AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2017

Alpinstar Hirscher Der beste Skifahrer der Welt, eigentlich

Marcel Hirscher hat viel investiert, um perfekte Skirennen zu fahren. Bei der Weltmeisterschaft ist er der Favorit im Slalom und Riesenslalom - doch er hat ein Problem: Zwei andere Athleten sind plötzlich so schnell wie er.

Marcel Hirscher bei der Ski-WM St. Moritz
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Marcel Hirscher bei der Ski-WM St. Moritz

Von Marius Buhl


Die junge Frau hat sich eine Pudelmütze über die langen Haare gezogen, sie trägt einen Bikini, in der Hand hält sie ein Glas Sekt. Sie sitzt in einem Whirlpool, auf einer Bühne, mitten in der Fußgängerzone des französischen Bergdorfs Val d'Isère.

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Heft 7/2017
Kippt sie?

Die Topskifahrer der Welt kommen gerade auf diese Bühne, ziehen aus einem Kübel eine Startnummer für das Weltcuprennen am nächsten Tag und posieren neben der Schönheit für ein Foto. Nun brüllt der Ansager: "Mesdames et Messieurs, begrüßen Sie mit uns den Champion, Mister Ski, aus Österreich, Marcel Hirscher!" Die Zuschauer kreischen, und ein kräftiger, kleiner Mann tritt in den Lichtkegel, die Hände tief in die Taschen seiner Jacke gesteckt. Auch er zieht eine Nummer, läuft auf die Frau zu und dann: schnurstracks an ihr vorbei. Der Ansager ruft noch, "Halt, Marcel!", aber da ist Hirscher schon auf der Treppe. Verschwunden.

Hinter der Bühne wartet sein Pressesprecher, er sagt: "Marcel, du hättest bei der Frau stehen bleiben sollen, für das Sponsorenfoto." Hirscher verzieht die Augen zu kleinen Schlitzen, dann sagt er: "Und was hätte mir das einbringen sollen?"
Marcel Hirscher, 27, ist der derzeit beste Skifahrer der Welt. Fünfmal in Folge hat er den Gesamtweltcup gewonnen, das hat kein anderer in der Geschichte des Skisports geschafft. Was ist sein Geheimnis?

Bis zu zwei Millionen Österreicher schalten ein, wenn er die Pisten hinunterrast, über ein Fünftel der Bevölkerung. Und trotzdem: Solche öffentlichen Auftritte wie in Val d'Isère hasst Hirscher. "Verlorene Zeit", sagt er und zieht sich die Kapuze ins Gesicht, "genauso wie Siegerehrungen". Dann läuft er davon, den Blick gesenkt, damit keines der autogrammjagenden Kids ihn jetzt anspricht. Als seine Kollegen noch dem Feuerwerk zuschauen, schließt er bereits die Tür zu seinem Hotelzimmer.

Marcel Hirscher hat gerade bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz den Sieg in der Kombination um 0,01 Sekunden verpasst und musste sich im Teamwettbewerb dem Belgier Dries van den Broecke geschlagen geben. Im Slalom und im Riesenslalom aber ist er der Favorit. Fährt Hirscher zwei Durchgänge am Limit, können seine Gegner machen, was sie wollen, dann deklassiert er sie.

Doch in dieser Saison gelingen ihm zwei solcher Läufe selten. Zwei Fahrer machen ihm daher zu schaffen: im Riesenslalom der Franzose Alexis Pinturault, im Slalom der junge Norweger Henrik Kristoffersen.

Hirscher gegen Van Den Broecke beim Team-Event in St. Moritz
DPA

Hirscher gegen Van Den Broecke beim Team-Event in St. Moritz

Wer herausfinden will, was Hirscher aus Annaberg im Salzburger Land derzeit zur Dominanz fehlt, muss ihn zu einem Rennen wie dem in Val d'Isère begleiten. An einem Wochenende also, an dem er einen festen Plan verfolgt: sich konzentrieren, arbeiten, gewinnen.

Am Tag vor dem Skirennen in Val d'Isère sitzt Hirscher in der Lobby des Fünfsternehotels Christiania. Unter seinem Shirt zeichnen sich die Muskeln eines Modellathleten ab, im Gesicht lässt er sich neuerdings einen Bart stehen. Hirscher ärgert sich, seine blauen Augen funkeln, wenn er spricht. Er habe schlecht geschlafen, sagt er, ein paar Après-Ski-Heinis hätten vor seinem Zimmer Lieder gegrölt. Außerdem habe er eine Hausstauballergie, und überall in diesem Hotel liege Teppichboden. Und dann, und das nervt ihn am meisten, hat irgendjemand aus seinem Team seine Haferkleie vergessen, und jetzt muss er essen, was eben da ist: Brot. "Wie soll ich da zu Kräften kommen?"

Um Hirscher herum sitzen seine Betreuer: Physiotherapeut, Pressesprecher, Trainer. Sie besprechen, wie man diese Probleme lösen könnte. Der Physiotherapeut sagt, dass er sich um die Kleie kümmern werde. Pressesprecher und Trainer überlegen, wer mit Marcel das Zimmer tauscht, wegen des Staubs. Und Hirschers Freundin Laura Moisl wird per Telefon angewiesen, noch heute Ohropax für ihren Freund zu kaufen - damit er ungestört schlafen kann.

"50 Prozent meines Erfolgs verdanke ich dem Team", sagt Hirscher. Es ist ein Satz, wie Torschützenkönige ihn sagen, ein Satz, reserviert für Mannschaftssportarten, eigentlich. Aber Hirscher hat lange gekämpft für sein Team, damals, als er noch ein normaler Skifahrer im österreichischen Nationalkader war. Er wollte nicht Teil dieser Gruppe sein, mit einem Trainer für viele gleichberechtigte Athleten. Er wollte seinen eigenen Coach. Später wollte er auch den eigenen Physiotherapeuten, eigene Skiservicemänner, den eigenen Pressesprecher und einen Mann, der sich nur um seine Skischuhe kümmert. Natürlich sollten die Leute die besten sein. "Eine faule Sau", sagt er, "kann ich nicht brauchen, die fliegt raus." Und weil er schon damals besser war als die anderen Fahrer, hat man ihm seine Wünsche erfüllt - bezahlt vom österreichischen Skiverband.

Bei der Bedienung bestellt Hirscher nun "mineral water and a cup of coffee, please". Er wechselt gern ins Englische, er sagt dann Halbsätze wie "like, you know" oder "anyway", es soll amerikanisch klingen, aber es ist immer ein bisschen Österreichisch mit drin. Er betrachtet die verschmierte Goldbeschichtung der Stehlampen und die staubigen Polstersessel, dann meint er: "In Österreich wäre das maximal ein Dreisternehaus."

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Wenn es nach Hirscher ginge, würde er in einem anderen Hotel wohnen. In einem zum Beispiel, das ihm selbstverständlich Haferkleie anbietet, wenn er darum bittet. "Glaubt denn irgendjemand, die Fußballer von Bayern München müssen sich nach dem Speiseplan eines Hotels richten?", fragt Hirscher und erzählt eine Geschichte. Vergangenes Jahr habe er sich im Zielraum mit David Alaba von Bayern München unterhalten. Dann habe er wieder losgemusst, auf den Berg. Der Weg dorthin führte durch die tobende Menschenmenge. Alaba habe nicht glauben können, dass es keinen Weg außenrum gegeben habe: "Aber das ist Skifahren in Österreich. Das war bei Franz Klammer schon so."

Man kann Hirschers Kritik auch umdrehen. Kein Sportler profitiert vom Amateurcharakter des Skisports mehr als er selbst. Andere Fahrer müssen nach den Rennen selbst mit dem Auto durch die Alpen fahren, stundenlang, mit reichlich Laktat im Blut. Hirscher fliegt mit seinem Team im sponsorenfinanzierten Privatjet. Andere Sportler essen abends Cordon bleu, weil das Hotel das eben anbietet. Hirscher hat für solche Fälle einen Betreuer dabei, der ihm etwas Gesundes zubereitet. Andere Sportler verbrauchen in einer Saison rund 20 Paar Ski - Hirscher weit mehr als das Doppelte.

So erklärt sich, warum er längst in seiner eigenen Liga fährt. 43-mal stieg er nach Weltcuprennen aufs oberste Treppchen des Podests, in der ewigen Bestenliste nach Siegen hat er sich auf Rang fünf vorgefahren. Vor ihm rangieren nur noch Legenden: Marc Girardelli, Alberto Tomba, Hermann Maier und Ingemar Stenmark.

Tausendfach ist Hirscher um Slalomstangen gefedert, mit angewinkelten Knien und konzentriertem Blick. Den perfekten Schwung - danach suchte er schon als Jugendlicher - hat er heute gefunden und in sein Hirn gebrannt. Er kann ihn abrufen, wenn es schneit, bei Nebel und bei Eis, der Schwung brachte ihm Sieg um Sieg. Er sagt: "Meine Skitechnik ist ausgereizt, ich kann mich nicht mehr verbessern."

Und dennoch: In dieser Saison stand Hirscher oft im Zielraum eines Weltcupstadions, und wenn die Kamera auf ihn schwenkte, reckte er den Arm empor, formte mit Zeigefinger und Daumen ein U und zeigte damit an, wie knapp er am Sieg vorbeigeschrammt war. Zehnmal ging ihm das so, zehnmal reichte es nur zu Rang zwei. In Wengen, Kristoffersen war nur 15 Hundertstelsekunden schneller, fletschte Hirscher dazu die Zähne und schüttelte den Kopf.

Noch kritischer als Hirscher selbst betrachten die österreichischen Sportjournalisten seine Leistungen. Neulich, Hirscher war hinter Pinturault wieder Zweiter geworden, fragte einer: "Woran hat es gelegen, Marcel?" Hirscher schaute den Reporter eine Weile an, dann sagte er: "Ich weiß genau, warum ich die Sekunde verloren habe. Aber ich sage es dir nicht!"

Skirennlauf ist ein komplexer Sport. Ob ein Läufer gewinnt, hängt von etlichen Faktoren ab: Skitechnik, Linienwahl, Pistenverhältnisse, Wetter, Tagesform, Material, Glück. Am Ende entscheiden wenige Hundertstelsekunden. Felix Neureuther, der beste deutsche Läufer, sagt nach schlechten Tagen öfter mal: "Ich habe keine Ahnung, was heute los war." Was also meint Hirscher, wenn er sagt, dass er wisse, was ihm derzeit fehle?

Dem Geheimnis kommt auf die Spur, wer seine Wachskabine aufsucht. In Val d'Isère ist es ein Container, zwei Männer stehen dort, tief über einen Ski gebeugt. Es riecht nach Wachs und geschliffenen Stahlkanten. 15 Paar Ski lehnen an der Wand, pro Disziplin. Für eines muss Hirscher sich morgen entscheiden.

Die Unterschiede, erklärt Servicemann Thomas Graggaber, sind marginal. Bei einem Paar sind die Kanten ein halbes Grad schärfer geschliffen als beim nächsten, fräsen dadurch stärker in die Eispiste. Andere eignen sich für wärmeren Schnee oder sind insgesamt weicher. Im Sommertraining auf den Gletschern testete Hirscher 57 verschiedene Paare - pro Disziplin. "Diesen Aufwand betreibt kein anderer Sportler", sagt Graggaber.

Mit einem Paar, so erzählt Hirschers Pressesprecher in der Wachskabine, habe Marcel in Garmisch einst einen Vorsprung von drei Sekunden herausgefahren, eine Ewigkeit. "Andere Fahrer würden solche Skier heiligsprechen und ab da in jedem Rennen fahren." Hirscher rührte seine nie wieder an. Er war nicht ganz zufrieden.

In der akribischen Materialauswahl sieht auch Hirschers Trainer Mike Pircher die letzte Stellschraube, an der sein Sportler noch drehen kann. Pircher kommt gerade von der Piste in die Lobby des Hotels Christiania. Mit einem Maßband hat er die Torabstände des morgigen Laufs gemessen, auf den Zentimeter genau, er erwartet ein schwieriges Rennen, "knüppelhart". Als er sich in einen Sessel fallen lässt, blickt er aus müden Augen auf seinen Athleten. Pircher steht regelmäßig um vier Uhr morgens auf, um Trainingspisten zu präparieren und Läufe zu stecken. Wenn er nach einem Skitag nach Hause kommt, lädt er als Erstes die Akkus der Zeitmessanlage, damit diese niemals am Hang leer gehen. "Marcel würde es hassen, wenn das passieren würde", sagt er, "aber seit ich sein Trainer bin: kein Ausfall der Zeitmessung!"

Fragt man Trainer Pircher, was Hirscher noch verbessern kann, verschränkt er die Arme und lehnt sich zurück. Dann sagt er knapp: "Das Set-up!"

"Set-up" ist ein Wort, das in den vergangenen Jahren den Weg in die Sprecherkabinen der TV-Sender gefunden hat. Ein Modewort, ein bisschen wie der abkippende Sechser oder das Packing beim Fußball. Set-up bedeutet: Zusammenspiel zwischen Ski, Schuh und Bindung. Für jeden Hang, für jeden Schnee gebe es das perfekte Set-up, sagt Pircher. Harter Schuh, weicherer Ski bei eisigen Pisten. Weicher Schuh, harter Ski bei weicheren Pisten. Dazu kann man Skischuhe an der Ferse versteifen, Einlegesohlen verwenden, mit der Höhe der Bindungsplatte spielen. "Es gibt Tausende Möglichkeiten", sagt der Trainer, "aber nur der Marcel kann sich so schnell auf ein neues Set-up einstellen, dass er sogar zwischen zwei Läufen wechseln kann."

Pirchers Aufgabe ist es, das Set-up seines Athleten exakt auszuwählen. "In letzter Zeit lagen wir manchmal daneben", sagt er, "bei der WM müssen wir es perfekt treffen." Hirscher sitzt daneben und nickt.

Vier Jahre ist es her, da stieg ihm seine Akkuratesse zu Kopf, es war nach der Heim-WM 2013 in Schladming. "Der Perfektionismus hat den Großteil meines Lebens bestimmt", sagt er. Die Erwartungen seiner Landsleute vermischten sich mit seinen eigenen, er habe damals einen irren Druck verspürt. "Ich dachte lange über einen Rücktritt nach."

Zwei Wochen vor der Weltmeisterschaft 2017 in St. Moritz ist dieser Druck kaum geschrumpft. Hirscher steht da vor 25.000 Fans beim Heimslalom in Kitzbühel. Unten, im Ziel, sitzt die kitzbühltypische Prominenz und will ihn siegen sehen: David Alaba, Franck Ribéry, Andreas Gabalier.

Im ersten Lauf gelingt Hirscher keine gute Fahrt, er landet auf Rang neun, die Reporter lamentieren. Im zweiten Lauf katapultiert er sich auf die Strecke, riskiert alles. Die Schreie der Fans werden bei jeder Kurve lauter, er rast um die Stangen, düpiert die Konkurrenz schließlich um fast eine Sekunde. Der perfekte Lauf.

Es sind diese Momente, für die Marcel Hirscher fährt. "Ich habe eine Gabe erhalten und etwa zehn Jahre Zeit, sie erfolgreich zu nutzen", sagt er, "bin ich ein schlechter Mensch, weil ich das möglichst akribisch mache?"



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