Im neuen SPIEGEL: Von Helden und Rettern, Venezuela nach Chávez, Supereuropäer Martin Schulz, Kofi Annan, Madeleine Albright

Von Martin Doerry, stellv. Chefredakteur

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Liebe Leserin,
lieber Leser,

für Journalisten gilt der Grundsatz, dass sie die Wirklichkeit bloß beschreiben, nicht aber handelnd in sie eingreifen sollen. SPIEGEL-Reporter Jürgen Dahlkamp musste bei der Arbeit für die Titelgeschichte ausnahmsweise gegen diese Regel verstoßen. Er ging (gemeinsam mit den Kollegen Jan Friedmann, Andreas Ulrich und Antje Windmann) der Frage nach, was Lebensretter ausmacht, warum manche einschreiten, während andere nur zuschauen. Als Dahlkamp den Betriebsleiter Horst Hoffmann traf, der 2009 bei einem Unfall auf der A 40 die Auszubildende Lena Formanowicz aus einem brennenden Auto gezogen hatte, erfuhr er, dass Hoffmann die Frau danach niemals getroffen hat. Auch sie hatte sich nie bei ihrem Retter gemeldet, aus Scham oder aus Taktgefühl. Dahlkamp vermittelte eine Begegnung. "Das Unglück", so Dahlkamp, "verursachte ein Trauma, das Treffen war trotz aller Unsicherheit am Ende für beide befreiend."

SPIEGEL-Reporter Mathieu von Rohr war eigentlich nach Caracas gefahren, um über das Vakuum zu schreiben, in dem Venezuela sich befand, seit Präsident Hugo Chávez zwischen Leben und Tod schwebte. Von Rohr beobachtete am vergangenen Dienstag gerade eine Chávez-treue Miliz, die die Zufahrt zu einem regierungskritischen Fernsehsender blockierte - da traf kurz nach 17 Uhr die Nachricht vom Tod des Präsidenten ein. Die Schläger brachen in Tränen aus, stimmten mit schmerzverzerrten Gesichtern die Nationalhymne an und machten sich schnell auf zur Plaza Simón Bolívar, dem Sammelplatz der Chávez-Anhänger. In den folgenden Tagen erlebte der Reporter einen religiösen Personenkult, mit dem Chávez für immer in die Mythologie der Nation eingeschrieben werden soll. "Die Opposition hat der Chávez-Verehrung nichts entgegenzusetzen", sagt von Rohr. "Im Leben konnte sie ihn bekämpfen, aber sein Tod hat ihn unsterblich gemacht."

Der SPIEGEL erzählt hautnah vom Leben und Treiben der Mächtigen. Damit das möglich ist, muss man sich vorher auf Spielregeln einigen. Was darf zitiert oder beschrieben werden, was nicht? Als Martin Schulz vor gut einem Jahr zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde, traf er mit SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen eine ungewöhnliche Vereinbarung. Er gewährte dem Journalisten nicht nur die Möglichkeit, ihn ein Jahr lang durch seine Präsidentschaft und bei Reisen zu begleiten, er gestattete ihm auch, bei internen Besprechungen in Straßburg oder Brüssel dabeizusitzen. Nur eine Bedingung nannte Schulz: Der oft aufbrausende Politiker nahm Feldenkirchen das Versprechen ab, auf den Abdruck der schlimmsten Kraftausdrücke und Schimpfwörter zu verzichten, er habe "doch so ein loses Mundwerk". In der Tat wurde der SPIEGEL-Autor Zeuge, wie Schulz diverse bekannte Persönlichkeiten mit nicht zitierfähigen Attributen bedachte. Vor allem aber erlebte er einen Mann, der so leidenschaftlich und impulsiv Politik macht, wie er es nie zuvor gesehen hatte. "Kaum einem in Brüssel ist Europa so ans Herz gewachsen wie ihm", sagt Feldenkirchen. "Aber er leidet auch sehr an seinem Kontinent."

Warum geht so vieles schief in der Welt? Warum lässt sich das Leid nicht effizienter verhindern? Wie konnte es zu Srebrenica kommen, wie zu Ruanda? Wenn einer darauf erhellende Antworten geben kann, dann Kofi Annan. Der ehemalige Uno-Generalsekretär hat ein verblüffend ehrliches Buch geschrieben ("Ein Leben in Krieg und Frieden") über die Komplikationen der Weltpolitik, in deren Mitte er stand. Mein Kollege Klaus Brinkbäumer hat den Weltdiplomaten aus Ghana schon mehrfach getroffen, einmal, 2004, begleitete er ihn auf einer längeren Reise durch Afrika. Brinkbäumer erlebte Annan stets als einen "Meister der sanften Durchsetzungskraft, darin ist er Obama ähnlich". Beim Gespräch in Genf, wo Annan mittlerweile wirkt und lebt, zeigte sich dieser "Botschafter der Erde im Reich der Finsternis", wie ihn Michael Ignatieff nannte, überzeugt, "dass die Geschichte uns freundlich beurteilen wird". Aber er sprach auch Fehler und Schwächen an, seine eigenen und die der Uno. Die braucht eine Reform, findet Kofi Annan, dringend.

In der Firma für strategische Beratung, die die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright, 75, heute in Washington betreibt, empfing sie den SPIEGEL-Autor Romain Leick zu einem Gespräch über ihr jüngstes Buch, eine sehr persönliche Geschichte ihrer Kindheit und des Familienschicksals in der Tschechoslowakei zwischen 1937 und 1948. Wie gewohnt hatte sie eine auffällige Brosche angesteckt, diesmal eine blaue Kornblume - als Chefdiplomatin hatte sie aus den Schmuckstücken ihr Markenzeichen gemacht, die sie manchmal benutzte, um sublime Botschaften auszusenden. Worauf verwies nun diese, als Symbol der deutschen Romantik geltende Blume? Auf die "romantischen" Züge ihrer Politik? Albright bezeichnet sich als "idealistische Realistin", sie neige dazu, sagt sie, "die Rechte der Unschuldigen zu schützen". Oder war es ein Angebot zur Aussöhnung mit der Geschichte? Trotz des Leids, das die Nazis ihrer Heimat Tschechien und ihrer Familie zugefügt hatten, schätzt sie die Zusammenarbeit mit Deutschland und die Anstrengungen, das finsterste Kapitel in der Geschichte wiedergutzumachen. Ihre Mutter Mandula jedoch wollte nach 1945 kein gutes Wort mehr über Deutschland hören. Noch Jahre später, als sich Madeleine in einen amerikanischen Mann namens Joseph Albright verliebte, sagte sie zu ihrer Tochter: "Gott sei Dank ist es Albright, nicht Albrecht."

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Martin Doerry

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