AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Miley Cyrus Ganz in Weiß 

Ex-Teeniestar Miley Cyrus macht jetzt Countrymusik - und das nicht schlecht.

Künst­le­rin Cy­rus 2017
Sony Music

Künst­le­rin Cy­rus 2017

Von Juliane Liebert


Seien wir ehrlich, Miley Cyrus hat eine grauenvolle Singstimme. Seltsamerweise ist sie auf durchaus sympathische Art grauenvoll: Sie quäkt ein wenig rauchig daher, klingt dabei immer wie aus der Dose. Mal eher wie aus der Steckdose. Mal eher, als steckte ihr Kopf in einer Bong. Dabei kifft sie nicht mal mehr. Miley Cyrus hat den Kreis ihrer Karriere vollendet und ist auf ihrem neuen Album "Younger Now" wieder bei Country angelangt. Im Video zu ihrem Song "Malibu" steht sie in einem flirrenden Getreidefeld, ganz in Weiß, und beißt neckisch in ihren Sweater.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Als Miley Cyrus vor einigen Monaten nach dem Terroranschlag in Manchester bei Ariana Grandes Benefizkonzert mitmachte, war das einer ihrer ersten Auftritte mit dem alten neuen Image: die Spitzen noch blondiert, den Rest des Haars schon nicht mehr. Untenrum noch Miley, obenrum wieder Hannah Montana, die Sitcom-Figur ihrer ganz frühen Jahre. Ihre Tattoos bedeckt, aber in kniehohen Nuttenstiefeln. Sie sang mit Pharrell Williams "Happy", vor den Angehörigen der Opfer und den Bürgern der Stadt. Das war mutig, weil symbolisch heikel. Eine Gratwanderung. Aber es funktionierte. Wegen der Schweigeminute, wegen des kitschigen, aber im Kontext würdevollen Beginns des Konzerts. Aber auch, weil Miley vor Zuversicht und positiver Energie knisterte.

Obwohl beinahe der Archetypus des gezüchteten Stars - ihr Vater ist der Sänger und Schauspieler Billy Ray Cyrus, ihre Patentante die Countrygröße Dolly Parton -, erscheint sie auf all ihren Wegen und Abwegen stets unbekümmert. Mehr noch: Man kann ihr offenbar jede beliebige Musikrichtung auf den Leib schreiben - es funktioniert.

Das heißt, es ist natürlich eine ästhetische Katastrophe. Aber es verkauft sich, und die Menschen glauben weiterhin, dass sie es mit einer konsistenten Person zu tun hätten. Selbst im weltberühmten Video zu "Wrecking Ball", aus eindeutiger Perspektive an einem Vorschlaghammer leckend, hatte sie immer noch etwas vom Schulmädchen Hannah Montana.

Cyrus bei einem Auftritt 2015
Getty Images

Cyrus bei einem Auftritt 2015

Auch ihr neues Album, "Younger Now", ist oberflächlich erst mal grässlich. Distinktion hin, Distinktion her - vom musikalischen Standpunkt wäre niemand traurig, wenn ein Sturm käme und alle Miley Cyruses und Ariana Grandes und Katy Perrys hinwegfegte. Trotzdem ist "Younger Now" interessant, denn es klingt völlig anders als der im Moment angesagte Einheits-Chartspop mit Elektrowumms. Es ist inzwischen selten, dass auf Mainstream-Popalben Gitarren wirklich nach Gitarren klingen. Hier gibt es reizende crunchy E-Gitarren mit funkelnden Mitten, die ziemlich weit in den Vordergrund gemischt sind. Ihre Stimme klingt diesmal nicht wie durch ein Bierglas gesungen, sondern frisch und aseptisch. Der Song "Thinkin'" hingegen kann eigentlich nur ein Experiment einer Gruppe Statistikstudenten sein, die jahrelang den kleinsten gemeinsamen Nenner von Ohrwürmern untersucht haben und jetzt ihre Abschlussarbeit auf die Welt loslassen. "Rainbowland", ihr Duett mit Dolly Parton, dürfte es leicht in die Top 40 der amerikanischen Countrycharts schaffen.

Pop wirkt durch Pulp, durch Schund. Man kann Miley Cyrus' neuerlichen Imagewechsel bescheuert finden. Aber ist er Berechnung, hemmungsloser Eskapismus - oder kann man ihn sogar als Botschaft der nationalen Versöhnung lesen?

Die als Destiny Hope Cyrus geborene Sängerin kommt immerhin aus einem liberalen Haushalt und hat sich für Bernie Sanders engagiert, um nach dessen Niederlage in den Vorwahlen einen von Hillary Clinton inspirierten Song zu schreiben. Sie hat zwischendurch auf Getto gemacht und auf Hip-Hop gesetzt. Jetzt ertönen auf einmal Telecaster-Gitarren und Polka-Basslines auf ihrer Platte. Im "Malibu"-Video bedient sie lauter Klischees, die vermutlich auch einen Landburschen aus dem Mittleren Westen zum Schmachten bringen: Strandausflug mit Luftballons, Wind, der durch Felder weht. Ihre Shorts sind immer noch sehr kurz, aber sie sind schneeweiß. Bodenständigkeit und Mädchenhaftigkeit als Programm. Und das, ohne dabei ihre politischen Positionen aufzugeben, die für amerikanische Verhältnisse noch immer links sind.

Das ist interessant auch im Kontrast zu Taylor Swift, weil die genauso aus dem Countrymilieu kommt - aber eben aus dem konservativen. Weshalb sie bis heute sogar für einen rechten Ideologen wie Stephen Bannon als Projektionsfläche taugt. Swifts Musik ist der aufgeblasene, beatlastige Elektronik-Powerpop, der in den vergangenen Jahren die meisten Mainstream-Alben geprägt hat. Miley Cyrus greift bewusst ältere Traditionen auf. Neben dem reaktionären Country gibt es schließlich auch die linke Americana-Tradition, die Working-Class-Songwriter wie Woody Guthrie prägten und sich heute vielleicht bei Jack White fortsetzt; sie steht für eine Politik, die noch davon ausging, dass man für entrechtete Schwarze und sich totschuftende weiße Industriearbeiter gleichermaßen eintreten kann. Es waren Musiker wie Pete Seeger oder Woody Guthrie, die sich um das volksmusikalische Erbe bemühten, und zwar über soziale und ethnische Grenzen hinweg.

Mit dieser Protestgeschichte hat Miley Cyrus wenig zu tun - aber viel mit dem Glauben an die einigende Kraft dieser traditionellen Musik. Es liegt nahe, in ihrem jüngsten, auf den ersten Blick verstörend rückschrittlichen Imagewechsel ein Angebot für alle zu sehen, sich für einen Moment in eine heile Welt zu träumen. Er ist sozusagen das Gegenprogramm zum kämpferischen Protest.

Natürlich ruft er auch Cyrus' Kritiker auf den Plan. Es sind dieselben, die ihr schon in ihrer wilden Phase zürnten: damals, weil sie als weiße Frau Braids trug, Afrozöpfchen. Jetzt, weil sie keine Braids mehr trägt. Es ist extrem, wie sehr Cyrus' Moves schon während ihrer wilden Jahre auf der moralischen Ebene diskutiert wurden. Man hat sich an diese Debatten so gewöhnt, dass sie einem gar nicht mehr weiter auffallen, aber eigentlich ist es doch merkwürdig: Früher haben die Spießer in solchen Fällen die Moraldebatten geführt. Heute tun es die, die sich für progressiv halten. Aber "Younger Now" ist mehr als ein Kniefall vor den Anforderungen des Marktes, den sie bedienen will - beziehungsweise verdammt ist zu bedienen.

Schon auf ihrem letzten Album verwahrte sie sich dagegen: Alle Tracks auf "Miley Cyrus & Her Dead Petz" gehen aus der Form, verfransen sich, plätschern fast schon impertinent vor sich hin. Blecherne Psychedelic. Das ganze Album war derart unaufgeräumt und durchgeknallt, dass man es lieben musste, ob man wollte oder nicht. Schließlich wurde es ohne Unterstützung ihrer Plattenfirma kostenlos online gestellt. Das Video zu ihrer jüngsten Single "Younger Now" ist immer noch ziemlich verstrahlt - und in Zeiten von Politgejammer allerorten irgendwie befreiend. Der zügellose, schamlos kitschige visuelle Überschuss, den sie da produziert, vermittelt vor allem: Freude. Miley Cyrus setzt ästhetisch auf Regression, aber ihre Überzeugungen bleiben, und pansexuell - allen Geschlechtsidentitäten zugeneigt - ist sie immer noch. Zumindest für ein paar Tage.

Ihrem Vater sei es egal, ob sie ihre Brüste zeige, Hauptsache, sie bleibe ein guter Mensch, sagte sie vor zwei Jahren Jimmy Kimmel in dessen Talkshow. Wie man das auch finden möchte: Am 23. November 2017 wird Miley Cyrus 25 Jahre alt, und zumindest fürs Erste versucht sie es nun als guter Mensch, der sein Shirt anbehält.



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