AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Durs Grünbein über Politsprech "Schickt alle Politiker in einen Rhetorikkurs"

Der Lyriker Durs Grünbein analysiert die Sprache der Kanzlerin. Und er erklärt, wie politisch korrekte Wahlkämpfer es schaffen könnten, das Publikum aufzuputschen.

Von und Britta Stuff


Literat Grünbein
Norman Konrad / DER SPIEGEL

Literat Grünbein

SPIEGEL: Herr Grünbein, wir geben Ihnen vier Wörter, die Politiker gern verwenden: Demokratie, alternativlos, Nachhaltigkeit und Volk. Zu welchem würde Ihnen ein Gedicht einfallen?

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Heft 35/2017
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Grünbein: Alternativlosigkeit und Nachhaltigkeit sind Kunstwörter. Die kämen bei mir nicht vor, außer vielleicht in einer Satire. Die sind genuin unpoetisch. Man könnte es mit Demokratie probieren. "Demokratie" wäre ein cooler Titel für einen Gedichtband. Das Wort Volk macht mich nervös. Es hat das Zeug zum Hasswort.

SPIEGEL: Das war Hölderlins Lieblingswort. Sie hassen es?

Grünbein: Hölderlin ist seit anderthalb Jahrhunderten tot. Er träumte ein ideales Volk: Die Deutschen sollten die neuen Griechen sein. Dann aber kam die Nation, und damit bekam das Wort einen stahlharten Klang. Politik kann Wörter für immer vergiften. Kriege werden im Namen der Völker geführt. Völkisch war im nationalsozialistischen Sprachgebrauch eine positive Vokabel, eine rassistische, das Wort Volk trug einen drohenden Unterton. Die Soziologie spricht darum lieber neutral von Bevölkerungen. Darin liegt schon das Vermischte, die Siedlungsbewegung.

SPIEGEL: Die Politik hinterlässt Wortleichen?

Grünbein: Wenn den Wörtern Verbrechen folgen, schon. Jede politische Mordbewegung beginnt damit, dass jemand sie ankündigt. "Lebensraum", "Umsiedlung", "Rassereinheit" sind solche offiziellen Annoncen. Vor Gericht, bei Mordfällen, wird immer nach solchen Anzeichen gesucht: Hat der Angeklagte irgendwann mal gesagt: "Ich bringe dich um!"? Wer heute Volk sagt oder "America first", dessen Vorsatz ist klar. Es gibt aber auch drollige Beispiele dafür, wie Politik Wörter umdeutet.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Grünbein: Kitt! Frank-Walter Steinmeiers neues Lieblingswort, seine ganze Rede als neu gewählter Bundespräsident bestand aus Kitt in "stürmischen Zeiten": "Der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält ..." Kitt ist ein Handwerkerwort. Gemeint ist eine Masse zum Kleben und Abdichten, die schließlich aushärtet. Ob das eine so glückliche Metapher für demokratische Gesellschaften ist?

SPIEGEL: Ist Kitt Poesie?

Grünbein: Poesie kann alles verdauen. Sie würde das Wort bloßstellen oder als Beispiel für Fachsprache ehren. In der politischen Sprache ist es ein Trick, da soll es Effekt machen.

SPIEGEL: Wie funktionieren diese Sprachtricks?

Grünbein: Politische Sprache ist ein Spiel von Täuschung, Camouflage, Euphemismus. Politiker müssen Zauberkünstler sein. Hinter den Wortnebeln zaubern sie unauffällig das Kaninchen hervor. Oder sie schaffen es, dass ein Krokodil wie ein Kaninchen aussieht.

SPIEGEL: Müssen Politiker täuschen und lügen?

Grünbein: Sie können nicht offen sagen, was sie denken. Kanzlerin Merkel kann nicht sagen, was sie wirklich denkt, das ist von Amts wegen unmöglich.

SPIEGEL: Warum nicht?

Grünbein: Jeder Satz kann gegen sie verwendet werden. Viele Politiker sind über allzu freimütige Aussagen gestürzt. Politische Sprache muss einen Zwischenraum erzeugen, in dem vieles möglich ist. Also sagt man Kitt, das klingt gut - der neue Klebstoff für die Gesellschaft, besser als "Pech und Schwefel". Über Kitt stürzt keiner.

SPIEGEL: Ein Sprachwissenschaftler hat sich mal mit Merkels Sprache beschäftigt. Er fand heraus, dass sie eine Marotte hat. Sie benutzt gern vier Adverbien hintereinander, "sonst letztlich doch wieder". Oder "manchmal vielleicht auch etwas".

Grünbein: Hier wird Sprache als Pausenzeichen verwendet. Man weiß noch nicht, was man sagen kann, bleibt aber nicht völlig stumm. Stille ist in dieser Kommunikationswelt gefährlich, das Schweigen des Philosophen unmöglich. Man muss immer Stützlaute machen, damit das Gegenüber das Gefühl hat: Ah, der bewegt sich kommunikativ auf mich zu.

SPIEGEL: Merkel gilt als eher schwache Rednerin. Zu recht?

Grünbein: Die Bundeskanzlerin hat definitiv kein romantisches Sprachverhältnis, ihre Sprache ist, was Marcel Duchamp einmal so genannt hat: präzise, doch ungenau.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Grünbein: Zunächst ist es persönlicher Stil. Klarer Ausdruck ist überhaupt selten. Wie viele Gespräche sind nur deshalb so quälend, weil wir uns meistens konfus ausdrücken und immer neue Erklärungen nachschieben müssen. Merkel will nie zu viel verraten - das verleiht ihren Auftritten Spannung, erst recht, wenn die politischen Entscheidungen weittragend sind. Meistens wird man aber enttäuscht: Wieder hat man so gut wie nichts erfahren. Die Öffentlichkeit versucht, die Orakel zu deuten, als wären es die von Delphi. Dabei beginnen ja viele ihrer Sätze mit "Ich". Es ist ein mächtiges Ich, das da spricht, aber es muss so tun, als wäre es völlig emotionslos und frei von Ambitionen.

SPIEGEL: Würden Sie gern Texte für Politiker schreiben?

Grünbein: Auf keinen Fall. Poetische Sprache bricht Regeln. Allein die Beschränkung des Vokabulars wäre für mich eine Qual. Es gibt eine Reihe von Wörtern, die politisch verboten sind. Sie gehen rhetorisch sofort ab wie Raketen.

SPIEGEL: Gerade wollten Sie noch das Wort Volk verbieten.

Grünbein: Das stimmt, darauf würde ich freiwillig verzichten. Ich meine harmlose Wörter, bei denen man gar nicht darauf käme, dass sie tabu sein könnten. Zum Beispiel Gemeinwohl. Neulich las ich, dass ein SPD-Politiker beraten wurde, wie man am besten dieses Gerechtigkeitsthema vorantreibt. Er wollte den Terminus "Gemeinwohl" verwenden. Es wurde ihm gesagt, dass das unmöglich sei, das Wort würde der Wähler sofort mit Steuererhöhung verbinden. Dabei ist Gemeinwohl ein wunderbares Wort, vollkommen verständlich. Erst wenn es allen gut geht, kann ich mich wohlfühlen. Dagegen kommen nun Schreckenswörter in Mode und werden von allen benutzt.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Grünbein: "Flüchtlingswelle". Neue Wortschöpfungen machen mich fast immer misstrauisch. Man kann am "Dritten Reich" studieren, wie Begriffe ihre tödliche Macht entfalten. Allein das Wort "Judenfrage". Wer hat die "Judenfrage" gestellt, wem brannte sie auf den Nägeln? Dann ist plötzlich von Lösung die Rede, dann von Gesamtlösung - und schließlich steht das Wort "Endlösung" da. Eine Wortschöpfung, wie sie deutscher und deutlicher kaum denkbar ist. Das ist eines der schauerlichsten Beispiele, wie in Sprache der Keim des Todes steckt. Mit "Flüchtlingswelle" wird auf Naturkatastrophen angespielt. Ziel dieser Rhetorik ist es, Angst zu erzeugen.

SPIEGEL: Gibt es große Rhetoriker unter unseren Politikern?

Grünbein: Es gibt schon sehr begabte, der Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Beispiel. Früher war die Nähe zwischen Poesie und Politik allerdings größer, Winston Churchill bekam den Nobelpreis für Literatur. Im Moment scheint es gerade nicht in Mode zu sein, mit Worten zu bezirzen. Bis in die späte Römerzeit war ein Kurs in Rhetorik die Voraussetzung für eine Karriere in den Eliten. Da konnte man die verschiedenen rhetorischen Formen lernen. Satzstellung, Steigerung des Ausdrucks, die Aufteilung der Rede, die Elokution und das Mitreißen bis hin zur Klimax. Es gab immer wieder auch politische Redner, die das geschafft haben, deren Reden zu Meilensteinen der großen Rhetorik in historischen Momenten wurden.

SPIEGEL: Im Guten wie im Schlechten.

Grünbein: Natürlich. Wir hatten im 20. Jahrhundert viele begnadete Redner von rechts - geniale Demagogen. Mussolini, Hitler, Goebbels waren im Grunde zunächst alles Redner. Auch bei den Linken gab es sie - Trotzki, Castro. Stalin war dagegen ein Fall von rhetorischer Impotenz.

SPIEGEL: Haben es die Rechten rhetorisch leichter?

Grünbein: Man überlässt die Rhetorik den Rechten. Ich sehe mit Schrecken, dass die Marktplatzredner zurückkehren. Die parlamentarische Demokratie scheint in einer diffusen Krise zu sein. Das bedeutet, dass die Politik wieder eher auf der Straße spielt. Nun kommen alle diese ganzen Demagogen, drehen die Begriffe um, peitschen niedrigste Instinkte auf. Ich glaube, dass man das auffangen muss, indem man die gemäßigte politische Sprache wieder lebendiger macht.

SPIEGEL: Und wie soll das gehen?

Grünbein: Am besten, man schickt einfach mal alle Politiker in einen Rhetorikkurs und nimmt ihnen die Angst vor der aufputschenden Rede, der Anstößigkeit.

SPIEGEL: Gibt es denn so was wie die Sehnsucht des Zuhörers nach Unerhörtem? Nach Verbotenem?

Grünbein: Es gibt die Sehnsucht nach sprachlicher Originalität, zumindest bei mir. Erst recht in Zeiten, in denen es zum Konsens gehört, eine politische Korrektheit im Umgang mit Sprache, mit Ideen zu pflegen. Da kann es ein großer Moment der Entlastung sein, wenn man erlebt, wie einer rigoros argumentiert - sagen wir, für Europa, für mehr Demokratie, gegen schädliche Zinspolitik. Es gibt ein moralisches Denken, das den Kleingeist und die muffige Abgrenzungsideologie als erbärmlich entlarven kann.

SPIEGEL: Klartext darf also nur gesprochen werden, wenn es politisch passt.

Grünbein: Es gibt natürlich auch fürchterlichen, schlimmen rechten Klartext. Ich hätte nie gedacht, dass wir in ein Zeitalter kommen, wo der Holocaust zum Mythos neutralisiert wird.

SPIEGEL: Das Tabu provoziert dazu, es zu brechen?

Grünbein: Man müsste vielleicht Gummizellen einrichten, Schrei-Kabinette für politisch Radikalisierte. Das meine ich ernst. Nach einer Weile ist alles raus, nun ist es wieder gut, nun kannst du anfangen zu denken.

SPIEGEL: Jemand wie US-Präsident Donald Trump lässt immer alles raus. Es führt aber nicht dazu, dass er sich beruhigt.

Grünbein: Wenn ich mir die Sprache internationaler Staatsmänner anschaue, stelle ich fest: Die verbale Kriegsführung ist wieder da. Bei Trump, Erdogan und Putin ist Sprache wieder Herrschaftsinstrument und Waffe. Sie hält sich nicht mehr mit Diplomatie auf, sondern wird gewalttätig. Der türkische Staatspräsident versucht es mit Einschüchterung der Opposition und Drohung nach außen. Ich weiß nicht, mit welchem Recht er die deutsche Bundeskanzlerin öffentlich duzt, als wären wir auf dem Schulhof.

SPIEGEL: Es heißt immer, man brauche eine "Erzählung", zum Beispiel eine europäische. Stimmt das?

Grünbein: Um Dinge voranzutragen, braucht es ein Narrativ, eine spannende Story. Das kennt man von den Märchen, die Kindern helfen zu verstehen, was gut und was böse ist. Ohne Erzählmoment schläft alles ein, man legt das Buch beiseite. Man muss wissen: Warum macht der Held das? Warum soll ich auf seiner Seite sein? Um was geht es? Wir hatten große Erzählungen - die des Kommunismus etwa, die Befreiung der Menschheit von jeglicher Ausbeutung. Der Nationalsozialismus hatte auch eine Erzählung: Deutschland über alles. Die europäische Erzählung ist leider im Sand verlaufen, mehr Bürokratie als Idealismus. Daher verlieren die Leute das Interesse.

SPIEGEL: Sie sind in der DDR aufgewachsen, wo die Erzählung für die Bürger irgendwann unglaubwürdig wurde.

Grünbein: Sie passte nicht mehr zur Wirklichkeit. Es gab jede Menge Sprachregelungen, vom "Neuen Deutschland" bis zur letzten Lokalzeitung. Wenn zum Beispiel Erich Honecker auf Reisen ging, gab es anschließend ein Kommuniqué. In den Zeitungen wurde das wortwörtlich abgedruckt. Bis zur letzten Kommastelle war alles gleich formatiert. Kein Journalist konnte sagen: Ich war mit eigenen Augen dabei und berichte mal, was ich gesehen habe.

SPIEGEL: War die Sprache tot?

Grünbein: Sie war so normiert, dass sie an sich selbst erstickt ist. Das hat den Volksmund auf den Plan gerufen, es gab jede Menge Witze über diese tote Sprache. Es gab eine sichtbare Reibung zwischen der Wirklichkeit und den Worten. Die Mauer war für uns der antifaschistische Schutzwall ...

SPIEGEL: ... und für die Westdeutschen der Eiserne Vorhang.

Grünbein: Da haben wir ein schönes Beispiel. Die einen sagten Mauer, die anderen Eiserner Vorhang, wieder andere Todesstreifen. Die Sprache zeigte die Weltanschauung. Damit sind wir wieder beim Volk. Übrigens hatte der von Ihnen zitierte Hölderlin eine Ansicht über das Volk, die den Nationalsozialisten nicht gefallen hätte. Er schrieb: "Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen." Ich will nicht als Deutscher versauern in einem Volksgefängnis mit Leitkultur und ein paar ausländischen Markenprodukten. Das Volk ist nichts anderes als zig Millionen Neurotiker ...

SPIEGEL: ... nehmen wir an, das würde Frau Merkel sagen.

Grünbein: Dann wäre sie weg vom Fenster. Ich verliere auch sofort wieder ein paar Leser. Egal. Der Eigensinn gebietet mir, das Wort Volk zu zerstören.

SPIEGEL: Herr Grünbein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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horstu 02.09.2017
1. Sprachmacht und Demokratie
"Die verbale Kriegsführung ist wieder da. Bei Trump, Erdogan und Putin ist Sprache wieder Herrschaftsinstrument und Waffe. Sie hält sich nicht mehr mit Diplomatie auf, sondern wird gewalttätig". Sprache war schon immer ein Herrschaftsinstrument, und ist es in der Demokratie noch viel mehr, da sie Menschen zur Mitarbeit verführen muss, statt sie zu erzwingen. Was früher die Leibgarde des Fürsten erledigte, muss heute das Sommerinterview erfüllen. Politische Sprache konstruiert und reproduziert den Rahmen, an dem Bürger ihr Handeln ausrichten. Die vermeintlich gemäßigte, verschleiernde Sprache kann daher genauso gut eine Waffe und ein Instrument der Unterdrückung sein, Menschen dazu zu bringen, gegen ihre Interessen zu handeln.
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