AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Aktion Eigenlob Wie der EU-Spitzenbeamte Martin Selmayr seinen Wikipedia-Eintrag aufhübschte

Über den neuen Generalsekretär der EU-Kommission ist bei Wikipedia viel Gutes zu lesen. Kein Wunder.

EU-Beamter Selmayr: Bizarrer Vorgang
Thierry Monasse / Polaris / Laif

EU-Beamter Selmayr: Bizarrer Vorgang

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Am Freitag zwischen Weihnachten und Neujahr setzt sich Martin Selmayr spätnachts an seinen Computer und beginnt, sein Leben umzuschreiben. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens, als sich der EU-Beamte an die Arbeit macht. Er hat einen Wikipedia-Eintrag aufgerufen, den Eintrag über sich selbst. In den folgenden knapp zwei Stunden und bei einer weiteren kurzen Sitzung am Nachmittag dieses 29. Dezember wird aus der dürren Notiz der Lebenslauf eines Mannes, der Europa gleich mehrfach in vitalen Fragen beigestanden hat. Der Verbleib der Griechen im Euro, die Flüchtlingskrise, die Brexit-Verhandlungen. Wer liest, was Selmayr über Selmayr schreibt, den beschleicht das Gefühl, die EU würde ohne das Wirken dieses hochmögenden Beamten vielleicht gar nicht mehr existieren.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Die Absicht hinter dem Aufhübschen des Eintrags ist eindeutig: Es soll bloß niemand auf die Idee kommen, Selmayr, 47, sei für höchste Posten in der EU nicht geeignet. Wenige Wochen später ist er genau da angekommen, vorerst jedenfalls. Anfang März ist der deutsche Jurist auf Wunsch von Kommissionschef Jean-Claude Juncker zum Generalsekretär der Behörde aufgestiegen und damit zum Chef von etwa 32000 Mitarbeitern.

Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Einzelheiten über die dubiosen Umstände der Berufung ans Licht kommen, unter anderem der bizarre Vorgang, dass Selmayr binnen wenigen Minuten gleich zweimal befördert werden musste, um ihn auf die gewünschte Position zu hieven.

Zuletzt verurteilten Politiker aller Parteien am Montag die Blitzkarriere im Europaparlament. Nun nimmt sich der Haushaltskontrollausschuss der Sache an. Der Schaden für Europa ist beträchtlich: Einmal mehr bedient die EU das Vorurteil einer abgehobenen Beamtenkaste, die nur das eigene Fortkommen im Blick hat, eine Steilvorlage für Europagegner.

Das liegt auch daran, dass Selmayr die perfekte Besetzung für die Rolle des Bösewichts ist: Der Mann hat sich durch seine hemdsärmelige Art als Junckers Kabinettschef mehr Feinde gemacht als der finstere Stabschef in der US-Serie "House of Cards" (Spiegel 52/2016). Selbst Minister und gestandene EU-Kommissare sind nicht davor sicher, von Selmayr heruntergeputzt zu werden.

Fast scheint es, als wollte Selmayr durch seine nächtliche Wikipedia-Aktion der Kritik an seiner Berufung die Spitze nehmen. Anders als die überrumpelten EU-Kommissare, die Selmayrs Aufstieg am 21. Februar durchwinkten, war er selbst, so bestätigt die Kommission auf Anfrage, schon Ende des Jahres im Bilde, was Juncker mit ihm vorhatte.

Ein bisschen Verwaltungserfahrung kann an der Behördenspitze nicht schaden, und so machte Selmayr bei Wikipedia aus dem EU-"Mitarbeiter" um 2.21 Uhr den "Beamten" und aus dem "Stabs-" den "Kabinettschef". Das inhaltlich korrekte Schärfen ist wichtig, denn die Kritik entzündet sich auch an der Frage, ob Selmayr für seine neue Position die erforderliche Qualifikation mitbringt.

Seine Bedeutung versuchte Selmayr in seiner nächtlichen Sitzung ins rechte Licht zu rücken, zwischen 2.24 und 2.31 Uhr ergänzte er die Einträge zu seinem beruflichen Wirken. "Als engster Berater des Kommissionspräsidenten wirkte er" - so Selmayr über Selmayr - "2015 an den Verhandlungen über das dritte Griechenland-Paket mit, das ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro verhinderte." Bescheidenheit, wusste man ja schon, ist seine Sache nicht.

Natürlich ist Selmayr nicht der Einzige, der seine Wikipedia-Biografie bearbeitet, um sich in ein gefälligeres Licht zu rücken. Man kann ihm auch zugutehalten, dass er dies unter eigenem Namen und mit seiner Arbeits-E-Mail-Adresse tat. Bei Wikipedia kann jeder mitmachen, der sich registriert. Die Artikel entstehen im Austausch der Nutzer. "Freunde und Verwandte", so lässt Selmayr ausrichten, hätten ihn auf "faktisch falsche Angaben" in seinem Eintrag hingewiesen, diese habe er "berichtigt".

Doch Selmayr betrieb seine Selbstbeweihräucherung offenbar in einem Ausmaß, dass es zum Einspruch jener ehrenamtlichen Wikipedianer kam, die neue Einträge gegenlesen. So müssen die Nutzer nun auf die Information verzichten, Selmayr sei, so Selmayr, "an den Verhandlungen zwischen der EU und der Schweiz über die weiteren Rahmenbedingungen ihrer komplexen Beziehung" beteiligt gewesen.

Viel Aufmerksamkeit widmete Selmayr zwischen 2.32 und 3.45 Uhr dem Abschnitt Familie und Ausbildung. Nun erfahren Wikipedia-Nutzer, dass Selmayrs Opa Josef nicht nur General der Wehrmacht war, worüber vor allem die britische Presse immer wieder berichtet hatte, sondern später auch Chef des Militärischen Abschirmdienstes in der Bundesrepublik. Die ebenfalls eingepflegte Information, dass Großvater Nummer zwei "die Bundeswehr in der Bundesrepublik prägte", entfiel nach Einspruch anderer Nutzer.

Die Kritik an der Nähe zur deutschen Politik, die in diesen Tagen vor allem aus Frankreich kommt, schien Selmayr ebenfalls kontern zu wollen. So korrigierte er Medienberichte (auch des Spiegel), wonach er Mitglied der CDU sei. Er stehe der Partei bloß "nahe". In der Vergangenheit hatte Selmayr den Beleg eines engen Drahts in das Berliner Kanzleramt wie einen Orden getragen.



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