AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2017

Auf der Spur von Frau Holle Das Geheimnis der Schneefee

Ist Frau Holle in Wahrheit die Gattin des Gottes Wotan? Forscher vermuten hinter der Märchenfigur einen lange verborgenen germanischen Volkskult, den sie jetzt zu enträtseln versuchen.

Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner mit einer Holzskulptur der Märchenfigur: Erfinderin des Kartoffelkloßes?
Marco Lenarduzzi

Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner mit einer Holzskulptur der Märchenfigur: Erfinderin des Kartoffelkloßes?

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Auf dem Hohen Meißner, einem Gebirgszug in Nordhessen, liegt ein mit Röhricht umsäumter Teich, an dessen Ufer Geburtshelferkröten leben. Das verwunschene Stillgewässer, 620 Meter über dem Meeresspiegel, ist ein Laichplatz für Lurche - und die Heimat von Frau Holle.

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Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Legenden zufolge befindet sich am Grund des Weihers ein silbernes Schloss, aus dem die Märchenfee zuweilen zur Mittagszeit auftaucht. Im 17. Jahrhundert ließ Landgraf Hermann zu Hessen-Rotenburg Nachforschungen anstellen. Sein Bericht erwähnt Augenzeugen, die an dem Teich ein Gespenst in "Gestalt eines Weibsbildes" gesehen haben wollen. Die Gebrüder Grimm kamen am 22. Juli 1821 mit einem Leiterwagen angerumpelt und recherchierten ebenfalls vor Ort.

Das Erstaunliche: Die Sage enthält einen wahren Kern. Archäologen haben dort grün glasierte Scherben aus der Zeit um 1600 gefunden. Auch kamen Goldmünzen zutage, geprägt unter Kaiser Domitian (81 bis 96 nach Christus). Der Pfuhl sei als "Wunschbrunnen" genutzt worden, vermutet der Historiker Karl Kollmann - "und das schon vor 2000 Jahren".

Kollmann gehört zu einer Gruppe Mythenforscher, die der wahren Geschichte der Frau Holle nachspüren. Wenn die Dame Kissen ausschüttelt, das weiß ein jedes Kind, schneit es. Doch anders als Rumpelstilzchen oder Zwerg Nase hat die Figur geschichtliche Wurzeln: Sie ist eine gefallene germanische Göttin.

Grundlage für die neue Deutung sind eine Vielzahl Legenden, Bräuche und Lokalsagen, die sich um die berühmte Zauberin ranken. Erforscht wurden sie bislang kaum.

Allein im Umfeld des Hohen Meißners gibt es rund 20 Grotten, Quellen und auch auffällige Felsbrocken, die mit ihrer Person verbunden sind. Den "Todstein" bei Abterode warf sie angeblich mit dem Daumen vom Berg herunter. Im Dorf Dudenrode soll sie gewohnt haben. In einer 40 Meter langen Grotte fanden Ausgräber Schädelreste eines Kindes. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es Brauch, dort Frau Holle Blumen zu spenden.

"Nordhessen ist die reine Märchenlandschaft", schwärmt Marco Lenarduzzi, der in dem Gebiet einen 1130 Quadratkilometer großen Naturpark leitet. Seit diesem Montag heißt das magische Gelände offiziell "Frau Holle Land".

Vorbei an Fachwerkdörfern, stapfen Besucher aus Japan oder Korea an Brunnen, Waldstücken oder Basaltblöcken entlang, an denen die Wettermacherin angeblich einst Wunder wirkte. Auch Amerikaner kommen. Sie kennen die Figur unter dem Namen "Mother Hulda".

"Frau Holle"-Darstellung (Postkarte um 1950): Wilde Jagd durch die Wolken
Sammlung Rauch/ Interfoto

"Frau Holle"-Darstellung (Postkarte um 1950): Wilde Jagd durch die Wolken

Bei den Grimms erscheint die wilde Göttin moralisch bieder und gezähmt. Sie ist eingeflochten in ein Märchen vom Schema 480 D ("Geschichten von artigen und unartigen Mädchen"): Eine Jungmaid muss für die Stiefmutter spinnen, bis ihre Finger bluten. Beim Säubern fällt die Spindel in einen Brunnen. Das Kind springt hinterher und landet in einer Anderwelt. Vorbei an Ofenbrot ("Zieh mich raus!") und Apfelbaum ("Schüttel mich!") erreicht sie das Haus der Frau Holle, der sie fleißig den Haushalt führt. Dafür wird sie mit einem Goldregen belohnt.

"Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie", ruft der Hahn als Verkünder der Wahrheit, ähnlich wie beim Verrat des Petrus in der Bibel. Die faule Stiefschwester dagegen scheitert an den Bewährungsproben und endet unter einer Ladung Pech.

Eine schöne Geschichte. Der Theologe Eugen Drewermann deutete sie als Aufforderung, allen Dingen "in absichtsloser Güte zu begegnen". Andere wendeten sie psychologisch, die Spindel sei Symbol der ersten Menstruation.

Das Märchen der Grimms geriet zum Welterfolg. Doch ihre Hauptfigur ist viel älter. Schon Bischof Burkhard von Worms (965 bis 1025) berichtete in einem Dekret über verbotene Zauberei von "nachtfahrenden" Frauen, die sich einbildeten, unter Leitung einer "Hexe Hulda" Fernreisen durch die Lüfte zu unternehmen.

Frühe Sagen aus dem Volksbuch "Saturnalia" spielen alle in Thüringen. Dort gilt Frau Holle auch als Erfinderin des Kartoffelkloßes. In anderen Legenden tritt sie als "weiße Frau" auf und segnet die Flure. Eine Sage aus Gotha erzählt, dass sie in einer Quelle westlich der Altstadt die ungeborenen Kinder hütet. Martin Luther verunglimpfte sie als Vegetationsdämonin in Stroh und Lumpen: "Frau Holle mit der Potznasen."

Nur, was steckt hinter dem Durcheinander? Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth erklärt das Ganze so: Die Gestalt sei eine Form der "Großen Mutter", die in allen frühen Hochkulturen verehrt wurde. Als Variante dieser universalen "Erd- und Unterweltgöttin" stehe Frau Holle für Fruchtbarkeit, die in der Kunst des Ackerbaus (Brot), der Pflanzenzucht (Apfelbaum) und der Magie (Wettermachen) unterrichtet.

So sieht es auch die ehemalige Bibliotheksdirektorin Annette Rath-Beckmann, die einen "Forschungskreis zur Mythologie der Göttin Holle" gegründet hat. Die matriarchalisch gesinnte Gelehrte ist sicher, dass die Anhänger des Kults einst Kräuterkunde betrieben. Vor allem Wacholder und Holunder hätten dabei als Heilpflanzen gedient.

Der Historiker Kollmann hält von derlei schamanischem Geraune wenig. Er spürt lieber durchs Gelände und listet Kultplätze auf. Erst vor wenigen Wochen hat er am Vogelsberg einen neuen entdeckt: ein Felsloch, in dessen Spalten der Sage nach Frau Holle haust. "Gleich neben der Höhle befindet sich ein Mini-Stonehenge", sagt er, "niemand hat den Steinkreis bislang untersucht."

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Das kleine Heiligtum dürfte jahrhundertealt sein. Holle leitet sich vom Adjektiv hold ab, das bereits im Gotischen ("hulþ") und sogar im Protogermanischen in Gebrauch war. Im 2. Jahrhundert verehrten Stämme am Mittelrhein eine Göttin Hludana.

Auffällige Parallelen bestehen vor allem zu Frigg, der Gattin Wotans und Hüterin des Herdfeuers. Nur in den "Rauhnächten" zwischen Weihnachten und dem 6. Januar tobt sie mit ihrem Mann als "wilde Jagd" durch die Wolken - Symbol für die Winterstürme. Derlei Umritte vollführt auch Frau Holle in alten Fabeln.

War Frigga also das Vorbild für die Magierin von der Kaltfront? Dafür spricht vieles. Ein weiterer Beleg: Unter dem Einfluss Roms verschmolzen die Germanen im 4. und 5. Jahrhundert Frigga immer häufiger mit der italischen Diana - auch sie eine Beschirmerin von Heim und Natur. Diese Göttin wird in der mittelalterlichen Handschrift auch "Hulda" genannt.

Doch die First Lady im nordischen Pantheon hatte es bald schwer. Im 8. Jahrhundert drangen irische Wandermönche in den Wald der Urdeutschen ein und missionierten. Bonifatius haute im Jahr 723 in Nordhessen kurzerhand die Donareiche um. Danach fiel die Irminsul, das Heiligtum der Sachsen.

In dieser Zeit des religiösen Wandels, so die Annahme, schien es kaum mehr opportun, die heidnische Frigga/Diana noch direkt beim Namen zu nennen. Also sprach das einfache Bauernvolk fortan verklausuliert nur von Hulda, Holde oder Holle.

Dem Klerus galt sie bald als "Teuflin".

So sank der Stern der strahlenden Gattin Wotans. Überlebt hat sie zuletzt in den dunklen Nischen des Aberglaubens. Bei den Grimms tritt die hohe Dame als Hausmütterchen auf. Immerhin entfachen ihre Daunen Schneestürme - Hinweis auf ihre einstige Funktion als Wolkenfurie bei der "wilden Jagd".

Für das strukturschwache Nordhessen sind all die Verdrehungen, dieses Gespinst aus Märchenmurks, Götterdämmerung und Spuk ein Segen. Anlässlich der Erstveröffentlichung des "Frau Holle"-Märchens vor 200 Jahren sind das ganze Jahr über Vorträge, Wanderungen und Events geplant.

Auch der lauschige Krötenweiher auf dem Hohen Meißner wird in den Trubel einbezogen. Landrat Stefan Reuß hat für den 20. Mai zum Spontan-Picknick aufgerufen. Motto: "Flashmob am Frau-Holle-Teich".



insgesamt 7 Beiträge
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paulpuma 10.04.2017
1. Eigentlich nicht neues.
Dass Frau Holle der Schatten einer germanischen Göttin war, ist sein langem bekannt. War sie mit Frau Berchtes (Berchtesgarden) oder mit der niederländischen Nehalenia verwandt? Alte Fragen. Auch Wotan, taucht in Märchen (der Seelenführer der Toten als Fährmann...) und Sagen (als Wanderer mit Schlapphut, Rübezahl...) auf. Die Raben am Dom von Merseburg, die Namen Wolfram und Wolfgang, der Altvater-Schnaps, der Wednesday/Woensdag: ganz ausgerottet wurden die alten Götter nicht.
hörwurm 10.04.2017
2. Klimawandel
Als ich den Spuren der Frau Holle folgte, stieß ich auf den Apostel der Deutschen, Bonifatius. Dieser ließ die Donareiche fällen, um zu beweisen, dass außer dem christlichen Gott kein Gott Donar existiert. Bonifatius wurde dafür erschlagen. Das Christentum ist im Grundsatz nicht schlecht, nur führt das Verhalten der Christen zum Klimawandel und Tod der Natur. Wie weit wären wir mit den altgermanischen Göttern gekommen? Der von uns so hoch verehrte Bonifatius hat also die Zerstörung unserer Umwelt mit verschuldet. Warum verehren wir ihn?
t_mcmillan 10.04.2017
3. Und?
Was ist neu? Das weiß man doch schon lang.
brooklyner 10.04.2017
4.
Also ich habe im Sachkundeunterricht in der 4. Klasse (1979) gelernt, dass Frau Holle höchstwahrscheinlich Freya sei. Letztes Jahr stiess ich auf ein Märchenbuch aus den 20er Jahren mit Sagen und Märchen aus Estland und Finnland - dort kam die Frau Holle Geschichte, vermischt mit Gold- und Pechmarie gleich zweimal, leicht abgeändert, vor. Mir war das eigentlich auch nichts Neues.
DoMu 11.04.2017
5. Frau Holle
In Nordhessen wurden Elfen/ Elben Hollen genannt.Es gibt hier etliche Plätze mit entsprechenden Namen, z.B. die Hollenkammer bei Volkmarsen. Die Frau-Holle-Sage ist eine "klassische" Elfensage, jemand lebt eine Weile bei den Elfen und wird entsprechend seines Verhaltens belohnt oder bestraft. Weitere Deutungen erübrigen sich meiner Meinung nach.
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