AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Ärger unter Reichen Streiten zwei Milliardäre um ein Boot

Die Milliardäre Otto Happel und Hans Georg Näder liefern sich eine erbitterte Seeschlacht vor Gericht. Es geht um einen Zweimaster - und ums Prinzip.

Happel-Jacht "Hetairos"
Mats Sandström

Happel-Jacht "Hetairos"

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Kleine Kinder und reiche Männer haben eines gemeinsam: Um ihr Spielzeug können beide trefflich streiten. Was den einen ihr Sandförmchen, ist den anderen ihre Superjacht: größer, besser, toller - bätsch. So weit, so normal.

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Heft 29/2017
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Doch was die beiden Milliardäre Otto Happel und Hans Georg Näder derzeit miteinander austragen, geht über das übliche Maß erwachsener Kindereien weit hinaus. Aus dem Ärger um eine Segeljacht haben die beiden Wirtschaftsbosse eine juristische Fehde gemacht: Es geht um den Vorwurf versuchter Erpressung, um viel Geld und noch mehr Ego.

Dabei ist der Anlass des hässlichen Streits ein echtes Schmuckstück: die Megajacht "Hetairos", 67 Meter lang, rund 60 Millionen Euro teuer. Der Industrieunternehmer und Milliardär Happel, geschätztes Vermögen: gut drei Milliarden Schweizer Franken, hatte die Segeljacht 2006 bei der finnischen Werft Baltic Yachts bestellt.

Der klassisch anmutende Zweimaster ist unter Deck ein edles Wohnschiff: Kirschholzmöbel, Walnussholzböden, gediegene Sofas. Doch Happel, selbst Ingenieur und ehrgeiziger Regatta-Segler, ließ sich vor allem ein technisches Meisterstück bauen: den größten je gefertigten Zweimaster aus Carbon, einen Regatta-Racer der Superlative. Aber viel Freude hat Happel, 69, an seiner "Hetairos" - das griechische Wort bedeutet Gefährte und Freund - bisher nicht gehabt.

2011 kaum ausgeliefert, verbrachte die Luxusjacht wegen Ausfällen und Reparaturen allein in den ersten zwei Jahren gut 500 Tage in der Werft. Für den Perfektionisten Happel, der sich ein Pensionärsleben zwischen Karibikregatten und Mittelmeerurlauben erträumt hatte, ein Desaster.

Happel
picture alliance

Happel

Die Frage, wer für die Mängel verantwortlich ist, hat inzwischen einen Streitwert von 30 Millionen Euro erreicht. Und seitdem Baltic 2013 an den deutschen Unternehmer und Milliardär Hans Georg Näder verkauft wurde, ist die Auseinandersetzung gänzlich aus dem Ruder gelaufen.

Happel und Näder könnten ihren Ärger leicht mit ein paar Millionen aus der Portokasse beilegen, doch um Geld allein geht es längst nicht mehr.

Näder, ein extrovertierter Lebemann mit Freude an wehenden Seidenschals, ist Chef und Inhaber des weltgrößten Prothesenherstellers Otto Bock. Vor vier Jahren hatte er über seine Familienholding 80 Prozent an der Baltic-Werft gekauft - eine Liebhaberei, die eher notdürftig mit etwas Konzernlogik ummäntelt wurde: Prothesen und Schiffe, in beidem steckt schließlich Carbon.

Näder, seit den Neunzigerjahren treuer Baltic-Kunde, rettete die Werft vor der Pleite - und sicherte damit auch den Bau seiner eigenen neuen Jacht, "Pink Gin VI", 54 Meter lang. Ein regattafähiges Penthouse und natürlich auch ein Superlativ: der größte je gebaute Einmaster aus Carbon. Vor zwei Wochen wurde das Schiff mit viel Tamtam in Finnland übergeben.

Baltic ist der Rolls-Royce unter den Bootswerften. SAP-Gründer Hasso Plattner und andere Promis lassen hier fertigen. Unter 25 Meter Länge gibt es bei Baltic nichts zu kaufen. Doch Geld verdiente die Werft mit ihren Luxusjachten in den vergangenen Jahren kaum noch. Und in Schieflage geriet sie ausgerechnet über das anspruchsvolle "Hetairos"-Projekt.

Happels Jacht war für die finnischen Bootsbauer von Anfang an Neuland, ein technisches und ökonomisches Wagnis. Das Schiff sollte schneller sein als jedes andere seiner Art und Größe, die oberste Priorität hieß: Gewicht einsparen, wo es geht. Deshalb baute Baltic auf der "Hetairos" auch keinen normalen Schiffsdiesel ein, sondern vier leichtere VW-Motoren. Ein Novum, aber die Werft versicherte, die "Hetairos" werde funktionieren - und Happels Bauaufseher waren einverstanden. Das System sollte auch Elektronik und Hydraulik antreiben, ohne die sich bei der "Hetairos" mit der Segelfläche einer "Gorch Fock" kein Segel mehr setzen und keine Wende fahren lässt.

Doch schon nach den ersten Fahrten erwies sich das System als zickenhaft. Immer wieder kam es zu Blackouts, die laut Happel Crew und Schiff in Gefahr brachten. Immer wieder besserte die Werft nach, doch die Macken blieben. Die ständigen Reparaturen setzten der Werft finanziell so zu, dass sie dringend frisches Geld brauchte, um eine Insolvenz abzuwenden. Näder wusste, dass Baltic unter der "Hetairos" finanziell ächzte, als er im März 2013 einstieg.

Wenige Monate danach knirschte es: Happel forderte, dass Baltic das Antriebssystem komplett austauscht. Die Werft lehnte ab: Happels Wünsche gingen über die vertraglichen Garantien weit hinaus.

Aber Happel wollte - was bei 60 Millionen Euro nicht erstaunt - endlich ein funktionierendes Schiff. Und die happelsche Willenskraft ist groß. In der deutschen Industrie gilt der Unternehmer, dessen Familie mit der GEA, später Metallgesellschaft, ein Vermögen machte, als harter Hund. Einer, der sich durchbeißt, bis er hat, was er will. Zu spüren bekam das etwa Kajo Neukirchen, Chef der Metallgesellschaft. 2003 musste er nach einem beispiellosen Kampf mit dem Großaktionär Happel gehen.

Im Streit mit Baltic hatte Happel im Oktober 2013 genug. Über seine Anwälte beendete er die Zusammenarbeit und ließ die "Hetairos" bei der niederländischen Werft Vitters grundsanieren. Die Kosten von rund 23 Millionen Euro verlangte Happel von Baltic zurück. Inklusive Anwaltskosten und Zinsen summieren sich seine Forderungen auf rund 30 Millionen.

Weil Baltic sich weigerte zu zahlen, reichte Happel im Februar 2014 Klage bei einem maritimen Schiedsgericht in Hamburg ein, das den Fall nun entscheiden muss. Seither fliegen Gutachter und Anwälte zwischen Mexiko, Kalifornien und den Niederlanden hin und her, um der segelnden "Hetairos" oder ausgebauten Motorteilen hinterherzujetten. Die Beweisaufnahme zieht sich, vor Jahresende ist mit einer Entscheidung nicht zu rechnen. Für Happel stellt sich die Sache so dar: Unter dem Eigentümer Näder versuche Baltic, einen lästigen Kunden mit seinen Forderungen abtropfen zu lassen, während die Werft in Ruhe Näders Superjacht baue.

Näder
Christoph Neumann

Näder

Näder und Baltic weisen das zurück, und so einfach dürfte es kaum sein. Doch Happel hält ein durchaus brisantes Schriftstück in Händen: eine E-Mail aus dem Juli 2012, verfasst vom damaligen Chef der Baltic-Werft Harald Finne, versehen mit dem Hinweis "privat und vertraulich". Das eingebaute Antriebssystem sei ein "Desaster. Es hätte niemals installiert werden dürfen", schreibt Finne. Der Versuch, das Gewicht der Jacht zu reduzieren, sei zu weit gegangen, niemand bei Baltic habe die Stärke und die Kompetenz gehabt, "Nein zu sagen". Die "Hetairos" habe die Werft an den Rand des Ruins gebracht. Wenn nicht frisches Geld komme, sei "die Baltic-Story zu Ende".

Die E-Mail, argumentiert Baltic, habe Finne als Privatmann geschrieben. Ein Schuldeingeständnis der Werft sei sie nicht, denn Finne habe mit dem "Desaster" die gemeinsame Entscheidung von Happel und Baltic für das Antriebssystem gemeint. Im Übrigen sei Happel mit der "Hetairos" immer wieder erfolgreich Regatten gesegelt, so schlimm, wie von ihm dargestellt, könnten die angeblichen Mängel also nicht sein. Happels Leute hätten jeden Bauabschnitt abgesegnet. Und womöglich sei ja auch die Crew nicht kompetent genug gewesen, die Elektronik richtig zu bedienen.

Einen letzten Einigungsversuch der beiden Milliardäre gab es Ende Oktober 2016. Da trafen sich Happel und Näder auf Initiative des Schiedsgerichts zum vertraulichen Gespräch an Bord der "Hetairos" in San Diego. Die beiden zogen sich in ein Separee zurück, doch statt mit einem versöhnlichen Handschlag unter Männern endete das Gespräch im Fiasko.

Happels Erinnerung an das Gespräch findet sich schriftlich in den Akten. Danach habe Näder angeboten, 2,5 Millionen bis 3,5 Millionen Euro zu zahlen, um das Verfahren zu beenden. Sollte Happel versuchen, eine höhere Summe rechtlich geltend zu machen, werde er, Näder, nicht zögern, "Baltic an die Wand zu fahren". Die Werft verfüge nur über 500.000 Euro Eigenkapital, und weder die Otto Bock Holding noch Näder seien bereit nachzuschießen.

Was Näder gesagt, was Happel gehört oder überhört haben mag, lässt sich mangels Zeugen nicht prüfen. Weder Näder noch Happel wollen sich äußern. Doch Happel empfand die Offerte offenbar als persönlichen Angriff - und schaltete auf Gegenangriff.

Er engagierte den Münchner Anwalt Peter Gauweiler, ein Schlachtross seines Gewerbes. Gauweiler hat schon Leo Kirch gegen die Deutsche Bank vertreten. Er weiß, wie man Kanonenrohre in Stellung bringt. Und tut das auch gern.

Beim Landgericht Göttingen reichte Gauweiler im April eine Feststellungsklage gegen Näder und die Otto Bock Holding ein: Mit der "rechtswidrigen Drohung", Baltic an die Wand zu fahren, habe Näder versucht, Happel zu einem unlauteren Vergleich zu drängen.

Und: Weil Näder in den Geschäftsberichten des Konzerns die prekäre Lage der Werft, mit der er Happel unter Druck gesetzt habe, verschweige, hat Gauweiler die Sache beim Bundesamt für Justiz zur Kenntnis gebracht. Das wiederum hat die Göttinger Staatsanwaltschaft eingeschaltet: §331 HGB, die unrichtige Darstellung im Geschäftsbericht ist potenziell strafbar.

Auf Näders Seite betrachtet man das juristische Trommelfeuer entspannt, aber durchaus genervt. Dass das Schiedsgericht Happel 30 Millionen Euro zuspricht, hält man hier für sehr unwahrscheinlich, Rückstellungen in den Bilanzen habe man aber gebildet, wenn auch in geringerer Höhe.

"Baltic ist absolut zuversichtlich, dass die Schiedsrichter extrem kompetent sind und gute Arbeit leisten", sagt Näder. Er wünsche Happel "von ganzem Herzen, dass er diese wunderbare Jacht genießt und endlich seinen Seelenfrieden mit den braven Bootsbauern aus Finnland findet, die jahrelang Tag für Tag dieses Masterpiece im Jachtbau geschaffen haben".

Als Friedensangebot wird Happel das wohl kaum verstehen.



insgesamt 8 Beiträge
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Alexx Jacobson 16.07.2017
1. Kinderei?
Also wenn ich 60 Millionen für ein Boot ausgegeben hätte, das 500 Tage nach Auslieferung in der Werft liegt und dann immer noch nicht funktioniert während die Werft auf stur schaltet, würde ich doch auch versuchen mich juristisch zu wehren. Warum der Spiegel das unter "Kindereien" laufen lässt, die über den angeblich so üblichen Streit um "Sandförmchen" hinausgeht erschließt sich mir nicht. Da musste der Autor wohl einiges an Frust von der Seele schreiben, von diesen Problemen verschont worden zu sein.
redneck 16.07.2017
2.
Ein extrem elegantes und schnelles Boot. Parkte vor ein paar Jahren vor Maui. Im Leben eines Seglers gibt's 2 Tage die Freude bereiten. Der Tag an dem du das Boot kaufst und der Tag an dem dus verkaufst.
w.diverso 16.07.2017
3. Charakterlich sehr schön finde ich,
dass Herr Näder so locker die Baltic Yachts in den Konkurs schicken würde. Dabei hat er doch schon beim Kauf gewusst, dass bei der Hetairos noch was kommen könnte. Aber scheinbar ist es ihm nur wichtig, dass er selber sein neues Spielzeug bekommt, und die Mitarbeiter dort sind für ihn eher nur Nebensache. Er wird das möglicherweise auch bei seinen anderen Firmen so sehen. Scheinbar hat er nicht damit gerechnet, dass Herr Happen nicht so springt wenn er es sagt, so wie er es von seinen leitenden Angestellten gewöhnt ist. Also warten wir mal den Prozess ab.
Newspeak 16.07.2017
4. ...
Mit Geld kann man sich eben nicht alles kaufen. Anstand z.B.
ctwalt 16.07.2017
5. Amüsant
Da bestellt der milliardenschwere Ingenieur (Schiffsbau?) bei einer der renommiertesten Werften eine Leichtbau Carbonyacht und jeder in der Grschäftsführung nickt sämtliche noch so fragwürdigen Kundenwünsche ab. Am Ende bleiben nur verbrannte Erde, Streit, horrende Anwaltsrechnungen und ein offensichtlich fehlkonstruiertes Boot. BRAVO !
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