AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Bayerischer Ministerpräsident Was ein Tennisspiel mit Markus Söder über ihn verrät

Bevor Bayerns neuer Ministerpräsident die Politik entdeckte, war Tennis seine große Leidenschaft. Wer hier gegen ihn antritt, lernt ihn kennen.

Heimatpolitiker Söder: "Ich bin der Markus, hier bin i dahoam, und da will ich auch bleiben"
Dieter Mayr / DER SPIEGEL

Heimatpolitiker Söder: "Ich bin der Markus, hier bin i dahoam, und da will ich auch bleiben"

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"Sollte jemand kritisieren, dass Sie 'hässlich' gewinnen, sagen Sie: Danke. Ich habe daran gearbeitet."*

Wenige Tage bevor Markus Söder als Ministerpräsident Bayerns vereidigt werden soll, am zweitletzten Samstag vor dem großen Termin, hat er sich dazu bereit erklärt, eine Runde Tennis zu spielen. Seine Sprecherin hat dafür in der Tennishalle des 1. FC Nürnberg eine Stunde gebucht. "Platz Eins" war frei.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Es ist zehn vor elf, als sie anruft, zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin, um sich zu erkundigen, ob man schon auf dem Weg sei. Sicherheitshalber. Sie will einen keinesfalls hetzen.

Es ist nicht mehr weit. Man kann die Halle schon sehen, noch zwei Minuten, wenn überhaupt, aber man schaut trotzdem noch einmal auf die Uhr, mit leicht schlechtem Gewissen.

War das Söders heimliches Ziel?

Es gibt einen Satz über Markus Söder, der sagt, dass Markus Söder seine politischen Gegner allein damit zur Verzweiflung treibe, dass er immer schon da sei, wo sie hinwollen; und dass er es so schaffe, ihnen das Gefühl zu geben, sie kämen zu spät, selbst wenn sie absolut pünktlich sind. Aber das ist sicher nur eine bösartige Unterstellung, jedenfalls was diesen Morgen betrifft.

An diesem Morgen geht es nicht um Politik, sondern um Tennis, und Tennis war Söders große Leidenschaft, bevor es die Politik wurde.

Söder hatte nie die Chance auf eine Profikarriere, er hat viel zu spät mit dem Sport begonnen, erst mit 13. Aber er hat mit seinem Verein, dem ATV Nürnberg, immerhin Bezirksklasse gespielt, die vierthöchste Liga in Bayern.

Er kann alle Schläge, Vorhand, Rückhand, Volley, Aufschlag und Smash, er kann variieren, er beherrscht Topspin und Slice. Was er vor allem besitzt, ist Sicherheit.

Wenn er von seiner Zeit auf dem Tennisplatz erzählt, kommt Söder schnell auf seinen damaligen Trainer zu sprechen, einen Kroaten, ehemaliger Ranglistenspieler, ein ausgebuffter Kerl.

Ein "Jugo", sagt Söder. Der "Jugo" brachte ihm viel bei, vor allem den Rückhand-Slice, für Gegner ein äußerst unangenehmer Schlag, weil der Ball kaum mehr vom Boden hochkommt, sowie allerlei Psychotipps, mit denen man Gegner verunsichern kann. Psychologie ist wichtig in diesem nervenaufreibenden Sport. Söder war ein guter Schüler, der "Jugo" mochte ihn. Wenn er Söder besonders loben wollte, sagte er: "Du spielst jetzt so clever wie der Brad Gilbert."

Es ist ein Satz, an den sich Söder bis heute gern erinnert. Brad Gilbert war nie sein Held. Seine Helden waren - in dieser Reihenfolge - Björn Borg, John McEnroe und Boris Becker. Jede Zeit hatte für Söder einen eigenen Helden. Nie war Gilbert dabei. Und doch wurde Gilbert zu einem Vorbild, einem Mann, der eigentlich ein Antiheld war, nie Nummer eins der Welt, der aber trotzdem die Besten geschlagen hat, auch McEnroe und Becker.

Gilbert spielte nicht schön, aber er gewann trotzdem, zermürbte die Gegner, bis sie ihn hassten. Aus seinem Ruf machte er eine Tugend. Hässlich gewinnen, das wurde sein Motto, über das er einen Bestseller schrieb, einen Ratgeber für "mentale Kriegsführung im Tennis".

Tennisspieler Söder: "Um mich zu schlagen, musste man einfach besser sein"
Breuel-Bild

Tennisspieler Söder: "Um mich zu schlagen, musste man einfach besser sein"

I. Vor dem Spiel

"Beginnen Sie Ihr Match, bevor es beginnt."

Die Idee, zusammen Tennis zu spielen, entsteht beiläufig, bei einem Sonntagsspaziergang um den Wöhrder See in seiner Heimatstadt Nürnberg, bei dem es zunächst gar nicht um Tennis geht. Es geht um die große Frage, wo Politik für Söder beginnt, und natürlich beginnt Politik für Söder zu Hause, bei den Menschen daheim, im Bierzelt, auf der Kegelbahn und beim Sonntagsspaziergang um den Wöhrder See.

Er ist mit seinem Smart gekommen, ohne Bodyguards, wie er betont, nur mit seiner Pressesprecherin, die auch einen Smart fährt, nur in einer anderen Farbe.

Es ist Karnevalssonntag um 11 Uhr, kein gewöhnlicher Sonntag für ihn, weil das der Sonntag vor seiner großen Rede zum politischen Aschermittwoch in Passau ist, seiner ersten, mehr als einstündigen Grundsatzrede als designierter Ministerpräsident, in der er "tausend Prozent Einsatz" versprechen und erklären wird: "Ich bin der Markus, hier bin i dahoam, und da will ich auch bleiben."

Der Spaziergang um den Wöhrder See, sagt Söder, sei nicht der erste Termin an diesem Tag. Gerade eben habe er schon eine Stunde mit seiner Pressesprecherin zusammengesessen, um an seinem Redemanuskript zu arbeiten, aber das sei bei ihm normal. Markus Söder denkt schon an Politik, da haben andere noch gar nicht zu denken begonnen.

Um so weit zu kommen wie er, hat Söder immer besonders hart arbeiten müssen. Er musste stets ein bisschen früher als andere aufstehen, weil er nie etwas bekommen hat, nur weil man ihn nett fand. Nürnbergs sozialdemokratischer Oberbürgermeister Ulrich Maly, der Söder schon seit vielen Jahren aus der Nähe kennt, drückt das so aus: "Er ist kein Schwiegersohntyp, Sympathien sind ihm nie automatisch zugeflogen."

Aber Markus Söder hat sich in einer großen politischen Fleißarbeit ein enges Netzwerk aus Helfern geschaffen, auf das er heute bauen kann. Als junger Politiker ist er mit dem Fahrrad durch Nürnberg gefahren, um Leute kennenzulernen, er stand im Ruf, bei jedem Grillfest das Bier nicht nur anzuzapfen, sondern auch mitzubringen.

Als Finanzminister eröffnete er einen zweiten Dienstsitz in Nürnberg, in der Provinz, legte ein Programm zur Erschließung ländlicher Räume mit schnellem Internet auf und begann Förderbescheide zu erteilen, die er in vielen Fällen persönlich übergab, um dafür auf ein Foto zu kommen. Söder mit dem Bürgermeister von Schnaittenbach. Söder mit dem Bürgermeister von Irschenberg. Söder mit dem Bürgermeister von Julbach.

Er beginnt den Wahlkampf, bevor der beginnt. Politik ist für Söder im Grunde nichts anderes als Wahlkampf.

Er bleibt einen Moment stehen auf dem Weg um den Wöhrder See. Er will zeigen, was er hier geschaffen hat, eine "Wasserwelt im Herzen Nürnbergs", sein kleines Heimatstadtparadies.

Früher war der Wöhrder See ein großer stinkender Tümpel. Als Söder Umweltminister wurde, gehörten auch die bayerischen Gewässer zu seinem Ressort, eine Chance, die er sofort erkannte. Söder ließ den See nicht nur ausheben und drei Inseln aufschütten, damit das Wasser schneller fließt, sondern auch einen neuen Damm errichten, hinter dem er eine Art Schwimmbecken ausheben ließ.

Es gibt jetzt im Volksmund einen "Söderstrand", manche sprechen sogar neudeutsch von der "Söder Bay".

Es gibt auch einen "Boulevardsteg" auf Stelzen, der am Ufer entlangführt und "Sebastiansteg" heißt, weil er da beginnt, wo das Pflegeheim Sebastianspital steht. Aber das sei "in Ordnung", sagt Söder. Es ist seine ganz eigene Form von Bescheidenheit. Er schaut einen an.

Vor einiger Zeit war zu lesen, Söders Wasserparadies habe der Stadt Probleme eingebrockt. Kanadagänse, die neuerdings auf den aufgeschütteten Inseln nisten, benutzten Nürnbergs Bürgersteige "als Toilette". Eigentlich eine lustige Posse. Aber Söder kann darüber nicht lachen. Er findet es einfach nur undankbar.

Und so ist er plötzlich beim Tennis und bei den Erfahrungen, die er als Slicespieler gemacht hat. Auch so eine undankbare Rolle, die er aber nicht ohne Stolz ertragen hat.

"Was sind Sie eigentlich für ein Spieler?", fragt er. Aber er denkt sich die Antwort schon: ein Topspinspieler wahrscheinlich. Gute Topspinspieler, sagt er, seien "unangenehme Gegner", aber sie fürchteten nichts mehr als den Slice.

Wenn ihm einer fies kommt, hat er immer noch was Fieseres auf Lager.

"Kennen Sie Max Wünschig?", fragt er. Max Wünschig muss man nicht kennen, er stammt aus Bayern, war zweimal deutscher Meister. Er ist keine Größe im internationalen Tennis, aber Söders bayerisches Vorbild, das, was Brad Gilbert im internationalen Tennis für ihn ist.

"Googeln Sie ihn mal", empfiehlt er. "Max Wünschig war der Slice-Gott."

Karnevalist Söder als Prinzregent Luitpold: "Man muss sich schon Mühe geben"
Picture Alliance / Daniel Karman

Karnevalist Söder als Prinzregent Luitpold: "Man muss sich schon Mühe geben"

II. Ausrüstung

"Ein Spieler, der wirklich gewinnen will, begnügt sich nicht mit dem absoluten Minimum."

Markus Söder ist schon vollständig spielbereit, als man die Halle betritt. Er hat eine lange blaue Trainingshose an, mehrfarbige Tennisschuhe und ein langärmeliges Polohemd mit Wimbledon-Logo. "Das ist mein Wimbledon-Shirt", sagt Söder.

Wenn Söder, der gelernte Journalist, etwas besser beherrscht als andere Politiker, dann die Inszenierung seiner selbst. Er betreibt Politik mit einem unerschöpflichen Repertoire an Requisiten. Wenn es um die Binnenschifffahrt geht, lässt er sich mit Fernglas, Kapitänsmütze oder Steuerrad fotografieren. Als die drei Inseln im Wöhrder See bepflanzt wurden, erschien er in einer voluminösen Anglerhose, obwohl er nur ein paar Setzlinge Schilfgras in den Boden steckte. Manchmal hat man bei ihm das Gefühl, Politik sei ein permanenter Maskenball, ein Eindruck, der dadurch verstärkt wird, dass er jedes Jahr an Fasching zu Höchstform aufläuft.

Am Freitag vor Karneval sitzt er in der Garderobe des Nürnberger Opernhauses mit einem schwarzen T-Shirt, auf dem "Elvis" steht, und lässt sich zum Prinzregenten Luitpold schminken. Am Abend tritt er auf der Prunksitzung des Fastnachts-Verbandes Franken in Veitshöchheim auf, es ist das größte bayerische Fernsehereignis mit mehr als vier Millionen Zuschauern, mehr Menschen auf einen Schlag kann er im Rest des Jahres kaum erreichen.

Es sind noch genau sechs Wochen, bis er Ministerpräsident sein wird, nur weiß er das in diesem Moment nicht. Horst Seehofer hat sich noch immer nicht geäußert, wann er sein Amt an Söder abgeben will. Der Machtwechsel ist an sich beschlossene Sache, aber Söder will kein Risiko eingehen. Bei Seehofer ist immer möglich, dass er alles wieder umschmeißt.

Auch deshalb hat sich Söder in diesem Jahr viele Gedanken über sein Kostüm gemacht. Es soll "nicht so schrill" sein wie frühere Kostüme, Shrek, Homer Simpson, Marilyn Monroe und der Eisbär "Flocke" aus dem Nürnberger Zoo.

Söder will Politik unterhaltsamer machen, aber er will nicht wie Boris Becker enden, von dem unvergessen ist, wie er in der Show von Oliver Pocher mit violetten Fliegenklatschen an den Ohren saß. Zu jedem Kostüm gehört deshalb eine durchdachte Erklärung, der Eindruck von Professionalität. Söder hat sich dafür schon Sätze zurechtgelegt.

"Prinzregent Luitpold hat sich um die Menschen gekümmert", sagt er. - "Prinzregent Luitpold ist in Franken geboren und hat in München regiert." - "Er war Prinzregent und kein König." - "Nach ihm ist die Prinzregententorte benannt. Und es ist besser, wenn man so in Erinnerung bleibt, als mit einem Denkmal, auf dem nur Tauben sitzen."

Schöne Sätze sind das, Sätze für den Abend, die er in der Garderobe schon mal probt. Kaum jemand kommt so gut vorbereitet nach Veitshöchheim wie er, auch wenn es dann im Fernsehen ein wenig auswendig gelernt klingt.

Der Maskenbildner des Staatstheaters hat ihm eine Kappe aus Silikon über den Kopf gezogen und diese dann überpudert, damit man seine Haare darunter nicht sieht. Er ist jetzt ein Glatzkopf.

Söder überlegt, was er machen würde, wenn er eine Glatze hätte. Eigentlich würde er sich dann einen Bart wachsen lassen. Sieht cooler aus, findet Söder. Andererseits: Wer wählt einen Glatzkopf mit Bart?

Die Verkleidung fängt schon jetzt an zu jucken. Er kann viele Geschichten erzählen von seinen früheren Kostümen; von dem Abend zum Beispiel, an dem er als Marilyn Monroe auftrat, und der "Problematik, dass man mit so langen Fingernägeln kaum etwas halten kann", sowie der Sache mit der Herrentoilette, wo er am Pissoir immer den Rock heben musste. Oder als er Homer Simpson war und sich tagelang nicht die gelbe Farbe von den Armen lösen ließ, nicht durch Duschen, nicht durch Chemie. "Wer glaubt, die ganze Farbe und Schminke sind gesund, irrt sich", sagt Söder. Aber was macht er nicht alles für seinen Job? "Die Leute freuen sich, dass man sich in Veitshöchheim verkleidet", sagt Söder. "Aber man muss sich schon Mühe geben." Sonst sei das wie in dem Film "Das Leben des Brian". Einfach Klamauk.

Der Maskenbildner setzt ihm eine Perücke auf den Kopf, die dem Haar von Prinzregent Luitpold nachempfunden ist, eine Sonderanfertigung aus Naturhaar, dann verpasst er ihm einen langen ergrauten Bart. Spätestens jetzt sieht Söder nicht mehr wie Söder aus. Er findet: wie Abraham Lincoln. Oder vielleicht doch eher wie Professor Sinn?

Am Ende weiß man nie, wie man ankommt.

Markus Söder am Münchner Nockherberg
DPA

Markus Söder am Münchner Nockherberg

III. GEDULD

"Lassen Sie Ihren Gegner zuerst aufschlagen."

Nach gut 20 Minuten Warmspielen, in denen Markus Söder nur einmal für drei Volleys ans Netz gekommen ist und auch sonst nicht viel riskiert hat, schlägt er vor, "zwei Aufschlagsspiele" um Punkte zu spielen. Jeder darf also eine Runde aufschlagen, und wenn es danach 1:1 stehen sollte, soll ein Tiebreak gespielt werden.

"Ich habe empfohlen bekommen, dass ich Sie besser gewinnen lasse, damit das Porträt über mich besser wird", ruft Söder übers Netz. Er lächelt. Man kann das jetzt als Witz verstehen. Oder Ernst.

Er dreht sich um und geht an die Grundlinie, um auf den Aufschlag zu warten. "Fangen Sie an."

Geduld ist nie Söders Stärke gewesen. Mit 28 Jahren trug er schon den Spitznamen "Herr Staatssekretär", weil er seinen Ehrgeiz nicht verbergen konnte. Nürnbergs Oberbürgermeister Maly hat Söder als schnellen Denker erlebt. "Nach der Anamnese eines Sachverhalts ist er absolut verhandlungssicher", sagt Maly, "professionell und verlässlich." Aber er habe wenig Geduld mit anderen, die langsamer denken. "Er wird dann nervös und kann immer schlechter zuhören."

Aber wer schon einmal unter Edmund Stoiber gearbeitet hat, wer wie Söder einmal dessen Generalsekretär war, muss gelernt haben, mit Ungeduld umzugehen.

Stoiber sitzt an einem Konferenztisch in seinem Münchner Büro, in dem er als ehemaliger Ministerpräsident Bayerns empfängt. Er hat gerade einen großen Bogen geschlagen, es ging um die "tausendjährige Geschichte Bayerns" und seine Rolle darin. Nun aber ist er bei Söder angelangt und der Frage, wer dessen Vorgänger als Vorsitzender der Jungen Union Bayerns war. Die Frage tut nichts zur Sache, aber ohne eine Antwort will Stoiber nicht weiterreden.

Stoibers Büroleiter erhält den Auftrag, nach dem Namen zu googeln, jedoch ohne Erfolg. Stoiber besteht aber darauf, dass man das wissen muss, bevor man über Söder reden kann, und als sein Büroleiter nach mehreren Minuten nichts findet, greift Stoiber selbst entnervt zum Handy.

Wenn Stoiber über Söder redet, spricht er eigentlich von sich selbst, von dem Mann, der es wagte, "immer drei Schritte vor Franz Josef Strauß zu gehen", und der sich als Generalsekretär den Spitznamen "blondes Fallbeil" verdiente. "Ich würde schon sagen, dass Markus Söder mein politischer Ziehsohn ist, und so wird das ja auch gemeinhin gesehen", sagt Stoiber.

Wenn man über Söder schreiben will, bekommt man von seiner Pressesprecherin zunächst eine große Tabelle zugeschickt, in der ein ganzer Monat verzeichnet ist, gelegentlich mit mehreren Terminen pro Tag. Landfrauentag. Starkbieranstich. Ordensverleihung. Und unzählige Neujahrsempfänge in Vereinsheimen, Tennisklubs. Es ist ein Programm, für das man Geduld haben muss, man könnte es auch Leidensbereitschaft nennen. Oberbürgermeister Maly sagt: "Ich habe noch niemanden erlebt, der seiner Karriere so viel untergeordnet hat wie Markus Söder."

In den vergangenen Jahren hat Söder einiges wegstecken müssen, aber selten hat ihn etwas derart auf die Probe gestellt wie die letzten Monate seit der Bundestagswahl, als es darum ging, endlich Horst Seehofer zu beerben, der ihn bis zuletzt verhindern wollte.

Es war der Kampf zweier Politiker, die gelegentlich als ähnlich beschrieben werden, jedoch unterschiedlicher kaum sein könnten. Seehofer, der Einzelkämpfer, der seine Karriere als sozialpolitischer Experte begann und zum Allrounder wurde, und Söder, das Rudelwesen, das von Ministerium zu Ministerium ganze Mannschaften von Vertrauten mitschleppte und von Beginn an ein Allrounder war, ein "Querschnittspolitiker", wie Maly das nennt.

Gerade in den letzten Wochen, in denen Seehofer sich weigerte, einen Termin für den geplanten Machtwechsel zu nennen, trieb das Söder in die Verzweiflung. Wenn man Söder nach dem Termin fragte, blieb ihm manchmal nur schwarzer Humor. Man solle Seehofer doch mal auf dem Handy anrufen, hier sei die Nummer. Nach außen sagte er nur: "Das läuft jetzt alles genau wie ein Uhrwerk harmonisch ab."

Markus Söder unter einem Kronleuchter
DPA

Markus Söder unter einem Kronleuchter

IV. Sieg

"Ihre Gegner werden sagen: 'Hey, deine Schläge haben sich doch gar nicht verbessert. Wie kommt es, dass du mich plötzlich schlägst?' Legen Sie ein Lächeln auf, und antworten Sie: 'Es war heute einfach mein Tag, glaube ich.'"

Markus Söder hat keinen einzigen Fehler gemacht, und am Ende steht es 2:0. Für Söder. Er sammelt die Bälle zusammen. Man würde gern weiterspielen, gerade jetzt, wenigstens noch zwei weitere Aufschlagsspiele. Aber Söder schaut einen nur mitleidig an. "Die schenke ich Ihnen."

Am 13. März wird nun endlich der Posten geräumt, auf den er so lange gewartet hat, an diesem Tag tritt Seehofer nach über neunjähriger Amtszeit als bayerischer Ministerpräsident zurück. Drei Tage später, am 16. März, soll Söder vereidigt werden. Dann ist er am Ziel. Er sagt, er arbeite schon an seiner ersten Regierungserklärung.

"Wir können ja noch kurz ins Klubhaus rübergehen und was trinken", sagt Söder.

Er will noch die letzten Fragen beantworten und all das sagen, was ihm zum Thema "Tennis" einfällt. Seine Anfänge als Tennisspieler gehören dazu, sein erster Schläger von Donnay, den auch Björn Borg spielte, sein erster Carbonschläger von Völkl, und die Nachmittage, die er allein an der Ballwand verbracht hat. Oder dass sein Vater ihn nie zu den Spielen begleitete, aber er, Markus Söder, das nie als Nachteil empfunden habe, denn Kinder, deren Eltern am Zaun standen, waren immer nervöser als er.

Was gute Nerven betreffe, sei er sowieso immer im Vorteil gewesen, er kannte ja die psychologischen Tricks von seinem Trainer, dreimal besonders laut "Aus" rufen, wenn der Gegner ins Aus schlägt, und so weiter. Und dann ist er irgendwann wieder bei Max Wünschig, dem Slice-Gott aus Bayern und seinem eigenen Spiel.

"Ich habe lieber gewonnen als verloren und um jeden Punkt gekämpft. Um mich zu schlagen, musste man einfach besser sein."

Man kann es auch so formulieren: Gegen Spieler, die schlechter sind als er, verliert er nie. Gegen Spieler, die genauso gut sind, verliert er ebenfalls nicht. Ein Problem hat er nur mit Spielern, die viel besser sind als er.

Er schaut einen kurz an. Niemand in Sicht.


*Sämtliche Zitate stammen aus dem Buch "Winning Ugly" von Brad Gilbert.


Im Video: SPIEGEL-Redakteur Marc Hujer über sein Portrait von Markus Söder

Michael Tinnefeld / Agency People Image


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