AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Militärhistoriker über Bundeswehrsoldaten "Die sollen kämpfen und töten können"

Ursula von der Leyen versucht, die Spuren der Wehrmacht in der Bundeswehr zu tilgen. Militärhistoriker Neitzel nennt das "historischen Exorzismus" - und fordert eine Rückbesinnung auf militärische Werte.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan
Sascha Schürmann / dapd

Bundeswehrsoldat in Afghanistan

Von und


Werner Schüring / DER SPIEGEL

Sönke Neitzel, 49, lehrt Militärgeschichte an der Universität Potsdam. Für die Bestseller "Abgehört" und "Soldaten" wertete der Historiker Abhörprotokolle der Alliierten aus, die deutsche Gefangene belauscht hatten.

SPIEGEL: Herr Professor Neitzel, seit 53 Jahren gibt es in Rotenburg an der Wümme die Lent-Kaserne, benannt nach dem Piloten Helmut Lent. Nun soll die Kaserne umbenannt werden, weil Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen findet, dass ein Wehrmachtheld nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr sein könne. Was ist Ihre Meinung als Militärhistoriker dazu?

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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Neitzel: Lent erzielte 110 Abschüsse, er war einer der erfolgreichsten deutschen Nachtjäger und wurde von der Propaganda entsprechend gefeiert. Aber soweit wir wissen, war er kein Nazi. Nun kann man sagen, dieser Mann hat für ein System gekämpft, über dessen Charakter wir uns alle einig sind. Oder aber man schaut sich an, wie er sein Geschwader geführt hat, wie er selber geflogen ist, und kommt dann zu dem Schluss, dass er als Flieger und Truppenführer ein Vorbild war. Ich würde die Soldaten in der Lent-Kaserne fragen.

SPIEGEL: Die Tradition der Bundeswehr ist eine politische Frage, über die können nicht Soldaten entscheiden.

Neitzel: Selbstverständlich gilt das Primat der Politik. Aber was spricht dagegen, auf die Soldaten zu hören? Das gilt zumal bei einer Debatte, die von der Ministerin und anderen gerade ziemlich kenntnisfrei geführt wird.

SPIEGEL: Was werfen Sie Ursula von der Leyen vor?

Neitzel: Historischen Exorzismus. Da fliegt ein mutmaßlicher Rechtsterrorist auf, und aus Angst um ihr Amt bricht sie eine Traditionsdiskussion vom Zaun. Wenn man die Liste mit den 400 Objekten sieht, die als vermeintliche Nazidevotionalien konfisziert wurden, greift man sich an den Kopf. Da ist sogar ein Modellbaupanzer von Revell dabei. Das ist doch albern. Wir sind eine aufgeklärte Gesellschaft, in der Bundeswehr dienen fast ausnahmslos aufgeklärte Bürger. Die Wehrmacht spielt in der Tradition der Bundeswehr heute eine viel kleinere Rolle als noch in den Neunzigerjahren. Aber manche tun so, als ob wir noch immer mit einem Bein im "Dritten Reich" stehen.

SPIEGEL: Die Ministerin hat entschieden, unter den Angehörigen der Wehrmacht nur noch Widerstandskämpfer zu ehren.

Neitzel: Das finde ich unehrlich. Die führenden Köpfe unter den Attentätern vom 20. Juli 1944 wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Henning von Tresckow waren in erster Linie Militärs. Wenn wir jetzt nur ein Segment ihrer Persönlichkeit herausnehmen, also den Akt des Widerstands, werden wir ihnen nicht gerecht. Das passt auch nicht zur Bundeswehr. Diese ist eine militärische Organisation und nicht eine Außenstelle der Bundeszentrale für politische Bildung.

SPIEGEL: Was ist an dem Bezug auf Leute wie Stauffenberg und Tresckow unehrlich?

Neitzel: Jemand wie Tresckow hat im "Dritten Reich" eben auch eine militärische Karriere absolviert. Das kann man doch nicht ausblenden.

SPIEGEL: Ist ihm da etwas vorzuwerfen?

Neitzel: Tresckow war ein herausragender Generalstabsoffizier. Freilich zählte er zur Heeresgruppe Mitte, die unendlich viele Kriegsverbrechen begangen hat. Es ist unklar, welche Rolle er genau bei der Partisanenbekämpfung in Weißrussland spielte. Und er hat Berichte der Einsatzgruppen über Erschießungen von Juden im Juli '41 abgezeichnet. Heißt das, Tresckow akzeptierte das Morden? Oder hat er es nur zur Kenntnis genommen? Wir wissen es nicht.

SPIEGEL: Ist er trotz solcher Restzweifel traditionswürdig?

Neitzel: Meines Erachtens ja. Wir sollten nur nicht versuchen, die Lebensgeschichte von Menschen glattzubügeln. Menschen sind als Vorbilder immer kantig. Und wenn die Tradition der Bundeswehr nicht erst 1986 beginnen soll - da trat der erste Generalinspekteur ohne Weltkriegserfahrung an -, müssen wir die Gebrochenheit in den Lebensläufen akzeptieren. Man kann auch in einem totalen Krieg für ein verbrecherisches Regime vorbildlich handeln - im Sinne des Widerstands wie Tresckow, aber auch als Militär, etwa in der Menschenführung oder als erfolgreicher Soldat wie Lent.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Gründergeneration der Bundeswehr? Auch die Männer der ersten Stunde haben ausnahmslos in der Wehrmacht gedient.

Neitzel im Gespräch mit den Redakteuren Jan Fleischhauer und Klaus Wiegrefe
Werner Schüring / DER SPIEGEL

Neitzel im Gespräch mit den Redakteuren Jan Fleischhauer und Klaus Wiegrefe

Neitzel: Wenn man 1945 als Stunde null verstehen würde, dann wäre jemand wie Ulrich de Maizière, Vater des jetzigen Bundesinnenministers und ab 1966 Generalinspekteur der Bundeswehr, der perfekte Soldat. Ein Bildungsbürger mit Vorliebe für klassische Musik, der entscheidend an der Gründung der Bundeswehruniversitäten mitwirkte und als Kommandeur half, die sogenannte Innere Führung zu verankern.

SPIEGEL: Und vor 1945?

Neitzel: Generalstabsoffizier an der Ostfront. Soweit wir wissen, hat er selbst keine Kriegsverbrechen zu verantworten. Aber er war auch am Unternehmen "Zigeunerbaron" beteiligt, einer Militäraktion gegen Partisanen mit über 1500 Toten, darunter wohl auch unschuldige Zivilisten. Man kann bei ihm wunderbar beobachten, dass er den entscheidenden Schritt zu einer realitätsgerechten Beurteilung der Wehrmacht nicht gehen konnte.

SPIEGEL: Weil er meinte, die Wehrmacht sei anständig geblieben?

Neitzel: So hätte de Maizière es nicht formuliert. Aber dass die Truppe von den Nazis missbraucht worden sei, das war bis zum Schluss seine Überzeugung. Heute wissen wir, dass die Wehrmacht, trotz aller Unterschiede zur SS, selbst eine kriminelle Organisation war. Keiner ging aus dem Zweiten Weltkrieg weiß hervor. Es geht um Grautöne: Bei de Maizière ist es ein helles Grau, bei anderen ein dunkles Grau. Und wir sollten diese Grautöne zulassen.

SPIEGEL: Wo ist die Grenze, wann darf der Name nicht mehr an einer Kaserne stehen?

Neitzel: Wenn Tresckow einen verbrecherischen Befehl gegeben hätte, hätte ich ein Problem mit seiner Traditionswürdigkeit. Auch Soldaten, die ideologisch überzeugt hinter dem NS-System standen, können kein Vorbild sein.

SPIEGEL: Was ist mit dem Rassismus Stauffenbergs?

Neitzel: Sie meinen die Briefe an seine Frau aus dem besetzten Polen, in denen er sich über den "unglaublichen Pöbel" und die "vielen Juden" mokiert. "Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt." Das verstört, klar. Aber wir müssen die Leute aus der Zeit heraus verstehen. Den Franzosenhass beim preußischen Heeresreformer Gneisenau finden wir auch nicht mehr gut. Dennoch ist Gneisenau ein leuchtendes Vorbild in der Bundeswehr.

SPIEGEL: Zwischen dem Franzosenhass des frühen 19. Jahrhunderts und dem Antisemitismus im "Dritten Reich" sehen wir noch einen Unterschied.

Neitzel: Die Frage ist: Was ist typisch für eine Person? Der eliminatorische Antisemitismus des "Dritten Reiches" ist es bei Stauffenberg gewiss nicht.

SPIEGEL: Eine Aufnahme von Helmut Schmidt in Wehrmachtuniform an der Hamburger Bundeswehruniversität wurde abgenommen. Nun hängt sie wieder, mit der Unterzeile: "Helmut Schmidt, ehemaliger Verteidigungsminister, fiel bereits als junger Reserveoffizier durch kritische Bemerkungen zur NS-Führung auf."

Neitzel: Das ist typisch für unser Geschichtsverständnis. Wir Deutschen mögen es gerne schwarz-weiß. Aus seiner Personalakte tritt mir Schmidt freilich als ein intrinsisch motivierter Soldat gegenüber. Er wollte an die Front, er wollte kämpfen. Gleichzeitig stand er dem Regime tendenziell reserviert gegenüber. Diese beiden Ebenen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Deshalb finde ich das Foto so interessant. Die Beschriftung ist überflüssig. Das Bild hängt schließlich in einer Universität. Offenbar glaubt man, die Studenten seien zu dumm, das selbst einzuordnen.

SPIEGEL: Tun wir Deutschen uns mit der Debatte auch deshalb so schwer, weil wir im Grunde alles Militärische ablehnen?

Neitzel: Es gibt hier in Berlin irgendwie einen Konsens zwischen Politikern, Journalisten und der Bundeswehrführung, wonach die Bundeswehr möglichst zivil auftreten soll. Alle sind sich einig, wie wichtig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, man freut sich über Arbeitszeitkontingente und darüber, dass es Uniformen für Schwangere gibt.

SPIEGEL: Was ist dagegen zu sagen?

Neitzel: Im Grundsatz nichts. Aber die Bundeswehr ist auch ein Instrument des Kampfes. Reden Sie mal mit Panzergrenadieren oder Fallschirmjägern. Die laufen nicht mit Schaumgummibällen durch die Gegend, die sollen kämpfen und töten können, und zwar weil die Bundesrepublik das von ihnen verlangt. Im Gegenzug muss ich akzeptieren, dass diese Leute, alles Freiwillige, über ein bestimmtes Ethos verfügen. Die sagen nicht: Es ist schrecklich, dass ich Scharfschütze bin. Die wollen ihr Metier beherrschen - so wie Sie gute Journalisten sein wollen und ich ein ordentlicher Historiker sein will. Diesen Leuten kann ich doch nicht lauter nicht kämpfende Vorbilder anbieten.

SPIEGEL: Ist dem denn so?

Neitzel: Die Bundeswehr hat im Augenblick drei Traditionslinien: die preußischen Reformer, den Widerstand und die eigene Geschichte. Da kommt der Kampf nicht vor. Die preußischen Reformer werden ja nicht für den Krieg gegen Napoleon geehrt, sondern für ihre Reformen. Die Widerständler für ihre Handlungen gegen Hitler. Und die Bundeswehr hat vor Afghanistan nie gekämpft.

SPIEGEL: Man kann sich auch fragen: Wozu brauchen Soldaten überhaupt Traditionen?

Neitzel: Der Zusammenhalt und die Identität einer Einheit sind mitentscheidend für den militärischen Erfolg. Bei der Frage, wie sich beides erzeugen lässt, spielt Tradition eine wichtige Rolle. Wir wissen aus Studien der Bundeswehr über den Falklandkrieg 1982, dass sich besonders jene Einheiten in schwierigen Situationen bewährt haben, die wie die britischen Fallschirmjäger oder die Royal Marines über eine besondere Kohäsion verfügten - und dazu gehörte ein entsprechendes Traditionsbild.

SPIEGEL: Uns fällt es schwer zu glauben, dass eine Bundeswehreinheit erfolgreicher gegen den sogenannten Islamischen Staat kämpfen würde, weil ihre Kaserne etwa nach einem Wehrmachtheroen benannt ist.

Neitzel: Tradition ist immer eine Auswahl, bei der ich mir vom Wühltisch der Geschichte die Teile nehme, die mir nützlich erscheinen. Wir Deutschen suchen uns Traditionselemente, die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprechen. Das ist politisch verständlich und richtig. Doch wenn ich das genau nehme, bleiben dann nicht einmal die preußischen Reformer übrig. In anderen Ländern ist das anders. Die Army Doctrine der Briten etwa behauptet, dass sich die Werte britischer Soldaten seit Wellington nicht verändert hätten: Tapferkeit, Ritterlichkeit, auch Humor, das alles gilt angeblich bis heute. Und oft geht es auch um handwerkliche Fähigkeiten, die wir eher ausblenden.

SPIEGEL: Über Kriegsverbrechen sieht man hinweg?

Neitzel: Ja. Übrigens nicht nur bei den Briten. Sie haben selbst darüber berichtet, dass gerade die US-Fallschirmjäger 1944 in der Normandie sehr rustikal gekämpft haben, um es freundlich auszudrücken. Keiner in den USA käme auf die Idee, die entsprechenden Divisionen aus dem Traditionsgedenken zu entfernen.

SPIEGEL: Über welche Tugenden verfügte die Wehrmacht denn, auf die zu besinnen sich lohnen könnte?

Neitzel: Im Handwerklichen gibt es eine große Übereinstimmung mit dem, was auch die Bundeswehr von ihren Kampftruppen verlangt: Die Initiative, siegen zu wollen, Vorwärtsdrang, Pflichttreue, das sind alles militärische Eigenschaften, die unverändert Gültigkeit haben. Diese ganze Traditionskiste ist - ich überspitze - ja ohnehin nur ein Problem der Kampftruppen. Vor allem bei Truppenteilen wie der Panzertruppe oder den Fallschirmjägern, die in den Dreißigerjahren entstanden sind. Wenn die Gefechte üben, landen sie immer wieder bei den Taktiken der Wehrmacht.

SPIEGEL: War deren Leistung denn so eindrucksvoll?

Neitzel: Ja und nein. Gewiss war die Wehrmacht auf taktischer Ebene oft sehr geschickt, improvisierte schnell, entwickelte neue Kampfverfahren. Andererseits lief seit Februar 1943 jede Angriffsoperation im Westen und Süden gegen die Amerikaner schief, obwohl die US-Einheiten teilweise noch grün waren. Gegen die Rote Armee wiederum wurden Erfolge oft mit riesigen Verlusten erkauft.

SPIEGEL: Relativieren Sie damit nicht die besondere verbrecherische Kriegführung der Deutschen im "Dritten Reich"?

Neitzel: Nicht, wenn wir Dinge klar benennen. Heute wissen wir, dass die Wehrmacht ihre Spielräume fast immer in Richtung Gewalt genutzt hat. Es gibt in jedem Krieg Entscheidungsmöglichkeiten, und die deutsche Armee hat damals in vielen, vielen Situationen die gewalttätigste Lösung gewählt. Das darf uns aber nicht den Blick darauf verstellen, dass die Wehrmacht als "fighting organisation" eben auch erfolgreich war.

SPIEGEL: Wie gut kämpft denn die Bundeswehr?

Neitzel: Die Soldaten haben in Afghanistan gezeigt, dass sie gut vorbereitet waren, dass sie die entsprechenden Waffen besitzen und damit umgehen können. Es gab ja mal diesen Vorwurf, die Deutschen müssten das Kämpfen lernen. Inzwischen sagt das niemand mehr. Eine andere Frage ist, ob Kämpfen in Afghanistan überhaupt das Richtige war. Der ursprüngliche Ansatz sah vor zu unterstützen, bis eine afghanische Zentralregierung die Kontrolle übernimmt. Im Nachhinein erscheint dieser Ansatz reichlich naiv.

SPIEGEL: Wieso wählt die Bundeswehr Traditionsbestände nicht aus dem Afghanistaneinsatz?

Neitzel: Genau das geschieht jetzt immer mehr. Bei den Fallschirmjägern war noch in den Neunzigerjahren der Zweite Weltkrieg der wesentliche Bezugspunkt. Die Landung auf Kreta wurde geradezu hymnisch verehrt. Mit den Einsätzen in Afghanistan gibt es nun eine eigene Tradition, auf die man sich besinnen kann. Das Karfreitagsgefecht 2010 oder die Operation Halmazag - die erste deutsche Offensive seit 1945 -, das sind nun die Wegmarken, an die man sich erinnert. Soldaten, die dabei waren, sagen mir, von dem Tag an, da wir unsere eigenen Gefallenen hatten, war die Wehrmacht weg.

SPIEGEL: Herr Professor Neitzel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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