppe Lord's Resistance Army (LRA) die Zivilbevölkerung. Ocampo hatte gegen den Anführer der Miliz, Joseph Kony, schon 2005 einen Haftbefehl erwirkt, ohne Erfolg. Doch nun sorgte die Organisation "Invisible Children" mit einer ausgefeilten PR-Kampagne dafür, dass sich die US-Öffentlichkeit für das Treiben Konys interessierte. US-Präsident Barack Obama entsendete darauf hin sogar 100 Spezialkräfte nach Zentralafrika, um vor Ort bei der Suche nach Kony zu helfen.

Ocampo unterstützte die Arbeit von Invisible Children und versuchte, Jolie an der Jagd auf Kony zu beteiligen. "Du kannst offenbar bei den Spezialeinheiten eingebettet werden, die Kony jagen. Kann Brad mitkommen?", fragte Ocampo am Tag nach der Berliner Gala. Die Macher von Invisible Children ließ er wissen, dass Jolie dabei sei: "Sie hat die Idee, Kony zum Dinner einzuladen und ihn dann festzunehmen." Hatte Jolie diese Idee wirklich? War sie ernst gemeint? Sowohl Jolie als auch Ocampo lassen Anfragen dazu unbeantwortet.

Rebellenführer Joseph Kony (l., Archiv)
AP

Rebellenführer Joseph Kony (l., Archiv)

Im März 2012 rückte ein emotionaler Film ins Zentrum der Kampagne gegen Joseph Kony. Darin erklärte der Mitgründer von Invisible Children, Jason Russell, seinem Sohn Gavin, dass Kony ein "schlechter Kerl" sei, der Kinder entführe, ihnen eine Waffe in die Hand drücke und sie andere Menschen töten lasse. In dem Film stellte Invisible Children die Forderung auf, Kony noch im gleichen Jahr zu fassen. Überall auf der Welt sollten Plakate, Aufkleber und Flyer mit dem Konterfei des Warlords verteilt werden. Innerhalb weniger Tage wurde das Video im Netz 100 Millionen Mal geklickt. Auch Ocampo trat darin auf. Mit großem Pathos erklärte der damalige Chefankläger: "Wir leben in einer neuen Welt, einer Facebook-Welt, in der 750 Millionen Menschen ihre Ideen teilen und nicht in Grenzen denken. Es ist eine globale Gemeinschaft, größer als die USA. Joseph Kony hat mehr als 20 Jahre lang Verbrechen begangen, um die sich niemand kümmerte. Wir kümmern uns."

Doch kurz darauf wuchs die Kritik an dem Projekt. Einer der wichtigsten Einwände lautete: Der Film stelle die Situation in Uganda viel zu verkürzt dar. Außerdem warnte Amnesty International davor, dass bei der Jagd nach Kony die Menschenrechte missachtet werden könnten. Andere warfen den Machern koloniale Denkmuster vor.

Die Kampagne fiel schon bald in sich zusammen, die Spenden sanken, Russell sorgte mit einem Auftritt in San Diego für Aufsehen, als er dabei gefilmt wurde, wie er nackt und wild gestikulierend durch die Straßen lief. Der Rebellenführer Joseph Kony ist heute noch auf freiem Fuß.

Für die Jagd auf ihn begeisterte sich damals auch das Ehepaar Omidyar, das dem exklusiven Kreis der Superreichen angehört. Pierre Omidyar hat als Gründer der Internetplattform Ebay Milliarden im Silicon Valley verdient. Zusammen mit seiner Frau Pam setzt er sich seit vielen Jahren für sozialen und politischen Fortschritt auf der Welt ein. Unter anderem gründeten die Omidyars 2008 die Stiftung "Humanity United", mit dem Ziel, etwas gegen "massenhafte Gräueltaten, Genozide und die Ausbeutung von Menschen" zu tun.

Pam Omidyar unterhielt über mehrere Jahre einen lebhaften Mail-Wechsel mit Ocampo. Besonders die Verbesserung der Lage in Darfur lag ihr am Herzen. Gegen den sudanesischen Staatspräsidenten Umar al-Baschir, der 1993 ins Amt kam und bis heute regiert, hatte der Internationale Strafgerichtshof 2009 einen Haftbefehl wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Darfur erlassen. Im Juli 2010 wollte Pam Omidyar von ihrem Freund Luis wissen: "Irgendeine Chance, dass das französische Militär Baschir heute festnehmen wird?"

In der gleichen Mail lud sie den Chefankläger für den folgenden Dezember nach Hawaii ein, wo er Surfen lernen und das schöne Wetter genießen könne. Als Anlass würde sich ein Vortrag vor ein paar Anwälten anbieten, die auch dort sein würden. Ocampo zeigte sich interessiert, lehnte zunächst jedoch ab. Zu einem Besuch bei den Omidyars auf Hawaii kam es dann, soweit ersichtlich, erst ein halbes Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit.

Bis dahin mischte sich Pam Omidyar ständig in seine Arbeit ein. Ocampo nahm es hin oder schien sich sogar darüber zu freuen ("Meine liebe Pam, Du bist ein Juwel"). Im Frühjahr 2011 empfing er Pam Omidyar sogar in Den Haag. So ist es wenig verwunderlich, dass die Milliardärin viele Ratschläge an den Chefankläger erteilte: "Wie kann es sein, dass der Strafgerichtshof keinen Haftbefehl gegen Musa Hilal erlassen hat?" Musa Hilal ist Anführer einer sudanesischen Miliz.

Wenig später verlangte sie von Ocampo: "Du musst Taha anklagen." Ali Osman Taha war zeitweilig Vizepräsident des Sudan. Als Ocampo das Ansinnen abwehrte, insistierte sie: "Kannst Du nicht einfach sagen, Du eröffnest einen Untersuchungsvorgang gegen Taha? Als Drohung?" Die Omidyars lassen heute über ihre Stiftung Humanity United ausrichten, sie würden mit einer Vielzahl von Organisationen zusammenarbeiten und täten dies alles, "um unsere gemeinnützige Mission zu fördern".

Im Frühjahr 2011 nahm Ocampo seine Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen in Libyen auf. In jener Zeit suchte er den Kontakt zu George Clooney, der sich ebenfalls gern in die Weltpolitik einmischt. Ende 2010 hatte der Oscargewinner das Projekt "Sentinel" (englisch für Wächter) gestartet, um den Bürgerkrieg im Sudan zu beobachten. Satelliten, die über dem Kriegsgebiet flogen, sollten Angriffe auf wehrlose Dörfer dokumentieren. Nun wünschte sich Ocampo, dass die Satelliten auch Libyen ins Visier nehmen sollten. "Es wäre großartig, wenn wir Druck auf Gaddafis Generäle ausüben könnten", ließ Ocampo an Clooney übermitteln. Doch Clooney musste passen. Das Programm sei noch nicht "ausgereift genug, um in eine Stadt wie Tripolis zu gehen", antwortete Clooney dem Chefankläger über eine Freundin. Auch sonst schien das Projekt hinter den Erwartungen zurückzubleiben, Clooney stellte es 2015 ein.

Ehepaar Clooney bei einer Filmpremiere im September 2017
AFP

Ehepaar Clooney bei einer Filmpremiere im September 2017

Als Ocampo über dem Verfahren gegen Israel brütete, meldete sich Sean Penn bei ihm. "Hallo, Richter Ocampo", schrieb der Schauspieler, obwohl Ocampo Ankläger war. Der Argentinier verabredete sich umgehend mit Penn in einer New Yorker Hotelbar. Kurz darauf wurde Charles Taylor in Den Haag verurteilt, der Ex-Präsident von Liberia. Für diesen Fall war Ocampo zwar nicht zuständig, trotzdem gratulierte Penn: "Ya got the fucker", schrieb er ("Du hast den Dreckskerl"). Ocampo antwortete, er komme bald nach New York, und lud Penn ein, ihn zu seinem letzten Auftritt vor dem Uno-Sicherheitsrat zu begleiten. Immerhin legte Sean Penn eine gewisse ironische Distanz zu sich selbst an den Tag. Zum Beginn ihrer Bekanntschaft schrieb er einmal an Ocampo: "Während Du Deine Entscheidung über Palästina triffst, bin ich in die Frage verwickelt, ob ich nun ein Dampfbad im Hotel-Spa nehme oder nicht."

Im Juni 2012 endete Ocampos Zeit in Den Haag. Auf den letzten Metern erwirkte er das einzige Urteil seiner Amtsperiode; es erging gegen einen kongolesischen Warlord. Zur Verkündung reiste Angelina Jolie an.

Im Lauf der Jahre muss sich bei dem Chefankläger der Eindruck verfestigt haben, dass es den Hollywoodstars um ihn als Person gehe. Anders lässt es sich kaum erklären, warum er so enttäuscht reagierte, als Jolie nach seinem Amtsende das Interesse an ihm verlor. Die beiden hatten zuvor über ein Bildungsprojekt für Kinder in Krisengebieten gesprochen. Ocampo schmiedete große Pläne mit Jolie, wie aus einer Projektskizze hervorgeht.

Aber dann riss der Kontakt ab. Jolie änderte ihre Mailadresse. Ocampo klapperte Bekannte ab, fragte nach, was mit "Angie" sei. Doch Jolie blieb stumm.



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