AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Marathon Noch 178 Sekunden

Kann ein Mensch einen Marathon in weniger als zwei Stunden laufen? Nike will die Marke unter Laborbedingungen angreifen. Der sportlichere Versuch wird von dem Wissenschaftler Pitsiladis betrieben: Er hat einen Wunderläufer gesucht.

Wissenschaftler Pitsiladis mit dem Testläufer Chala Tulu, 14, in Äthopien
Uriel Sinai/NYT/Redux/laif

Wissenschaftler Pitsiladis mit dem Testläufer Chala Tulu, 14, in Äthopien

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Yannis Pitsiladis hat noch nichts gewonnen, aber schon eine Menge verloren. Ein Haus, viel Geld, zwischenzeitlich hatte ihn seine Frau verlassen. Und manchmal scheint er kurz davor, auch seinen Verstand einzubüßen.

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Heft 18/2017
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Der Professor für Sportwissenschaft trägt einen weißen Kittel, Besucher seines Labors an der Universität Brighton empfängt Pitsiladis, 49, mit breitem Collegeboy-Lächeln. Leute, mit denen er redet, schaut er eindringlich an. Er redet viel und schnell, es ist nicht immer leicht, ihm zu folgen, gelegentlich merkt er das. "Tut mir leid", sagt er dann, "meine Gedanken springen gerade wieder hin und her, ich könnte es mit mir selbst keinen Tag aushalten."

Sein Smartphone piept und vibriert häufig, auf E-Mails und WhatsApp-Nachrichten antwortet er umgehend, auch nachts. Per Handysignal lässt er sich alarmieren, wenn die Temperatur in einem der Laborkühlschränke gestiegen ist, weil ein Mitarbeiter die Tür zu lange offen gelassen hat.

Pitsiladis ist besessen von der Idee, dass ein Mensch einen Marathon in einem nie da gewesenen Tempo läuft. Der Weltrekord liegt bei 2:02,57 Stunden, aufgestellt vom Kenianer Dennis Kimetto vor zweieinhalb Jahren in Berlin. Aber es geht Pitsiladis nicht bloß darum, Läufern alle Möglichkeiten der Wissenschaft zu zeigen, um diese Zeit zu unterbieten. Auf den 42,195 Kilometern ein paar Sekunden schneller zu sein, das wäre für ihn ein nebensächlicher Erfolg. Es geht darum, die zwei Stunden zu knacken, die vielleicht letzte große Barriere in der Leichtathletik, zumindest im Laufsport. Wie ist das zu schaffen?

Die Aussicht, auf diese Weise Sportgeschichte zu schreiben, beflügelt die Fantasie und den Ehrgeiz vieler, nicht nur Pitsiladis'. In das Rennen um den Fabelrekord ist auch Nike eingestiegen, der Welt größter Sportartikelhersteller und ursprünglich eine Laufmarke. Anfang Mai werden drei Läufer auf der Formel-1-Strecke in Monza in Nikes Namen versuchen, dass mindestens einer von ihnen auf der Marathondistanz unter zwei Stunden bleibt. Der Werbeeffekt wäre riesig.

Dennis Kimetto beim Marathon 2014 in Berlin
DPA

Dennis Kimetto beim Marathon 2014 in Berlin

Noch fehlen 178 Sekunden, um den Weltrekord unter die magische Marke zu drücken. Es erscheint utopisch, dass es bald gelingt. Denn es hieße, ein Läufer müsste pro Kilometer um 4,2 Sekunden schneller werden, 422-mal die 100 Meter in 17 Sekunden rennen und ein Durchschnittstempo von mehr als 21 Stundenkilometern durchhalten. Vielleicht brauchte der Marathonlauf diesen einen Zufall, wie ihn der Sprint mit Usain Bolt erlebt: einen biomechanisch einzigartigen Athleten, der eine neue Dimension menschlicher Schnelligkeit eröffnet.

Pitsiladis mag nicht auf diesen Wunderläufer warten. Er sucht.

Sein Blick fliegt über die Temperaturanzeigen an den vier mannshohen Kühlschränken vor ihm. Minus 80 Grad Celsius zeigt das rote Display an den Eisschränken, in denen Hunderte Blutproben von Sportlern lagern. Mit einem Scanner forscht er im Erbgut nach Genkombinationen, die für die Leistungsfähigkeit verantwortlich sind. Er nennt es "in die Athleten gucken".

Ende 2014 gründete er sein Projekt, es heißt "Sub2" und ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er hat sein Haus verkauft, das Geld investiert, und auch von dem, was er monatlich verdient, fließt einiges in sein Vorhaben. Er arbeitet mit Wissenschaftlern, Studenten, Ärzten und Physiotherapeuten zusammen. Sie wollen wissen, wie das Training zu verbessern sei, wie sie Ernährung, Schuhwerk und Rennstrategie optimieren können, und sie erforschen die Gene. Vom Fortschritt auf jedem einzelnen dieser Felder verspricht sich Pitsiladis "marginal wins", Zeitgewinne im Sekundenbereich, die in Summe den Durchbruch ergeben. Er nennt es: "Den Leistungssport neu denken".

Man kann ihn für einen Fantasten halten, der für sein Projekt, angelegt auf fünf Jahre, gern 30 Millionen Dollar Budget hätte. Um Investoren aufzutreiben, hat er bei Konzernen wie Nike, Red Bull oder Samsung vorgesprochen. "Bei Red Bull ist einer der Hauptverantwortlichen in den ersten zehn Minuten eingeschlafen", erzählt er. "Samsung versprach, sich zu melden, tat das aber nie." Von Nike las er erst wieder in der Zeitung: als der US-Sportausrüster verkündete, mit dem Projekt "Breaking2" auf eigene Faust zu versuchen, die zwei Stunden zu unterbieten.

Für Pitsiladis war das ein Schlag. Sie hatten die Idee abgekupfert, steckten Millionen Dollar hinein und warben sogar einige Mitarbeiter ab. Nike testete rund 300 Läufer, wählte drei Ostafrikaner aus - darunter Olympiasieger Eliud Kipchoge aus Kenia - und schickte Wissenschaftler ins Trainingslager. Kipchoge kommt dem Ideal eines Marathonläufers nahe: Er ist klein und leicht gebaut, sein Körper kann Sauerstoff bestens aufnehmen und große Mengen Kohlenhydrate speichern. Er läuft ökonomisch, braucht also für ein konstant hohes Tempo vergleichsweise wenig Energie.

Nike preist sein Projekt mit lautem Getöse, nennt es eine "Mission to Mars", eine "Großtat", die "das Unbekannte erforscht". Was man darüber hinaus erfährt, ist kaum mehr als das, was die Nike-Zentrale in Oregon zulässt. Sie steht auch im Verdacht, beim Doping nicht so genau hinzuschauen. Die Anti-Doping-Agentur der USA fühlt sich bei ihrer Arbeit vom Konzern mehr behindert als unterstützt ( SPIEGEL 10/2017).

Das kümmert Nike ebenso wenig wie die Tatsache, dass es auf der Rennstrecke in Monza keinen offiziellen Weltrekord geben wird, weil die Umstände nicht den Marathonregeln entsprechen. So bekommen die Läufer mehr Windschatten spendiert als zulässig, von einem Pulk Tempomachern, die ein- und ausgewechselt werden und sich zwischendurch ausruhen. Nikes Wille, die Zwei-Stunden-Grenze zu durchbrechen, ist zu groß, um sich nach den Maßgaben irgendwelcher Regeln zu richten.

Monza ist kein klassischer Marathon, sondern ein Lauf unter Laborbedingungen. Erst bei günstiger Wetterlage wird gestartet, und den Athleten werden Getränke von einem nebenher fahrenden Motorrad gereicht, um keine Zeit einzubüßen. Kürzlich testete das Nike-Team in Monza auf halber Distanz die Abläufe, damit der "Breaking2"-Versuch nicht an ungeahnten logistischen Pannen scheitert.

Die Veranstaltung wird im Kontrast zum volksfestartigen Bild stehen, das sich sonst bei Marathons bietet. Ihre Popularität verdankt die Langstrecke vor allem, dass alle, Spitzenathleten wie Hobbyläufer, gemeinsam in einem Rennen starten. Ob sehnige Profis oder übergewichtige Risikoläufer: Sie alle rennen oder trippeln in New York, London, Boston oder Berlin zu Zehntausenden über Brücken, vorbei an Sehenswürdigkeiten und lärmenden Zuschauern.

Nike-Testlauf in Monza
Chris Lawrence

Nike-Testlauf in Monza

Mark Milde, 43, drahtige Läuferfigur, ist der Rennleiter von Berlin. Dieser Marathon ist fast so alt wie Milde selbst. Sein Vater Horst hatte 1974 das erste Rennen organisiert, den "Berliner Volksmarathon", keine 300 Menschen liefen damals mit. Heute sind es über 40.000. Berlin ist die Strecke, auf der siebenmal der Weltrekord gebrochen worden ist.

Milde sagt, es gebe mehrere Gründe dafür, warum ausgerechnet in Berlin solche Spitzenzeiten erzielt würden: "Wir haben eine ziemlich stabile Wetterlage im Herbst, begeisterungsfähiges Publikum und die entsprechende Stimmung. Und es gibt kaum enge Kurven, die den Laufrhythmus stören." Er sagt, er könnte auch eine Strecke wählen, die flacher wäre und weniger Kurven hätte, dann wäre sie noch schneller. Allerdings verliefe sie nicht mehr mitten durch Berlin. Und der Weltrekord? "Er ist gut für unser Renommee, ein Stempel für Extraklasse. Aber es würde mir nicht das Herz brechen, wenn wir ihn verlören."

Das synthetische Nike-Projekt betrachtet Milde mit Neugierde, "es bringt neue Impulse". Pitsiladis' Vorhaben, sagt er, sei ihm "fast sympathischer".

Pitsiladis geht es nicht darum, einen Schuh zu verkaufen, sondern um eine Idee. Entdeckergeist und Aussicht auf Anerkennung treiben ihn an. "Ich betrachte Nike nicht als Konkurrenz", sagt er, "sie schauen nicht auf das große Ganze."

Mithilfe der Genforschung will er nicht nur nach Talenten fahnden. Er will lernen, wie und wann welcher Athlet am effektivsten zu trainieren wäre. Er schwört auf den Energiedrink eines schwedischen Herstellers, ein Gel, das erst im Darm verwertet wird und so den Magen kaum belastet. Er begeistert sich für die Möglichkeit, die Körpertemperatur eines Athleten während eines Rennens messen zu können - er ließ Läufer vor dem Start eine Kapsel schlucken, die Daten sendet. Er ist ans Tote Meer gereist, um den Sauerstoffgehalt zu messen. Er hat darüber nachgedacht, dort einen Rekordversuch auszutragen, weil die Luft unter dem Meeresspiegel besonders sauerstoffreich ist.

Für sein "Sub2"-Projekt hat Pitsiladis sich mit den Äthiopier Kenenisa Bekele verbündet, dem zweimaligen 10.000-Meter-Olympiasieger. Bekele hatte zehn Kilo zugenommen und war geplagt von Verletzungen. Pitsiladis motivierte ihn dazu, es noch einmal zu versuchen.

Sie wurden Partner, obwohl beide unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier der extrovertierte Wissenschaftler, dort der stolze, in sich gekehrte Läufer. Bekele ließ sich am liebsten von einem Freund massieren, weil er glaubte, dass professionelle Physiotherapeuten die negative Energie jener in sich tragen, die sie schon massiert hatten. Ein Aberglaube, von dem Pitsiladis ihn erst abbringen musste.

Anfangs konnten sie sich nicht einmal auf die richtige Ernährung einigen. Pitsiladis riet zu Bananen, die "die Muskeln auffüllen". Bekele glaubte, Bananen machten ihn fett. Kuchen dagegen fand er gut. Pitsiladis begrenzte Bekeles Mahlzeiten auf 1785, später auf 1000 Kilokalorien pro Tag. "Gerade genug, um ihn am Leben zu halten", sagt Pitsiladis.

Heute ist Bekele einer der besten Marathonläufer, voriges Jahr blieb er in Berlin sechs Sekunden über der Weltrekordzeit. Für Pitsiladis ist das der Beleg, dass er richtig liegt. Auf Bekele kann er verweisen, wenn jemand ihn, den Professor, und seine Ambitionen nicht ernst nimmt.

Bekele wird versuchen, möglichst bald Weltrekord zu laufen und dabei nahe an die Zwei-Stunden-Grenze heranzukommen. "Sub2" und "Breaking2" liefern sich ein Rennen und befeuern einander. Pitsiladis hat inzwischen einen Partner gefunden. Sein Projekt erhält von Vodafone technisches Know-how und wahrscheinlich auch Geld. Der Mobilfunkanbieter steuert eine App bei, die auf einer Sportuhr verschiedene Leistungsdaten anzeigt: Geschwindigkeit, Position, Distanz, Herzschlag und Körpertemperatur.

Nicht nur das. Pitsiladis sähe es gern, wenn solche Informationen auch auf Fernsehgeräte übertragen würden. "Wir wollen die Marathonläufer ins Wohnzimmer bringen", sagt er, "wie Formel-1-Rennwagen."



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