AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Bundesverfassungsgericht prüft Vergabeverfahren Die irrsinnige Lotterie um einen Medizin-Studienplatz

Das Bundesverfassungsgericht prüft das Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen für Medizin - und wird wohl zentrale Bestandteile bemängeln.

Schüler in einem Übungs-OP
DPA

Schüler in einem Übungs-OP


Der junge Mann tat alles, um Mediziner werden zu dürfen. Er machte 2010 sein Abitur, leistete ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einem Pflegedienst, absolvierte dann eine Ausbildung zum Rettungsassistenten und arbeitete jahrelang im Rettungsdienst, er bestand sogar den Medizinertest mit Bravour. Allein - einen Studienplatz erhielt er nicht.

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Heft 41/2017
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Seit 2011 bewarb er sich jedes Semester neu, jeweils bei sechs Hochschulen, wie es das Zulassungsverfahren vorsieht. Zig Bewerbungen, zig Absagen ohne Angabe von Gründen. Offenkundig wurde ihm seine Abiturnote zum Verhängnis: 2,6 - ganz gut, aber längst nicht gut genug.

Nun beschäftigt unter anderem sein Fall das Bundesverfassungsgericht. Es geht um ein "Knappheitsproblem, das die berufliche Lebensplanung junger Menschen in Deutschland gravierend betrifft", wie es der Vorsitzende des Ersten Senats, Ferdinand Kirchhof, zu Beginn der Verhandlung am Mittwoch formulierte. Rund 62.000 Bewerber drängten sich zuletzt pro Jahr auf knapp 11.000 Studienplätze in Humanmedizin. Tatsächlich ist das Missverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot noch größer: Viele bewerben sich erst gar nicht, weil sie keine Chance für sich sehen.

Deshalb gibt es für Medizin - inklusive Zahnmedizin, Pharmazie und Tiermedizin - einen Numerus clausus. Dieser NC ist, anders als oft angenommen, keine fixe Mindestnote, sondern eine Zulassungsbeschränkung mit einem Zuteilungsverfahren, das allerdings, trotz aller Bemühungen um Gerechtigkeit, eher einem Glücksspiel gleicht denn einem transparenten, vorhersehbaren Prozess.
Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, zuständig für die Vergabestelle, hat den Verfassungsrichtern etliche Fälle zur Entscheidung vorgelegt, weil es den Medizin-NC in seiner jetzigen Form für verfassungswidrig hält.
Und es sieht so aus, als teilten die Verfassungsrichter diese Ansicht in zentralen Punkten und würden demnächst zusätzlichen Druck ausüben für eine ohnehin seit Jahren geplante Reform.

Die Verteilung, für die eine bundesweite Stiftung zuständig ist, erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst gibt es eine Vorabquote: Bis zu 13 Prozent der Plätze werden an Bevorrechtigte vergeben, unter anderem angehende Sanitätsoffiziere der Bundeswehr, Ausländer aus Nicht-EU-Staaten oder Härtefälle. Erst danach greift das eigentliche Verteilungsverfahren, das drei Wege vorsieht.

20 Prozent der verbliebenen Plätze sollen an die Bewerber mit den besten Abiturnoten gehen, das erfordert in Humanmedizin je nach Bundesland eine 1,0 oder eine 1,1 als Zeugnisschnitt. Den größten Teil, 60 Prozent, vergeben die Hochschulen in Eigenregie. Die restlichen 20 Prozent erhalten die Bewerber mit der längsten Wartezeit. Das Dumme ist: Bei genauer Prüfung zeigen sich Mängel bei jedem dieser drei Wege.

Schon die Verteilung nach der Abiturquote - Weg eins - hält nicht, was sie verspricht. Denn die Bewerber müssen mindestens einen Studienort bis maximal sechs präferierte Orte angeben. An jeder Uni aber kommen erst einmal diejenigen zum Zuge, die diese Uni auf Platz eins gesetzt haben, in der Reihenfolge ihrer Punktzahl im Abitur. Das kann dazu führen, dass jemand wegen seiner Ortsangabe aus dieser Verteilung herausfällt - weil er an seiner Wunsch-Uni knapp scheitert und bei den nachfolgend genannten Unis schon alle Plätze belegt sind, auch von Bewerbern mit schlechterer Punktzahl.

Diese "Verengung" sei ein Problem, wenn sie "mehr als nur zwei Personen" betreffe, merkte Verfassungsrichterin Gabriele Britz an, als sie die genauen Daten noch nicht kannte. Es dauerte eine Weile, dann hatten die Vertreter der Stiftung für Hochschulzulassung die Zahl parat: Das Problem betraf 413 von 1601 Bewerbern - die eigentlich als Abiturbeste zum Zuge gekommen wären, allein wegen ihrer Ortsangaben aber scheiterten.

Diese Bewerber können sich zwar wie alle anderen - Weg zwei - direkt bei den Hochschulen bewerben. Doch auch deren Auswahlverfahren haben Tücken. So spielt die Abi-Note erneut eine maßgebliche Rolle, mal ergänzt durch Kriterien wie einschlägige Berufserfahrung und Ergebnisse eines Medizinertests, mal durch individuelle Verfahren mit Interviews oder Rollenspielen.

Aber auch hier scheitern viele Bewerber schon wegen ihrer Ortswahl: Etliche Unis sortieren alle Bewerber aus, die andere Präferenzen gesetzt haben, und machen es sich damit womöglich zu einfach. Zudem wird auf diesem Weg ignoriert, dass die Abi-Noten aus verschiedenen Bundesländern nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar sind. Denn die Abi-Schnitte weichen teils erheblich voneinander ab, und in Bayern machen nur etwa 30 Prozent eines Jahrgangs Abitur, in Hamburg dagegen an die 60 Prozent. Auch daran störten sich die Verfassungsrichter.

Auf großes Interesse stieß deshalb die Idee, nicht nur die Abiturnote zu vergleichen, sondern bei der Auswahl zu berücksichtigen, wie jemand in seinem Bundesland im Vergleich zu allen anderen Schulabsolventen seines Jahrgangs abgeschnitten hat. So könnte eine 2,0 aus Bayern so viel zählen wie eine 1,5 aus Hamburg.

Kritik äußerten die Richter auch daran, dass die Unis bei ihrer Auswahl sehr freie Hand hätten. Die Bewerbergespräche seien eine "Blackbox", und die Unis dürften auch nicht einfach zusätzliche Aktivitäten wie sportliche Erfolge, "Jugend forscht" oder "Jugend musiziert!" heranziehen, wenn dies gesetzlich nicht vorgesehen sei. Diese "große Bandbreite" bedürfe einer "gewissen Strukturierung", mahnte Verfassungsrichterin Britz.

Nicht einmal die Vergabe von Plätzen nach Wartezeit - Weg drei - dürfte die Prüfung durch die Verfassungsrichter ungeschoren überstehen. Zuletzt mussten seit dem Abitur mindestens sieben Jahre vergangen sein. Ein Bewerber darf in dieser Zeit nichts anderes studieren, auch nicht Biologie oder Physik, um sich schon mal fit zu machen für das Medizinstudium. Sonst zählt es nicht als Wartezeit. Auch der Kläger, sagt sein Hamburger Anwalt Thomas Dietrich, "hätte gern Physik studiert". Dann aber hätte er seine Restchance vertan.

Die Vergabe nach Wartezeit soll zwar eine Forderung des Bundesverfassungsgerichts aus dem ersten Numerus-clausus-Urteil von 1972 erfüllen, wonach jeder Abiturient eine Chance auf einen Studienplatz haben muss. Aber, fragte Verfassungsrichter Johannes Masing, "ist es noch sozialstaatlich, wenn man 15 Jahre auf einen Studienplatz warten muss"?

Wenn Verfassungsrichter so fragen, kennen sie gewöhnlich schon die Antwort. So könnte der Senat eine Grenze für die maximale Wartezeit setzen. Das ließe sich dann mit einem Losverfahren koppeln - sodass die Gewinner wenigstens in einem vernünftigen Alter ihr Studium beginnen könnten.

Ein geplanter neuer Staatsvertrag sieht zwar Verbesserungen vor. Die besten Abiturienten sollen künftig nicht mehr an der Ortswahl scheitern. Doch noch ist dieser nicht in Kraft, und beim Auswahlverfahren der Hochschulen und bei der Wartezeit bleiben viele heikle Punkte bestehen.

Viele Beteiligte erhoffen sich von dem Urteil einen Anstoß für eine noch umfassendere Reform. Die Bundesärztekammer und der Medizinische Fakultätentag fordern unter anderem einen bundesweit einheitlichen Test, der sogenannte Soft Skills abfragt und den Unis als zusätzliches Kriterium dienen könnte. Das dürfte auch dem Anliegen der Medizinstudenten entsprechen, deren Vertreterin sich in Karlsruhe "verlässlichere Kriterien für die Eignung" wünschte.

Der Rettungssanitäter, der das Verfahren mit losgetreten hat, muss nicht mehr auf das Urteil hoffen. Er hat sich seinen Medizinstudienplatz inzwischen ersessen. Die Zusage erhielt er genau zwei Tage, nachdem die Verfassungsrichter zur mündlichen Verhandlung geladen hatten.



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