AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2018

Magermodels "Es war die Hölle"

Die Zahl der Essgestörten in Deutschland wächst. Nun erreicht die Debatte über "Germany's next Topmodel" die Politik. Experten von Union und SPD befürworten gesetzliche Vorgaben gegen Magermodels.

Szene aus der jüngsten Staffel der Castingshow "Germany's next Topmodel"
Richard Hübner / ProSieben

Szene aus der jüngsten Staffel der Castingshow "Germany's next Topmodel"

Von Selina Bettendorf


Für Kera Rachel Cook war das Leben vor der Kamera kein Traum, es war die Hölle. "Ich habe mir damals nicht nur einmal überlegt", sagt sie, "von einem Hochhaus zu springen."

Das frühere Model steht in einer Realschule in Sindelfingen. Die 29-Jährige war Teilnehmerin der Castingshow "Germany's next Topmodel", hat viele Jahre für Mode- und Werbefotografen posiert und hält nun Vorträge über die dunkle Seite des Gewerbes: über Bulimie, Übelkeit und Fressattacken. Wie sie manchmal drei Tafeln Schokolade in einer halben Stunde aß, um danach verzweifelt ins Fitnessstudio zu rennen. Und warum die Fotografen ihre Bilder wieder und wieder bearbeiteten, um sie noch schöner und manchmal auch dünner aussehen zu lassen, als sie war. "Es muss dringend etwas geschehen", sagt sie, "damit nicht noch mehr junge Frauen unrealistischen Schönheitsidealen nacheifern."

Nicht ausgeschlossen, dass ihr Wunsch schon bald in Erfüllung geht. Während am vergangenen Donnerstag die 13. Staffel der Heidi-Klum-Show angelaufen ist, wächst unter Politikern von Union und SPD die Bereitschaft, politisch gegen den Schlankheitswahn in der Modeindustrie vorzugehen.

"Wir brauchen eine gesetzliche Regelung zum Schutz vor Magersucht", sagt Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD. Seine CSU-Kollegin Dorothee Bär ist ebenfalls der Auffassung, dass "Aufklärung allein an ihre Grenzen zu stoßen scheint". Und auch die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer sieht Handlungsbedarf: "Size-Zero-Models gaukeln ein Ideal vor, welches weder ästhetisch noch gesund ist - mit gefährlichen Langzeitschäden für Körper und Seele bis hin zum Tod."

Die Statistik gibt den Politikern recht. In den vergangenen zehn Jahren, in denen Castingshows und Instagram-Influencer das Model-Leben zum Ideal stilisierten, hat sich die Zahl der essgestörten Mädchen enorm erhöht. Eine im Januar veröffentlichte Studie der AOK Nordost zeigt die Entwicklung bei Versicherten zwischen 2010 und 2016. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stieg der Anteil diagnostizierter Essstörungen um 50 Prozent bei den 13- bis 17-jährigen Versicherten.

In der gesamten Bundesrepublik waren 2016 laut Statistischem Bundesamt gut 10.000 Mädchen und Frauen wegen Essstörungen in stationärer Behandlung. Henriette Hömke, Model und ehemalige Miss Sachsen, starb 2017 an den Folgen ihrer Magersucht.

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Wally Wünsch-Leiteritz, Ernährungsmedizinerin und Vorstandsmitglied des Bundesfachverbands Essstörungen, plädiert deshalb nicht nur für Vorgaben zum Körpergewicht von Models. Sie fordert auch "Standards" für das Bearbeiten von Modefotos. So soll verhindert werden, dass Mädchen einem Körperideal nacheifern, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Sogar der Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter fände es wünschenswert, wenn entsprechende Bildmanipulationen zumindest gekennzeichnet würden.

In anderen Ländern ist das längst Pflicht. Seit Oktober vergangenen Jahres dürfen in Frankreich auf Werbebildern keine Körperteile mehr ohne Kennzeichnung retuschiert werden. Zudem dürfen Frauen mit Untergewicht nicht mehr als Model arbeiten - sie müssen einen bestimmten Body Mass Index vom Arzt nachweisen lassen.

Wenn ein Auftraggeber die Vorschriften missachtet, muss er mit bis zu sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe von 75.000 Euro rechnen. Neben Frankreich haben auch Spanien und Israel ähnliche Vorschriften.

In der italienischen Modeindustrie gibt es eine freiwillige Selbstverpflichtung, und in Großbritannien wurden mehrfach verfälschende Werbeaufnahmen zurückgezogen.

Auch in Deutschland müsse reagiert werden, fordern Politiker. Noch immer werde das Problem unterschätzt, klagt etwa SPD-Experte Lauterbach. "Es gibt kaum eine Erkrankung bei jungen Frauen, die eine so hohe Sterblichkeitsrate hat wie Magersucht - und die Heilungschancen sind gering." Auch seine CSU-Kollegin Bär hält "die Zeit für gekommen, sich die Regelungen unserer Nachbarn genau anzusehen". Bilder, fordert sie, müssten wieder stärker "Abbilder der Wirklichkeit sein".

Was passiert, wenn Ideal und Realität zu weit auseinanderliegen, weiß niemand besser als Kera Rachel Cook, die als Model ihre Gesundheit ruinierte. Nach ihrem Auftritt in der Klum-Show musste sie für sechs Wochen in stationäre Behandlung, insgesamt litt sie fast zwölf Jahre an Bulimie.

Im Video: Ex-Model Kera Rachel Cook

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