AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2018

4000 Jahre alte Großmacht Das Geheimnis des Königreichs Margiana

1972 stießen Forscher auf die Ruinen einer uralten Stadt, doch der Sensationsfund wurde der Welt lange vorenthalten. Nun präsentiert eine Schau in Berlin die Schätze.

Ruinen von Gonur Depe
Herlinde Koelbl

Ruinen von Gonur Depe

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Es ist dem turkmenischen Präsidenten einiges vorzuwerfen, aber seinen Hauptstadtflughafen hat er immerhin planmäßig in Betrieb nehmen können. Das Terminal steht seit 2016 am Rande der Metropole Aschgabat und sieht aus wie ein Falke, der seine goldgesäumten Schwingen ausbreitet.

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Heft 18/2018
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Gurbanguly Berdymuchammedow, von Haus aus Zahnarzt, schätzt die unmissverständliche Formensprache, das lässt sich nicht nur am zwei Milliarden Euro teuren Airport erkennen. Die hauptstädtische Dentalklinik sieht aus wie ein Backenzahn, die Geburtsklinik ahmt die Form einer Vagina nach, und der Hochzeitspalast, in dem die Turkmenen den Bund der Ehe eingehen können, erinnert an einen Käfig, in dem eine Discokugel gefangen ist.

Zur Demonstration seiner Herrlichkeit hat der Staatschef zusätzlich zum Präsidentenpalast ein 21 Meter hohes Reiterstandbild inklusive Sockel aus Marmor errichten lassen; es zeigt ihn auf dem Rücken seines Lieblingspferds Janardag. Und an einem 133 Meter hohen Mast, der einmal der längste der Welt war, flappt müde eine fast 2000 Quadratmeter große Flagge; mittlerweile haben die Herrscher von Saudi-Arabien, Tadschikistan und Aserbaidschan diesen Rekord mit ihren Fahnenstangen überboten.

Turkmenistan ist ein ehemaliger Sowjetstaat mit 5,7 Millionen Einwohnern und den viertgrößten Erdgasreserven der Welt. Es belegt in der Pressefreiheitsstatistik von Reporter ohne Grenzen den drittletzten Platz und wird von einem Potentaten regiert, dessen Konterfei auf Hunderttausenden Bildern überall im Lande prangt. Es gibt Einfacheres, als Verhandlungen mit Turkmenistan zu führen. Mehrere deutsche Wissenschaftler haben es trotzdem getan und dadurch eine Archäologieschau ermöglicht, die seit Mittwoch im Neuen Museum in Berlin zu sehen ist. Die Ausstellung, einer der musealen Höhepunkte dieses Jahres, zeigt einen Schatz, den Turkmenistan der Weltöffentlichkeit bisher weitgehend vorenthalten hat: Ruinen und Fundstücke aus einer bronzezeitlichen Stadt, die Gonur Depe genannt wird.

Sie existierte vor etwa 4000 Jahren im Osten des heutigen Turkmenistans in der historischen Landschaft Margiana und wurde von einer Gesellschaft bewohnt, die als Teil der sogenannten Oxus-Zivilisation gilt und sich auf einem ähnlich hohen Entwicklungsniveau befand wie die damalige Bevölkerung Ägyptens und Chinas.

Die Idee zur Margiana-Schau, in der 219 Artefakte zu sehen sind, wurde 2004 geboren, als der mittlerweile emeritierte Hamburger Physiker Hanno Schaumburg im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts in Turkmenistan weilte. Einer der Forscher, die er traf, berichtete ihm von Ausgrabungen, die seit einigen Jahren in der Wüste Karakum liefen.

Ruinen von Gonur Depe
Herlinde Koelbl

Ruinen von Gonur Depe

Hobbyarchäologe Schaumburg mietete einen Geländewagen und fuhr "stundenlang" durch die Ödnis, die 80 Prozent des Staatsgebiets einnimmt. Dann erreichte er ein Areal, auf dem ein Mann mit mächtigem Schnauzbart das Sagen hatte: Wiktor Iwanowitsch Sarianidi, ein russisch-turkmenischer Archäologe mit doppelter Staatsbürgerschaft, griechischen Wurzeln und unbändiger Energie.

Sarianidi hatte die ersten Gonur-Depe-Ruinen bereits 1972 entdeckt und eine Siedlung freigelegt, die sich als Sensation entpuppte: Sie hatte ihre Blütezeit ab 2300 vor Christus erlebt und ist deutlich älter als das etwa 60 Kilometer entfernte Merw, das bei Archäologen in aller Welt bekannt ist.

Gonur Depe war eine Meisterleistung früher Stadtplanung. Es erstreckte sich mutmaßlich über etwa 28 Hektar, war von einem gewaltigen Mauerring umschlossen und verfügte über ein leistungsfähiges unterirdisches System zur Wasserversorgung. Es gab Wohnviertel, Handwerkerareale und eine Palastanlage, groß wie zwei Fußballfelder.

Klar scheint, dass die Menschen von Gonur Depe an ein Leben nach dem Tod geglaubt hatten. Die Archäologen legten Nekropolen mit mehr als 5000 Gräbern frei, darunter prächtige, mit Mosaiken geschmückte Ruhestätten, die offenbar höhergestellten Persönlichkeiten vorbehalten waren.

Die Forscher fanden Grabbeigaben, die an das antike Ägypten denken lassen und nun zum Teil in der Ausstellung zu sehen sind: Gold- und Silberschmuck, dazu Waffen und Prunkwagen samt Zugtieren. In einer Kammer ruhten die Skelette von sieben jungen Männern. Wurden sie nach dem Ableben ihres Herrn getötet, um ihm im Jenseits zu Diensten sein zu können?

Die Gräber von Gonur Depe lassen auf eine straff hierarchisch organisierte Gesellschaft schließen - aber auch darauf, dass man in der Oxus-Zivilisation geschlechterpolitisch weiter war als viele heutige Länder, einschließlich Turkmenistan: Frauen erhielten reichere Grabbeigaben als Männer. Genossen sie gar ein höheres Ansehen?

Sarianidi, der 2013 verstorben ist, liebte es zu spekulieren, und so behauptete er nach dem Fund etlicher Tempel und Spuren alter Rituale, dass die Margianer einen Feuerkult betrieben und in ihren Weihestätten regelmäßig dem Rauschtrank Soma zugesprochen hätten. Das habe vermutlich dem Zweck gedient, den Göttern näher zu sein. Warum sie irgendwann im zweiten Jahrtausend vor Christus die Metropole verließen und woanders ihr Glück versuchten, ist unklar. Gonur Depe, die einst stolze Stadt, wurde vom Wüstensand verweht.

Schaumburg, der sich mit Sarianidi anfreundete, war elektrisiert von den Berichten und Fundstücken, die ihm gezeigt wurden. Er staunte besonders über die feinen Keramiken, mit denen die Bewohner von Gonur Depe mutmaßlich Handel getrieben hatten. Die Welt musste wissen, welche archäologische Sensation da in den Weiten der Karakum zum Vorschein gekommen war - so kam der Physiker darauf, eine Ausstellung von Margiana-Exponaten in Deutschland zu organisieren, am besten in seiner Heimatstadt Hamburg.

Er konnte nicht ahnen, dass es weit länger als ein Jahrzehnt dauern würde, diese Schau Wirklichkeit werden zu lassen, allerdings zunächst in Berlin. Im Herbst wandert die Ausstellung nach Hamburg, Anfang kommenden Jahres wird sie in Mannheim zu sehen sein.

Nachdem Schaumburg seine Idee vorgetragen hatte, sah es zunächst so aus, als ginge alles glatt, zumindest für turkmenische Verhältnisse. Damals regierte Saparmurat Nijasow, ebenfalls ein lupenreiner Autokrat, der jedwede oppositionelle Bestrebung erstickte und nebenbei Theater und Opern schloss. Seine Verachtung für die Kultur indes erstreckte sich wohl nicht auf Archäologie und Kunstgeschichte.

Schaumburg hat Hinweise darauf, dass Nijasow den Plan einer Margiana-Ausstellung im Westen bereits abgenickt und sogar ein entsprechendes Dekret unterschrieben hatte; womöglich auch deswegen, weil Sarianidi, immerhin ein Ordensträger, ein gutes Wort eingelegt hatte. Im Dezember 2006 starb der Präsident allerdings, und das Schriftstück schaffte es offenbar nicht auf den Schreibtisch seines ehemaligen Leibarztes und Nachfolgers: Gurbanguly Berdymuchammedow.

Weil der zunächst damit beschäftigt war, seine Macht zu festigen, ging es mit der Ausstellung erst gar nicht mehr und dann trotz unzähliger Anfragen und Bemühungen nur schleppend voran. Man entscheidet in Turkmenistan nicht am Präsidenten vorbei, und der hat viel zu tun. Berdymuchammedow regiert nicht nur, sondern schreibt angeblich drei Bücher pro Monat. Außerdem nimmt er an Pferderennen teil, die er klar gewinnt. Drängeln gilt als kontraproduktiv, und das tut auch niemand - in Turkmenistan ist nichts größer als die Angst, den Herrscher zu erzürnen. Wer Glück hat, verliert in einem solchen Fall nur seinen Job.

Die Verhandlungen verliefen wohl auch deswegen träge, weil Turkmenistan keinerlei Erfahrungen mit dem internationalen Leihverkehr hatte und es zudem die Befürchtung gab, dass die Exponate in Deutschland Schaden nehmen oder gar abhandenkommen könnten. Wäre es gar möglich, dass die Westler die Unverfrorenheit besitzen, Artefakte zu behalten und täuschend echt aussehende Kopien zurückzuschicken?

Es gelang, Vertrauen aufzubauen, auch durch Schaumburgs guten Ruf im Land und das Deutsch-Turkmenische Forum, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern stärken will und ab 2009 an der Organisation der Ausstellung beteiligt war. So riss der Gesprächsfaden nie ganz ab, und Berdymuchammedow signalisierte einige Male, dass er eine Präsentation heimischer Kulturschätze im Ausland für eine gute Idee halte. Als er im August 2016 in Deutschland zu Gast war, sprach er sogar mit Angela Merkel über die Möglichkeit einer Margiana-Ausstellung und den Beginn eines kulturellen Austauschs.

"Es war sehr mühsam, weil es in Turkmenistan komplett andere Spielregeln gibt, aber es hat sich gelohnt", sagt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, das seine Schätze im Neuen Museum zeigt. Während der Ausstellungseröffnung am Dienstag habe er gemerkt, wie groß nun auch die Freude auf turkmenischer Seite ist. Die Schau könne sich auch als eine Art "Eisbrecher" entpuppen und dabei helfen, dass sich zwei unterschiedliche Kulturen annähern, sagt Wemhoff.

Der Archäologe war zur Vorbereitung viermal in Turkmenistan, und er wunderte sich jedes Mal, wie unbelebt das Land ist. Im Hotel hatte er oft das Gefühl, der einzige Gast zu sein, und selbst in Merw, einem Unesco-Weltkulturerbe mit prächtigen Mausoleen, traf er keine anderen Touristen oder Besucher.

Wemhoff wurde bei einer seiner Reisen von der bekannten Fotografin Herlinde Koelbl begleitet, die Fotos für den Ausstellungskatalog schoss, darunter auch Ansichten von Land und Leuten, die nun ebenfalls in der Schau gezeigt werden. Auch diese Bilder mussten vor Drucklegung von autorisierten Mitarbeitern des Präsidenten abgesegnet werden, genauso wie die Texte, die turkmenische Autoren zum Katalog beigesteuert haben. Ein Beitrag über die Museen des Landes strotzt nur so vor Lobhudelei für den Herrscher. Einmal gelang es dem Autor, auf einer Strecke von 15 Zeilen viermal das Wortpaar "geschätzter Präsident" unterzubringen.

Für Wemhoff sind die Erkenntnisse aus Margiana eine Art Revolution: "Das bricht unser westliches Weltbild über die Bronzezeit und ihre Hochkulturen komplett auf", sagt er. Den Raum nördlich des Mittelmeers habe man vor den Entdeckungen Sarianidis "gar nicht auf dem Schirm gehabt". Nun sei klar, dass es eine hoch entwickelte Gesellschaft gegeben hat, die Handel trieb und mit Gonur Depe eine wahre Multikulti-Hauptstadt hatte.

Anhand der vielen Skelettfunde konnten Paläoanthropologen nachweisen, dass in der Stadt Menschen mit Migrationshintergrund lebten: Einige stammten aus dem heutigen Indien, andere aus dem Nahen Osten. Das Material aus Margiana bezeuge, dass die Oasenkultur rund um Gonur Depe "in einem Prozess gegenseitiger Bereicherung und Beeinflussung gebildet wurde", heißt es im Katalog.

Es scheint, als sei Gonur Depe offener für Besucher gewesen, als es das heutige Turkmenistan ist.

Der neue Flughafen ist für 14 Millionen Fluggäste pro Jahr ausgelegt, doch an manchen Tagen ist er so schlecht frequentiert wie ein deutscher Provinzflughafen. Die meisten Turkmenen haben kein Geld, um Flugreisen zu unternehmen, und Besuche aus dem Ausland werden durch eine kaum verständliche Visapolitik erschwert.

Das Land tut viel, um Besucher abzuschrecken, und wenig, um seine spektakulären Sehenswürdigkeiten bekannt zu machen. Wer in der benachbarten Stadt Mary weilt, wird Schwierigkeiten haben, auf eigene Faust und ohne autorisierte Reisegruppe zur Ausgrabungsstelle nach Gonur Depe zu kommen: Selbst viele Taxifahrer kennen den Weg nicht. Es hat sich noch nicht überall im Land herumgesprochen, dass es in Turkmenistan etwas gibt, mit dem sich wirklich zu protzen lohnt.



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