AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2017

Mikrobiologe über gefährliche Keime im Haushalt "Beim Spülen sollte unbedingt der Toilettendeckel geschlossen werden"

Verseuchte Putzschwämme, verkeimte Waschmaschinen - der Mikrobiologe Markus Egert erklärt, wie man sich vor gefährlichen Krankheitserregern im Haushalt schützt.

Michael Walter / DER SPIEGEL


Britt Schilling / DER SPIEGEL

Markus Egert, 45, lehrt an der Hochschule Furtwangen in Villingen-Schwenningen. Er erforscht die Verbreitung von Mikroben in den eigenen vier Wänden.


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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

SPIEGEL: Herr Egert, früher sagten einem die Eltern: "Dreck reinigt den Magen." Keiner fand etwas dabei, einen Apfel zu essen, der in den Matsch gefallen war. Heute gibt es kaum noch eine Toilette ohne einen Spender mit Desinfektionsmittel. Sind wir inzwischen übertrieben reinlich?

Egert: An den rustikalen Spruch erinnere ich mich auch. Nur hat man früher eben zugleich darauf geachtet, dass man sich zu den richtigen Zeiten, etwa vor dem Essen und nach dem Toilettenbesuch, die Hände wäscht. Ich habe den Eindruck, viele Leute achten heute nicht mehr so sehr auf die grundsätzlichen Hygieneempfehlungen. Dabei ließen sich 50 Prozent aller Magen-Darm-Infektionen durch simples Händewaschen verhindern. Dazu brauche ich zu Hause keine High-End-Chemie.

SPIEGEL: Woher kommt die Sorglosigkeit?

Egert: Früher dachte man, Mikroben schaden uns. Heute wissen wir, dass sie überall sind und der menschliche Organismus sie sogar braucht. Vielleicht führt das dazu, dass wir Keime nicht mehr so richtig ernst nehmen. Aber es gibt Fälle, da muss ich so eine Mikrobe einfach umbringen.

SPIEGEL: Erreger auf dem Smartphone, Bakterien in Küchenschwämmen, Keime auf der Brille - haben wir es mit immer neuen Gefahrenquellen zu tun?

Egert: Seien wir ehrlich: Leute mögen solche Geschichten, viele ekeln sich gern. Das ist wie mit dem neuesten Song von AC/DC: Immer die gleiche Melodie, aber man hört sie immer wieder gern. Wir als Wissenschaftler haben die Aufgabe, Klarheit zu schaffen. Doch wir wissen derzeit viel mehr über die Mikrobiologie des Marianengrabens als über das, was in unseren vier Wänden los ist. Leider erscheint der Haushalt vielen Kollegen als Forschungsfeld nicht spannend genug.

SPIEGEL: Das sieht das Publikum anders. Vor einigen Monaten haben Sie in den Vereinigten Staaten fast eine Panik ausgelöst mit Ihrer Entdeckung, dass Küchenschwämme von Milliarden Bakterien bevölkert sind. War das Alarmismus?

Egert: Die Amerikaner sind in Hygienefragen traditionell viel hysterischer als wir. Viele Leute haben zwar geahnt, dass es in diesen Schwämmen kunterbunt zugeht. Aber wir waren die Ersten, die es jetzt molekularbiologisch nachgewiesen haben.

SPIEGEL: Wie gefährlich ist ein kontaminierter Küchenschwamm wirklich?

Egert: Gefährlich kann es insbesondere für die sogenannten Yopis werden - das steht für young, old, pregnant, immunocompromised (jung, alt, schwanger oder immungeschwächt). Mein Rat an alle Hausmänner und -frauen: Im Zweifel sollte man den Schwamm lieber früher als später wegwerfen. Diese Dinger kosten ja nicht viel. Nur sagen Sie das mal als Wissenschaftler offen, ohne dass es heißt, sie würden von der Schwammindustrie gesponsert.

SPIEGEL: Ist es überhaupt möglich, keimfrei zu leben?

Egert: Nein, wir leben ständig mit Zehntausenden Mikroben unter einem Dach. Dagegen kann man gar nichts tun. Das ist aber auch nicht erforderlich. Wir ahnen heute, dass das sogenannte Haushaltsmikrobiom - die Gesamtheit aller Mikroben, die uns umgeben - einen erheblichen Einfluss auf unser Wohlbefinden hat. Vermutlich haben wir mit diesen Mikroorganismen schon in der Steinzeit gemeinsam in der Hütte gehaust, und sie haben sich mit uns entwickelt. Wie das genau funktioniert, ist allerdings weiterhin ein Rätsel. In der Mikrobiologie ist man immer noch ein Außenseiter, wenn man sich für so etwas interessiert.

SPIEGEL: Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Egert: Das habe ich mir nicht freiwillig gesucht. Nach dem Studium fing ich in der Abteilung für Mikrobiologie bei der Firma Henkel in Düsseldorf an. Erst war ich in der Deo- und Waschmaschinenforschung, dann habe ich eine Zeit lang Haarfärbemittel mitentwickelt. Dadurch wurde mein Interesse geweckt.

SPIEGEL: Geht es in der Kosmetikindustrie nicht vor allem darum, beim Kunden unnütze Bedürfnisse für Produkte zu wecken, deren Wirkung eher zweifelhaft ist?

Egert: So negativ würde ich das nicht sehen. Es gibt Produkte, da ist die Wirksamkeit total wichtig. Deos müssen funktionieren. Wenn ich merke, nach sechs Stunden fange ich an zu müffeln, dann ist das Mist.

SPIEGEL: Inzwischen sind Sie nur noch in der Grundlagenforschung tätig. Woran arbeiten Sie gerade?

Egert: Um nachzuweisen, wie relevant Mikroben im Haushalt wirklich sind, müsste man eine neue Form von Experiment wagen. Ideal wäre eine Art "Big Brother"-Container, in dem man die Bewohner gezielt bestimmten Mikroben aussetzt. Man könnte dort markierte Bakterien etwa mit Küchenschwämmen reingeben und beobachten, wie sie sich verbreiten.

SPIEGEL: Wäre das nicht recht unappetitlich?

Egert: Es könnte im Gegenteil sehr vorteilhaft sein, wenn wir uns gegenseitig unsere Mikroben weitergäben. Dazu nur ein Beispiel: Eine niederländische Studie hat nachgewiesen, dass bei einem einzigen Kuss Millionen Bakterien übertragen werden. Klingt zunächst mal nicht so toll. Ich habe allerdings beobachtet, dass sich meine Zahngesundheit durchaus gebessert hat, seitdem ich meine Frau kenne. Die Erklärung dafür könnte sein, dass eine aggressive Mundflora durch eine weniger aggressive gemildert wird. Nun kann man Pech haben, und man verschlechtert sich...

SPIEGEL: ... so wie Ihre Frau sich offenbar mit Ihnen verschlechtert hat...

Egert: ... richtig. Aber vielleicht besitze ich aus mikrobiologischer Sicht noch andere Eigenschaften, von denen wiederum meine Frau profitiert.

Im Video: Die größten Keimschleudern im Haushalt

Éric Vazzoler

SPIEGEL: Nun klingen Sie fast so, als müssten wir uns um die Keime um uns herum gar keine Sorgen machen.

Egert: O doch, es kommt eben sehr auf die Art der Mikroben an; einige von ihnen müssen wir unbedingt bekämpfen. Normalerweise geschieht das ja auch. In den meisten Haushalten ist die Toilette der sauberste Ort. Da wird mit harter Chemie gereinigt, und das ist auch gut so. Andererseits werden einfache Grundregeln oft nicht befolgt. Beim Spülen sollte unbedingt der Toilettendeckel geschlossen werden. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, wie sich Keime beim Spülen wie eine Gischt aus der Kloschüssel im Raum verbreiten. Dann finden sich Darmbakterien überall dort, wo ich sie auf keinen Fall haben will: am Kamm oder sogar auf der Zahnbürste. Bei Proben haben wir zudem welche auf Computertastaturen, Displays von Smartphones und sogar Brillengläsern gefunden.

SPIEGEL: Sind unsere Toiletten falsch konstruiert?

Egert: Es mag archaisch anmuten, aber ein Loch im Boden, wo ich mit nichts in Kontakt komme, wäre hygienisch gesehen das Beste. Dann können sich die Mikroben nirgendwo festhalten.

SPIEGEL: Auch von Waschmaschinen kann Ihren Untersuchungen zufolge eine hohe Keimbelastung ausgehen.

Egert: Mir als Hygieniker bereitet vor allem der Trend zum Energiesparen Sorge. Die meiste Energie beim Waschen geht nun mal für das Aufheizen des Wassers drauf. Viele Menschen möchten umweltbewusst sein und waschen ihre Wäsche deshalb nur noch bei 30 Grad. Möglich sind inzwischen auch 20 Grad oder sogar Programme, bei denen die Wäsche kalt durchläuft. Den wenigsten Menschen ist bewusst, wie sehr das auf Kosten der Hygiene geht. Je höher die Temperatur und je aggressiver mein Waschmittel, desto mehr Keime werden abgetötet.

SPIEGEL: Bei wie viel Grad sollte man eine Unterhose waschen?

Egert: Bei 60 Grad natürlich! Wie alle Wäschestücke, die direkt mit dem Körper in Berührung kommen - also auch Strümpfe, wenn Sie das Risiko von Fußpilz wirkungsvoll minimieren wollen. Viele Textilien sind heute aber so gestrickt, dass man sie kaum mehr heiß waschen kann. Es mag abtörnend sein, aber Baumwollunterwäsche ist hygienisch gesehen das Beste. Seidenschlüpfer sind schön, aber eine Sauerei, denn die kann ich nicht heiß waschen. Ein weiteres Problem ist der Siegeszug des Flüssigwaschmittels ...

SPIEGEL: ... das sich perfekt dosieren lässt.

Egert: Richtig, deshalb ist es unter anderem so beliebt. Pulver bröselt, löst sich insbesondere bei niedrigeren Temperaturen mitunter nicht voll auf und hinterlässt deshalb auf der Wäsche nervige Flecken. Anders als Flüssigwaschmittel enthalten solche festen Vollwaschmittel jedoch Bleiche, die beim Waschen die Bakterien wirkungsvoll tötet. Die Industrie hat es bisher nicht geschafft, ein markttaugliches Flüssigwaschmittel herzustellen, das Bleiche enthält. In der Flüssigkeit würde die Bleiche durch das Waschmittel sofort seine Kraft verlieren. Deshalb sind Flüssigwaschmittel weniger wirkungsvoll als Vollwaschmittel.

SPIEGEL: Ist die Waschmaschine aus mikrobiologischer Sicht der gefährlichste Ort in der Wohnung?

Egert: Nein, dieser Ehrentitel gebührt eindeutig der Spüle. Ein Kolumnist hat es mal treffend so ausgedrückt: Wenn Außerirdische auf die Erde kämen und die Fähigkeit hätten, Mikroben mit bloßem Auge zu erkennen, würden sie aus der Kloschüssel trinken und in die Spüle ihr Geschäft verrichten. Wenn Sie in einer Spüle ein Huhn auftauen, wird dieser Ort zur höchsten Gefahrenzone.

SPIEGEL: Wie das?

Egert: Im Hühnerfleisch ist der Erreger Campylobacter verbreitet. Viele Menschen wissen gar nicht, wie gefährlich der ist. Anfangs löst er Magen-Darm-Infekte aus. Unser Körper bildet dann Antikörper gegen diesen Erreger, und diese wiederum können sich gegen unsere Nervenzellen richten. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Nervenerkrankung, bei der es zu ausgeprägten Lähmungen kommen kann. Kennen Sie übrigens den Begriff "Ausglänzen"?

SPIEGEL: Klingt nach einem aufwendigen Reinigungsverfahren.

Egert: Dieses bezaubernde Wort habe ich von meiner Frau gelernt. Das bedeutet, dass man die Spüle auf Hochglanz wienert.

SPIEGEL: Man könnte vermuten, dass eher Sie Ihre Familie mit Ratschlägen zur Sauberkeit nerven als umgekehrt.

Egert: Von wegen. Reinlichkeit ist nicht unbedingt meine stärkste Seite. Von meiner Frau stammt der vielsagende Satz: "Dass du Hygieniker bist, habe ich aus der Zeitung erfahren!"

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