AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Malta Files Erdogans geheimer Schiffsdeal

Ein schwerreicher Unternehmer hat dem Erdogan-Clan heimlich offenbar mehrere Millionen Dollar zukommen lassen. Das geht aus internen Papieren hervor. Ein Beweis für die Käuflichkeit des türkischen Präsidenten?

Erdogan mit Frau und Kindern in Ankara (Archiv)
Sipa Press/Action Press

Erdogan mit Frau und Kindern in Ankara (Archiv)

Von Craig Shaw und Peter Zink


Das Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa hat sich kaum verändert, seit Recep Tayyip Erdogan hier vor über 63 Jahren geboren wurde: Holzbaracken reihen sich dicht gedrängt aneinander. Von den Balkonen hängt die Wäsche zum Trocknen. Obdachlose schlafen auf Pappkartons. Erdogan hat sich aus Kasimpasa bis an die Spitze des türkischen Staates gekämpft. Er ist dabei unglaublich mächtig geworden - und unglaublich reich.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Sein Vermögen wird auf mehr als hundert Millionen Euro geschätzt. Wie er zu dem Wohlstand kommen konnte, ist unklar. Kritiker werfen dem Präsidenten Korruption und Vetternwirtschaft vor.

Interne Papiere aus dem Konvolut der "Malta Files", die dem SPIEGEL und seinen Partnern aus dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) vorliegen, geben nun einen Einblick in die Geheimgeschäfte der türkischen Herrscherfamilie. Ans Licht gerät ein Deal, der dem Erdogan-Clan laut den Unterlagen bis heute 23 Millionen Dollar eingebracht haben soll.

Die Verwandlung der Türkei in eine Kleptokratie beginnt, lange bevor Erdogan massenhaft Oppositionelle verhaften und Medienhäuser schließen lässt. Sie vollzieht sich zu einer Zeit, da der damalige türkische Premier im Westen noch als demokratischer Reformer und Hoffnungsträger gilt.

Im Juli 2008 wehrt Erdogan einen weitreichenden Angriff auf seine Herrschaft ab. Vor dem türkischen Verfassungsgericht gewinnt er die Verbotsverfahren gegen ihn und seine Partei, die AKP. Als hätte es diese juristischen Akte gebraucht, macht sich seine Familie scheinbar kurz danach daran, ihre Sonderstellung auszunutzen und Geld zu verdienen - und zwar achtstellig.

Die Erdogans übernehmen im Oktober 2008 den Öltanker "Agdash" von Mübariz Mansimov, einem türkischen Milliardär aserbaidschanischer Herkunft. Das Schiff ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie neu; erst ein Jahr ist es her, dass es bei einer russischen Werft vom Stapel lief.

Mansimov und Erdogan haben ihre Geschäftsbeziehung über Jahre hinweg angebahnt. Mansimov ist in Baku geboren, hat in der Roten Armee gedient. In den Jahren des Zusammenbruchs der Sowjetunion und nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans arbeitete er für die staatliche Schifffahrtsgesellschaft des an Öl reichen Landes. Später gründete er seine eigene Firma Palmali.

Heute gehören Mansimov rund hundert Frachter. Er kontrolliert, nach eigenen Angaben, zwei Drittel des Ölhandels in der Schwarzmeerregion. Der Milliardär gilt als gut vernetzt. Bei der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump im Januar in Washington war er persönlich vor Ort.

Vor knapp 20 Jahren hatte Mansimov seine Unternehmungen auf die Türkei ausgeweitet - und 2006 die türkische Staatsbürgerschaft angenommen, angeblich auf Wunsch Erdogans. "Der geschätzte Herr Premierminister fragte mich: Warum wirst du kein türkischer Staatsbürger?", erzählte Mansimov in einem Interview mit türkischen Medien.

Zu dem Geschäft zwischen dem Milliardär und der türkischen Herrscherfamilie gehört ein kompliziertes Konstrukt, das sich nun mithilfe der "Malta Files" erstmals nachvollziehen lässt: Mansimov gab den Bau der "Agdash" im Frühjahr 2007 bei der russischen Werft United Shipping in Auftrag. Er nahm dafür einen Kredit über 18,4 Millionen Dollar bei der Bank Parex in Litauen auf, die lange Zeit im Verdacht stand, Gelder von Despoten und Oligarchen zu waschen, und die nach der Finanzkrise zerschlagen wurde.

Zur gleichen Zeit registrierte Erdogans Schwager Ziya Ilgen eine Firma auf der Isle of Man, einer Steueroase in der Irischen See. Ilgen, ein ehemaliger Lehrer, tritt in der Öffentlichkeit nur selten in Erscheinung. Er gilt als einer der Vermögensverwalter des Clans. Neben Ilgen waren Erdogans ältester Sohn Burak und sein Bruder Mustafa an der Firma auf der kleinen Insel beteiligt. BU für Burak, M für Mustafa, ER für Erdogan und Z für Ziya, die Kürzel der Beteiligten stecken offenbar auch im Namen der Firma, die Bumerz Limited.

Für Recep Tayyip Erdogan sind Politik wie Geschäft Familiensache. Sein jüngerer Sohn Bilal leitet unter anderem eine Stiftung, die unter Korruptionsverdacht steht. 2014 tauchten Mitschnitte eines mutmaßlichen Telefongesprächs auf, in dem Regierungschef Erdogan seinen Sohn Bilal auffordert, mehrere Millionen Dollar Schwarzgeld aus dem Haus zu schaffen.

Auch Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak ist in der Verquickung von Politik und Business geübt. Bevor er 2015 Energieminister wurde, hatte er als CEO eines Mischkonzerns geplant, wie man das Steuerrecht zugunsten des Unternehmens umgehen könne. Als er dann Minister war, änderte die Regierung die Steuergesetze wie von ihm zuvor ersonnen - auch das geht aus den "Malta Files" hervor.

Die Werft lieferte die "Agdash" im Herbst 2007 an Mansimov. Der Frachter schipperte ein Jahr lang in Nord- und Ostsee, bis er im Oktober 2008 an die Bumerz Limited überging.

Mansimov verpflichtete sich, den Parex-Kredit im Namen der Erdogans vollständig zurückzuzahlen. So wie es aussieht, überließ damit der Unternehmer die "Agdash" der Erdogan-Familie mehr oder weniger als Geschenk.

Mansimov benutzte das Schiff auch nach 2008 weiter, indem er es bei der Bumerz Limited mietete. Insgesamt kostete ihn der Deal bis Oktober 2015 etwa 21 Millionen Dollar.

Wieso geht ein erfolgreicher Geschäftsmann einen derart ruinösen Handel ein? Weil er sich das Wohlwollen der türkischen Regierung erkaufen will? Zwar gibt es keine Hinweise auf eine direkte Gegenleistung Erdogans. Jedoch zogen Mansimovs Türkei-Geschäfte nach 2008 wohl deutlich an.

So bekam der Unternehmer vom Staat den Auftrag, den Jachthafen in der Mittelmeerstadt Bodrum auszubauen, der als "Milliardärsklub" gilt, da er Prominente wie Prinz Charles oder Bill Gates anzieht. Mansimov hält Aktien an Tekfen, einer türkischen Baufirma, die er gemeinsam mit der staatlichen Ölfirma Aserbaidschans, Socar, 2008 kaufte. Tekfen ist in strategische Projekte wie die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline eingebunden.

Die Erdogans bemühen sich nach Kräften, ihre Geschäfte mit Mansimov zu verschleiern. 2011 überschrieben sie die Aktien von Bumerz auf Sitki Ayan, einen türkischen Unternehmer und Jugendfreund des Präsidenten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ayan die "Agdash" tatsächlich kaufte. Ein Dokument legt nahe, dass Erdogans Schwager Ziya Ilgen Eigentümer des Frachters blieb. Weder Mansimov noch Ayan, noch die Mitglieder der Erdogan-Familie waren zu einer Stellungnahme bereit.

Erdogan wird im Westen oft als Ideologe wahrgenommen, als Islamist. Die "Malta Files" zeichnen ein komplexeres Bild - das einer Familie, für die Geld mindestens ebenso wichtig ist wie politische Überzeugungen.

2015 verlängerte Mansimov den Vertrag mit Bumerz um weitere fünf Jahre. Er mietet die "Agdash" demnach für 3400 Dollar am Tag. Die Erdogans und ihre Gehilfen dürften somit jedes Jahr mehr als eine Million Dollar an dem Frachter verdienen.



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Seite 1
Kater Bolle 27.05.2017
1. Ich habe fast nichts anderes erwartet......
Gehen wir mal davon aus es stimmt wie berichtet. Da war in der Vergangenheit ja bereits öfter mal was über den Erdogan-Clan berichtet wurde und niemand so recht weiss wo der Clan sein Vermögen her hat ist das ganze schon komisch. Sicher ist nicht jeder Politiker korrupt aber anfälliger wie Otto-Normalverbraucher. Dazu müssen wir auch den Begriff der Korruption definieren. Ist z. B. Lobbyismus um sich für ein Top bezahlten Job nach dem Amt zu qualifizieren nicht auch eine Form der Korruption? Wenn ich nur an die Goldman Sachs-Leute in Pos. die der Bank nutzen wie H. Draghi, UK-Notenbank-Chef ganz zu schweigen von den Investment-Leuten in der US-REegierung. Diese Beispiele könnte man fast unendlich fortführen. Fazit: Geld regiert die Welt. Das Schwafeln von Demokratie und Werten ist lediglich ein Schlafmittel für die kleinen Leute. Wir sehen Leute wie Temer und Ergdogan die sich schamlos bereichern. Wenn ich dann sehe, das man die Verwendung von Bargeld langsam auslaufen lassen will um damit Schwarzarbeit; Geldwäsche, Kriminalität usw unterbinden will ist das lächerlich. Jeder weis das. Mit Briefkasten-Firmen geht das alles Bargeldlos. Ich glaube nicht, die Gelder für den Erdogan-Clan sind mit dem Koffer geliefert worden. Man bekommt langsam schlechte Laune. In was für eine verkommenen Welt wir Leben. Anstand, Moral, Ehrgefühl gibt es nicht mehr.
H. Krämer 27.05.2017
2.
Zitat von Kater BolleGehen wir mal davon aus es stimmt wie berichtet. Da war in der Vergangenheit ja bereits öfter mal was über den Erdogan-Clan berichtet wurde und niemand so recht weiss wo der Clan sein Vermögen her hat ist das ganze schon komisch. Sicher ist nicht jeder Politiker korrupt aber anfälliger wie Otto-Normalverbraucher. Dazu müssen wir auch den Begriff der Korruption definieren. Ist z. B. Lobbyismus um sich für ein Top bezahlten Job nach dem Amt zu qualifizieren nicht auch eine Form der Korruption? Wenn ich nur an die Goldman Sachs-Leute in Pos. die der Bank nutzen wie H. Draghi, UK-Notenbank-Chef ganz zu schweigen von den Investment-Leuten in der US-REegierung. Diese Beispiele könnte man fast unendlich fortführen. Fazit: Geld regiert die Welt. Das Schwafeln von Demokratie und Werten ist lediglich ein Schlafmittel für die kleinen Leute. Wir sehen Leute wie Temer und Ergdogan die sich schamlos bereichern. Wenn ich dann sehe, das man die Verwendung von Bargeld langsam auslaufen lassen will um damit Schwarzarbeit; Geldwäsche, Kriminalität usw unterbinden will ist das lächerlich. Jeder weis das. Mit Briefkasten-Firmen geht das alles Bargeldlos. Ich glaube nicht, die Gelder für den Erdogan-Clan sind mit dem Koffer geliefert worden. Man bekommt langsam schlechte Laune. In was für eine verkommenen Welt wir Leben. Anstand, Moral, Ehrgefühl gibt es nicht mehr.
"Schlechte Laune" ist ein starker Euphemismus, da wären ein paar deutliche derbere Beschreibungen wohl passender. Offensichtlich ist es aber noch nicht schlimm genug, dass sich daraus eine Bewegung ergeben kann, um die auf irgend eine Weise korrupte "Elite" quer durch alle so genannten Demokratien zur Rechenschaft zu ziehen.
Cluedo 27.05.2017
3. Nichts Neues ....
.... dass Erdogan einen prominenten Platz in der Reihe der raffgierigen und herrschsüchtigen Kleptokraten einnimmt, war schon seit vielen Jahren kein Geheimnis. Er musste versuchen, die Opposition und die Presse zu unterdrücken, um die Berichterstattung zu "kontrollieren" und im Sattel zu bleiben, aber seine anfänglichen wirtschaftlichen Erfolge für das Land sind mittlerweile im korrupten AKP-System wieder zerflossen. Das Land geht langsam den Bach runter, aber Clan und Entourage geht es blendend. Wie üblich.
Ottokar 27.05.2017
4. Der Erdogan Clan
muss alles tun um an der Macht zu bleiben um zu vermeiden das die ganze Sippe im Gefängnis landet. Ist schon bekannt in welches Land er sich absetzen kann wenn es eng wird ?
kabaday 27.05.2017
5. Warum...
…habe ich das Gefühl, dass der Spiegel wieder nicht die Wahrheit schreibt? Genau! Weil die bisherigen Nachrichten auch nicht der Wahrheit die Ehre gaben. Ich brauche nur die Kurdenpolitik Erdogans mit den Nachrichten im Spiegel darüber zu vergleichen, um zu sehen, dass die Wahrheit des Spiegels und die reale Wahrheit in der Türkei nichts miteinander zu tun haben. Das schreibe ich als einer, der aus der kurdischen Region stammt, auch kurdische Vorfahren hat und sich seit Jahren für mehr Rechte für die Kurden in der Türkei einsetzt. Aber anders als die PKK, nicht mit Waffengewalt und auch nicht mit einer faschistisch-nationalistischen Ideologie. Aber sowas erscheint hier nicht hier im Forum. Dann nimmt man lieber die Foristen, die versuchen, mit Schaum vorm Mund, sich in der Hetze gegen Erdogan zu überbieten. Quo Vadis, Spiegel?
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