AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2017

150 Jahre "Das Kapital" Karl Marx hatte recht

150 Jahre nach dem Erscheinen des "Kapitals" erklärt der Publizist Mathias Greffrath, warum sich die Marx-Lektüre lohnt - selbst wenn es heute die Rechten sind, die den Aufstand proben.

Marx-Skulptur in Berlin
Christian Thiel

Marx-Skulptur in Berlin

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Zur Person
  • Hermann Bredehorst/DER SPIEGEL
    Mathias Greffrath, 71, schrieb über Montaigne, Sozialphilosophie und die Geschichte der Aufklärung. Von 1991 bis 1994 war er Chefredakteur der Berliner "Wochenpost". Anlässlich des 150. Geburtstags des "Kapitals" von Karl Marx ist gerade ein von ihm herausgegebener Sammelband mit dem Titel: "RE: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert" erschienen (Verlag Antje Kunstmann; 240 Seiten; 22 Euro).

SPIEGEL: Herr Greffrath, was hätte Karl Marx zu dem Aufstand von rechts gesagt, den wir überall in Europa beobachten können?

Titelbild
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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

Greffrath: Marx hätte gesagt: Einer der drei Ausgänge aus dem Kapitalismus ist die Sozialdemokratie. Also eine Art Klassenkampfkompromiss, bei dem die Verteilung der Anteile von Lohnarbeitern und Kapitalisten am Wachstum geregelt ist. Seit dem Beginn der Wachstumsschwäche in den Siebzigerjahren funktioniert das leider nicht mehr so richtig. Man hat die Lohnkosten gesenkt, um wieder Wachstum zu schaffen, aber das Einzige, was gestiegen ist, sind die Profite. Jetzt sind einige Leute verständlicherweise sauer, weil sie gemerkt haben, dass sie über 20 Jahre betrogen wurden. Sie wünschen sich, es könnte wieder so werden wie früher.

SPIEGEL: Das beantwortet aber noch nicht die Frage, warum sich so viele Menschen nach rechts wenden und nicht, wie von Marx eigentlich vorgesehen, nach links.

Greffrath: Die linke Antwort, die nicht national ist, sondern internationalistisch, ist immer die schwierigere. Die Linke kann oder will nicht sagen: Macht die Grenzen dicht, lasst uns die Globalisierung beenden. Dafür ist sie dann doch zu moralisch. Außerdem versteht sie zu viel von den ökonomischen Gesetzen. Deshalb weiß sie, dass es den Weg zurück nicht gibt. Die nationale Regression würde in die kollektive Verarmung führen. Es gibt diesen schönen Satz von George Orwell: Vielleicht wird sich der englische Arbeiter an den Gedanken gewöhnen müssen, dass er nicht mehr der arme, ausgebeutete Knecht ist. Viele Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen, verdanken wir Reichtumsquellen, die außerhalb Europas liegen.

SPIEGEL: Der Chef der Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, hat in einem Vortrag auf dem Parteitag der Grünen gesagt: Wir haben die Arbeitermittelschicht wie eine kulturelle Unterschicht behandelt, indem wir ihre Lebensweise und ihre Wertvorstellungen für rückständig erklärt haben. Vielleicht gehen die Leute nicht wegen der ökonomischen, sondern wegen der kulturellen Abwertung auf die Straße.

Greffrath: Bruce Springsteen lässt in seinem Lied "Youngstown" einen alten Stahlkocher sagen: Wir haben die Panzer gegen Hitler gebaut, wir haben unsere Söhne nach Vietnam geschickt, und jetzt kommt ihr und sagt: Tut uns leid, die Welt hat sich geändert, und ihr kennt nicht mal mehr unseren Namen. Die Basis der Wut ist die Ökonomie, aber die Missachtung ist die Glut, die sie zum Zünden bringt.

SPIEGEL: Wenn das Volk nicht so will wie vorgesehen, neigt die Linke zu Spott und Verachtung. Das ist nicht sehr klug, wenn man Menschen für sich gewinnen möchte.

Greffrath: Nicht die Linke neigt zur Verachtung, es gibt linksliberale Journalisten, die dazu neigen. Jakob Taubes sagte immer: "Seid schlau, bleibt beim Überbau." Es ist kein Wunder, dass der Anteil derjenigen, die für das bedingungslose Grundeinkommen streiten, unter arbeitslosen Kulturwissenschaftlern besonders hoch ist. Die können sich ein Leben mit 900 Euro, ein paar Reclam-Heftchen und ab und zu einem Konzertbesuch gut vorstellen. Das ist für jemanden, der am Band oder an der Ladenkasse steht, keine Perspektive, dem fehlen die kulturellen Ressourcen dafür.

SPIEGEL: Dass das revolutionäre Subjekt im Klassenkampf so oft enttäuscht, ist das bei Marx vorgesehen?

Greffrath: Vom Arbeiter als revolutionärem Subjekt zu sprechen hat 1848 noch Sinn ergeben, als die Arbeiter Berlins dafür sorgten, dass es einen Schritt in Richtung Dreiklassenwahlrecht ging. Aber spätestens ab 1895, als selbst Friedrich Engels klar war, dass der Weg in die sozialdemokratische Verbesserung der Welt führt, war der Begriff obsolet.

SPIEGEL: Joschka Fischer und andere Revolutionäre sind 1970 in die Opel-Werke gegangen, um den Arbeiter zum Klassenkampf anzustacheln.

Greffrath: Ich habe das schon damals für die romantische Reprise von Bürgerkindern gehalten, die der fixen Idee anhingen, dass die Geschichte irgendwann eine falsche Wendung genommen hat, weil ein Schwein vor 1933 die Weiche falsch gestellt hatte, und sie glaubten, man könne das korrigieren, indem man zu dem Punkt zurückführe, an dem die Weiche falsch gestellt worden war. Die einen haben sich dann als Trotzkisten kostümiert, die anderen als Stalinisten, und ein paar sind zu den Sozialdemokraten gegangen, was den gewaltigen Nachteil hatte, dass die SPD schon damals als kreuzlangweilig galt und die schöneren Mädchen bei der Konkurrenz waren.

SPIEGEL: Die bei den Sozialdemokraten haben später dann die Agenda ausgeheckt.

Greffrath: So ist es halt in der Politik. Man geht mit viel Schwung rein, dann fährt man in den Sandberg, und irgendwann ist man entweder müde oder korrumpiert.

SPIEGEL: Sie haben anlässlich des 150. Geburtstags des "Kapitals" einen Band vorgelegt, in dem Sie und eine Reihe weiterer Autoren examinieren, was an den darin ausgebreiteten Ideen noch taugt. Warum lohnt sich heute die Marx-Lektüre?

Greffrath: Marx durchlüftet den Kopf. "Mehrwert", "Lohnarbeit", "Entfremdung", das sind alles Begriffe, die helfen, hinter die Phänomene zu blicken. Wer keine Begriffe hat, der wird auch nie in der Lage sein, die Welt zu sehen, wie sie ist. Marx hat sich schon über die Konsequenzen eines fehlgeleiteten Konsums Gedanken gemacht, als es noch nicht mal in Ansätzen ein Umweltbewusstsein gab, einfach weil er die Dinge zu Ende dachte.

SPIEGEL: Viele der Aufsätze durchzieht ein Ton des Missmuts. Wenn der Mensch nicht mehr gegen die Verelendung ankämpfen muss, dann ist es der Konsumdruck, der auf ihm lastet. Heute litten wir unter "hochgeschraubten Konsumnormen", heißt es an einer Stelle. Warum sind Marxisten so vernarrt in den Untergang?

Greffrath: Marx wäre der Letzte gewesen, der bestritten hätte, dass der Kapitalismus den Wohlstand ins quasi Unermessliche steigern kann. Ich sehe zwar nicht wirklich den Vorteil, zwischen 80 Joghurtsorten im Supermarktregal auswählen zu dürfen, aber das ist kein Punkt der Kritik. Entscheidend ist die Frage: Genügt diese Gesellschaft, die so reich ist, den eigenen Kriterien, was Fairness, Gleichheit, Gerechtigkeit angeht? Und da, würde ich sagen, leben wir nicht über, sondern weit, weit unter unseren Verhältnissen.

SPIEGEL: Wenn man den Leuten predigt, dass das System verrottet sei und die Demokratie eine Farce, dann muss man sich nicht wundern, wenn sie es irgendwann glauben. Ihr Pech ist, dass die Nutznießer dieser Rhetorik heute auf der anderen Seite des politischen Spektrums sitzen.

Greffrath: Aber da kann der Marxismus doch nichts dafür. Es ist schlicht eine Tatsache, dass der Parlamentarismus in den Nationalstaaten nicht mehr funktioniert. Oder dass wir eine kapitalistische Durchforstung der Großstädte erleben, die dazu führt, dass nur noch Doppelverdiener dort wohnen können. Auf die bloße Predigt hin, dass es bergab geht, stellt sich keiner auf die Straße, da müssen schon reale Erfahrungen hinzukommen.

SPIEGEL: Sie sind als ehemaliger 68er selbst Bewegungsteilnehmer. Kommt Ihnen nicht vieles bei der neuen Rechten bekannt vor? Da ist die Protestkultur, in der sich unterschiedlichste Strömungen zusammenfinden; der Kampf gegen die Elite, die das Volk verrät; die Klage über die Konzernpresse, die immer nur schreibt, was den Mächtigen gefällt.

Greffrath: Also erstens hätten wir nicht "Volk" gesagt. Und wenn zwei etwas tun, was gleich aussieht, heißt das noch nicht, dass es auf dasselbe hinausläuft. "Entwendungen aus der Kommune" hat Ernst Bloch diese Aneignung der Ausdrucksformen der Linken durch die Rechten genannt. Die antikapitalistische Rhetorik wird ja selbst von Donald Trump benutzt, aber mit Sicherheit nicht, um kapitalistische Strukturen abzuschaffen.

Linke Demonstration 1969
DPA

Linke Demonstration 1969

SPIEGEL: Sie würden also nicht sagen, dass die rechten Provokateure illegitime Verwandte der Aufrührer von 1968 sind?

Greffrath: Das sind Gegner, die sich unsere Fahne geklaut haben, so wie auch die Textilindustrie irgendwann die Fahnen und Symbole der Hippies geklaut hat. Wie das bei Symbolklau so ist, bleibt die Aneignung allerdings meist an der Oberfläche.

SPIEGEL: Wenn Marx hier mit uns säße, wäre er nicht bass erstaunt, dass der Kapitalismus noch immer pumperlgesund ist, entgegen allen Vorhersagen des nahenden Endes?

Greffrath: Nee, Marx würde sagen: Also ihr beiden, ihr könnt jetzt noch eine Weile so weiterleben, aber ich war gerade in Afrika, da sieht es ganz anders aus. Ihr und die Afrikaner seid Teil einer Welt. Das ist euch irgendwie auch bewusst, weil ihr ja das Zeug konsumiert, das von da kommt, und im Gegenzug eure Schweinehälften nach Afrika exportiert, auch so eine komische Sache. Ihr seid in ein und demselben System gefangen, und wenn ihr nicht begreift, was das bedeutet, dann wird es für euch sehr unangenehm werden.

SPIEGEL: Er würde also zugestehen, dass es, vorausgesetzt, man kümmert sich um das afrikanische Problem, noch mal 150 Jahre so weitergehen kann?

Greffrath: Aber sicher. Dieser Kapitalismus ist so dynamisch, der produziert sogar Klopapier in sieben Geschmacksvarianten und eine Heimzapfanlage für jedes Wohnzimmer. Ich konnte mir nicht vorstellen, würde unser wiedergeborener Marx sagen, dass die Menschen sich lieber fürs Heimzapfen entscheiden, anstatt spazieren zu gehen oder mit ihren Kindern zu spielen. Offensichtlich hat der Kapitalismus es geschafft, Bedürfnisse zu wecken, an die ich noch nicht gedacht habe. Aber diese Bedürfnisse sind jetzt um die Welt gewandert. Das heißt, die Heimzapfanlage will nicht nur der deutsche Proletarier in Wanne-Eickel, sondern bald auch der indische Proletarier in Kalkutta, dank der Chinesen, die sie für alle herstellen.

SPIEGEL: Seine besondere Ausstrahlungskraft verdankte der Marxismus immer der Gewissheit seiner Geschichtstheologie. Wie konkret ist bei Marx die Idee eines sozialistischen Endreichs?

Greffrath: Der Kapitalismus war erst am Anfang, die Skizze ist deshalb notgedrungen abstrakt. Man findet im "Kommunistischen Manifest" den Hinweis auf eine Gesellschaft, in der die Freiheit des Einzelnen die Bedingung der Freiheit aller sei. Die Kommunisten haben das eine Zeit lang leider umgekehrt gelesen.

SPIEGEL: In der "Deutschen Ideologie" heißt es über das wahre Gesellschaftsglück, dass man morgens Jäger, nachmittags Fischer und nach dem Essen Kritiker sein werde.

Greffrath: Das ist eine romantische Idee von der Ganzheit der entwickelten Persönlichkeit. Marx war ja der Überwinder und Vollender des deutschen Idealismus. Abends wurde bei ihm Balzac gelesen und Shakespeare mit verteilten Rollen aufgeführt. Wenn Sie so wollen, ist hier die Aufhebung einer Arbeitsteilung angedeutet, die einen verstumpft und verblödet.

SPIEGEL: So wie die marxsche Utopie von ihren Adepten ausbuchstabiert wurde, ist die Idealgesellschaft eine, in der soziale Unterschiede weitgehend eingeebnet sind.

Greffrath: Marx war kein Naivling. Er wusste, dass man nicht alle Unterschiede ausgleichen kann. Auch im Sozialismus wird es noch Probleme geben, das ist klar, aber das werden menschliche Probleme sein. Auch was das berühmte obere eine Prozent angeht, war er kein Moralist. In der Einleitung zum "Kapital" steht: Es geht nicht darum, dass der Kapitalist böse ist, es geht darum, die Strukturen aufzuzeigen, die ihn zwingen, Dinge zu tun, die anderen Leuten schaden.

SPIEGEL: Kann man Marx lesen, ohne im Kopf zu haben, was seine Jünger in der Umsetzung seiner Theorie an Gesellschaftsexperimenten folgen ließen?

Greffrath: Bei Marx steht am Schluss seiner Überlegungen eine Mahnung: Wenn ihr euch nicht zusammenschließt, organisiert, vor allem bildet, werdet ihr nur eine unterschiedslose Masse armer Teufel sein, denen keine Erlösung helfen kann. Das heißt, auf dem Weg hin zu einer sozialistischen Gesellschaft ist es erforderlich, dass Menschen Politik machen. Und für deren Ausgang gibt es keine Garantien, die passiert unter dem offenen Himmel der Geschichte. Das ist Marx. Für das Scheitern und das Grauen in der Sowjetunion, die ja kein entwickeltes kapitalistisches Land war, kann man alle möglichen Leute verantwortlich machen, aber mit Sicherheit nicht den Autor des "Kapitals".

Baergida-Demo in Berlin
Stefan Boness/Ipon

Baergida-Demo in Berlin

SPIEGEL: Die Idealgesellschaft der AfD ist interessanterweise ebenfalls eine, in der Unterschiede als Problem gesehen werden, in diesem Fall nicht die sozialen, sondern die kulturellen.

Greffrath: Der Einzige bei der AfD, der nach meiner Meinung eine Vorstellung von einer Idealgesellschaft hat, ist der Alexander Gauland. Ich habe mich mit ihm in den Neunzigern öfter getroffen, weil man sich mit ihm ganz gut unterhalten konnte. Der hatte schon damals den Tick, dass wir Eliten brauchen, die wie englische Lords angezogen sind und ihre Untertanen anständig behandeln. Diese Wiedergeburt des britischen Landlebens um 1800 ist die einzige Utopie, die ich in dieser Partei gefunden habe. Die anderen wollen einfach, dass Afrika draußen bleibt und der deutsche Kapitalismus schnurrt.

SPIEGEL: Sie haben der Rechten die Regression ins Nationale vorgeworfen. Im grünen Milieu gibt es den Traum von einer Welt, in der nichts mehr raucht und lärmt und in der die Industrie auf die Größe eines Manufactum-Betriebs geschrumpft ist. Ist diese Form der Idylle nicht auch eine ziemlich regressive Idee?

Greffrath: Sie wäre vor allem naiv. Diese Art von Luxus funktioniert nur auf der Basis einer Gesellschaft, in der die ökonomische Frage geklärt ist. Mit dem Land Rover am Wochenende 300 Kilometer fahren, die Fahrräder obendrauf, um auf dem Bauernhof die Biokarotte selbst aus dem Boden zu holen: Das muss man nicht niedermachen, aber das ist gesellschaftlich kein Ausweg.

SPIEGEL: Ihr ehemaliger Mitstreiter Thomas Hoof hat unter dem Satz "Es gibt sie noch, die guten Dinge" das florierende Handelsunternehmen Manufactum aufgebaut. Dann verlegte er den rechten Krawallautor Akif Pirinçci.

Greffrath: Deshalb lasse ich den Manufactum-Tisch auch vom Tischler fälschen. Ist auch gut 2000 Euro billiger.

SPIEGEL: Der Wunsch nach Abschottung äußert sich im linken Milieu nicht in der Losung "Grenzen dicht!", sondern in der Parole: "Schützt unsere Kieze!"

Greffrath: Ach Gott, das Unbehagen an der Moderne, das geht doch durch uns alle durch. Der Wunsch nach einem unverfälschten Umgang mit der Natur, mit Dingen und Menschen, das ist der Luxus, der am Ende steht. Die rechten Spinner meinen, man könne dahin zurück, indem wir die Welt aussperren. Die Sozialisten sagen: Wir brauchen die Industrie, wir brauchen die Rationalisierung, um uns diesen Luxus am Ende leisten zu können.

SPIEGEL: "Rassist" oder "Fremdenfeind", wären das für Marx Kategorien der Beschreibung gewesen?

Greffrath: Ihn hätten vor allem die Interessenlagen unter den Ideologien beschäftigt. Im "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte" sagt er, der französische Bauer habe nichts als die Nation, weil er nicht in der Lage sei, sich zu vergesellschaften. Eine Gesellschaft von Bauern sei eine Gesellschaft, die wie ein Kartoffelsack sei. Sie werde allein durch den Sack der Nation zusammengehalten. Und dann hätte Marx als Politiker gesagt: Vorwärts, raus aus dem Kartoffelsack und hin zur Demokratie!

SPIEGEL: Das heißt, das heute übliche Empörungsvokabular hätte Marx nicht interessiert?

Greffrath: Die Berührungsangst der Linken vor der AfD ähnelt dem Abscheu der AfD vor dem Muslim. Je weniger Umgang man mit ihm hat, desto besser eignet er sich als Projektionsfigur. Ich habe einen Freund, der immer schon ein Faible für geschlossene Glaubenssysteme besaß. Er ist vom Marxisten zum Sozialisten geworden, vom Sozialisten zum Systemtheoretiker, vom Systemtheoretiker zu einem, der an Kreise im Kornfeld glaubt. In seiner vorerst letzten Inkarnation hat er jetzt zur nationalen Sache gefunden. Natürlich rede ich weiter mit ihm und sage, wenn es mir zu bunt wird: "Komm, hör auf mit dem Quatsch." Aber wenn ich das, was er mir am Telefon sagt, in der Zeitung über jemanden lesen würde, der in Stuttgart oder Dresden wohnt, dann würde ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Mein Gott, wie furchtbar ist denn das!

SPIEGEL: Herr Greffrath, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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Listkaefer 16.06.2017
1. Dieses Interview regt zum ...
... Denken an. Beim ersten Lesen denkt man, es springt thematisch planlos hin und her. Beim zweiten Lesen wird der Denker Greffrath sichtbar, der beeindruckt. Seine Aussagen zu den enttäuschten Erwartungen der gewesenen Lohnsenkungen, zu Sozialdemokraten, Grünen und Rechten, zur empfohlenen internationalen Denkweise, zu fehlgeleiteten Konsumwünschen, zur innovativen Kraft des Kapitalismus, zu fehlgeschlagenen Politikversuchen hin zur fairen und gerechten Gesellschaft, den leider nur im Kartoffelsack der Nation zusammen gehaltenen französischen Arbeitern, ... das zeugt von lebenslanger Denkarbeit und Suche nach Weisheit. Man möchte mehr von dem Mann lesen. Dank an Herrn Fleischhauervfür die richtigen Fragdn, die zu diesen interessanten Antworten führten.
OhMyGosh 16.06.2017
2. Völker, hört die Signale?
"Ent*schei*dend ist die Fra*ge: Ge*nügt die*se Ge*sell*schaft, die so reich ist, den ei*ge*nen Kri*te*ri*en, was Fair*ness, Gleich*heit, Ge*rech*tig*keit an*geht? Und da, wür*de ich sa*gen, le*ben wir nicht über, son*dern weit, weit un*ter un*se*ren Ver*hält*nis*sen." Oh ja, das tun wir. Und warum ist das so? Weil die Stellschrauben durch die Politik seit vielen Jahren falsch justiert werden. Lobbyismus und Filzokratie fingern an allem herum. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit wird doch im Grunde gar nicht mehr ernsthaft gestellt. Sie ist zur schönen Hülse geworden. Die Bewegungsgesetze des Kapitalismus haben eine andere Wendung genommen, als Marx sie voraussehen konnte. Ablesbar am Ideologietransfer- der ganze technische Quark der "smarten" Gesellschaft hat die Hirne versiegelt. Nicht der soziale Fortschritt interessiert mehr, sondern das neue Eieiei-Phone. Damit Pokemons gejagt werden können.
OhMyGosh 16.06.2017
3. Völker, hört die Signale?
"Ent*schei*dend ist die Fra*ge: Ge*nügt die*se Ge*sell*schaft, die so reich ist, den ei*ge*nen Kri*te*ri*en, was Fair*ness, Gleich*heit, Ge*rech*tig*keit an*geht? Und da, wür*de ich sa*gen, le*ben wir nicht über, son*dern weit, weit un*ter un*se*ren Ver*hält*nis*sen." Oh ja, das tun wir. Und warum ist das so? Weil die Stellschrauben durch die Politik seit vielen Jahren falsch justiert werden. Lobbyismus und Filzokratie fingern an allem herum. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit wird doch im Grunde gar nicht mehr ernsthaft gestellt. Sie ist zur schönen Hülse geworden. Die Bewegungsgesetze des Kapitalismus haben eine andere Wendung genommen, als Marx sie voraussehen konnte. Ablesbar am Ideologietransfer- der ganze technische Quark der "smarten" Gesellschaft hat die Hirne versiegelt. Nicht der soziale Fortschritt interessiert mehr, sondern das neue Eieiei-Phone. Damit Pokemons gejagt werden können.
de_populist 16.06.2017
4. Karl Marx hatte unrecht
Der Greffgrath ist kein Ökonom und kann daher die Hauptgründe warum Marx falsch liegt ignorieren (besonders seine Arbeitswerttheorie). Die Wachstumsschwäche der 70er lag zum großen Teil an verschwenderischen Regierungen die bis dahin glaubten den Wachstum immer wieder ankurbeln zu können indem sie Inflation erzeugten (durch ein Missverständnis von Keynes), das hat nichts mit "Klassenkampfkompromiss" zu tun. Übrigens war Internationalismus nie eine soziale Forderung sondern bloßes Kalkül, da Marx einen Sieg seines Systems nur sah wenn es den global agierenden Kapitalismus verdrängte und er die Globalisierung nützlich fand als Katalysator für die Negativentwicklungen des Kapitalismus und um die Proletarisierung (Verarmung und Spaltung der Gesellschaft) voranzutreiben. George Orwell hatte richtig erkannt, dass Nationalismus immer populärer ist als Internationalismus, insbesondere in der Unterschicht die die Kommunisten für sich gewinnen wollten.
Fresse 16.06.2017
5. Etwas Wirr aber im Ansazt interessant. Vor allem dem Kritikpunkt an Journalisten, oder besser, die Resümee, die er nicht gezogen hat:
"SPIEGEL: Sie würden also nicht sagen, dass die rechten Provokateure illegitime Verwandte der Aufrührer von 1968 sind? Greffrath: Das sind Gegner, die sich unsere Fahne geklaut haben, so wie auch die Textilindustrie irgendwann die Fahnen und Symbole der Hippies geklaut hat. Wie das bei Symbolklau so ist, bleibt die Aneignung allerdings meist an der Oberfläche." Für den Transport dieser Information zu den Menschen sind dann wiederum die Journalisten verantwortlich, ABER wie wir besonders gut bei SPON lesen, wird eher nochmal in AfD Manier auf die Beklauten gehauen anstatt zu unterstützen = WEIL wie auch von Spiegel erkannt der "KONZERNPRESSE"nichts besseres einfällt als selbst in den Untergang zu posaunen. Das Lesen dieses Artikels sollte jedem Journalisten in SPON/Spiegel Pflicht werden!
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