Im neuen SPIEGEL Streit um Enthüller Snowden; Rebellische Mädchen; Neuer Blick auf Joseph Beuys; Sportliche Senioren

Doerry
Maurice Weiss/ Ostkreuz

Doerry

Von , stellv. SPIEGEL-Chefredakteur


Liebe Leserin,
lieber Leser,

US-Präsident Barack Obama war in Tansania unterwegs, als er den SPIEGEL-Titel der vergangenen Woche kommentierte: "Die Vereinigten Staaten werden sich diesen Artikel anschauen und beschließen, wozu sie sich äußern werden." Dieser Artikel - das war unser Bericht darüber, wie umfassend die USA in Deutschland und in anderen Staaten Politik, Wirtschaft und Privatpersonen aushorchen und überwachen. Die Reaktionen waren heftig. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bat die Amerikaner "dringend um Aufklärung". Die russische Tageszeitung "Kommersant" schrieb: "Amerika muss sich für die Enthüllungen Edward Snowdens verantworten. Der SPIEGEL-Artikel hat einen riesigen Skandal entfacht." "Diese Vorgänge sind - sofern sie sich als zutreffend erweisen - keineswegs hinnehmbar", so beschwerte sich der französische Außenminister Laurent Fabius; seine Empörung verlor allerdings an Kraft, als durch die Zeitung "Le Monde" bekanntwurde, dass der französische Geheimdienst ähnliche Programme betreibt wie der amerikanische. Die Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstmannes Edward Snowden, die der SPIEGEL publizierte, haben Entsetzen bei den Abgehörten, eine verschärfte Jagd der USA auf den Enthüller und weltweite diplomatische Verwicklungen ausgelöst. In der neuen SPIEGEL-Ausgabe kommt nun Snowden selbst zu Wort. Wir drucken Auszüge aus seinen Antworten auf einen ausführlichen Katalog von Fragen, die dem SPIEGEL vorliegen - Fragen, die Snowden beantwortet hatte, bevor er sich zu den Veröffentlichungen bekannte. Mittlerweile handelt es sich nach unserer Einschätzung bei den Gesprächsprotokollen des Mannes, der die Weltpolitik zwischen China, Russland, den USA und Südamerika bewegt, um ein Dokument der Zeitgeschichte.

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Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2013
Edward Snowden über die grenzenlose Macht des US-Geheimdienstes NSA

Meine Kollegen Ralf Hoppe und Daniel Steinvorth waren in Kairo, als das Ultimatum gegen Präsident Mohammed Mursi auslief und die Stadt kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen schien. Sie erlebten, wie die angespannte Stimmung plötzlich in Hysterie und Euphorie umschlug: Das Militär erklärte den Sturz des Staatspräsidenten. Die beiden sprachen mit Islamisten, die zornig demonstrierten; sie trafen unter konspirativen Umständen drei der neun jungen Tamarud-Aktivisten, jener Gruppe, die einen der größten Volksaufstände in der arabischen Geschichte in Gang gesetzt hatte. Und sie interviewten Ägypter wie den IT-Experten Mohammed Scharaf, der sich selbst als Mitglied der "Hisb al-Kanaba", der "Couch-Partei", bezeichnet - bisher unpolitische Bürger, ohne deren Hinwendung zur Politik der Aufstand nicht möglich gewesen wäre. Erstaunlich viele Frauen hatten von Anfang an mitdemonstriert. Eine von ihnen ist die junge Ägypterin Nahla Enany, die Belästigungen und Übergriffen trotzte und nun hofft, dass ihr Volk dazugelernt hat "und eine wirklich demokratische Regierung wählt". Sie ist eine von fünf jungen, teilweise sehr jungen kämpferischen Frauen, die ein sechsköpfiges SPIEGEL-Team begleitet hat. In Ägypten, Brasilien, Indien, Kambodscha und Südafrika beobachteten Jens Glüsing, Bartholomäus Grill, Guido Mingels, Friederike Schröter, Sandra Schulz und Barbara Supp eine neue Mädchengeneration, die sich in politische Kämpfe einmischt oder selbst welche entfacht. Sie erlebten Mädchen wie die 14-jährige Bloggerin Isadora in Brasilien, die mit einem Aufschrei über die Bildungsmisere in ihrem Land für Aufsehen gesorgt hat - eine Rebellion, die bei den ganz Jungen beginnt und schon das Leben der ganz Jungen verändern will.

Im Mai berichtete meine Kollegin Ulrike Knöfelvorab über eine Biografie, die das Leben des berühmten Künstlers Joseph Beuys kritischer nachzeichnet als viele frühere Publikationen. Dieses Buch von Hans Peter Riegel, das den Nachkriegsavantgardisten Beuys gar als Ewiggestrigen beschreibt, sorgte für heftige Debatten. Ebenfalls zur Sprache kommt darin Beuys' Vergangenheit bei der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, natürlich auch sein schon legendärer Absturz in einem Stuka auf der Krim. Beuys, der Funker, überlebte damals, der Pilot Hans Laurinck nicht. Einige Tage nach Erscheinen des SPIEGEL-Berichts meldete sich ein Mitglied der Familie Laurinck in unserem Kulturressort. Man sei im Besitz alter Fotos und Dokumente, darunter befinde sich ein Kondolenzbrief von Beuys aus dem Jahr 1944, der eben auch den Unfall auf der Krim schildert, außerdem das Flugbuch des Piloten Laurinck. Nur wenige Leute wüssten überhaupt von der Existenz des Beuys-Briefs. Ulrike Knöfel sichtete das gesamte Material, befragte das Mitglied der Familie Laurinck, aber auch Beuys-Kenner. Die einhellige Meinung war: Die Forschung wird wertvolle neue Erkenntnisse erhalten.

Im Sportstudium probierte mein Kollege Lukas Eberle einen Salto aus dem Handstand vom Dreimeterbrett. Es war keine schöne Erfahrung. Er schlug hart mit dem Gesicht auf dem Wasser auf und verletzte sich an der Netzhaut. Jetzt besuchte er in Köln Heinz Weisbarth, amtierender Senioren-Weltmeister im Wasserspringen, und sah verblüfft beim Training zu: Der 78-Jährige vollführte vom Sprungturm Salti, Schrauben und Kopfsprünge, rückwärts gehechtet. Als Eberle von seinem missglückten Sprung erzählte, lachte Weisbarth nur: "Sie brauchen absolute Körperspannung und viel Mut." Noch nie waren die Alten so fit wie heute. Nicht wenige nutzen den Ruhestand, um eine Karriere als Sportler zu beginnen. Sie trainieren fast wie Leistungssportler und reisen zu Wettkämpfen um die Welt. Eberle traf auf Männer und Frauen im Rentenalter, die Triathlon treiben, Rudern, Leichtathletik, Karate. Ihren Ehrgeiz erklärt sich Eberle so: "Mit ihrem Sport wollen sie zeigen, dass ihr Leben noch nicht vorbei ist."

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Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Ihr

Martin Doerry



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