AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

First Lady Melania Trump Ihr Lächeln aus Marmor

Amerika liebt Palastintrigen, auch deshalb schaut jeder auf die First Lady: Geht Melania Trump auf Distanz zu ihrem Ehemann Donald?

First Lady Trump am Dienstag im Kapitol: Ein Akt stummer Rebellion
AFP

First Lady Trump am Dienstag im Kapitol: Ein Akt stummer Rebellion

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Schon der Anfang war holprig. Erst schien Donald Trump vergessen zu haben, dass er seine Frau mitgebracht hatte, und eilte allein die Stufen zum Weißen Haus hoch. Dann durfte Melania Trump an Michelle Obama eine Geschenkschachtel von Tiffany überreichen, mit der diese offensichtlich nichts anfangen konnte. Es war der Tag der Amtseinführung, die Kameras liefen, die ganze Nation beobachtete diese unbeholfene Szene. So begann Melania Trumps Zeit als First Lady.

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Heft 6/2018
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Michelle Obama hat diese seltsame Begegnung gerade wieder aufgewärmt, in der "Ellen DeGeneres Show" am vergangenen Donnerstag. Obamas Auftritt in der Sendung war deshalb so erfrischend, weil sie das Land an bessere, weniger peinliche Zeiten erinnerte. An eine Ära im Weißen Haus, in der sich ein Ehepaar liebte und respektierte, in der Lockerheit herrschte, nicht Anspannung und Kälte.

"Ah, die Tiffany-Box", sagt Obama lachend in der DeGeneres-Show. Ihr erster Gedanke war: "Was soll ich damit tun?" Das Protokoll sah keine Geschenkübergabe vor.

"Was war denn drin?", fragt DeGeneres.

"Ein Bilderrahmen."

Mehr muss Michelle Obama nicht sagen. Viele in den USA halten sie für die coolste First Lady der Geschichte, sie muss dem Publikum nicht erklären, was sie von einem sogenannten Geschenk hält, das New Yorker Milliardärsgattinnen vom Chauffeur besorgen lassen, wenn ihnen sonst nichts einfällt. Ein Bilderrahmen. Von Tiffany. Gibt es etwas Hohleres?

Es war keine gute Woche für Melania Trump. Mal wieder steht sie unfreiwillig im Scheinwerferlicht, mal wieder redet das Land über sie. So auch am Dienstag, als sie und ihr Mann in getrennten Autos vom Weißen Haus zum Kapitol fuhren, wo Trump seine Rede zur Lage der Nation hielt. Üblicherweise lassen sich Präsidenten bei solchen Anlässen von ihren Gattinnen begleiten. Melania Trump hatte sich offenbar dagegen entschieden, was in Washington als offensive Geste der Rebellion interpretiert wurde.

Die Szene war deshalb irritierend, weil es ihr erster öffentlicher Auftritt war, seitdem eine angebliche Affäre ihres Mannes diskutiert wird. Mitte Januar hatte das "Wall Street Journal" berichtet, Donald Trump habe der Pornodarstellerin Stormy Daniels im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 130.000 Dollar Schweigegeld überweisen lassen, um einen Seitensprung mit ihr geheimzuhalten.

Melania Trump soll davon aus der Zeitung erfahren haben. Die Affäre fand angeblich 2006 statt, kurz nach der Geburt ihres Sohnes Barron. Sowohl Trump als auch Stormy Daniels dementieren das, aber die Belege sprechen gegen sie. Melania Trump begleitete ihren Mann auch nicht wie vorgesehen zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Stattdessen besuchte sie in Washington das Holocaust Museum. War auch das eine Reaktion auf frühere Äußerungen ihres Mannes, der Sympathien für Neonazis erkennen ließ, wie die Kolumnistin Maureen Dowd diese Woche schrieb?

Am Dienstag also konnte man eine First Lady beobachten, die ein Lächeln wie aus Marmor spazieren trug, während sie durch das Kapitol schwebte. Sie hatte dazu einen cremefarbenen Hosenanzug von Christian Dior ausgewählt, was Spekulationen auslöste, sie solidarisiere sich mit der frühen Frauenrechtsbewegung der Suffragetten, deren Anhängerinnen häufig weiße Kleidung trugen (wenn auch nicht von Dior). Beobachter wiesen zudem darauf hin, dass die First Lady nicht wie viele andere stehend applaudierte, als ihr Mann vorn am Pult von der Bedeutung der Familie sprach.

Seit einem Jahr ist Melania Trump das große Rätsel von Washington. Ein Enigma, ein schweigsames Mysterium. Was hält sie von ihrem Mann, was denkt sie über seine Präsidentschaft? Beeinflusst sie ihn, und, wenn nein, warum nicht? Je rarer diese Frau sich macht, umso größer wird der Wunsch, sie zu verstehen. Die Autorin und Expertin für Präsidentengattinnen Kate Anderson Brower schrieb vor Kurzem in der "New York Times", Melania Trump sei die verhaltenste First Lady seit Bess Truman in den Nachkriegsjahren. Und dennoch sei sie radikal, weil sie sich trotzig weigere, ihren Mann öffentlich zu unterstützen und gegen seine Kritiker zu verteidigen. Melania Trumps Schweigen, schreibt Brower, sei ein Akt stummer Rebellion gegen dieses archaische Amt.

Die Melania-Exegese ist in den politischen und journalistischen Kreisen Washingtons längst zur Lieblingsbeschäftigung geworden, neben dem Spekulieren über die nächste Enthüllung des Sonderermittlers Robert Mueller in der Russlandaffäre. Es gibt keine Zeitung, keine Fernsehstation, die sich nicht an einer Innenansicht der sprachlosen Präsidentengattin versucht hat und damit mal mehr, mal weniger scheiterte. Einigkeit herrscht allein darin, dass Melania Trump wie eine Frau wirkt, die im falschen Leben gefangen ist.

Man braucht in der US-Hauptstadt ein dickes Fell, vor allem als Ehefrau eines Serien-Ehebrechers. In seinem Enthüllungsbuch "Fire and Fury" beschreibt der Journalist Michael Wolff, wie besessen Trump auch nach der Hochzeit mit Melania von anderen Frauen gewesen sei. Das Buch steht seit Anfang Januar im Laden, knapp zwei Millionen Exemplare sind verkauft - nicht sehr angenehm, wenn man die Frau ist, die diesen Kerl geheiratet hat.

Zudem tourt Wolff seit Wochen durch Talkshows und insinuiert, Trump habe eine Affäre mit der US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley. Belege bleibt Wolff zwar schuldig, aber auch dieses Gerücht trägt nicht zur guten Laune im Weißen Haus bei.

Präsidentenpaare Trump, Obama (am Tag der Amtseinführung Donald Trumps im Weißen Haus am 20. Januar 2017): Gibt es etwas Hohleres?
REUTERS

Präsidentenpaare Trump, Obama (am Tag der Amtseinführung Donald Trumps im Weißen Haus am 20. Januar 2017): Gibt es etwas Hohleres?

Die Frage, wer Melania Trump ist, hat politische Relevanz. Auch wenn das Amt der First Lady offiziell nie genau definiert wurde, verfügt sie im Weißen Haus über ein eigenes Büro und einen Mitarbeiterstab. Eine Präsidentengattin - und irgendwann auch der Gatte einer Präsidentin - nimmt soziale Aufgaben wahr und schafft Aufmerksamkeit für Themen, die gesellschaftlich relevant, aber unterbelichtet sind. Außerdem ist es der einsamste Job der Welt, US-Präsident zu sein. Das verschaffte in der Vergangenheit vielen Ehefrauen große Macht.

Nancy Reagan engagierte sich in der Antidrogenpolitik, später wollte sie den Terminkalender ihres Mannes, der sich von einer Operation erholte, beeinflussen und geriet darüber mit dem Stabschef aneinander. Hillary Clinton hatte ein eigenes Büro im West Wing des Weißen Hauses, der eigentlich dem Präsidentenstab vorbehalten ist, und arbeitete an einer Reform des Gesundheitswesens. Laura Bush setzte sich für Frauenrechte ein, Michelle Obama kämpfte gegen Fettleibigkeit von Kindern, für mehr Bewegung und gesundes Essen in Schulkantinen. Und sie brachte Leben und Authentizität ins Weiße Haus. Dort lebte ein gleichberechtigtes Paar, so sahen es die Amerikaner, nicht ein Mann mit einem Anhängsel.

Es dauerte lange, bis sich Melania Trump mit ihrer Rolle arrangierte. Erst fünf Monate nach der Amtseinführung zog sie mit ihrem Sohn nach Washington, nachdem Barron in New York das Schuljahr beendet hatte. In den wenigen kurzen Reden, die sie seither hielt, setzte sie sich für Hurrikan-Opfer und Kinder ein. Außerdem versprach sie im Wahlkampf, gegen Online-Mobbing zu kämpfen, was bei einem Ehemann, der auf Twitter Parteifreunde beleidigt, eine gewisse Ironie hat.

Laut Michael Wolff glaubte Melania Trump als eine der wenigen in seinem Umfeld daran, dass ihr Mann die Präsidentschaftswahl gewinnen würde. Sie fürchtete sich davor. Sie wusste, dass sie in Washington auf die grelle Bühne der Politik geschleudert werden und ihr sorgfältig eingezäuntes Luxusleben im New Yorker Trump Tower dann vorbei sein würde.

Vielleicht war sie deshalb nicht unglücklich über den dummen "Grab 'em by the pussy"-Spruch ihres Mannes, der wenige Wochen vor der Wahl an die Öffentlichkeit kam. Melania verteidigte den Satz zwar als Jungsgequatsche, aber insgeheim, so Wolff, habe sie sich darüber gefreut, dass die Chancen ihres Mannes auf das Präsidentenamt zu sinken schienen. Als sie am Morgen nach der Wahl begriff, dass sie First Lady werden würde, sei sie in Tränen ausgebrochen. Es waren keine Freudentränen.

Für Melania Trump spricht, dass sie einigermaßen beliebt ist. Ihre Zustimmungswerte liegen weit über denen des Präsidenten, Konservative feiern sie als Stilikone.

Anhänger der Demokraten blicken dagegen mit einer Mischung aus Argwohn und Mitleid auf sie. Viele halten sie für etwas einfach gestrickt. Der "New Yorker" bemerkte in einem Porträt, Melania sei nach der 1775 geborenen Britin Louisa Adams erst die zweite Immigrantin im Amt - Adams habe allerdings Harfe gespielt, satirische Dramen verfasst, vier Kinder großgezogen und sich der Zucht von Seidenraupen gewidmet. Melania Trump dagegen gab als Hobbys "Pilates und Magazine lesen" an.

Amerika liebt Palastintrigen, auch deshalb schaut jeder auf die First Lady. Das Präsidentenpaar ist der nächstbeste Ersatz für eine Königsfamilie, die die Vereinigten Staaten nie haben durften. Jede Regung wird analysiert und kommentiert. Als Melania Trump voriges Jahr während einer Reise durch den Nahen Osten und Europa mehrmals die Hand ihres Mannes mit einer subtilen, aber wahrnehmbaren Geste abwehrte, kam das einer Staatsaffäre gleich.

Sie lässt nicht alles mit sich machen, der Präsident bekommt das immer wieder öffentlich zu spüren. Bei einer Rede vor den Vereinten Nationen im vergangenen September sagte sie, die wichtigste und erfreulichste Rolle, die sie jemals im Leben hatte, sei die einer Mutter. Sie liebt ihren Sohn. Sie will ihre Ruhe. Vermutlich sieht sie langsam ein, dass sie dafür mit dem falschen Mann verheiratet ist.



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