AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Was an Bord von MH370 geschah Die Wahrheit über den Geisterflug

Vor vier Jahren verschwand ein Flugzeug von Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord. Ein Flugunfallermittler hält das Rätsel nun für gelöst.

Mutmaßliche Trümmerstücke MH 370
Adrien Barbier / AFP

Mutmaßliche Trümmerstücke MH 370

Von Marco Evers


Das größte Mysterium der Luftfahrt ist keines mehr. Das Schicksal des Geisterflugs MH370 scheint endlich aufgeklärt - das Verschwinden einer Boeing 777 von Malaysia Airlines, die am 8. März 2014 kurz nach Mitternacht von Kuala Lumpur nach Peking fliegen sollte, dort aber nie ankam und auch nirgendwo sonst.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Auf die Frage, wo das Flugzeug und seine 239 Insassen denn nun sind, gibt es gleichwohl keine Antwort. Niemand weiß es, und wahrscheinlich wird es niemand je erfahren. Seit Januar läuft die Suchaktion einer US-Firma mit acht Tauchrobotern, doch diese wird Mitte Juni so ergebnislos abgebrochen werden wie die dreijährige Suche zuvor.

Der Jet liegt irgendwo auf dem Grund des südlichen Indischen Ozeans. Wie er dorthin kam und wer dafür verantwortlich ist, das zumindest wird immer klarer. Die Lösung des Rätsels gelang nicht den dafür zuständigen Stellen in Malaysia und Australien, wo Experten unter Hochdruck und mit Millionenbudgets an dem Fall arbeiteten. Sie gelang einem unbeteiligten Fachmann: Larry Vance aus Ottawa in Kanada, einem pensionierten und nun freiberuflich tätigen Flugunfallermittler.

Ende Mai erscheint sein Buch "MH370 - Mystery solved". Vance, 69, weist darin mit bestechender Logik nach, dass nach Lage der Dinge nur ein möglicher Hergang in Einklang mit allen verfügbaren Indizien steht: MH370, seine Crew und Passagiere wurden das Opfer des Flugkapitäns Zaharie Ahmad Shah, 53.

Shah - verheiratet, drei Kinder - hatte, aufgrund welcher Psychopathologie auch immer, offenbar den Plan gefasst, für alle Zeit ohne jede Spur von der Erdoberfläche zu verschwinden. Er hat seine Maschine deshalb bewusst über Stunden bis ans Ende der Welt geflogen, dorthin, wo kein Radar und keine Schiffe, nichts und niemand ihn je bemerken würden. Er setzte den Jet so sanft wie möglich auf dem Wasser auf, um ihn am Stück zu versenken.

Der Massenmord an seinen Passagieren und Besatzungsmitgliedern, so Vance, habe Shah ebenso wenig gekümmert wie den Germanwings-Co-Piloten Andreas Lubitz, der seinen Airbus A320 fast genau ein Jahr später in ein Alpen-Bergmassiv steuerte.

Flugkapitän Shah: Todesflug am Simulator geübt?
Newscom / DDP Images

Flugkapitän Shah: Todesflug am Simulator geübt?

Neu ist das Schreckensszenario eines erweiterten Suizids als Erklärung für das Verschwinden von MH370 nicht. Neu aber ist die Fülle an Belegen, mit der Vance seine Theorie nun untermauern kann. Er hat dafür die Mithilfe zweier weiterer Flugunfallermittler im Ruhestand genutzt. Terry Heaslip, Elaine Summers und Vance greifen zusammen auf mehr als hundert Jahre Berufserfahrung zurück.

MH370 ist eben nicht so spurlos verschwunden, wie Shah dies wohl geplant hatte. Mindestens 20 Wrackteile sind nach und nach aufgetaucht. Die meisten stammen von den Flügeln, den Triebwerken oder dem Leitwerk. Doch kaum ein Trümmerstück stammt aus dem Innern der Maschine. Nicht ein einziges Sitzkissen und keine Schwimmweste wurden angespült, obwohl Hunderte davon an Bord waren. Ein Hinweis darauf, dass MH370 beim Absturz nicht aufgebrochen ist.

Vance und seine Mitstreiter haben in ihrem Berufsleben gelernt, in Wrackteilen zu lesen. Jede Delle und Verformung erzählt ihnen, was für physikalische Kräfte hier am Werk waren, jeder Kratzer und Riss im Metall wird für sie zum stummen Zeugen dessen, was MH370 widerfahren ist. "Es ist nicht schwer", sagt Vance, "festzustellen, was sich hier ereignet hat."

Seinen australischen Kollegen wirft Vance mangelnde Sorgfalt und Inkompetenz vor. Sie hätten von Anbeginn eine falsche Spur verfolgt und diese stur verteidigt gegenüber allen Hinweisen, die ihre Theorie später infrage stellten. Ihre Leistung sei besorgniserregend und "einer professionellen Untersuchung unwürdig".

Vance ist ein Altmeister seines Fachs. In seiner Karriere hat er mehr als 200 Untersuchungen zu Vor- und Unfällen in der Luftfahrt verantwortet. Als stellvertretender Ermittlungsleiter hat er auch den mit 229 Toten schwersten Absturz in der Geschichte von Swissair aufgeklärt. Was Vance bei der Rekonstruktion des Swissair-Crashs lernte, eine der komplexesten überhaupt, das half ihm jetzt bei der Rekonstruktion des Geisterflugs.

Am 2. September 1998 war die McDonnell Douglas MD-11 südwestlich vom kanadischen Halifax brennend in den Atlantik gestürzt. Vance und das Team haben das Wrack in vierjähriger Arbeit zusammengepuzzelt und die Brandursache aufgedeckt: Im oberen Cockpitpanel war es zu einem Kurzschluss gekommen. Ein damals noch häufig verwendetes Isolationsmaterial hatte Feuer gefangen, das sich rasch ausbreiten konnte.

Was bleibt von so einem Jet, wenn er mit einer Geschwindigkeit von 555 Kilometern pro Stunde mit der Nase voran in den Ozean kracht? Die Antwort auf diese Frage liefert ein entscheidendes Indiz zu dem Schicksal von MH370.

Die Millisekunden nach dem Aufschlag der Swissair-Maschine muss man sich in Superzeitlupe so vorstellen: Der Bug des Fliegers wird vom Wasser eingedrückt und platzt auf. Der Flugzeugrumpf taucht, ohne nennenswert gebremst zu werden, ins Meer ein. Die Luft im Inneren trifft auf Wassermassen, die sich, so ist die Physik, nicht komprimieren lassen. Also steigt der Luftdruck in der Kabine schlagartig ins Unermessliche. Die Maschine explodiert regelrecht von innen nach außen und von vorn nach hinten. Gleiches passiert mit allen Hohlräumen, etwa in den Flügeln.

Die Swissair-Maschine ist so in Sekundenbruchteilen in etwa zwei Millionen Einzelteile zerbrochen, und kaum ein Trümmerstück war größer als ein Handteller. Die Menschen wurden ebenso übel zugerichtet. Köpfe explodierten. Nur eine Leiche war visuell zu identifizieren.

Ausgefranstes Flaperon
Xinhua / DDP Images

Ausgefranstes Flaperon

Was folgt daraus nun für die Rekonstruktion des Geisterflugs MH370? Im Juli 2015 tauchte auf der Insel La Réunion das erste Wrackteil von MH370 auf: eine 2,43 Meter lange und 1,5 Meter breite Flügelklappe, Flaperon genannt, die von der rechten Tragfläche stammt.

Im Juni 2016 wurde auf einer zu Tansania gehörenden Insel eine Landeklappe gefunden, 4,57 Meter mal 1,83 Meter groß. Sie war gleich neben dem Flaperon am rechten Flügel montiert gewesen. Beide Teile waren weitgehend intakt geblieben, ihre unbeschädigten Hohlräume hatten ihnen genug Auftrieb verliehen, um sie über den Ozean driften zu lassen. Nur an ihrer Hinterkante, der dünnsten Stelle, waren sie ausgefranst.

Teilemarkierung der gefundenen Landeklappe
AP

Teilemarkierung der gefundenen Landeklappe

Als Vance die Fotos der massiven Wrackteile sah, wusste er auf Anhieb: "Diese Maschine kann unmöglich mit Hochgeschwindigkeit ins Wasser gestürzt sein." Das aber ergäbe sich aus der Theorie, der die Ermittler der offiziellen Flugunfalluntersuchung immer noch anhängen. Die Australier gehen davon aus, dass MH370 führerlos dahinflog, etwa nach einem Feuer an Bord, nur gesteuert vom Autopiloten, bis nach über sieben Stunden das Kerosin verbraucht war und die Maschine aus großer Höhe mit mindestens 700 Kilometern pro Stunde kopfüber auf das Meer knallte.

"Die Beleglage dagegen ist überwältigend", sagt Vance. "Schon die großen Trümmer beweisen: So kann es auf gar keinen Fall gewesen sein."

Wenn MH370 also nicht hart aufschlug auf dem Wasser, wie dann? 13 charakteristische Merkmale an den beiden aufgefundenen Klappen lassen für Vance nur einen Schluss zu: Als die Maschine in Kontakt mit dem Wasser kam, müssen die Landeklappen, die als Auftriebshilfen dienen, voll ausgefahren gewesen sein - wie bei einem normalen Landeanflug.

Wabenplatte, mutmaßlich von MH 370
Blaine Alan Gibson / DPA

Wabenplatte, mutmaßlich von MH 370

Vance glaubt, dass die Maschine sich dem Wasser vollkommen gerade näherte. Als Erstes tauchten die Triebwerke in die Wogen ein und rissen ab. Dann zerfetzten die tief hängenden Klappenränder. Momente später versank die rechte Flügelspitze in einer Welle. Durch die dabei auftretenden Kräfte lösten sich nun die Klappen aus ihren Verankerungen. Jetzt wurde auch noch der gesamte rechte Flügel abgetrennt. Das schließt Vance daraus, dass Wrackteile gefunden wurden von jener Stelle, an der die rechte Tragfläche und der Rumpf ineinander übergehen.

Der Rumpf schlug leck, Wasser strömte hinein, rasch sank die Maschine, nur wenige Teile aus dem Innenraum verließen das Wrack durch die Löcher im Rumpf und die vordere rechte Tür, die bei allem Biegen und Brechen aufgesprungen war. Darauf deutet ein Teil der inneren Türverkleidung hin, das 2016 auf der Insel Rodrigues entdeckt worden war.

Wenn die Klappen aber ausgefahren waren, dann ergeben sich daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen. Jemand hat im Cockpit gesessen und den entsprechenden Hebel betätigt. Dieser Jemand muss ein ausgebildeter Pilot gewesen sein.

Die Klappen bewegen sich nur, wenn das elektrische System und die Hydraulik funktionieren. Das wiederum ist nur der Fall, wenn mindestens ein Triebwerk läuft. Spritmangel, sagt Vance, könne daher als Absturzursache ausgeschlossen werden.

Stück des Höhenleitwerks von MH 370
REUTERS

Stück des Höhenleitwerks von MH 370

Vance geht in seinem Buch alle Möglichkeiten durch: ein Feuer im Cockpit, brennende Lithium-Ionen-Batterien im Frachtraum, mechanische und/oder elektrische Defekte, eine Entführung, ein katastrophaler Druckverlust, eine Bombe, eine Rakete. Doch gegen alle Varianten sprechen gewichtige Gründe. Am Ende bleibt nur ein Szenario, in dem sich laut Vance alle bekannten Fakten zu MH370 und die zutage geförderten Hinweise widerspruchsfrei verknüpfen lassen: Das ist die Pilot-als-Täter-Hypothese.

Verdächtig ist damit auch der Co-Pilot. Fariq Abdul Hamid, 27, war gerade dabei, auf die Boeing 777 umgeschult zu werden. MH370 sollte sein letzter Ausbildungsflug sein. Seine Freundin war ebenfalls Pilotin, die Hochzeit geplant. Seine Lebensumstände lassen eine Selbstmordabsicht als unwahrscheinlich erscheinen.

Shah hingegen besaß daheim einen Flugzeugsimulator. Ermittler des FBI haben entdeckt, dass er auf diesem in den Wochen vor seinem Verschwinden einen Kurs in den südlichen Indischen Ozean abgeflogen ist.

Vance macht keinen Versuch zu ergründen, warum ein Mensch so ein Verbrechen begehen sollte. Das ist nicht sein Fachgebiet. Er hofft, dass sich für die Klärung des Tatmotivs andere Experten finden. An die australischen Kollegen richtet er den Appell, sich seiner Analyse anzuschließen. Doch die offiziellen Stellen schweigen sich bisher aus, beziehen keine Stellung zu seiner Selbstmordtheorie. "Dabei gibt es keine Zweifel am Ablauf", sagt Vance, "alle Beweisstücke erzählen die gleiche Geschichte."

Andere Teile der Geschichte werden sich hingegen nie klären lassen. Wie hat sich Shah des Co-Piloten entledigt? Wie und wann hat er die Menschen an Bord getötet? Am wahrscheinlichsten, sagt Vance, sei es, dass Shah mit einem Handgriff im Cockpit einen Druckabfall herbeiführte, kaum dass er nach 40 Minuten Flugzeit seine geplante Route verlassen hatte.

Sauerstoffmasken fielen von der Decke. Die verängstigten Passagiere atmeten durch sie. Als die Gasvorräte leer waren, erstickten sie. Der Pilot verfügte über eine separate Sauerstoffversorgung.

Um 1.20 Uhr Ortszeit verließ Shah den malaysisch kontrollierten Luftraum. "Good Night, Malaysia Three Seven Zero", waren seine letzten aufgezeichneten Worte. Seine Stimme klang ruhig und entspannt. Augenblicke später begann er das Verbrechen. Er schaltete alle Geräte ab, die Informationen über das Flugzeug an Flugsicherung und Fluggesellschaft sendeten. Er wendete die Maschine und flog einen zuvor minutiös geplanten Kurs, der das Risiko minimierte, von militärischem Radar erfasst zu werden.

Shah wusste nur nicht, dass sein Flieger weiterhin ein Signal von sich gab. Einmal pro Stunde nahm ein Satellit automatisch Kontakt auf mit der Maschine. Ermittler konnten von diesen "Handshakes" mit raffinierter Mathematik Rückschlüsse auf den Kurs von MH370 ziehen. So definierten sie ein Suchgebiet, in dem sie die Maschine mit einem hohen Grad an Hoffnung vermuteten.

Dies, sagt Vance, war der Moment, an dem die offizielle Untersuchung entgleiste. Denn die scheinbar objektiven Rückschlüsse aus den Satellitendaten verschleierten, dass diese auf einer Reihe von Annahmen fußten, etwa der, dass der Autopilot die Maschine immer geradeaus gesteuert hat. Da Shah sie aber mindestens in der letzten Flugphase aktiv geflogen hat und er selbst Kurs, Geschwindigkeit und Flughöhe bestimmte, endete MH370 an einem Punkt, der für die Ermittler für immer unauffindbar bleiben wird.

"Es ergibt keinen Sinn mehr, die Suche fortzusetzen", sagt Vance. Dazu sei der Ozean schlicht zu groß. Und um das Schicksal von MH370 und seinen 239 Insassen aufzuklären, sei der Zugang zum Wrack auch gar nicht mehr nötig.



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