AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Affäre Ocampo Wie sich der Chefankläger des Weltstrafgerichts an die dunkle Seite verriet

Luis Moreno Ocampo jagte die schlimmsten Kriegsverbrecher und brachte sie vor den Internationalen Strafgerichtshof. Doch interne Dokumente zeigen seine Gier und seinen Größenwahn.

Luis Gabriel Moreno Ocampo am 25.9.2017 in London
Andrea Artz/DER SPIEGEL

Luis Gabriel Moreno Ocampo am 25.9.2017 in London

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Ein schwarz glänzender Talar lag auf seinen Schultern, als Luis Moreno Ocampo im Friedenspalast von Den Haag den Eid als erster Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs ablegte. Er sah gut aus, entschlossen und weltgewandt, wie ein George Clooney in der Rolle eines Rechtsprofessors, als er am 16. Juni 2003 die Hand erhob und feierlich schwor, "auf ehrenwerte Weise meine Pflichten auszuüben und meine Macht als Chefankläger niemals zu missbrauchen".

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Der Völkermord in Ruanda und das Massaker von Srebrenica hatten gezeigt, dass die Weltjustiz einen festen Ort braucht. Und so hatte die Staatengemeinschaft die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs beschlossen. Kein Kriegsverbrecher sollte sich mehr sicher fühlen; man wollte Gerechtigkeit schaffen für die Opfer blutiger Konflikte. Kofi Annan, damals Uno-Generalsekretär, nannte den Strafgerichtshof einen "riesigen Schritt auf dem Weg zu universellen Menschenrechten". Und Luis Moreno Ocampo sollte diese Hoffnung nun mit Leben füllen.

Der Jurist aus Argentinien schien die perfekte Wahl zu sein: Als Staatsanwalt hatte er sich in den Achtzigerjahren bei Prozessen gegen Kommandeure der Militärjunta einen Namen gemacht, später spezialisierte er sich auf Menschenrechtsfälle und Korruptionsbekämpfung. Es war eine Vita, die keinen Zweifel ließ, dass Ocampo ausreichend Statur besaß, die Rolle als Weltgewissen auszufüllen.
Für Ocampo war es die Rolle seines Lebens. Neun Jahre lang war er Chefankläger in Den Haag, er führte ein Büro mit 300 Mitarbeitern, die Jagd machten auf die größten Schurken der Welt. Er ermittelte in Kriegsgebieten, erwirkte Haftbefehle gegen Staatenlenker, sprach mit Wirtschaftsführern, Politikern und Filmstars wie Sean Penn oder Angelina Jolie, die seine Nähe suchten, und immer wieder begleiteten ihn Dokumentarfilmer auf seinen Reisen. Der Chefankläger war ein Mensch, der andere Menschen faszinierte, in dem sich die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Moral zu verdichten schien. Aber dieses Bild, das sich die Öffentlichkeit von Ocampo gemacht hat, war ein trügerisches.

Das zeigen Zehntausende bisher unbekannte Dokumente, darunter interne Papiere des Internationalen Strafgerichtshofs, Verträge, Botschaftsdepeschen, Bankunterlagen und E-Mails. Sie wurden der französischen Enthüllungsplattform Mediapart zugespielt, ein SPIEGEL-Team hat sie gemeinsam mit den Partnern des Recherchenetzwerks EIC ausgewertet.

Deutlich wird das Bild eines Chefanklägers, der willfährig ist, nach Aufmerksamkeit giert, der Interessenkonflikte in Kauf nimmt und der offenbar ein Problem mit Geld hat. Jahrelang unterhielt Ocampo, der Vorkämpfer für Transparenz, Firmen in mehreren Steueroasen.

Am schwersten aber wiegt wohl ein Deal, den Ocampo nach Ende seiner Amtszeit einging: Demnach sollte er drei Millionen Dollar dafür erhalten, dass er den zwielichtigen libyschen Ölmilliardär Hassan Tatanaki beriet. Sein Auftraggeber war ein einstiger Unterstützer des Gaddafi-Regimes - und tief in den libyschen Bürgerkrieg verstrickt. Um seinen Klienten vor dem Zugriff des Weltgerichts zu schützen, benutzte Ocampo sogar Insiderinformationen aus dem Strafgerichtshof. Man könnte also sagen: Er verriet die Ideale und den Geist des Gerichtshofs.

In den Statuten des Gerichts heißt es, der Chefankläger müsse ein "hohes sittliches Ansehen" genießen, er dürfe "keine Tätigkeiten ausüben, die den Glauben an seine Unabhängigkeit beeinträchtigen" könnten. Doch die nun zugänglich gewordenen Dokumente erschüttern diesen Glauben. Und sie werfen nicht nur einen Schatten auf Ocampo, sondern auch auf das Gericht in Den Haag, gegründet als Triumph der Moral über das Verbrechen.

Was sagt Luis Moreno Ocampo zu diesen Vorwürfen? Als er am Montagmorgen dieser Woche in einem Londoner Boutique-Hotel zum Gespräch bereit ist, wirkt er nicht wie ein Mensch, den größere Selbstzweifel plagen. Er frühstückt mit einer Mitarbeiterin, posiert für die Fotografin und schlägt einen Spaziergang im nahen Hyde Park vor, wegen der schönen bunten Blätter im Herbst.

Seine Geschäfte laufen gut. Ocampo hat eine Beratungsfirma in New York, er schreibt an einem Buch über den Strafgerichtshof, er ist "Senior Fellow" am Zentrum für Menschenrechte der Universität Harvard. Für den Nachmittag steht ein Termin beim Tabakkonzern Philip Morris in seinem Terminkalender; er berät ihn beim Kampf gegen den Zigarettenschmuggel. Sein größtes Projekt ist im Moment Venezuela. Ocampo recherchiert für die Organisation Amerikanischer Staaten, ob es unter dem Regime von Präsident Nicolás Maduro zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen ist. Seitdem ist er auch wieder regelmäßig in den Medien.

Er redet gern über seine Erfolge und Projekte. Weniger gern lässt er sich kritische Fragen stellen. Ocampo wirkt überrascht, er sagt: "Ich habe nie etwas falsch gemacht, weil ich sehr vorsichtig bin. Ich lehne Millionenaufträge ab, wenn mir die Anliegen nicht gefallen. Ich glaube an meine Mission, Menschen zu bekämpfen, die ihre Macht missbrauchen."

Als Ocampo in Den Haag anfing, half ihm sein großes Ego noch. Er brachte Schwung in die neue Institution und legte energisch los. Er ermittelte gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, untersuchte Verbrechen in der Demokratischen Republik Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik. 2005 beauftragte der Uno-Sicherheitsrat den Strafgerichtshof, einen möglichen Völkermord in Darfur zu untersuchen. Aber bald zeigte sich, dass Ocampo zwar vieles anfing und große Auftritte liebte, aber Mühe damit hatte, seine Fälle juristisch sauber abzuschließen. Im Verfahren gegen den kongolesischen Milizenführer Thomas Lubanga stützte er sich auf anonyme Zeugen, zweimal wäre der Prozess beinahe geplatzt.

Interne Kritik blieb nicht aus, erfahrene Juristen verließen den Gerichtshof. Der deutsche Völkerrechtler Hans-Peter Kaul, viele Jahre Richter in Den Haag, sagte 2012 nach dem Ende von Ocampos Amtszeit: "Er hat uns problematische Zeugen präsentiert, die nichts beitragen konnten, die nichts wussten. Auch war die juristische Argumentation oft dürftig." Seine Abteilung habe er "geführt wie ein argentinischer Großgrundbesitzer".

Doch dann begann der Arabische Frühling - und damit Ocampos vielleicht bedeutendster Fall. Am 26. Februar 2011 übertrug der Uno-Sicherheitsrat ihm die Aufgabe, in Libyen wegen Kriegsverbrechen zu ermitteln.

Die Aussicht, an Zeugen und Beweismaterial zu kommen, würde nie größer sein als in diesen Tagen nach dem Ausbruch des Konflikts. Doch Ocampo interessierte sich auch diesmal nicht sonderlich für die Details. Wie schon anderswo, ließ er die Chance verstreichen, vor Ort zu ermitteln.

Aus den internen Dokumenten geht hervor, dass einer seiner Ermittler dafür warb, nach Libyen zu reisen. "Es ist notwendig, am Tatort zu ermitteln, um forensische und dokumentarische Beweise zu sammeln", sagte der Mann in einer internen Runde am 8. März. Doch Ocampo war dagegen. "Wir sollten uns darauf konzentrieren, was andere für uns produzieren können", erklärte er. Andere, damit meinte er Journalisten und Überläufer.

Ocampo waren die großen Auftritte auf der Weltbühne wichtiger als die forensische Kleinarbeit, das mühsame Sammeln und Sichten von Beweismaterial.

Und er war, das zeigen die Dokumente, auch nicht unparteiisch, obwohl er heute noch sagt, die Ermittler "sollten sich nicht um politische Fragen kümmern", das sei "Aufgabe der Politiker". Doch im Fall von Libyen hielt er sich nicht an diese Regel.

Kurz nachdem Frankreich, Großbritannien, die USA und andere Länder mit ihren Luftangriffen auf das Regime von Muammar al-Gaddafi begonnen hatten, telefonierte Ocampo am 6. April mit dem Kabinettschef des französischen Außenministers und informierte ihn über die laufenden Ermittlungen, wie aus einer vertraulichen Botschaftsdepesche hervorgeht. Ocampo verriet, dass er "gegen Gaddafi, einen oder zwei Söhne sowie drei oder vier libysche Würdenträger" vorgehen wolle. Es sind Informationen, die das Gericht mit niemandem teilen sollte, erst recht nicht mit einer Konfliktpartei. Schnell sickerten die Namen der Beschuldigten in den Medien durch, sie waren gewarnt.

Zerissenes Gaddafi-Poster in Tripoli, Libyen 2011
Daniel Etter/Redux/laif

Zerissenes Gaddafi-Poster in Tripoli, Libyen 2011

In der Depesche schrieben die Franzosen einen für Ocampo fatalen Satz: "Der Chefankläger versteht sich nicht als unabhängiger Staatsanwalt, sondern als ein juristisches Organ, das den Anweisungen des Sicherheitsrats Folge leistet."

Zurück in London. Je länger das Gespräch dauert, je kritischer die Fragen werden, desto unruhiger wird Ocampo, er knetet jetzt auf dem Papieruntersetzer seines Wasserglases herum. Er bestreitet, mit Franzosen und Engländern darüber gesprochen zu haben, wen er verfolgen werde und wen nicht. Das sei "absolut eine Lüge".

Doch die Dokumente sind eindeutig: In einem Brief vom 6. April 2011 an den britischen Botschafter in Den Haag schrieb Ocampo, er sehe Gaddafis letzten Außenminister Mussa Kussa "eher als einen kooperierenden Zeugen denn als einen Verdächtigen". Aus Ocampos Schriftverkehr geht hervor, dass er mit den Franzosen und Briten Absprachen traf und sich als Teil der Anti-Gaddafi-Koalition gerierte. Er machte einen Fehler, der für einen Juristen schwerwiegend ist: Er trennte nicht zwischen Politik und Recht.

Schnell lieferte er die gewünschten Ergebnisse: Am 16. Mai, drei Monate nach Beginn der Ermittlungen, beantragte er Haftbefehle gegen Gaddafi, dessen Sohn Saif al-Islam und Geheimdienstchef Abdullah Sanussi. Keiner dieser Haftbefehle kam zur Anwendung, Gaddafi wurde getötet, sein Sohn von einer Miliz gefangen gehalten, Sanussi floh nach Mauretanien. Umsonst waren die Haftbefehle trotzdem nicht gewesen: Sie trugen dazu bei, das Eingreifen des Westens in Libyen zu rechtfertigen.

Im November 2011 reiste Ocampo nach Libyen, er fuhr mit seinem Konvoi an Ruinen vorbei, der Himmel war tiefblau, und vor dem Hotel erwarteten ihn die Reporter von BBC und CNN, sie hielten ihm ihre Mikrofone hin. Ocampo wirkte wie ein Befreier, als derjenige, der Libyen vor Schlimmerem bewahrt hatte. In Wahrheit sollte das Morden jedoch erst beginnen.

Im Sommer 2012 war Ocampos Amtszeit zu Ende. Bei seiner Abschiedsgala fand Angelina Jolie in einer Videobotschaft schmeichelhafte Worte: "Chefermittler Ocampo hat ungeheuren Fortschritt bei der Förderung der internationalen Gerechtigkeit erzielt. Ich habe ihn mehrmals in Den Haag besucht. Den Menschen, die keine Stimme haben, hat er eine Stimme gegeben."

Nüchtern betrachtet war seine Bilanz keineswegs so glorreich. 30 Haftbefehle, aber nur ein einziges Urteil. Und die Libyen-Intervention, die Ocampo unterstützt hatte, würde das Land aufspalten und in eine Warlord-Republik verwandeln. Vielleicht kann man ihm nicht vorwerfen, dass er sich damals getäuscht hat, er war nicht der Einzige. Aber er hat den Gerichtshof mit seinem Aktivismus zum Spielball politischer Interessen gemacht.

Ocampo schien daran wenig Gedanken zu verschwenden, er schaute jetzt nach vorn, in eine Zukunft, in der er sich seine Kontakte vergolden lassen wollte. Von nun an beriet er die Weltbank und wollte als Anwalt der New Yorker Kanzlei Getnick&Getnick "Geld machen", wie er Kofi Annan in einer E-Mail schrieb.

Denn die Jahre beim Strafgerichtshof waren entbehrungsreich für den Argentinier, der gern in schönen Hotels absteigt und First Class fliegt. In Buenos Aires hatte er als Anwalt sehr gut verdient, als Chefankläger erhielt er ein Jahresgehalt von rund 200000 Euro. Das habe nicht ausgereicht, klagt Ocampo in London. Für das Leben in Den Haag "musste ich meine Ersparnisse verwenden".

Heute nehme er zwei Arten von Jobs an, erzählt er: Pro-bono-Fälle, also moralisch wertvolle, ehrenamtliche Mandate, und bezahlte Aufträge. Die normalen Klienten finanzierten die ehrenamtliche Arbeit, deshalb sei er "sehr teuer".

Zu den Klienten, die ihn teuer bezahlen, gehörte ab 2015 der libysche Geschäftsmann Hassan Tatanaki.

Tatanaki 2013

Tatanaki 2013

Der Kontakt kam über eine Nichte Tatanakis zustande, die Ocampo durch ein Filmprojekt über Libyen kennengelernt hatte. "Für die Recherchen habe ich mit meinem Onkel Hassan Tatanaki gesprochen. Er erwähnte, dass er sich angesichts der angespannten Lage in Libyen gern mit dir unterhalten würde, um über umfassendere Aktionen zu sprechen", schrieb die Nichte an Ocampo.

Hassan Tatanaki ist ein bekannter Mann, nicht nur in Libyen. Neben Baufirmen und einem Fernsehsender betreibt er seit Anfang der Neunzigerjahre eine in der Steueroase Isle of Man registrierte Ölfirma. Bis zum Aufstand gehörte Tatanaki zum Zirkel um Gaddafi, unter anderem plante er gemeinsam mit Saif al-Islam ein Tourismusprojekt in der antiken Stadt Cyrene. In den USA zahlte Tatanaki viel Geld an eine PR-Firma, um Muammar al-Gaddafi Zugang zum Establishment zu verschaffen.

Dann, nach der Revolution, schlug sich Tatanaki auf die Seite von General Khalifa Haftar, dem neuen starken Mann im Osten Libyens. Ein Warlord, der lange Zeit alle Vermittlungsversuche zwischen den verfeindeten Parteien hintertrieb. Tatanaki und Haftar hatten einen gemeinsamen Gegner, die Islamisten, und ein gemeinsames Ziel, die Sicherung des Ölgeschäfts. Die hochgerüsteten Truppen des Generals gingen mit unerbittlicher Härte vor, schon 2015 gab es den Verdacht, dass es zu Kriegsverbrechen gekommen sein könnte. Haftar ist also niemand, in dessen Umfeld sich der ehemalige Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs bewegen sollte.

Ocampo ließ sich trotzdem mit Tatanaki ein. Er sollte den Ölmilliardär dabei unterstützen, seine Gegner vor Gericht zu bringen. "Justice First" nannte Tatanaki seine Organisation, die eine Art private Paralleljustiz implementieren sollte. Und Ocampo sollte ihn dabei beraten. Bei zwei Treffen, die im Frühjahr 2015 in Abu Dhabi stattfanden, entwickelten sie den Plan, gegen Terroristen vorzugehen und die Ergebnisse lokalen Gerichten und dem Den Haager Weltgericht zu übergeben.

Doch das war nur ein Teil des Deals. In einem Strategiepapier hieß es, das Ziel von Justice First bestehe darin, Tatanaki künftig "vor Strafverfolgung zu schützen". Es ist ein Passus, mit dem sich Ocampo bereit erklärte, im Zweifel gegen den Internationalen Strafgerichtshof zu arbeiten.

In London wird das Gespräch ungemütlich, als die Rede auf Tatanaki kommt. "Wir mussten Libyen retten", ruft Ocampo mehrfach in das mit englischen Antiquitäten ausgestatte Hotelfoyer. Er sei "schockiert", dass man das "wirkliche Thema" nicht sehen wolle und sich mit "Details" aufhalte. Der Papieruntersetzer in seinen Händen bekommt langsam Risse.

Am 25. April 2015 unterzeichnete Ocampo einen Vertrag, der ihm für eine dreijährige Beratertätigkeit drei Millionen Dollar in Aussicht stellte. Das Geld von Tatanaki sollte an Ocampos Firma Transparent Markets in Uruguay überwiesen werden, die wohl nicht viel mehr als einen Briefkasten in Montevideo hatte. Schon zuvor besaß Ocampos Familie den Unterlagen zufolge Briefkastenfirmen auf den Britischen Jungferninseln, in Panama und in Belize (siehe Kasten).

Offenbar ahnte Ocampo, dass Tatanaki kein Fall wie jeder andere war. In einer Mail schrieb er seiner Frau vor einem Treffen mit dem Ölmilliardär: "Ich hoffe, es geht alles gut. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, welchen Einfluss es auf unsere Leben haben wird."

Aber am Ende freute er sich auch auf das viele Geld, es gebe ihm "Freiheit und Ruhe", er werde von Tatanaki dieses Jahr schon 1,5 Millionen Dollar bekommen, schrieb er seiner Frau.

Im Mai 2015 machte Ocampo seine Arbeit für Tatanaki öffentlich. Bei CNN trat er mit staatsmännischer Miene auf, tat sich auf Nachfragen allerdings schwer damit, den eigentlichen Zweck der Initiative zu erklären. Vielleicht ahnte Ocampo zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er einen Fehler gemacht hatte. Denn am 12. Mai, wenige Tage vor seinem Auftritt bei CNN, hatte seine Amtsnachfolgerin Fatou Bensouda vor dem Uno-Sicherheitsrat die Sorge geäußert, dass "unbedachte Angriffe" in Städten wie Bengasi oder Tripolis zu Opfern unter Zivilisten geführt hätten. Sie kündigte an, diese Vorfälle zu untersuchen, und nannte auch ausdrücklich die Offensiven von General Khalifa Haftar.

Kämpfer der Haftar-Milizen 2016
Abdullah Doma/AFP

Kämpfer der Haftar-Milizen 2016

Kurz darauf schrieb Ocampos Mitarbeiterin, die bereits früher am Strafgerichtshof für ihn tätig gewesen war, eine alarmierte Mail. Wie er pflegte sie weiterhin enge Kontakte nach Den Haag. In der Mail leitete sie nun Nachrichten einer Libyen-Ermittlerin aus Bensoudas Büro weiter, aus denen hervorging, dass die Strafverfolger "einige besorgniserregende Dinge" über Tatanaki in Erfahrung gebracht hätten. Unter anderem ließ die Ermittlerin wissen, dass ein Befehlshaber von Haftars Luftstreitkräften kürzlich auf Tatanakis Fernsehkanal Libya Awalan TV dazu aufgerufen habe, dass alle, die nicht an Haftars Seite kämpften, "als Verräter abgeschlachtet" werden sollten.

Noch am selben Tag erfuhr Ocampo direkt von der Bensouda-Mitarbeiterin - Betreff "Tatanaki/Libya" - vom Aufruf auf dem Fernsehsender. Außerdem teilte sie mit, dass es auf YouTube ein abgehörtes Telefonat mit Saif al-Islam gebe, geführt wohl nach dem Fall Bengasis im Frühjahr 2011. Daraus gehe hervor, dass Tatanaki bis dahin noch auf der Seite des alten Regimes gestanden habe und "seine Arbeit mache, um das Regime zu unterstützen". Sie schickte Ocampo die Links und schrieb: "Das solltest du wissen."

Durfte sie das? Das "Office of the Prosecutor" hat einen besonders strengen Verhaltenskodex, der es den Mitarbeitern ausdrücklich verbietet, sensible Informationen weiterzugeben. Dazu befragt, bestreitet die damalige Ermittlerin sämtliche Vorwürfe.

Ocampos Team kam 2015 schnell zu der Überzeugung, dass Bensouda auch gegen Tatanaki ermitteln könnte. Seine Mitarbeiterin schrieb, die Chefanklägerin werde womöglich nicht nur gegen "militärische Befehlshaber" vorgehen, sondern auch gegen Zivilisten, die Kriegsparteien unterstützten. Sie erinnerte an das Ruanda-Sondertribunal, das die Besitzer zweier Radiostationen zu langen Haftstrafen verurteilt hatte, weil über deren Sender zum Genozid aufgerufen worden war.

Nun wurde Ocampo aktiv - und zwar indem er versuchte, seinen Auftraggeber vor Ermittlungen zu bewahren. In einer E-Mail an einen Tatanaki-Mitarbeiter schlug er vor: Tatanaki sollte, erstens, sicherstellen, dass Haftars Armee "weder Verbrechen begeht noch zu Verbrechen aufruft". Zweitens wies er darauf hin, "dass der Strafgerichtshof vergangene Verbrechen untersucht". Und drittens sollte "niemand zu dem Schluss kommen können, dass Hassan oder seine Fernsehsender irgendein Verbrechen unterstützen".

Dies war der Kern von Ocampos Verteidigungsstrategie. Es ging darum, den Milliardär zu "isolieren", wie er es selbst ausdrückte. Zu General Haftar durfte es keine direkte Verbindung geben.

Ocampo 2011 in Den Haag
Robert Vos / Picture Alliance / DPA

Ocampo 2011 in Den Haag

Am 6. Juni teilten Tatanakis Leute mit, dass die erste Tranche von 750000 Dollar auf Ocampos Konto überwiesen worden sei. Wenige Tage später bereitete Ocampo ein Treffen mit Tatanaki im Hotel Des Indes in Den Haag vor. Den Unterlagen zufolge wollte auch die Libyen-Ermittlerin des Strafgerichtshofs teilnehmen, jene Frau, die Ocampo gewarnt hatte. Außerdem sollte Florence Olara dabei sein, die Pressesprecherin im Büro der Chefanklägerin, die bis heute dort arbeitet. Ocampo bestreitet ein solches Treffen, doch in einer E-Mail schrieb er damals, Olara sollte bitte mit einem Auto abgeholt werden. Kurz darauf verfasste die Pressefrau Olara ein wohlwollendes Kurzporträt über Tatanaki, das über soziale Medien verbreitet werden sollte. Auch das könnte ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex sein. Olara bestreitet alle Vorwürfe als "falsch und unwahr".

Bensouda teilt auf Anfrage mit, sie höre "zum ersten Mal" davon, dass aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen ihres Büros für Ocampo gearbeitet oder interne Informationen an ihn weitergegeben hätten. Sie kündigt eine Untersuchung an.

Ob Bensouda je gegen Tatanaki oder General Haftar ermittelt hat, ist bis heute unklar. Doch vor Kurzem hat die Chefanklägerin einen Haftbefehl gegen einen Kommandeur Haftars erwirkt. Gesucht wird Mahmud al-Werfalli. Er soll in 33 bekannten Fällen wehrlose Gefangene exekutiert haben, es gibt Videos als Beweise, auf denen auch zu sehen ist, wie sich Werfalli für seine Taten feiern ließ.

Der Papieruntersetzer liegt inzwischen zerbröselt auf dem Tisch. Ocampo schlägt nervös seine Knie gegeneinander. Er bestätigt, dass er den Drei-Millionen-Dollar-Vertrag mit Tatanaki unterschrieben hat. Allerdings seien nicht mehr als die 750000 Dollar geflossen, man habe nur ein Jahr lang zusammengearbeitet, "im Grunde nur drei Monate". Warum sie die Zusammenarbeit beendet haben, will er nicht sagen.

Ocampo versteht nicht, was er falsch gemacht haben sollte. Er habe Tatanaki vor Haftar gewarnt, er solle dem General nicht zu nahe kommen, "sonst könntest du auch angeklagt werden". Zum Abschluss sagt er: "Was ich getan habe, war nicht nur legal, sondern auch richtig. Tatanaki zu helfen war eine gute Idee." Drei Tage nach dem Gespräch schickt Ocampos Anwalt einen Brief. Sein Mandant lege Wert auf die Feststellung, dass seine Beratung für Tatanaki "nichts mit der Tätigkeit als Chefankläger in Sachen Libyen 2011 zu tun hatte".

In London sitzt Ocampos langjährige Mitarbeiterin still neben ihm, nur hin und wieder lächelt sie, wenn es um Justice First geht. Doch vor mehr als zwei Jahren, am 4. Juni 2015, schrieb sie eine Mail an Ocampo, es ging um Tatanaki: "Er wird angesehen als Unterstützer einer politischen Seite und Unterstützer von Gewalt als Mittel, die politischen Probleme in Libyen zu lösen. Niemand scheint ihm zu trauen, weil er so reich ist und Gaddafi so nahestand, selbst wenn es nur darum ging, seine Geschäftsinteressen zu schützen. Es gibt seltsame Dinge auf seinem Fernsehkanal. Jeder denkt jetzt, dass Ocampo sich auf eine Seite geschlagen hat im Libyen-Konflikt und, im weiteren Sinne, auch der Internationale Strafgerichtshof."

Der Ex-Chefankläger kann oder will den Schaden nicht erkennen, den er angerichtet hat. Seine Mitarbeiterin hat die Lage dagegen schon sehr früh richtig eingeschätzt.



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