AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet Es war einmal ein amerikanischer Traum

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet. Der schwarze Bürgerrechtler hat die USA verändert wie nur wenige vor ihm - doch was ist von ihm geblieben?

Bürgerrechtler King beim Marsch auf Washington 1963: "Erzähl ihnen von dem Traum!"
Rowland Scherman / Alamy / Mauritius Images

Bürgerrechtler King beim Marsch auf Washington 1963: "Erzähl ihnen von dem Traum!"

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Martin konnte sehr verspielt sein", sagt Andrew Young, 85, "aber so albern wie an jenem Abend habe ich ihn sonst nie erlebt." Ein Lächeln huscht über sein freundlich zerfurchtes Gesicht. "Er hat sich aufgeführt wie ein Zehnjähriger!"

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Es war der 4. April 1968, und sie waren im Lorraine Motel in Memphis abgestiegen: Dr. Martin Luther King Jr., sein Mitstreiter Young und weitere Bürgerrechtler; sie wollten einen Protestmarsch von Müllmännern unterstützen.

Der letzte Tag in Kings Leben.

Wenn er an einem Ort erschien, erregte er Aufmerksamkeit. Er hatte in den Jahren zuvor den friedlichen Widerstand der Schwarzen organisiert: gegen die Diskriminierung in Bussen, Restaurants, Wahllokalen. Immer wieder war er verhaftet, geschlagen, bedroht worden. Doch am Ende hatte er die USA verändert wie kein Schwarzer und wenige Weiße vor ihm. Nun hatte er ein neues, noch größeres Ziel: einen gewaltfreien Aufstand der Armen, schwarz und weiß, gegen ihre Ausbeutung.

Andrew Young hatte den Tag am Gericht verbracht, er kämpfte gegen ein Verbot des Marsches. Als er ins Motel kam, saß King mit Freunden im Zimmer, scheinbar beleidigt: Wo warst du? Warum hast du nicht angerufen? Young wollte antworten, da traf ihn etwas Weiches.

"Martin begann einfach, mich mit Kissen zu vermöbeln", erzählt er. "Ich wehrte mich, aber dann stürzten sich die anderen auf mich, sie drückten mich zu Boden und stapelten alle Kissen auf mich. Und Martin war ..." Er stockt. "Martin war so glücklich, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte."

Warum? Der alte Mann, fein gekleidet mit Sakko und blau-gelber Fliege, hebt die Schultern, als wären sie aus Blei. Wieder und wieder hat er diese Szene durchlitten, die unbeschwerten letzten Minuten vor einer Tragödie, die den Rest seines Lebens geprägt hat - und die Geschichte der USA.

"Martin wusste, dass wir vor Gericht gesiegt hatten", sagt er. "Er war froh und entspannt." Es war fast 18 Uhr, sie waren zum Dinner eingeladen. Aber King hatte es nicht eilig. Er trat auf den Balkon hinaus, eine Zigarette in der Hand. Young sagt: "Dann hörten wir einen Schuss."

Dieser Teil der Geschichte ist Schulstoff: Martin Luther King, der so fulminant davon erzählen konnte, wie es ist, als Schwarzer in einem rassistischen Land zu leben, dieser Prediger einer Nation, der Menschen inspirierte wie Gandhi oder Mandela, ging zu Boden, tödlich getroffen durch die Kugel eines Weißen, der Schwarze hasste. So banal, so niederträchtig.

Ex-Politiker Young: "Martin war so glücklich"
Brooks Kraft

Ex-Politiker Young: "Martin war so glücklich"

Andrew Young sitzt in seinem Büro im dritten Stock des Georgia Public Broadcasting Building in Atlanta und lässt sich noch ein Ginger Ale bringen. Sein Leben ging weiter: Er war Kongressabgeordneter, Botschafter bei der Uno, Bürgermeister von Atlanta. Heute steht er einer Stiftung vor, die seinen Namen trägt. Fotos zeigen ihn mit Muhammad Ali, Jimmy Carter, Barack und Michelle Obama und immer wieder: der junge Young mit seinem Freund, der nur 39 Jahre alt wurde.

Bis heute glauben manche, dass der Mörder, James Earl Ray, nicht allein gehandelt habe - dass das FBI oder andere Mächtige ihm die Hand geführt hätten. King, als 35-Jähriger mit dem Friedensnobelpreis geehrt, war eine Gefahr für die herrschende Ordnung. Seine Gegner in Washington reizte es bis aufs Blut, dass er sich durch Gewalt nicht provozieren ließ, einfach nur unbeirrt seine Wahrheit aussprach: Die staatliche Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe sei durch nichts zu rechtfertigen.

"Ich habe eine Meinung zu alldem", sagt Young, "aber letztlich macht es keinen Unterschied. Es geht nicht darum, wer Martin getötet hat, sondern darum, was ihn getötet hat." Müde klingt er nun, traurig: "Donald Trump war noch nicht auf der Bildfläche erschienen, aber die gleiche Krankheit, an der heute der Präsident leidet, die gleichen Ängste und Unsicherheiten haben damals zu Martins Tod geführt."

Young hat sein Leben lang versucht, den Weißen ihre Angst zu nehmen. Doch der Rassismus, so glaubt er heute, wurzelt tief im Erbgut des Landes wie ein defektes Gen. "Amerika gründet auf der Annahme, dass Weiß besser sei als Schwarz. Dass Schwarze versklavt wurden, weil sie Weißen intellektuell und moralisch unterlegen seien." Leise, bitter fügt er hinzu: "Das ist nur einfach nicht wahr. Es war nie wahr."

Seit Monaten bereiten sich die USA auf den 4. April 2018 vor, in vielen Städten sind Gedenkfeiern geplant. Hunderte Straßen, Schulen und Kirchen sind nach King benannt, es gibt einen Feiertag zu seinen Ehren, ein gigantisches Monument in der Hauptstadt, und nun, im 50. Jahr nach seiner Ermordung, wird er bei jeder Gelegenheit gepriesen - sogar von Trump.

Es ist, als brauchten die Amerikaner einen schwarzen Nationalheiligen, um sich selbst zu beruhigen. Zerrissen und wund ist das Land, es ringt um seine Seele, vielleicht auch um seinen Verstand. Schwarze Kinder werden in Amerika von Polizisten erschossen, und wer dagegen protestiert, wie mehrheitlich schwarze Footballspieler, besudele die Ehre des Landes; so sieht es der weiße Nationalist im Weißen Haus. Als vergangenes Jahr Neonazis durch eine Stadt marschierten, sagte Trump, einige von ihnen seien "sehr feine Leute".

Ja, Amerika braucht die Erinnerung an Martin Luther King. Aber wer war er wirklich? Und was würde er sagen, wenn er sein Land heute sähe?

Die Suche nach Antworten führt zu Weggefährten wie Andrew Young und Clarence B. Jones, der einst Reden für King schrieb. Sie führt zu Kings Kindern, die in Atlanta sein Vermächtnis hüten. Und zu einer jungen Frau, die heute dämonisiert wird wie einst King: Patrisse Khan-Cullors, eine der Gründerinnen der "Black Lives Matter"-Bewegung.

Die Auburn Avenue in Atlanta ist der Ort, an dem alles begann. Hier kam am 15. Januar 1929 Michael King Jr. zur Welt. Das zweite von drei Kindern von Alberta Williams King, einer Lehrerin, und Michael King, einem Baptistenprediger, der den Reformator Martin Luther verehrte. 1934 reiste Vater King zum Weltkongress der Baptisten nach Berlin, und als er zurückkam, inspiriert, änderte er seinen Vornamen - und auch den des Sohnes.

Witwe Scott King (l.) bei der Trauerfeier für den ermordeten King in Atlanta am 9. April 1968: Die Welt zu verbessern war Männersache
Bob Fitch Photography Archive

Witwe Scott King (l.) bei der Trauerfeier für den ermordeten King in Atlanta am 9. April 1968: Die Welt zu verbessern war Männersache

Ein Spaziergang durch die Auburn Avenue ist eine Zeitreise ins Jahr 1968; Coretta Scott King, die Witwe, sorgte damals dafür, dass die Straße ein Freilichtmuseum wurde. Im selben Jahr noch gründete sie hier das King Center: ein roter Backsteinbau, Museum und Ort für Veranstaltungen. Daneben die Grabstätte des Ehepaars King, aus Marmor und von Wasser umspült.

Nur ein paar Schritte entfernt steht das Haus, in dem Martin Luther King aufwuchs: zwei Stockwerke, hell gestrichenes Holz mit braunen Fensterläden, eine Veranda; die Familie litt keine Not. Vater King predigte in der Ebenezer Baptist Church, und von 1960 bis zum 4. April 1968 teilte er sich diesen Posten mit seinem Sohn.

Auch die Kirche sieht fast aus wie damals, mit zwei roten Türmchen. Eine Treppe führt in den Kirchenraum, ein paar Touristen sind da, die King hören wollen. Seine Stimme füllt den Raum, sie kommt vom Band, warm und unverwechselbar. Er maß nur 1,70 Meter und war keine herausragende Schönheit - aber wie Musik klang es, wenn er redete, der schärfste Satz wie Poesie. "Wenn wir Frieden auf Erden wollen", sagt die Stimme, "dürfen sich unsere Loyalitäten nicht beschränken auf unsere Rasse, unseren Stamm, unsere Klasse und unsere Nation; das bedeutet, dass wir eine globale Perspektive entwickeln müssen."

Es ist, als ob King auf Trumps "America First" antwortete. Man wünscht sich, er könnte das wirklich: die Gegenwart kommentieren. Doch diese Aufgabe fällt nun Bernice King zu, seiner Tochter.

Sie wird gerade geschminkt, in einer Garderobe im Keller des Georgia Public Broadcasting Building. Gleich wird King, 54, in einer Fernsehshow auftreten. Es wird, wie üblich, um ihren Vater gehen. Andrew Young ist aus seinem Büro im selben Gebäude heruntergefahren, um sie zu begrüßen; er kennt sie seit ihrer Geburt. Sie sitzt in der Maske wie eine Königin, umschwirrt von Visagisten, Fernsehleuten und Assistentinnen, und der alte Mann wartet auf seinem Elektrogefährt, etwas verloren.

Schließlich erhebt sie sich doch und gibt Onkel Andy, wie sie ihn nennt, ein Küsschen. Ihr Gesicht lässt die Züge ihres Vaters erahnen, das Haar ist hinten streng geflochten, oben lockig aufgetürmt. Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug, Lackpumps und Perlenschmuck. "Als sie klein war, habe ich sie immer durchs Haus gescheucht", sagt Onkel Andy und strahlt in die Runde. "Richtig", sagt sie und ringt sich ein Lächeln ab.

Es muss schwer sein, Bernice King zu sein. Sie war fünf Jahre alt, als ihr Vater ermordet wurde. Allgegenwärtig ist sein Bild und doch verschwommen. Wenn er von seinen Reisen nach Hause kam, daran erinnert sie sich, spielten sie das Kuss-Spiel: Jeder in der Familie hatte eine feste Kuss-Stelle auf seinem Gesicht, und der Reihe nach rief er sie auf, um die Küsse einzusammeln: Coretta, die Gattin, küsste ihn auf den Mund, die Erstgeborene, Yolanda, genannt Yoki, daneben, die Söhne Dexter und Martin Luther III. küssten auf die Wangen, und ihr, Bernice, gehörte die Stirn.

Noch etwas: Der Vater, wie er am Esstisch sitzt und Frühlingszwiebeln kaut, als wären es Selleriestangen. "Viel mehr Erinnerungen", sagt sie, "habe ich nicht."

So entrückt wirkt die Ikone King, dass man fast vergisst: Auch er war ja, zunächst einmal, ein Mensch, ein Ehemann und Vater. Und als solcher - der wohl größte Widerspruch im Leben dieses Freiheitskämpfers - ein absoluter Patriarch: Coretta hatte Musik studiert, sie träumte von einer Karriere als Sängerin und war, wie er, politisch engagiert. Aber nach seinem Verständnis gehörte die Frau ins Haus. Er bestand darauf, Coretta fügte sich: Die Welt zu verbessern war Männersache. Und während King daran arbeitete, ließ er sich gern von Damen bewundern. Das FBI nutzte diese Schwäche, um ihn als Ehebrecher bloßzustellen. Ein göttlich-reiner Held wurde er erst, als er tot war.

Im Schatten dieser Lichtgestalt wuchsen seine Kinder auf. Nur Martin Luther III. hat selbst eine Familie gegründet, mit 50 wurde er Vater einer Tochter. Yolanda starb mit 51 wohl an einer Herzschwäche, Dexter heiratete mit 52, Bernice ist ledig. Nach dem Tod ihrer Mutter 2006 verhedderten sie sich in juristischen Querelen: Mal stritten Bernice und Martin Luther III. mit Dexter um Fotos, mal zogen die Brüder gegen Bernice vor Gericht, weil sie die Nobelpreismedaille und eine Bibel verhökern wollten. Sie sagt: "Trotz unserer Differenzen lieben wir uns sehr."

Bernice King hat ihr Leben dem Vermächtnis ihres Vaters gewidmet. Sie wählte denselben Beruf wie er, Predigerin, seit 2012 führt sie das King Center. Sie spricht nun offiziell in seinem Namen, und sie findet klare, kluge Worte: "Er wollte eine Revolution unserer Werte", sagt sie, "dass Menschlichkeit und Moral wichtiger werden als Profit und militärische Macht. Aber wir sind so weit in die umgekehrte Richtung gegangen, dass etwas Extremes kommen musste, um uns wachzurütteln."

Dieses Extreme, sagt sie, sei Trump: "Alles, was problematisch ist in unserem Land, hat er berührt wie einen Nerv. Hätte er das nicht getan, könnten wir uns vorgaukeln, dass wir in Frieden und Gerechtigkeit leben. Aber das wäre gefährlich. Trump hat uns gezeigt, wie viel Arbeit uns bevorsteht. Wir müssen anpacken, was mein Vater das dreifache Übel nannte: Rassismus, Armut und Militarismus."

Zu eindimensional sei das Bild, das die Welt sich heute von ihrem Vater mache, sagt sie. Er war ja zunächst vor allem ein Pastor, der den Armen helfen wollte. Aber einer mit revolutionären Ideen: "Der Kapitalismus hat sich überlebt", schrieb er 1952 an seine damalige Freundin Coretta und weiter: "Ich würde gewiss den Tag begrüßen, an dem die Verstaatlichung der Industrie beginnt. Lass uns weiter hoffen, arbeiten und beten, dass wir eine Welt ohne Krieg erleben werden, eine bessere Verteilung des Wohlstands und eine Brüderlichkeit, die Rasse oder Farbe überwindet."

Rassismus ist, aus Martin Luther Kings Sicht, ein Übel, das von Armut und Krieg nicht zu trennen ist: Arme Weiße werden gegen arme Schwarze aufgehetzt und ganze Völker gegeneinander, um ein krankes System aufrechtzuerhalten, in dem wenige sich auf Kosten aller anderen bereichern.

Amerika gründet auf diesem System, es ermöglichte die Sklaverei: "Die große Trennung in der Gesellschaft verläuft nicht zwischen Reichen und Armen, sondern zwischen Weißen und Schwarzen", so formulierte es 1848 der Gesandte South Carolinas im Senat, "und Erstere, Arme wie Reiche, gehören zur oberen Klasse und werden respektiert und gleich behandelt."

Als die Sklaverei nach 250 Jahren endlich abgeschafft wurde, wäre das Land daran fast zerbrochen. Das System aber überlebte, es brachte Rassentrennung und Lynchmobs hervor; so sah es King.

Kein Wunder, dass dieser Teil seiner Ideologie heute, bei aller Heldenverehrung, selten erwähnt wird. Oder gar in Verbindung gebracht wird mit diesen Tatsachen: dass Afroamerikaner zwar nur 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, schwarze Männer aber 41 Prozent aller Gefängnisinsassen und 22 Prozent der Menschen, die von Polizisten erschossen werden.

Oder auch: dass schwarze Familien im Schnitt fast 40 Prozent weniger Einkommen haben als weiße. Und dass es, mehr noch als vor 50 Jahren, vor allem eine Frage der Hautfarbe ist, wo Familien Wohnungen finden, welche Schulen die Kinder besuchen, welche Chancen sie haben.

An einem frostigen Montag im Januar, der Kings 89. Geburtstag gewesen wäre, beschließt auch Donald Trump, über ihn zu sprechen: "Dr. Kings Traum ist unser Traum, es ist der amerikanische Traum", sagt er, "es ist der Traum von einer Welt, in der Menschen danach beurteilt werden, wer sie sind, und nicht danach, wie sie aussehen oder woher sie kommen."

Falls Trump sich der Ironie seines Auftritts bewusst ist, überspielt er das recht gut: Gerade mal vier Tage ist es her, dass er afrikanische Länder, Haiti und El Salvador als "shithole countries", Scheißloch-Länder, bezeichnet hat, deren Bürger den USA fernbleiben sollten. Norwegische Einwanderer, sagte er, seien willkommen.

Den Kulturkampf, der die USA spaltet, kann man so sehen wie Clayborne Carson: "Unter Weißen gibt es eine tief verwurzelte Angst vor Vergeltung", sagt der Direktor des Martin Luther King, Jr. Research and Education Institute in Stanford. Diese Angst werde umso größer, je bunter Amerika werde - und längst gefährde sie die Demokratie.

"Solange weiße Leute davon ausgehen konnten, dass andere weiße Leute das Schicksal des Landes bestimmten, waren sie eher bereit, Veränderungen zu akzeptieren", sagt Carson. Deshalb habe die Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern erfolgreich sein können. Und deshalb habe das weiße Amerika ausgerechnet nach Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidenten, einen weißen Nationalisten ins Weiße Haus gewählt, der verspricht, das Land "wieder großartig" zu machen.

Das National Civil Rights Museum befindet sich an der Mulberry Street in Downtown Memphis, nicht weit vom Ufer des Mississippi. Ein Schild ragt hoch über die Straße: "Lorraine" steht verschnörkelt auf gelbem Hintergrund, darunter "Motel", rote Großbuchstaben in weißen Kreisen. Zwei weiße Oldtimer parken vor dem lang gezogenen Flachbau, der hellbraun ist, mit mintgrünen Türen. Vor Zimmer 306, im oberen Stock, hängt am Geländer des Balkons ein weißer Kranz.

Hier also ist es passiert.

Zimmer 306 sieht angeblich noch genauso aus wie an jenem Abend: zwei Betten, das eine ungemacht. Auf einem Hocker steht benutztes Geschirr; die Inhaberin des Motels, Loree Bailey, hatte Essen zubereitet. Auch ihr Leben endete an jenem Abend, leiser und weniger beachtet: Als sie den Schuss hörte, erlitt sie einen Schlaganfall, fünf Tage später war sie tot. Ihr Mann führte das Motel einige Jahre weiter, Zimmer 306 aber fasste er nicht an.

Eine Erkenntnis, während man durch das Museum geht: Es war, wie so manches im Leben, Zufall, dass King zum Anführer der Bürgerrechtsbewegung wurde; gewollt hatte er das nicht. Aber er hatte Mut, als der Zufall ihn auswählte.

1954 ging er, damals 25, nach Montgomery, Alabama, denn dort wurde ein Pastor gesucht, und kein anderer wollte den Job. Auch in Alabama wurden Schwarze gelyncht. Schulen, Geschäfte, Restaurants und sogar Parkbänke waren vor allem Weißen vorbehalten. In den Bussen saßen Weiße vorn, "Negroes" hinten, in der Mitte durften Schwarze sitzen, mussten aber aufstehen, wenn Weiße es verlangten.

Doch dann, am 1. Dezember 1955, stand Rosa Parks nicht auf und wurde verhaftet. So begann der Busboykott von Montgomery, und der neue Pastor wurde überredet, die Führung zu übernehmen. Er predigte gewaltfreien Widerstand gegen die Brutalität der Weißen; es war ein Schlüssel seines Erfolgs.

Von da an ging es weiter, aber leichter wurde es nie: Zwei Jahre vor Kings Tod hatten nur 32 Prozent der Amerikaner eine positive Meinung von ihm. Das FBI bespitzelte ihn, 30-mal wurde er verhaftet.

Redenschreiber Jones "Die Mächtigen geben nichts preis"
Winni Wintermeyer / DER SPIEGEL

Redenschreiber Jones "Die Mächtigen geben nichts preis"

"I have a dream", diese vier Wörter stehen draußen auf einer Tafel, sie sind das Erste, was den meisten Menschen zu King einfällt. Der Mann, der ihm 1963 half, die berühmte Rede vorzubereiten, sitzt in seinem Apartment im kalifornischen Palo Alto und trinkt Kaffee. In seinen Notizen allerdings, das ist Clarence B. Jones wichtig, habe nichts von einem Traum gestanden. Nur die ersten Absätze habe Dr. King fast unverändert übernommen. Der Rest: Improvisation. "Erzähl ihnen von dem Traum, Martin!", rief Mahalia Jackson, die Gospelsängerin, und King legte seine Blätter weg und ließ die Worte fliegen.

Was man heute von King lernen könne, sagt Jones, sei dies: "Die Mächtigen geben nichts preis, wenn nichts verlangt wird. Das haben sie nie, das werden sie nie tun."

Jones, 87, beugt sich vor: "Du kannst Transparente herumtragen, wie du willst", sagt er, "du kannst klicken und twittern und liken, wie du willst, aber wenn du dein Wahlrecht nicht nutzt, wirst du keinen verdammten Wandel bewirken." Auch er, der einstige Redenschreiber, hat ein Gespür für den Rhythmus von Sprache, er redet sich warm: "Ich habe junge Leute gesehen, die vor dem Trump Tower in New York demonstrierten, und als Journalisten ihnen ein Mikrofon unter die Nase hielten und fragten, ob sie Clinton gewählt hätten, sagten sie: Ich. Habe. Nicht. Gewählt."

Er könnte sich jetzt noch ein wenig aufregen über diese Jugend, doch stattdessen stimmt er ein Loblied an: auf die "Black Lives Matter"-Bewegung. Sie führe den Kampf der Bürgerrechtler fort - und sei dabei so verblüffend anders. "Es ist ein viel breiteres Bündnis, als wir es je hatten", sagt Jones. "Und seine Führung ist unserer bislang überlegen." Ausgerechnet diesen Satz sagt er ganz nüchtern.

Aktivistin Khan-Cullors: "Zu wütend, um einfach stillzusitzen"

Aktivistin Khan-Cullors: "Zu wütend, um einfach stillzusitzen"

Man könne gar nicht überschätzen, so Jones, "dass es junge, schwarze Frauen waren, die Black Lives Matter gegründet haben. LGBT - Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender -, die gemeinsam mit heterosexuellen Männern und Frauen eine Koalition bilden. Das gab es noch nie." Die Aktivisten von heute hätten etwas begriffen, was den Alphamännern seiner Generation nicht klar gewesen sei: dass eine Bewegung stärker werde, wenn sie unterschiedlichen Gruppen Raum gebe.

Patrisse Khan-Cullors, 33, lächelt fein, als sie das hört, denn meist klingt es ja anders, wenn ältere Herren über die Bewegung sprechen, die sie 2013 mit zwei anderen Frauen gründete. Donald Trump etwa bezeichnete sie im Wahlkampf als "Bedrohung", sein Parteifreund Mick Huckabee sagte, King wäre "entsetzt" über sie gewesen. Im Oktober wurde bekannt, dass das FBI sie als Terroristen betrachtet, es schuf eigens eine Kategorie: "schwarze Identitäts-Extremisten".

Khan-Cullors, lange Zöpfchen, lockere, schwarze Kleidung, nackte Füße, sitzt auf dem Boden in einem kleinen, karg eingerichteten Raum in der USC Roski School of Art and Design in Los Angeles, wo sie Kunst studiert, und beginnt zu erzählen. Wenn man Amerika durch ihre Augen betrachtet, muss man sich fragen, ob dieses Land, das Martin Luther King auf einen Sockel stellt, eigentlich irgendetwas gelernt hat aus seiner Geschichte.

Für Khan-Cullors war ihre Heimat von Anfang an ein feindseliger Ort. Sie wuchs in einem Wohnblock in Van Nuys auf, einem Getto am Rande von Los Angeles, wo schon Elfjährige die Polizei fürchten mussten. Die Polizisten drückten Kinder, die draußen spielten, an die Wand, oder sie verschleppten sie auf die Wache; einen Grund brauchten sie nicht. Sie habe ihre Kindheit damit verbracht zuzusehen, wie ihre Brüder verhaftet worden seien, sagt Khan-Cullors, von Bewaffneten, die auf sie losgegangen seien "wie eine Armee".

Vier Geschwister waren sie, und meistens auf sich gestellt. Der Vater arbeitete in einer Autofabrik am Fließband, bis sie geschlossen wurde; danach fand er keine feste Arbeit mehr. Er war mal da, mal nicht, und als Patrisse sechs war, zog er aus. Erst mit zwölf erfuhr sie, dass er zwar der Vater ihrer Geschwister, aber nicht ihrer war. Ihre Mutter hatte meist zwei oder drei Jobs, und wenn sie nachts nach Hause kam, war sie am Ende ihrer Kraft. Trotzdem hatten sie oft nicht genug zu essen.

Es waren die Achtzigerjahre, und die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen war fast dreimal so hoch wie unter Weißen. In Van Nuys gab es keine Perspektive, keine Hoffnung, nur alltägliche Demütigungen. Einen Kilometer entfernt glitzerte eine andere Welt: Sherman Oaks, ein reiches Viertel mit Einfamilienhäusern, Gärten und Swimmingpools. Dort wohnten Weiße.

Als Patrisse 16 war, musste sie von zu Hause ausziehen - weil es ihrer Mutter Angst machte, dass sie ein Mädchen liebte. Noch mehr Stigma. Irgendwann beschloss sie, sich zu wehren: "Ich bin zu wütend, um einfach stillzusitzen", sagt sie, "ich habe zu viel Würde." Sie hat ein Buch über ihr Leben veröffentlicht, das nachfühlbar macht, warum sie 2013 diesen Hashtag erschuf: Schwarze Leben zählen.

Der Auslöser war eine Nachricht: Der Mann, der 2012 in Florida den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, wurde freigesprochen. "Hört auf zu sagen, dass es uns nicht überrascht", schrieb eine Freundin, Alicia Garza, auf Facebook, "mich überrascht immer noch, wie wenig schwarze Leben zählen." Patrisse antwortete: #BlackLivesMatter.

Der Hashtag ging um die Welt, und eine dritte Aktivistin, Opal Tometi, half ihnen, eine Website und Präsenz in den sozialen Medien aufzubauen. Dann wurde in Ferguson, Missouri, der nächste schwarze Teenager erschossen, Michael Brown, und die drei Frauen nahmen Kontakt mit Aktivisten vor Ort auf und organisierten eine Demonstration. So entstand die neue Bürgerrechtsbewegung, die heute weltweit gegen Polizeigewalt protestiert - und Aktivisten, schwarze Frauen vor allem, ermutigt, für politische Ämter zu kandidieren.

Wie seinerzeit King werden auch Khan-Cullors und ihre Mitstreiterinnen von mächtigen Institutionen verteufelt. "Uns zu unterstellen, dass wir Gewalt provozierten, ist Propaganda", sagt sie. "Wir sind eine Bewegung, die zu Gewaltlosigkeit aufruft - dazu, dass Schwarze nicht mehr einfach getötet werden."

Sie ist sich sicher, dass Martin Luther King sie unterstützt hätte, wenn er noch lebte: "Natürlich", sagt sie, da ist wieder dieses feine Lächeln, "und bestimmt würde er heute auch über patriarchalische Strukturen und Sexismus sprechen und sein eigenes Verhalten ändern. Er war schließlich ein kluger, aufmerksamer Mann."

Im Video: Tod in Memphis

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