Im neuen SPIEGEL Die neue Schlechtschreibung; Jupp Heynckes im Gespräch; Jagdszenen in Istanbul; afrikanische Billigarbeiter

Doerry
Maurice Weiss/ Ostkreuz

Doerry

Von , stellv. SPIEGEL-Chefredakteur


Liebe Leserin,
lieber Leser,

nur jeder fünfte Neuntklässler verfasst fehlerfreie Texte - welchen Wert hat eigentlich noch die Rechtschreibung in Zeiten von Korrekturprogrammen, eiligen Tweets, LOL, 4U, ;-) und fix getippten Facebook-Kommentaren? Diesmal, stellt sich heraus, ist das Internet ausnahmsweise nicht schuld am allgemeinen Sittenverfall: Viele Kinder lernen bereits in der Grundschule nicht mehr, richtig zu schreiben. Reformpädagogen haben in der Vergangenheit kuriose Methoden des Schriftspracherwerbs eingeführt - meine Kolleginnen Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow aus dem SPIEGEL-Wissenschaftsressort kennen die seltsamen Prinzipien der heutigen Grundschuldidaktik: Ihre Kinder lernen so. Aber um die Sprösslinge von Akademikern, so haben die beiden bei der Recherche erfahren, muss man sich keine Sorgen machen: "Es scheitern vor allem Kinder aus der Unterschicht", sagt Bredow. "Wenn es um die Gymnasialempfehlung geht, werden sie aussortiert - egal wie hoch ihr IQ ist. Nur weil sie die Rechtschreibung nicht beherrschen."

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Heft 25/2013
Warum unsere Kinder nicht mehr richtig schreiben lernen

Ein Mann der Öffentlichkeit ist Fußballtrainer Jupp Heynckes, 68, nie gewesen. Unmittelbar nachdem er mit Bayern München die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League gewonnen hatte, verließ er den Trubel der Großstadt und kehrte auf seinen Bauernhof in einem kleinen Dorf am Niederrhein zurück. Seit Monaten hatte er Interviewwünsche der Medien abgelehnt. Zwei SPIEGEL-Kollegen hat er in der vergangenen Woche empfangen: Redakteur Matthias Geyer und SPIEGEL-Mitarbeiter Kurt Röttgen sprachen mit ihm über eine 50 Jahre währende Fußballkarriere, die nun zu Ende gegangen ist. Das Gespräch musste unerwartet unterbrochen werden, als von der Straße merkwürdige Geräusche zu vernehmen waren. Die Dorfgemeinde hatte mit einem Kran ein Transparent über die Straße gespannt, auf dem sie dem Nachbarn zum Gewinn der drei Titel gratuliert. Heynckes entschuldigte sich und mischte sich unter die Leute. In dieser intimeren Form von Öffentlichkeit, so Heynckes später, fühle er sich zu Hause.

Riskante Recherchen betrieben die SPIEGEL-Redakteure Özlem Gezer in der Türkei und Maximilian Popp in Italien. Für ihre Reportage über die Proteste in Istanbul, der Geburtsstadt ihrer Eltern, hielt sich Gezer auf dem Taksim-Platz auf, als der von Polizeikräften geräumt wurde. Sie geriet zwischen Tränengas, Molotowcocktails und Feuerwerkskörper, und es erwies sich als kluge Entscheidung, dass sie eine Gasmaske dabeihatte. Popp hingegen besuchte in Apulien afrikanische Migranten, die in Hütten aus Abfall leben und für wenig Geld auf den Äckern schuften. Die Landwirte aus der Region versuchten, Gespräche mit ihren Billigarbeitern zu verhindern, ein Bauer mit Geländewagen jagte den SPIEGEL-Mann über die Landstraßen. Popp, im Mietwagen, war schneller.

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Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Martin Doerry



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
hanstatt 17.06.2013
1.
Zitat von sysop 
Zu Neuntklässern kann ich nichts sagen, aber wenn ich mir die Rechtschreibung in verschiedenen Foren im Internet anschaue dann bestätigt sich das Bild dass der Verfall voranschreitet. "ein" und "einen" wird da schon gar nicht mehr unterschieden. Die Schrift wird zur Lautschrift "Ich hab ihn gesagt er brauch ein Schraubenzieher dafür". Das t von braucht hört man kaum, wird also nicht geschrieben. das en am Ende von einen hört man kaum, wird also weggelassen. Ihm und ihn kann man kaum unterscheiden, benutzt man also immer ihn, ist einfacher. Vielleicht ist das ja gar nicht schlecht? So wird die Komplexität der Sprache soweit heruntergekürzt wie es die Verständlichkeit gerade noch erfordert.
ConnieF 17.06.2013
2. Rechtschreibung ...
ist nur ein Aspekt der Katastrophe. Richtig schreiben ist eine Sache. Aber haben Sie auch die Frage gestellt, wie viele Kinder und Jugendliche überhaupt noch in der Lage sind, Gedanken auf's Papier zu bringen? Ich befürchte, die Antwort ist volksvernichtend.
Anvebebi 22.06.2013
3. Die neue Schlechtschreibung
Zitat von sysop 
Danke, danke, danke für diesen Artikel! Alles, was darin geschrieben steht, vertrete ich - Grundschullehrerin, Mutter zweier erwachsener Töchter (sehr gute Rechtschreiberinnen) - seit Jahren. Ich konnte mich in meiner Stufe erfolgreich durchsetzen und verhindern, dass mit Tinto und dem Material von Sommer-Stumpenhorst gearbeitet wird. Auf meine Empfehlung hin haben wir mit einem Fibelwerk des Duden-Verlages gearbeitet und beste Erfolge erzielt (u. a. in den Vera-Vergleichsarbeiten). Andere Klassenstufen unserer Schule, die verstärkt mit Sommer-Stumpenhorst-Material arbeiten, schneiden katastrophal ab. Sehr intelligente Kinder, deren Eltern großen Wert auf Bildung legen, mögen sich vielleicht mit der Reichen-Methode zu guten Rechtschreibern entwickeln können. Das tun sie aber erst recht im "konservativen" Unterricht, der synthetisch-analytisch arbeitet. Meines Erachtens dürfen aber Kinder aus bildungsfernen Schichten oder Kinder mit Migrationshintergrund nicht aus den Augen verloren werden. Für diese stellt die Reichen-/Sommer -Stumpenhorst-Methode eine große Überforderung dar. Interessant wäre es auch gewesen, wenn Sie in Ihrem Artikel die Beziehung der Rechtschreib-Gurus zu den verschiedenen Verlagen beleuchtet hätten. Hier fließt meines Erachtens eine Menge Geld. Nochmals herzlichen Dank!
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