AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Chinesischer Mercedes-Aktionär Der Schrecken der deutschen Industrie

Der Einstieg des chinesischen Milliardärs Li Shufu beim deutschen Daimler-Konzern beunruhigt Industrie und Bundesregierung. Der Investor will einen führenden Anbieter von Elektromobilen erschaffen - mit Know-how aus Stuttgart.

Geely-Gründer Li: "Ursprung der industriellen Revolution"
Wiktor Dabkowski /ZUMA Press/Imago

Geely-Gründer Li: "Ursprung der industriellen Revolution"

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Li Shufu hat eine ungewöhnliche Art, seinen Mitmenschen Respekt einzuflößen. Wenn der Milliardär aus China das Wort ergreift, spricht er so leise, dass seine Zuhörer zur absoluten Ruhe gezwungen werden. Sein tiefer, monotoner Singsang klingt fast wie ein Gebet. "Die Autoindustrie", pflegt Li zu sagen, "durchlebt gerade einen gigantischen Wandel."

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Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

Den Wettkampf mit neuen Rivalen wie Apple, Google oder Tesla, glaubt Li, werden nur zwei oder drei traditionelle Hersteller überleben. Und Li will dazugehören. Der von ihm gegründete Autokonzern Geely ist schon heute einer der größten und erfolgreichsten in China.

Um sein Ziel zu erreichen, plant Li aggressives globales Wachstum. Und er setzt dort an, wo er den "Ursprung der industriellen Revolution" verortet: in Europa. Geely besitzt bereits Marken wie Volvo oder Lotus, die aus Schweden und Großbritannien stammen. In London kaufte er die dortige Taxi Company, den Hersteller der berühmten "Black Cabs". Doch das reichte ihm nicht aus. Am Freitag vergangener Woche gab Li bekannt, mit mehr als sieben Milliarden Euro bei Daimler eingestiegen zu sein. Über Nacht wurde er mit 9,7 Prozent zum größten Anteilseigner des Mercedes-Mutterkonzerns. Zum Schrecken der gesamten deutschen Industrie.

Lis Ankündigung, er wolle Daimler-Chef Dieter Zetsche "unterstützen", wirkte auf manche fast wie ein Staatsstreich. In Schaubildern, die Lis Mitarbeiter verbreiteten, taucht Daimler bereits als Teil seines Markenreichs auf. Plötzlich stand ein Szenario im Raum, auf das sich viele deutsche Konzerne seit Jahren vorbereiten: die erste feindliche Attacke eines ebenso potenten wie klandestinen Investors aus China auf einen deutschen Großkonzern.

Man müsse den Einstieg des Investors "besonders aufmerksam betrachten", sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) und sprach sich gegen den möglichen Einzug eines Geely-Vertreters in den Daimler-Aufsichtsrat aus. Bei Daimler rätseln Vorstände und Aufsichtsräte, welchen Schritt Li als nächsten plant.

Industrie und Politik fürchten die wachsende Macht der chinesischen Autoindustrie. In ihrem Zehnjahresplan hat die Volksrepublik das Ziel festgelegt, spätestens 2025 den Weltmarkt für Elektromobilität zu dominieren. Und die ist nur eine von zehn Zukunftsbranchen, in denen die Pekinger Regierung mit Firmenkäufen und Technologietransfer rasant wachsen will, ohne sich in gleichem Umfang für ausländische Investoren zu öffnen.

In Deutschland lässt Li zwar die Botschaft verbreiten, er biete Daimler sein Wissen an. In China klingt das aber ganz anders. Ziel des Deals sei, "das Wachstum der chinesischen Autoindustrie zu unterstützen", sagte Li dem TV-Sender CCTV. Er wolle "nationale Strategien" verfolgen.

Gründer Li unterhält beste Beziehungen zu den chinesischen Machthabern. Er und Staatspräsident Xi Jinping kennen sich seit Jahren. Xi gilt als Geely-Bewunderer, seitdem er Parteisekretär in der Provinz Zhejiang war, wo der Autokonzern seinen Hauptsitz hat.

Hongkongs Finanzszene spekuliert bereits, was Geely mit Daimlers Know-how anfangen könnte. Ein möglicher Schulterschluss zwischen den Konzernen, schreibt das Analysehaus GF Securities, könnte Geely "Zugang zu Daimlers Elektroautobatterien-Expertise geben". Eine Kooperation wäre "der Schlüssel für Geely, um in den europäischen Markt einzutreten".

Daimler wiederum ist vom chinesischen Markt derart abhängig, dass jeder Konflikt zum Geschäftsrisiko wird - und sei er auch noch so banal. Für ein harmloses Dalai-Lama-Zitat, gepostet von Mercedes auf Instagram, entschuldigte sich Vorstandschef Zetsche kürzlich unterwürfig bei Chinas Botschafter in Berlin. Man habe dem chinesischen Volk "Leid zugefügt".

Mercedes-Plakat in Peking
Greg Baker/AFP/Getty Images

Mercedes-Plakat in Peking

Auch Daimlers neuer Großaktionär bemüht sich um Diplomatie. Am Dienstag startete Li eine Charmeoffensive in Berlin. Neben einem Besuch im Kanzleramt standen Treffen mit Wirtschaftsministerin Zypries und CDU-Fraktionschef Volker Kauder auf dem Programm.

Alles wirkte wie der Staatsbesuch eines neuen Machthabers, der sich von seiner sanftesten Seite zu zeigen versucht. Es gehe um mehr Zusammenarbeit bei Elektromobilität und autonomem Fahren, besänftigte Li - und nicht um Politik. Er sei einfacher Privatunternehmer, der keinem staatlichen Einfluss unterliege. Als ihn seine deutschen Gesprächspartner fragten, woher er das Geld für den Deal habe, antwortete er schnippisch: Das wüsste die Regierung in Peking auch gern.

Ist also ein heimlicher Regimekritiker bei Daimler eingestiegen, ein Mann, nur am Geschäft interessiert? Die Zweifel sind groß. Allzu offensichtlich hat die Pekinger Regierung in den vergangenen Jahren signalisiert, dass die Auslandsbeteiligungen chinesischer Konzerne auch strategische und politische Ziele haben.

Entsprechend alarmiert ist die Berliner Regierung. Schon 2017 hatte sie die Investitionsgesetze verschärft, um leichter gegen unerwünschte Übernahmen aus China vorgehen zu können. Derzeit bemüht sie sich um höhere Hürden auf EU-Ebene. Und nun, nach dem plötzlichen Einstieg der Chinesen bei Daimler, nimmt Berlin weitere Maßnahmen in den Blick.

"Wir müssen unser Außenwirtschaftsrecht immer an neue Entwicklungen anpassen", sagt Wirtschaftsministerin Zypries, "dazu gehören auch die Prüfschwellen." Bislang kann die Regierung nur dann gegen ausländische Investitionen vorgehen, wenn der Käufer mehr als 25 Prozent einer Firma erwirbt. Die Frage, ob dieser Wert noch zeitgemäß sei, müsse deshalb "auch für eine neue Regierung auf der Agenda stehen, insbesondere dann, wenn es um kritische Infrastrukturen wie zum Beispiel im Energie-, Transport oder Internetsektor" gehe. Fakt sei, dass "Investoren auch mit kleineren Beteiligungen oft erheblichen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung ausüben können", sagt Zypries.

Die Regierung verschärft auch deshalb den Kurs, weil sich deutsche Unternehmen in China zunehmend drangsaliert fühlen, etwa durch schärfere Gesetze zur Cybersicherheit. "Wir beobachten mit Sorgen, wie der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft wächst", sagt Zypries. Das treffe auch deutsche Firmen, die "bei ihren Geschäften in China zusätzlichen Auflagen und Kontrollen unterworfen" würden, etwa bei ihrer Kommunikation im Internet.

Geely-Gründer Li liefert der Regierung jetzt einen Präzedenzfall, der härteres Durchgreifen künftig rechtfertigen könnte. Sein Vorgehen beim Daimler-Einstieg erweckte bei vielen den Eindruck einer feindlichen Übernahme.

Schon 2017 hatte der Investor beim Stuttgarter Hersteller angeklopft. Er wollte ein Aktienpaket kaufen, möglichst mit Rabatt. Doch Daimler winkte ab. Der Konzern wollte weder sein Kapital erhöhen noch einen weiteren Partner aus China haben.

Daraufhin startete Li seinen Plan B.

Der Milliardär mandatierte zwei namhafte Wall-Street-Banken, Morgan Stanley und die Bank of America. Sie sollten ihm dabei helfen, die Daimler-Aktien auf dem freien Markt zu erwerben - und das möglichst ohne großes Aufsehen. Die Investmentbanker rieten ihm zu einem Vorgehen, das in Deutschland sehr umstritten ist: Li erwarb die Anteile heimlich, er schlich quasi von hinten an Daimler heran.

Das funktionierte so: Li kaufte nur einen geringen Teil der Daimler-Aktien direkt. Die restlichen Stimmrechte sicherte er sich günstig über Optionsscheine und Derivate, die Aktien selbst verblieben bei den Banken. So war 2017 bereits der chinesische HNA-Konzern bei der Deutschen Bank eingestiegen.

Der Deal sparte Geld, weil Li durch seinen diskreten Einkauf keine Kursfantasien anheizte. Vor allem aber umging er die Meldepflichten für Aktienkäufe, die eigentlich schon ab einer Schwelle von drei Prozent greifen. Li kam erst aus der Deckung, als er mithilfe der US-Banken schon fast zehn Prozent der Daimler-Anteile erworben hatte.

Auf sein Image wirkt die Trickserei verheerend. Denn Politiker und Manager in Deutschland nehmen Li jetzt als eine chinesische Version der gierigen Filmfigur Gordon Gekko wahr. "Wer mit westlichen Unternehmen konstruktiv zusammenarbeiten will", sagt ein erfahrener Investmentbanker, "sollte sich nicht auf diese Weise anschleichen."

Doch die deutschen Gesetze laden entschlossene Aufkäufer zu solchen Aktionen geradezu ein, räumte das Wirtschaftsministerium in einem Vermerk ein. Nun werde die Bundesregierung prüfen, "ob weitergehende Vorgaben notwendig" seien.

Die Führung des Stuttgarter Konzerns war ebenfalls irritiert, Daimler verhielt sich zunächst abwehrend. Der Konzern kündigte erst einmal an, seine Kooperation mit dem bisherigen Partner BAIC zu vertiefen. Es war ein deutliches Signal an den BAIC-Wettbewerber Geely und dessen Eigentümer Li Shufu.

Daimler will seine bestehenden Partner in China keinesfalls vergrätzen. Welch fatale Folgen es haben kann, wenn ein deutscher Autobauer zwischen die Fronten rivalisierender chinesischer Konzerne gerät, erlebte 2017 der Hersteller Audi. Er ging eine neue Kooperation in Südchina ein - und verärgerte damit den bestehenden Partner im Norden. Plötzlich weigerten sich Händler in China, Audis zu verkaufen. Absatz und Gewinn brachen ein.

Bei Daimler wird außerdem befürchtet, eine Kooperation mit Li werde insbesondere dem Chinesen nützen. In Zukunftsbereichen wie E-Mobilität und dem autonomen Fahren fühlen sich die Stuttgarter deutlich stärker aufgestellt.

Hinzu kommt, dass Lis Einstieg für Interessenskonflikte sorgen könnte. Vor allem im Geschäft mit Nutzfahrzeugen sind Daimler und Volvo Rivalen. Sollte Li Zugang zu strategischen Informationen bekommen, wäre das für die Stuttgarter hochproblematisch.

Auch das Timing ist ungünstig. Daimler steht vor dem größten Umbau seit der Trennung von Chrysler im Jahr 2007. Um schlagkräftiger zu werden, will Zetsche den Konzern aufteilen. Die drei Sparten Pkw, Lkw und Dienstleistungen könnte Daimler später separat an die Börse bringen. Diese Pläne drohen jetzt ins Wanken zu geraten: In Einzelteile filetiert, wäre Daimler womöglich eine noch leichtere Beute für ungebetene Investoren. "Ich befürchte, dass Daimler jetzt in die Defensive geht", sagt Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI, "und ein derartiges Großprojekt eher scheut."

Mancher in der Daimler-Führung sähe Lis Einfluss gern begrenzt - und spekuliert dabei auf die Hilfe eines anderen Investors: Der zweitgrößte Aktionär des Konzerns, das Emirat Kuwait, könnte seine Anteile aufstocken und Li als Nummer eins wieder ablösen. Die Araber sind seit 1974 an Daimler beteiligt. Sie haben sich als verlässlicher Partner erwiesen.

Was der neue Hauptaktionär aus China vorhat, ist dagegen schwer einzuschätzen. Sein derzeitiger Anteil gibt ihm kein automatisches Recht auf Mitsprache oder gar eine Partnerschaft. Denkbar wäre, dass Li aufstockt, womöglich sogar auf mehr als 25 Prozent. Das würde ihm ermöglichen, wesentliche Konzernentscheidungen zu blockieren. Li selbst beteuert, er plane "für den Moment" keine weiteren Zukäufe.

In China wird Li schon jetzt gefeiert. "Geely strebt nach globaler Geltung", "Geely unterstreicht den Wettbewerbswillen chinesischer Unternehmen" - so und ähnlich lauten die Berichte und Kommentare in der gelenkten Presse.

Auch unter deutschen Automanagern genießt Li Respekt. Die Reputation des Geely-Gründers stieg, nachdem er 2010 Volvo übernommen hatte. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die schwedische Marke von einem Pleitekandidaten zu einem profitablen Anbieter. Diese Erfolgsgeschichte macht auch den Daimler-Mitarbeitern Mut. "Wir wissen nicht, was der neue Investor bei Daimler plant", sagt Betriebsratschef Michael Brecht, "bei Volvo hat er aber langfristig investiert und gleichzeitig die Identität der Marke bewahrt."

Eines hat Li Shufu mit seinem Einstieg auf jeden Fall erreicht: seinen Zugang zur Daimler-Spitze. Am Montag erschien er in der Stuttgarter Zentrale zum Antrittsbesuch. Unter anderem traf Li Vorstandschef Zetsche, Finanzvorstand Bodo Uebber und andere Manager. Die Atmosphäre sei freundlich gewesen, heißt es.

Sein Auftritt in Stuttgart war zugleich eine Niederlage für Zetsche. Dessen Versuch, den Investor diskret abzuwimmeln, ist gescheitert. Nun muss er einen Weg finden, den ungebetenen Gast auf Distanz zu halten, aber gleichzeitig irgendwie einzubinden. Es ist ein Balanceakt.

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