AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2018

Kommentar von Maram Stern Ist Deutschland für uns Juden zu einem schlechten Pflaster geworden?

Unser Autor Maram Stern ist 1955 in Berlin geboren und zur Schule gegangen. Nie hätte er geglaubt, dass das Wort "Jude" wieder ein Schimpfwort werden würde auf deutschen Schulhöfen. Hier ist sein Kommentar.

Jüdischer und christlicher Festschmuck in Berlin im vergangenen Dezember
picture alliance / Gregor Fische

Jüdischer und christlicher Festschmuck in Berlin im vergangenen Dezember


Es geht wieder ein Gespenst um in Deutschland, das Gespenst des Antisemitismus. Rapper, deren Songs Auschwitz-Opfer verhöhnen und Gewalt an Frauen propagieren, bekommen einen Preis. Jüdische Kinder werden auf Schulhöfen von Mitschülern antisemitisch beschimpft. Und in Großstädten ist es gefährlich geworden, sein Judentum offen zu zeigen.

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Heft 18/2018
Kopftuch, Kreuz, Kippa: Das deutsche Ringen um Identität - der Glaube und sein Missbrauch

Ich muss mich manchmal kneifen, wenn ich daran denke, wie anders die Stimmung noch vor zehn Jahren war. Damals redete man von einer Renaissance des Judentums, von Deutschland als der einzig wachsenden jüdischen Gemeinde in Europa. Waren nicht die Zuwanderung Zehntausender Juden aus Osteuropa, die Belebung jüdischer Gemeinden und der Bau neuer Synagogen Beispiele dafür, dass sich das moderne Deutschland den Juden wieder zugewandt hatte, dass es ihnen wieder Heimat sein wollte? Hatten sich in Deutschland, dem Land der Täter, nicht mehr als 10.000 Israelis dauerhaft niedergelassen?

 Maram Stern ist stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses und leitet seit 1989 das Brüsseler Büro der Organisation.
Marco Limberg / WJC

Maram Stern ist stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses und leitet seit 1989 das Brüsseler Büro der Organisation.

Und jetzt das: 1453 bislang registrierte antisemitische Straftaten in Deutschland im Jahr 2017, im Durchschnitt vier angezeigte Fälle jeden Tag. Und eine große öffentliche Debatte, ob Juden in Deutschland sicher sind.

Nun kommen vielleicht einige und sagen: Übertreibt ihr Juden nicht wieder einmal? Hebt ihr nicht bei jeder Gelegenheit mahnend den Zeigefinger? Und ist es nicht übertrieben, dass nun wieder in jeder TV-Talkshow von grassierendem Antisemitismus gesprochen wird?

Solche Fragen stellen sich wohl viele Menschen. Ich kann sie beruhigen: Auch wir Juden stellen sie uns manchmal. Auch wir fragen uns, ob der "Aufschrei der Guten" etwas bringt oder ob uns das am Ende eher schadet.

Ist Deutschland für uns zu einem schlechten Pflaster geworden? Ich denke, nein. Es gibt keinen Exodus der Juden. Fakt ist aber: Antisemitische Äußerungen haben auch hier Hochkonjunktur. Sie manifestieren sich im öffentlichen Raum, im Netz und auf den Straßen deutscher Großstädte. So etwas gab es in dieser Dimension schon lange nicht mehr.

Ich bin 1955 in Berlin geboren und dort zur Schule gegangen. Nie hätte ich geglaubt, dass das Wort "Jude" einmal wieder ein Schimpfwort werden würde auf deutschen Schulhöfen. Nie hätte ich gedacht, dass so viele junge Menschen in den sozialen Netzwerken alle Hemmungen fallen lassen und in einer Art und Weise gegen Juden und gegen Israel hetzen, dass einem schlecht wird. Nie hätte ich erwartet, dass die Verantwortlichen der deutschen Musikwirtschaft - wiewohl sie doch im Vorfeld gewarnt waren - einen Preis an zwei Rapper vergeben würden, deren Geschäftsmodell auf dem Verbreiten von Hassbotschaften gegen Juden, Frauen und Homosexuelle basiert.

Es erscheint mir wohlfeil, den Anstieg des Judenhasses in den letzten Jahren nur bei muslimischen Zuwanderern zu suchen (um ihn dann schnell der Bundeskanzlerin und ihrer angeblich verfehlten Einwanderungspolitik in die Schuhe zu schieben). Natürlich gibt es ihn, den "importierten Antisemitismus", den abgrundtiefen Hass auf Israel und auf Juden, bei vielen, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Das darf auf keinen Fall unter den Teppich gekehrt werden, und wenn nötig, muss auch mit Härte durchgegriffen werden.

Aber es gilt trotzdem das Wort von Gustav Heinemann: Wer mit dem Zeigefinger vorwurfsvoll auf andere zeigt, sollte nicht vergessen, dass drei Finger derselben Hand auf ihn selbst zurückweisen.

Denn wie erklärt man den grassierenden Antisemitismus unter jenen, die nicht Flüchtlinge, sondern in Deutschland geboren und aufgewachsen sind? Unter jenen, die deutsche Schulen durchlaufen, die deutsche Medien konsumiert haben, die etwas erfahren mussten über die Vernichtung der sechs Millionen Juden durch Hitler-Deutschland? Müssten die nicht immun sein gegen Antisemitismus? Mir erschließt sich nicht, warum sich plötzlich wieder so viele bemüßigt fühlen, längst im Giftschrank der Geschichte geglaubte antijüdische Ressentiments zu schüren. Ich schüttle den Kopf, dass Israel für so viele Menschen in Deutschland plötzlich wieder zum "kollektiven Juden unter den Nationen" geworden ist, wie es der kanadische Politiker Irwin Cotler einmal formuliert hat.

Mangelnde Bildung, mangelnde Information in den Medien, mangelndes Interesse am Thema können es nicht sein. "Die Politik" als solche ist auch nicht die Schuldige: Von Ausnahmen abgesehen, stehen die wichtigen deutschen Parteien fest zur jüdischen Gemeinschaft in Deutschland - die Kippa-Debatte der letzten Tage hat es wieder gezeigt. Deutschland unterhält gute Beziehungen zu Israel, bessere jedenfalls als viele andere europäische Länder.

Dennoch ist da ein Unbehagen, etwas Unterschwelliges. Für Juden wird Antisemitismus in Deutschland wieder erfahrbar. Die Polizisten, die Synagogen und jüdische Zentren bewachen, stehen nicht umsonst dort. Sie werden benötigt. Ist der massive Anstieg von Hasskommentaren im Netz ein Vorbote von Schlimmerem? Die Renaissance des Judentums in Deutschland womöglich eine Schimäre? Ist jüdisches Leben in Deutschland auf einem Vulkan gebaut, der schon wieder zu brodeln beginnt? Das sind keine einfachen Fragen.

Ich bin eigentlich ein Optimist und sehe das Glas lieber als halb voll an. Dennoch stelle ich fest: Wir Juden, unsere Religion, unsere Bräuche und unsere Sensibilitäten, sind vielen in Deutschland lebenden Menschen nach wie vor fremd und ein Dorn im Auge. Das vor allem dann, wenn wir unser Judentum offen zeigen.

Fremdem begegnet man gern mit Unverständnis und Ablehnung. Es wurde als Provokation bezeichnet, von Journalisten und von anderen, dass ein Israeli in Berlin mit Kippa herumlief, um zu testen, ob das ginge. Die eigentliche Provokation ist aber genau dieses Statement: Es schiebt die Verantwortung für das Geschehene vom Täter auf das Opfer.

Man darf annehmen, dass in Deutschland viele diese Ansicht teilen. Sie fragen sich: Müssen diese Juden denn ihre Religion so offen zur Schau stellen? Können die ihre archaischen Riten und Bräuche - Beschneidung und Schächten etwa - nicht endlich abschaffen? Oder sollten wir das nicht gleich ganz verbieten?

Als im Sommer 2012 die Beschneidungsdebatte in Deutschland tobte, konnte man schön sehen, wie ernst es manchen in Deutschland mit dem Schutz jüdischen Lebens in Wahrheit ist: eigentlich nicht sehr ernst. Die Debatte um die religiöse Beschneidung wurde zwar durch die Politik mittels eines eilends beschlossenen Gesetzes entschärft, aber das war, wie wenn man einen Deckel auf einen Topf mit heißer Milch knallt, um zu verhindern, dass sie überkocht.

Das Problem ist ein viel fundamentaleres: Religion, religiöse Bräuche und Symbole werden mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt - von bayerischen Amtsstuben einmal abgesehen. Zum einen gibt es da jene, die die Islamisierung des Abendlandes befürchten. Das diffuse Gefühl, die deutsche Rechts- und Werteordnung sei durch die Zuwanderung von Muslimen in Gefahr, wird vor allem geschürt von jenen Neu-Rechten, die behaupten, der Kampf gegen den Islam sei der beste Schutz jüdischen Lebens in Deutschland.

Nur lassen wir Juden uns nicht gern vereinnahmen von Leuten, deren ideologische Vordenker die größten Antisemiten waren und die zentrale jüdische Traditionen wie religiöse Beschneidung oder Schächten verbieten möchten. Wir mögen es nicht, wenn eine Minderheit, die jüdische, gegen eine andere Minderheit, die muslimische, in Stellung gebracht wird.

Um es klar zu sagen: Jüdisches Leben schützt man nicht dadurch, dass man Muslime ausgrenzt. Aktuell hört man viele Politiker Israel und das Judentum über den grünen Klee loben, die sich ansonsten nicht als Verteidiger von Minderheitenrechten hervortun - im Gegenteil. Seth Kaplan von der Johns Hopkins University in Baltimore schrieb jüngst: "Das Thema der Beschneidung ist eine Messlatte dafür, ob westliche Gesellschaften die Religionsfreiheit immer noch so hoch bewerten, dass sie eine große Vielfalt von Weltanschauungen und Praktiken umfassen und anerkennen. Seit Tausenden von Jahren ist die Beschneidung ein integraler Bestandteil der kulturellen Identität und des religiösen Glaubens großer Teile der Welt. Die momentane Bewegung, sie im Westen abschaffen zu wollen, lässt eine weitere Verengung der Bandbreite religiöser Freiheit erwarten."

Wer im Namen abendländischer Werte die Religionsfreiheit einschränken, wer Religion aus dem öffentlichen Raum verdrängen will, der erweist sich selbst und den Juden in Deutschland einen Bärendienst.

An die Adresse all jener rechten Eiferer, die die Schlacht am Wiener Kahlenberg von 1683 gegen die muslimischen "Eroberer" ein zweites Mal schlagen möchten, sei gesagt: Man verteidigt die westliche Werteordnung nicht dadurch, dass man diese Werte aufgibt, sondern indem man seine Werte anderen vorlebt und ihnen dadurch zu Akzeptanz verhilft.

Die Religionsfreiheit ist ein Grundpfeiler dieser Werteordnung. Wer sie einschränken möchte, untergräbt sie. Gute Integration von Zuwanderern, nicht nur muslimischen, sondern auch jüdischen, setzt eine gewisse Empathie voraus, einen Vertrauensvorschuss. Wem wirklich daran liegt, dass der Antisemitismus zurückgedrängt wird oder ganz verschwindet, der muss das Anderssein zulassen. Der muss aushalten, dass Menschen auf der Straße mit Kippa, Kopftuch oder im Minirock rumlaufen.

Die Geschichte der assimilierten deutschen Juden vor 1933, aber auch das Beispiel des laizistischen Frankreichs lehrt uns: Vorurteile gegenüber Fremden nehmen nicht automatisch ab, wenn Minderheiten scheinbar gut integriert sind. Ressentiments gegenüber Juden gäbe es selbst dann, wenn niemand mehr eine Kippa trüge. Ressentiments gegenüber Muslimen gäbe es selbst dann, wenn das Kopftuch verboten würde.

Vor einigen Wochen wurde Felix Klein zum ersten Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus bestellt. Es ist ein Signal, dass Klein nicht nur für die Bekämpfung des Judenhasses, sondern eben auch für jüdisches Lebens in Deutschland zuständig sein wird. Hoffentlich ist seine Bestellung nicht nur als ein Signal des guten Willens an jüdische Organisationen gedacht. Hoffentlich ist sie ein Zeichen, dass jüdisches Leben dauerhaft zu Deutschland gehören soll, dass Juden ihren Glauben ganz selbstverständlich, offen und frei leben können.

Denn die beste Maßnahme gegen Antisemitismus ist die Schaffung von Akzeptanz jüdischen Lebens. Das Judentum kann sich in Deutschland auf Dauer nur verankern, wenn man sich als praktizierender Jude nicht mehr verstecken muss im Hinterhof oder in den eigenen vier Wänden und wenn man sich für seine Traditionen nicht schämen oder ständig rechtfertigen muss.

Normalität und Akzeptanz kann man nicht erzwingen oder herbeireden. Symbolische Handlungen, so wichtig diese manchmal sind, reichen nicht aus. Genauso wenig wie es ausreicht, eine Kippa auf dem Kopf zu tragen. Es muss sich etwas ändern in den Köpfen. Daran muss man arbeiten, dafür muss man werben - und manchmal muss man dafür streiten. Mit dem Aufhängen von Kreuzen ist es sicherlich nicht getan.



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